Halt and Catch Fire – Goldrausch in Texas

Gemessen daran, wie sehr die Computerisierung samt der dann folgenden Vernetzung der plötzlich überall vorhandenen Computer die Arbeitswelt, die Gesellschaft und das Leben der Menschen verändert hat, gibt es erstaunlich wenig Filme und Serien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Allmächtige Computer, die im Laufe der Zeit ein für die Menschen in ihrer Umgebung gefährliches Eigenleben entwickeln, kennt man vor allem aus Science-Fiction-Klassikern der 1960er und 70er Jahre, etwa HAL 9000 aus 2001 – Odyssee im Weltraum (1968). Oder die intelligente Bombe aus Dark Star (1974), die von den zuvor extrem gelangweilten Astronauten mit Gesprächen über philosophische Spitzfindigkeiten daran gehindert werden muss, das ganze Schiff zu sprengen. Was am Ende nicht gelingt. Und Matrix (1999) soll ja irgendwie auch etwas mit Computern zu tun haben – schließlich findet der ganze Film in der Matrix statt, die von einem Großrechner erzeugt wird, der die ganze Menschheit versklavt hat.

Screenshot Halt and Catch Fire - USA 2014

Screenshot Halt and Catch Fire – USA 2014

Okay, dann es gibt noch ein paar Filme, in denen Hacker eine Rolle spielen, etwa in War Games (1983), wo ein Schüler aus Versehen fast den dritten Weltkrieg auslöst – was der Computer am Ende zu Glück verhindern kann, in dem er das atomare Kriegsspiel abschaltet. Dann gibt es Das Netz (1995), in dem Sandra Bullock den Nerd gibt, ständig auf der Suche nach einer Möglichkeit, in dieses Internet zu kommen, mit dem man schreckliche Dinge anstellen kann. (By the way: Ich fand Sandra Bullock auch in Gravity sehr gut. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, was ich von Gravity halte. Das ist nämlich kein Nerdfilm im eigentlichen Sinne). Oder 23 – nichts ist wie es scheint (1998) über den Hannoveraner Hacker Karl Koch, der nach der Lektüre des Buches Illuminatus! (von Robert Shea und Robert Anton Wilson) so paranoid wird, wie andere, die dieses Buch gelesen haben, auch – nur dass Karl sich nicht nur für Literatur, sondern auch für Computer interessiert und sich schon im Internet herumtreibt, als das noch aus Mailboxen besteht, die mit dem Akkustik-Koppler angesteuert werden. Nachdem er entdeckt, die Großrechner von Unternehmen und Atomkraftwerken kaum geschützt werden, nimmt die Sache einen verhängnisvollen Verlauf. Karl verschwindet am 23.5.1989, seine verkohlte Leiche wird wenig später gefunden. 23 ist also quasi ein Dokudrama, auch wenn einiges im wahren Leben vielleicht doch etwas anders gewesen ist.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Ähnlich verhält es sich auch mit der von AMC produzierten Serie Halt and Catch Fire, die im vergangenen Sommer auf AMC zu sehen war, in Deutschland ist sie seit März auf Amazon Instant Video verfügbar. Eine zweite Staffel soll ab dem 31. Mai auf AMC laufen. Halt and Catch Fire handelt von den Anfängen des Computer-Booms durch die zunehmende Verbreitung von PCs – jene Kisten, die von den etablierten Herstellern von Großrechnern lange Zeit nicht für voll genommen wurden, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wozu die Menschen sich Personal Computer auf ihre Schreibtische und dann auch noch in ihre Wohnungen stellen sollten. Ehrlich gesagt hätte ich das auch nicht gewusst, aber die Generation Smartphone hat mit der Frage „Wie seid ihr eigentlich damals, als es noch keine Smartphones gab, ins Internet gekommen?“ zumindest eine der möglichen Antworten gefunden.

Screenshot Halt and Catch Fire - Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Screenshot Halt and Catch Fire – Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Ans Internet habe ich damals nun wirklich nicht gedacht, als ich mir 1988 meinen ersten Computer gekauft habe – einen AT 2-86 mit 1 MB Arbeitsspeicher, 40 MB Festplatte und 15-Zoll-Röhrenmonitor (monochrom). Das war damals für den Preis, den ich zahlen konnte, ein gutes Angebot. Denn mehr als 2000 DM wollte bzw. konnte ich nicht ausgeben. Aber nachdem ich eine erste Hausarbeit auf der mechanischen Schreibmaschine meines Vater getippt hatte und darüber fast verrückt geworden war, war die Anschaffung einfach unvermeidlich: Schreibmaschine war echt vorsintflutliche Technik und wenn man auch nur ein Wort ändern wollte, musste man die ganze Seite noch einmal tippen und dann die Berechnungen für den Platz, den die Fußnoten beanspruchen – der Wahnsinn! Nie wieder!!! Mir war klar: Ich brauche eine Schreibmaschine, auf der ich viele Seiten Text produzieren, dann in Ruhe verbessern und schließlich alles in ansprechendem Layout ausdrucken kann.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Dass diese Schreibmaschine auch noch andere Dinge konnte – es gab auch eine Tabellenkalkulation, Kalender, ein Geografieprogramm mit Daten über sämtliche Länder auf der Welt, Spiele (die mich damals schon nicht sonderlich interessierten) und vieles mehr, aber das war nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ein Nerd in dem Sinne bin ich also nie gewesen, auch wenn ich mir 1993 eine erste E-Mail-Adresse zugelegt habe und sehr begeistert über den ersten iMac war, mit dem ich 1998 dann tatsächlich ins Internetzeitalter eingestiegen bin – per 56k-Modem, was in den iMac eingebaut war.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Doch Halt and Catch Fire spielt in der Zeit davor: Anfang der 80er Jahre. Das ehrgeizige Verkaufsgenie Joe MacMillan (Lee Pace) wechselt von IBM zu der etwas provinziellen texanischen Firma Cardiff Electric, um einen Coup zu landen: Einen Personal Computer auf den Markt zu bringen, der die gängigen IBM-Produkte schlagen kann. Bei Cardiff werkelt der nicht weniger geniale Ingenieur Gordon Clark (Scoot MacNairy) in einem ungeliebten Brotjob vor sich hin. Gordon hatte den Traum, ein wirklich revolutionäres Produkt auf den Markt zu bringen und ist mit dieser Vision schmerzhaft gescheitert – jetzt muss er die Füße still halten und Geld für den Unterhalt seiner Familie verdienen. Er hat nämlich eine tolle Frau und zwei Töchter. Und wie sich herausstellen wird, ist Gordons Frau Donna (Kerry Bishé), die für einen Hungerlohn bei Texas Instruments als bessere Sekretärin arbeitet, in Sachen Computer auch schwer auf Zack. Auch wenn ihr Licht immer ständig den Scheffel gestellt wird – sie rettet ihrem Gordon immer wieder den Arsch, während Cameron Howe (Mackenzie Davis) als junge, unkonventionelle Superprogrammiererin natürlich auch gute Arbeit leistet, aber dank ihrer erfrischenden Unverschämtheit auch entsprechend bezahlt wird.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron  (Mackenzie Davis) und Joe.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron (Mackenzie Davis) und Joe.

Cameron ist eine dieser typischen 80er-Jahre-Figuren – ein Punk, dem eigentlich alles egal ist, aber wenn es drauf ankommt, ist sie sehr geschäftstüchtig. Cameron hat sich bisher durchs Leben getrickst und weil sie nicht blöd ist, trifft sie auf MacMillan. Oder er auf sie, als er an der lokalen Uni nach Programmier-Talenten sucht. Eine der spannenden Sachen an Halt and Catch Fire ist, dass es keine wirklich sympathischen Hauptpersonen gibt. Ja, das ist nicht wirklich neu, denn genau so funktionieren auch die großartige Serien Mad Man oder Breaking Bad, die beide aus dem Hause AMC kommen. MacMillan erinnert doch sehr an Don Draper – und Cameron ist die deutlich abgebrühtere 80er-Jahre-Ausgabe von Peggy Olson. Die übrigens meine Lieblingsfigur aus Mad Men ist – ein braves Vorstadt-Mädchen erkämpft sich unter beträchtlichen Opfern ihren Weg nach oben. (Nein, ich identifiziere mich weder mit Peggy, noch mit Cameron – die Trennung von Arbeit und Privatleben ist mir dafür zu wichtig.)

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe haben es geschafft.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe haben es geschafft.

Und dann gibt es natürlich noch den Senior VP für Finanzen, John Bosworth. Der ist ein Geschäftsmann der alten Schule, der mit den Ideen von MacMillan gar nicht klar kommt. Auch dieses Thema kennt man ja auch Mad Men, das ist der Part von Bert Cooper, dem Teilhaber von Sterling Cooper, der Freund japanischer Lebensart ist, bei dem man also die Schuhe ausziehen sollte, wenn man sein Büro betritt. Aber genau wie ich in den ersten zwei, drei Teilen von Mad Men unschlüssig war, ob das nun eine wirklich tolle Serie ist, die man unbedingt gesehen haben muss, oder ein überschätztes Medien-Event, war ich mir auch bei Halt and Catch Fire nicht sicher. Inzwischen bin ich es aber: Mad Men ist wirklich großartig – und Halt and Catch Fire ist es auch!

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Wenn auch auf eine andere Art und Weise – wer also mit dem 60er-Jahre-Chic von Mad Men nichts anfangen konnte, ist vielleicht mit dem gelungenen 80er-Ambiente von Halt and Catch Fire glücklich. Oder umgekehrt: Wer auf liebevoll ausgestattete History-Serien steht, kann mit Halt and Catch Fire durchaus glücklich werden. Denn genau wie Mad Men einen in die 60er zieht, zieht einen Halt and Catch Fire in die 80er. Und was Mad Men über das Werbebusiness verrät – und das ist durchaus interessant und aufschlussreich – offenbart Halt and Catch Fire über die Computerindustrie. Natürlich darf man das, was in der Serie gezeigt wird, nicht allzu wörtlich nehmen. Aber von dem Geist, der dahinter steht – und der sehr gut beschreibt, wie Geschäfte nun einmal laufen, verrät es doch eine Menge. Man muss nur bereit sein, das alles nicht als Fiktion abzutun.

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