Lost – reif für die Insel

Zu den ganz dicken Brocken in Sachen Serie gehört zweifelsohne die US-Serie Lost. Aber wie so viele Serien, die zuerst im deutschen Privatfernsehen gelaufen sind, habe ich Lost bei der Erstausstrahlung nicht gesehen. Als ernsthafte Serien-Seherin kann ich es einfach nicht ertragen, wenn mir in von unendlich langen Werbeunterbrechungen unterbrochene Mini-Häppchen irgendeiner Handlung serviert werden. Deshalb schaue ich prinzipiell nichts im Privatfernsehen – und auch das Vorabendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen findet ohne mich statt. Abgesehen von Kulturzeit auf 3sat. Über „wichtige“ Fernsehevents wie Dschungelcamp, DSDS oder GNTM wird man ja ohnehin per Google News und so weiter „informiert“, ob es einen nun interessiert oder nicht. Notfalls kann man auch auf dwdl.de nachlesen, ob man irgendwas verpasst hat.

Nun hat aber Netflix seit einiger Zeit Lost im Programm und zwar alle sechs Staffeln. Das ist natürlich ein Anlass für mich gewesen, mal in Lost reinzusehen – und ja, ich konnte nicht mehr aufhören und habe mir inzwischen sämtliche Staffeln bis zum bittersüßen Ende reingezogen. Das ist zwar nicht immer das reine Vergnügen, als Serien-Expertin sehe ich mir das alles schließlich nicht zum Spaß an. Sondern aus rein wissenschaftlichem Interesse. Da kann man dann abends eine zeitlang halt nicht mehr weggehen: Die Pflicht ruft.

Denn wenn viele Menschen meinen, dass es sich bei Lost um eine der besten Serien überhaupt handelt, muss ja schon irgendwas dahinter stecken. Zumal es mit Lostpedia auch ein beeindruckend ein umfangreiches Nachschlagewerk rund um das Lost-Universum gibt.

Lost: Die Hauptmannschaft der ersten Staffel. Bild: Netflix

Lost: Claire mit Aaron, Ana Lucia, Sawyer, Hurley, Michael, John, Sayid, Jack, Kate, Sun, Jin, Charlie, Libby, Shannon, Mr. Eko. Bild: Netflix

Mein Fazit: Bei Lost handelt es sich tatsächlich um ein sehr ambitioniertes Serien-Projekt, das leider nicht immer einlöst, was es verspricht. Aber alles in allem ist das natürlich schon eine gute Serie, auch wenn ich persönlich nicht so auf Mystery-Serien stehe. Einzige Ausnahme: True Blood. Aber das ist ja auch viel mehr Mystery-Satire als Mystery an sich. Lost dagegen hätte es streckenweise ganz gut getan, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen – gerade weil die Macher im Verlauf der Serie immer stärker auf den Mystery-Part gesetzt haben. Das hat mich dann doch etwas genervt.

Zum Anfang der Handlung ist dieser Anteil noch vergleichsweise gering, sonst hätte ich vermutlich aufgegeben, bevor ich mich vom Sog der Handlung habe überwältigen lassen. Aber wenn das erstmal passiert ist, gibt es kein Zurück – es werden dann sehr viele interessante Geschichten erzählt, deren Erzählstränge teils sehr geschickt, zum Teil aber auch etwas unmotiviert miteinander verknüpft sind. Für mich war es auf jeden Fall die Vielseitigkeit, die mich veranlasst hat, mir auch nach ein, zwei schwächeren Folgen dann doch noch die nächste anzusehen, die dann wieder so spannend war, dass ich danach unbedingt weiterkucken musste.

In der ersten Staffel ist Lost tatsächlich vor allem eine Robinsonade, in der die anfangs noch 48 Überlebenden eines Flugzeugabsturzes im südlichen Pazifik ihr weiteres Überleben organisieren müssen, nachdem ihnen langsam dämmert, dass niemand kommen wird, um sie zu retten. Dank der heterogenen Zusammensetzung der Menschen an Bord von Flug Oceanic 815 ist das Ganze vor allem ein gruppendynamisches Experiment der Sonderklasse: Die Leute auf der Insel müssen sich miteinander arrangieren, so unterschiedlich sie auch sind, und ihren Anteil zum Überleben aller beitragen. Das leuchtet natürlich nicht allen ein, und so ergeben sich Konflikte, an denen sich die Figuren abarbeiten müssen – das ist natürlich ein geschicktes Setting für einen Dauerbrenner.

Auf diese Weise kristallisieren sich Helden, Antihelden und Mitläufer heraus, die im Verlauf der Handlung noch die eine oder andere Metamorphose durchlaufen. Zwar ist das alles noch nicht so konsequent auf die Spitze getrieben wie in Breaking Bad, wo sich der anfangs etwas trottelige, aber zweifellos in seinem Fach brillante und ansonsten gutwillige Familienvater Walter White zum skrupellosen Drogen-Boss entwickelt, der gnadenlos auf den eigenen Vorteil optimiert und unliebsame Gegner reihenweise abräumt. Aber es gibt eine ganze Reihe ambivalenter Charaktere, die im Lauf der Handlung eine bemerkenswerte Entwicklung durchmachen. Das war für mich das Interessante an Lost.

Die Figur mit den meisten Auftritten über alle Lost-Folgen ist das freundliche Dickerchen Hugo Reyes (Jorge Garcia), genannt Hurley. Hurley gewann mit Hilfe der mysteriösen Zahlenreihe 4 8 15 16 23 42 114 Millionen US-Dollar in einer Lotterie – eigentlich eine Supersache, von der jeder heimlich träumt. Aber irgendwie ging seit diesem sagenhaften Gewinn auch eine Menge schief in seinem Leben. Hurleys Beitrag ist es, für Entspannung zu sorgen – er ist weder ein Macher, noch ein Könner. Aber er ist einfach ein netter Typ, auf den man sich bei all seinen Schwächen verlassen kann. Als alle dabei sind, vor Anspannung durchzudrehen, weil die Organisation des Überlebens auf einer einsamen Insel eben anstrengend ist, kommt er auf die absurde Idee, mit einer zufällig gefundenen Ausrüstung ein Golf-Turnier zu organisieren. Aber siehe da: Die meisten haben Spaß und entspannen sich wirklich.

Dann gibt es den begnadeten Chirurg Jack Shepard (Matthew Fox), der davon besessen ist, jeden seiner Patienten zu retten. Er wird gleich als Held und Macher eingeführt – es ist für alle Überlebenden ja auch ein großes Glück, dass er an Bord war, denn ohne seine medizinischen Kenntnisse hätten viele die erste Zeit auf der Insel kaum überlebt. Entsprechend wird Jack von den meisten gleich als ihr Anführer akzeptiert. Er ist als Mediziner ja auch ein vernünftiger Mensch, der eine gewisse Autorität ausstrahlt. Das erwarten die Menschen ja schließlich auch von einem guten Arzt: Er soll nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler und Handwerker, sondern auch ein (spiritueller) Heiler sein. Aber die Verhältnisse auf der Insel bringen ihn an seine Grenzen: Auch Jack kann keine Wunder tun. Selbst wenn es alle von ihm erwarten.

Auch der begabte Jäger John Locke (Terry O’Quinn) wird als bald Führungsfigur anerkannt – kaum jemand hat mitbekommen, dass er vor dem Absturz im Rollstuhl saß. John Locke wird anders als Jack nicht als Mann der Wissenschaft, sondern als Mann des Glaubens charakterisiert. John hat seinen Glauben – wobei der nicht ausdrücklich spezifiziert wird: „Sagen Sie mir nicht, was ich nicht tun kann!“ ist sein Mantra. Im Verlauf der Serie stellt sich heraus, dass John tatsächlich ein Medium ist, das auf besondere Weise mit dem Schicksal der Insel verknüpft ist. Aber ist das wirklich der echte John Locke?

Außerdem ist da noch die schöne und willensstarke Kate (Evangeline Lilly), von der eine Zeit lang nicht klar ist, ob sie wirklich eine gesuchte Killerin ist. Sie ist eine Überlebenskünstlerin, was ihr auf der Insel natürlich zugute kommt – aber sie setzt ihre Fähigkeiten auch zugunsten von anderen ein. Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass Kate tatsächliche eine Mörderin ist – aber sie hat ihren fiesen Stiefvater nur umgebracht, um ihre Mutter aus einer schrecklichen Beziehung zu erlösen und der Tod eines Freundes auf der Flucht war ein blöder Unfall. Tatsächlich ist Kate sehr am Wohl ihrer Mitmensch gelegen, auch wenn ihr das nicht immer gedankt wird.

Etwa von der schwangeren Claire (Emilie de Ravin), die eigentlich auf dem Weg war, ihr Kind zur Adoption frei zu geben. Kate hilft Claire auf der Insel bei der Geburt ihres Sohnes Aaron und kümmert sich nach ihrer Rettung um ihn – ja, sie kehrt später in erster Linie wegen Claire und Aaron auf die Insel zurück, damit Mutter und Sohn in einer alternativen Zukunft zusammen sein können. Aber vielleicht hat Kate ihre Vorstellung von einer heilen Familie nur zu sehr idealisiert?

Weiterhin gibt es den heroinsüchtigen britischen Rockstar Charlie Pace (Dominic Monaghan), der eine Schwäche für Claire entwickelt, das eigenartige koreanische Pärchen Jin (Daniel Dae Kim) und Sun (Kim Yoon-Jin) Kwon, die immer für sich bleiben wollen – wobei es anfangs eher der eifersüchtige Jin ist, der für sich bleiben will, und Sun, die heimlich schon Englisch gelernt hat, weil sie Jin verlassen wollte, führt ihn quasi in die Insel-Gemeinschaft ein. Aber als Sohn eines Fischers hat er Fähigkeiten, von denen die anderen profitieren können, während ihm diese Herkunft in Korea zuvor geschadet hat, als er sich in die Tochter eines sehr (einfluss-)reichen Vaters verliebte. Im Verlauf der Serie lernen die beiden sich neu lieben und schätzen, weshalb ihre Geschichte mit dem tragischen Ende dann auch wieder sehr berührend ist.

Natürlich gibt es auch das erklärte Arschloch der Serie, James Ford (Josh Holloway), genannt Sawyer. Der besteht auch in dieser Extremsituation nach dem Absturz noch auf die Regeln des Kapitalismus: Während alle anderen das, was sie in den Trümmern und auch sonst finden, für alle zur Verfügung stellen, damit jeder bekommt, was er oder sie zum Überleben braucht, hortet Sawyer systematisch Dinge, die er als wertvoll erkannt hat, um sich damit später Vorteile zu erkaufen. Er ist auch im wahren Leben ein selbstsüchtiger Betrüger. Allerdings ist sein Hauptantrieb, an dem Mann Rache zu nehmen, der seine Eltern, als er neun Jahre alt war, in den Tod getrieben hat. Aber so rüde und arrogant Saywer auch ist, um Laufe der Zeit erweist er sich immer wieder als hilfreich, wenn es um das Überleben der Gruppe geht, eben weil er erkennt, wo der tatsächliche Vorteil einer Aktion liegt. Außerdem hat er eine Schwäche für Kate.

Deutlich sympathischer ist dagegen der Iraki Sayid Jarrah (Naveen Andrews), auch wenn er, eben weil er als Araber schließlich ein Terrorist sein muss, von der Gruppe auf der Insel erstmal für den Absturz der Maschine verantwortlich gemacht wird – mit dem er tatsächlich überhaupt nichts zu tun hatte. Er ist einer der engagiertesten Leute auf der Insel: Sayid kommt als erster auf die Idee, ein Signalteuer zu entzünden und er versucht mit seinen Kenntnissen als ehemaliger Nachrichtenoffizier, aus den vorgefundenen elektronischen Geräten einen Funkapparat zu basteln. Doch auch Sayid hat eine dunkle Seite: Als Offizier der Republikanischen Garde war er Spezialist für Verhöre – ein begabter Folterknecht also. Allerdings einer, der weiß, dass er dadurch seine Menschlichkeit verloren hat und er leidet darunter. Auf der Insel handelt er immer wieder einfühlsam und selbstlos, auch wenn er aufgrund seiner Kenntnisse und Erfahrungen zu schrecklichen Dingen gezwungen wird.

Die Geschichte von Sayid hat mir über sämtliche Staffeln hinweg am besten gefallen – meiner Ansicht nach ist er die tragischste Figur von allen: Er ist der einzige, der auch in den alternativen Handlungssträngen der späteren Staffeln immer einen reingewürgt bekommt: Er trifft seine geliebte Nadia wieder, die er im Irak um den Preis des eigenen Lebens hat entkommen lassen, heiratet sie – und sie wird ermordet. Er trifft Nadia wieder – als Frau seines Bruders – und muss auf sie verzichten und eine Reihe andere Menschen umbringen. Er wird Profikiller und muss seine Geliebte erschießen. Er wird erschossen, wieder ins Leben geholt und kann nichts mehr fühlen, aber genau das qualifiziert ihn für das, was er tun muss: Ganz am Schluss ist er es, der die anderen rettet, in dem er sich in die Luft sprengt – Sayid ist definitiv ein Held. Aber einer, der keine Chance hatte.

Natürlich führt es zu weit, eine Serie wie Lost in einem einzigen Artikel abzuhandeln, weil sie dazu einfach zu vielschichtig ist. Wer ein Freund von klassischen, opulenten Romanen ist und Freude daran hat, weit verästelten Handlungen zu folgen, wird mit Lost gewiss nicht enttäuscht. Hier gibt es viele, durchaus liebevoll ausgearbeitete Figuren, die alle eine interessante Entwicklung erleben. Eine andere meiner Lieblingsfiguren ist Desmond Hume, der erst in der dritten Staffel auftaucht, dann aber einen entscheidenden Teil der Handlung an sich reißt. Auch Desmond ist letztlich immer am Wohl der andern orientiert, auch wenn er sein eigenes Leben nie so richtig in den Griff kriegt.

Andere Nebenfiguren, die plötzlich total wichtig werden, sind Benjamin Linus (Michael Emerson), Ana Lucia Cortez (Michelle Rodridues), Mr. Eko (Adewale Akinnuoye-Agbaje), Dr Daniel Farraday (Jeremy Davis) oder Dr. Juliet Burke (Elisabeth Mitchell) – und es gib so viele andere! Doch, man kann Lost durchaus Schwächen vorwerfen, aber alles in allem ist das eine starke Serie. Und wer ohnehin ein Netflix-Abo hat, sollte sich Lost ansehen. Lost ist ein Klassiker in Sachen Serie. Und da können sich die aktuellen Netflix-Produktionen die eine oder andere Scheibe abscheiden.

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