Tief in Bayern: Winterkartoffelknödel

Die Provinzialisierung der deutschen Krimi-Landschaft schreitet rasant voran – der Tatort vom letzten Sonntag war ja der erste Franken-Fall. Und ich muss sagen, dass ich den gar nicht so schlecht fand. Zumindest teilweise. Also die Figur der sozial engagierten Hauptkommissarin Paula Ringelhahn aus Ossi-Land – gespielt von Dagmar Manzel, die ich sehr mag, hat mir von der Idee her gut gefallen. Und Fabian Hinrichs als Fischkopp Felix Voss als rationaler Gegenpart genauso. Aber über diesen Tatort ist schon so viel gutes und schlechtes geschrieben worden – ich werde mir den nächsten Fall der beiden auf jeden Fall ansehen, das heißt schon was, denn der Durchschnittstatort von heute ist leider inzwischen so schlecht, dass mir die Zeit zu schade ist.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel - Niederkaltenkrichen in seiner ganzen Pracht.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel – Niederkaltenkrichen in seiner ganzen Pracht.

Da kann man auch andere Provinzkrimis kucken. Zum Beispiel den Bayern-Krimi Winterkartoffelknödel. Nachdem die erste Verfilmung eines Romans von Rita Falk, nämlich Dampfnudelblues, überraschend erfolgreich war, wurde eine weitere Geschichte aus dem Leben des strafversetzten Polizeihauptmeisters Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) von Regisseur Ed Herzog in Szene gesetzt. Ed Herzog hat auch schon einige Tatorte und Polizeirufe auf dem Gewissen, unter anderem Die Gurkenkönigin, einen meiner absoluten Lieblingspolizeirufe. Der lohnt sich auch, wenn man nicht auf Spreewaldgurken steht – so ist darin die großartige Susanne Lothar als Gurkenkönigin Luise König in einer ihrer letzten Rollen zu sehen, außerdem gibt die von mir nicht weniger geschätze Sophie Rois als Kriminalhauptkommissarin Tamara Rusch eins ihrer viel zu seltenen Gastspiele in der deutschen Abendunterhaltung.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel - Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel)

Srceenshot: Winterkartoffelknödel – Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel)

Aber zurück nach Bayern. Im verschnarchten Niederkaltenkirchen ist die Hölle los! Nicht, dass dieser Ort, der in beeindruckenden Bildern in seiner ganzen niederschmetternden, typisch deutsch-provinziellen Hässlichkeit gezeigt würde (wofür mindestens ein Courage-Bambi fällig ist!) nicht auch ohne Morde schon die absolute Hölle wäre: Alles ist akkurat und sauber bis zur Depression – man wünscht sich fast, dass wenigstens ein umgekippter Mülleimer oder ein Graffitti diese fantasielose und deshalb erstickende Wohlanständigkeit des Ortes auflockern würden. Aber nein, nur im heimatlichen Stall, in dem Polizeihauptmeister Eberhofer hausen muss, herrscht ein wenig Anarchie – hier wurde länger nicht aufgeräumt, viel getrunken und die Heizung funktioniert auch nicht.

Und der Eberhofer hat einen verzwickten Fall am Hacken, von dem ihm erstmal niemand abnimmt, dass des überhaupt ein Mordfall ist: Nachdem der junge Neuhofer vor seinem eigenen Haus von einem Container schlagen wird, hat Franz das Gefühl, dass das kein Zufall war. Denn kurze Zeit zuvor ist der alte Neuhofer erst an einem elektrischen Schlag gestorben, als er einen neuen Küchenherd installiert hat. Und der alte Neuhofer war Elektromeister, also ein Vollprofi in Sachen Elektrik. Wenig später wird auch noch die Leiche der Mutter gefunden – sie hängt gut sichtbar an einem alten Baum auf einem Hügel.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel - Mercedes Duchamp-Sonleitner (Jeanette Hain)

Srceenshot: Winterkartoffelknödel – Mercedes Duchamp-Sonleitner (Jeanette Hain)

Na klar wird man depressiv, wenn der Mann und der Sohn in kurzer Zeit sterben, sagen die einen. Aber der Franzl ist misstrauisch: „Also bei uns hängen sich die depressiven Leit doch zuhaus auf!“ Und als Hans, der überlebende Sohn, das Haus verkauft und kurze Zeit darauf mit einem Ford Mustang durch die Gegend brettert, sieht er seinen Verdacht so gut wie bestätigt. Blöd nur, dass auch der Hans kurze Zeit später durch Fremdeinwirkung zu Tode kommt.

Aber natürlich ist inzwischen noch viel mehr passiert – die attraktive und offenbar sehr reiche Dame Mercedes Duchamp-Sonleitner (Jeanette Hain) hat Niederkaltenkirchen zu ihrem neues Domizil auserkoren – sie hat angeblich ein respektables Anwesen vor Ort geerbt und macht den männlichen Teil der Bevölkerung kirre. Und ausgerechnet den unerschrockenen Dorfgendarm Franz Eberhofer erwählt sie zu ihrem Liebhaber – keine Frage, das zieht weitere Komplikationen nach sich. Die Susi findet das gar nicht lustig, denn eigentlich ist der Franz doch ihr Freund, irgendwie. Nein, ein Spaß wird das nicht, zumal die Dame eigentlich Alexandra Kleindienst heißt und für eine windige Immobilienfirma arbeitet. Wie auch der angebliche Architekt, der mysteriöserweise auch für die Tankstellenfirma OTM arbeitet, die das Häuschen der Neubergers gekauft hat und gleichzeitig Fahrer bei Snowfrost ist (Bofrost lässt grüßen).

Screenshot Winterkartoffelknödel: Ignatz Flötzinger, Heizungspfuscher (Daniel Christensen)

Screenshot Winterkartoffelknödel: Ignatz Flötzinger, verliebter Heizungspfuscher (Daniel Christensen)

Zum Glück wird Franz von seinem alten Spezi Rudi Birkenberger (Simon Schwarz) unterstützt, der inzwischen Privatdetektiv ist und sich auf nun ja, Familien-Business im weiteren Sinne spezialisiert hat. Simon Schwarz kennt man übrigens als Berti aus dem Brenner-Film Komm süßer Tod. Aber hier muss ich auch gleich wieder relativieren: Die Brenner-Filme sind auf ihre Weise ebenso genial wie die Brenner-Romane – ich liebe den Wolf-Haas-Stil und seinen sehr subtilen Humor. Ich kenne die Roman-Vorlagen zu den Ed-Herzog-Filmen nicht, aber es handelt sich definitiv nicht um subtilen Humor.

Screenshot Winterkartoffelknödel: Der Container

Screenshot Winterkartoffelknödel: Der Container

Dampfnudelblues und Winterknödelkartoffeln sind Filme, die vermutlich auch nur für mit der bayrischen Mundart und Lebensweise vertraute Menschen richtig lustig sind – ich bin als geborene Hessin und lebende Berlinerin auch nur über mein lebhaftes Interesse für andere Sprachen und Kulturen da heran gekommen. Aber mittlerweile kann ich behaupten, dass ich diese Sprache passiv ganz gut beherrsche. Und somit kann ich auch unterscheiden, wenn es um eher dumpfen, aber erfrischend schwarzen Krachhumor geht, wie das bei Winterknödelkartoffeln der Fall ist, oder um etwas Subtileres – wie bei den Brenner-Filmen.

Aber Krachhumor hin oder her – a Mordsgaudi ist es schooo. Darauf noch a Hoabe!
Wenn deutschen Krimi, dann aber richtig!

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