Einer nach dem anderen: Spitzenprodukt skurrilen Humors

Im Rahmen der Berlinale lief Anfang Februar der norwegische Film Einer nach dem anderen (Originaltitel Kraftidioten, genial auch der englische Titel In Order of Disappearance) – allerdings hatte ich weder die nötige Energie, noch die Beziehungen, um an eine der begehrten Berlinale-Karten zu kommen. Dafür hatte ich jetzt die Gelegenheit, den Film des Regisseurs Hans Petter Moland anzusehen. Und ja, es handelt sich dabei eines dieser unaufgeregten, aber sehr pointierten skandinavischen Meisterwerke, in denen nicht viel geredet wird, aber am Ende fast alle tot sind.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Mit Stellan Skårsgard und Bruno Ganz.
Foto: Marie-Anne Winter

Man muss diese Art Film schon ausdrücklich mögen, um etwas damit anfangen zu können – „Keine Angst vor weißen Flächen!“ sagte mein Kunstlehrer früher. Und dort, wo Schnee und Eis das Leben den größten Teil des Jahres fest im Griff haben, sind riesige weiße Flächen selbstverständlich. Doch wenn das Auge sich an die weiße Leere gewöhnt hat, fängt es an, die Nuancen wahrzunehmen – denn die Schneelandschaft ist keineswegs tot und leer: Sie lebt, es gibt zackige Bergrücken und weiche Täler, schroffe Grate und sanfte Schneewehen, die Kristalle glitzern in der Sonne, werden verweht, verschwimmen in der Dämmerung, die über unendlich viele Blautöne schließlich zu schwarzer Nacht wird – nur der Schnee leuchtet, knirscht, man kann den Frost riechen, förmlich spüren, wie er in der Nase beißt. Und durch all dieses beeindruckende Schwarz-Weiß-Blau der nordnorwegischen Landschaft fräst sich die Maschine von Nils Dickman (in ewiger Höchstform: Stellan Skårsgard).

Ich fand ja schon Genosse Petersen und Ein Mann von Welt sehr gut, aber mit Einer nach dem anderen hat Hans Petter Moland neue Maßstäbe gesetzt. Der Film ist alles in allen sehr kaurismäkiesk – und ich will damit weder Hans Petter Moland, noch dem zwei Jahre jüngeren, aber international vermutlich doch bekannteren Finnen Aki Kaurismäki zu nahe treten – es ist jeweils als dickes Lob gemeint.

In den skurril-lakonischen Filmen von Aki Kaurismäki spielen gesellschaftliche Außenseiter eine Hauptrolle – und das ist in auch bei Moland so. Nur dass Molands Außenseiter keine schrägen Randfiguren, sondern meistens gute Bürger sind, die formal total in die Gesellschaft integriert sind. Ob das nun der Gymnasiallehrer Petersen ist, der eine Schwäche für den Kommunismus hat (Genosse Petersen), oder der Mörder Ulrik (Ein Mann von Welt) , der sich nach einer langen Zeit im Gefängnis wieder in die norwegische Gesellschaft integrieren will bzw. muss. Auch der Schwede Nils Dickman ist in ein Außenseiter, aber eben auch einer, dem es gelungen ist, sich vorbildlich in die norwegische Gesellschaft zu integrieren.

Am Anfang des Films wird der pflichtbewusste Schneepflugfahrer Nils als „Bürger des Jahres“ für seine Verdienste an seiner neuen nordnorwegischen Heimat ausgezeichnet. Denn er erfüllt vorbildlich die wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, mit seinem Schneepflug eine „Schneise der Zivilisation“ durch den norwegischen Schnee zu pflügen, oder wie Nils auch sagt „Ich war immer gern Pfadfinder. Nur dass ich immer den gleichen Pfad finde.“ Aber er findet ihn, und dank seiner Zuverlässigkeit tun das seine Mitbürger auch. Ein dreifaches Hurra auf die gelungene Integration! Das zieht auch gleich konservative norwegische Politiker auf den Plan, die mit dem „vorbildlich integrierten Ausländer“ Nils punkten wollen. Aber Nils macht halt lieber sein eigenes Ding. Demokratie ist etwas für die anderen.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen.
Foto: Marie-Anne Winter

Aber dann wird Nils von eine Katastrophe aus der Bahn geworfen: Sein Sohn Ingvar wird tot aufgefunden: Überdosis Heroin sagen die Ermittler. Und für die Polizei ist der Fall damit auch gleich abgehakt: Natürlich sind die Eltern immer fassungslos, wenn so etwas passiert. Alle Eltern sind überzeugt, dass ihre Kinder niemals so etwas tun würden, erklären die Polizisten. „Wir kannten unseren Sohn nicht“, heult die Mutter. Natürlich geht später auch die Ehe daran in die Brüche. Aber bevor sich Nils eine Kugel in den Kopf jagen kann, wird er vom tatsächlich drogenabhängigen Freund seines Sohnes gestört. Finn hat sich verletzt in Nils Firma gerettet. Es täte ihm total leid, dass Ingvar ermordet worden sei, beteuert Finn. Der hätte mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun – und er war kein Junkie. Ingvar hätte das alles einfach nicht verdient.

Nils sieht daraufhin davon ab, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen und sich bestätigt: Sein Sohn Ingvar ist Opfer von Verbrechern geworden! Und weil die Polizei das anders sieht, nimmt Nils als alter Pfadfinder die Sache selbst in die Hand – er ist halt am Besten, wenn er sein eigenes Ding macht. Er schafft es, drei Mitglieder der Mafia ausfindig zu machen, die seinen Sohn getötet haben und vernichtet deren geschmuggeltes Kokain. Die Leichen wirft er fachgerecht mit Hühnerdraht umwickelt in den großen Wasserfall hinter dem Dorf. Das wiederum ruft den Chef der norwegischen Mafia auf den Plan, die jetzt vergeblich auf den Nachschub wartet. Der „Graf“ (herrlich: Pål Sverre Valheim Hagen) vermutet, dass die albanische – tatsächlich ist es aber die serbische Konkurrenz – für den ganzen Schlamassel verantwortlich ist. Er lässt einen von diesen Balkan-Typen umbringen und mit der geografischen Höhenangabe „1389 Meter“ an ein Hinweisschild hängen. Insider wissen, dass mit dieser Jahreszahl die Schlacht auf dem Amselfeld gemeint ist. Ob Pål das gewusst hat, spielt keine Rolle, denn ihn interessiert letztlich nur, dass er in Norwegen der Chef ist.

Die Adressanten dieser Nachricht erkennen die Botschaft wohl: Bei dem Toten handelt es sich um den einzigen Sohn des serbischen Klanchefs Papa (auch nicht schlecht: Bruno Ganz). Der erklärt nun folgerichtig der norwegischen Mafia den Krieg.

Besser konnte es für Nils kaum laufen – jetzt machen sich seine Gegner gegenseitig die Hölle heiß. Außerdem hat der Graf auch so schon genug Probleme – etwa mit seiner Ex Marit (Brigitte Hjort Sørensen, muss man als engagierte TV-Journalistin Katrine Fønsmark aus der dänischen Serie Borgen kennen) im Streit um seinen einzigen Sohn, der mit biodynamischen Obst und Gemüse (mindestens fünf Sorten pro Tag!) gefüttert werden sollte und stattdessen mit zuckrigen Frühstückscerealien und pädagogisch zweifelhaften Mafia-Tipps für den Umgang mit unliebsamen Mitschülern mit dem fetten Mafia-Dienstwagen in die Schule kutschiert wird. Der Graf findet es nicht immer so einfach, er zu sein, wie er seine Leute irgendwann anbrüllt, als sich die Dinge für ihn zunehmend ungünstig entwickeln. Dagegen wäre man lieber Nils Dickman, der mit seinem Schneepflug später die verbliebenen Fahrzeuge der Mafia-Klans platt macht.

Einer nach dem anderen ist auf jeden Fall ein Spitzenprodukt der nordischen Variante skurrilen schwarzen Humors, der es auf Anhieb in meine Kategorie Lieblingsfilme geschafft hat.

Weitere Eindrücke gibt es in meinem Tumblr:
http://mariberlyn.tumblr.com/tagged/Kraftidioten

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2 Gedanken zu „Einer nach dem anderen: Spitzenprodukt skurrilen Humors

  1. Sie sollten auch mal einen Blick auf „Fortitude“ werfen, diese Serie läuft gerade auf Sky. Könnte Ihnen ebenfalls gut gefallen.

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