Anno 1790: Historisches Serien-Hightlight aus Schweden

Mit historischen Stoffen ist das immer so eine Sache – eigentlich sehe ich mir so etwas ganz gern an. Die verflossene Pracht, aber auch Kargheit vergangener Zeiten kann faszinieren, ob das nun die harte und blutige Welt der Wikinger in Vikings ist, der nicht weniger brutale und blutige wilde Westen in Deadwood oder die Jugendstil-Dekadenz von Downton Abbey. Natürlich braucht man dann noch eine gute Geschichte, denn die Ausstattung allein tut es nicht – was ja leider das Problem mit Verfilmungen dieser Art im deutschen Fernsehen ist. Da ist die Ausstattung oft fantastisch, aber die Geschichte dazu mehr als dürftig.

Anno 1790 - Bild via kulturdelen.com

Anno 1790 – Bild via kulturdelen.com

Seit dem großartigen Mehrteiler Heimat aus den frühen 80ern fällt mir spontan nichts wirklich Gutes in dieser Richtung mehr ein. Dabei gäbe es doch historische Stoffe ohne Ende, wie beispielsweise die schwedische Serie Anno 1790 aus dem Jahr 2011 zeigt. Das ist eine in jeder Beziehung gelungene Qualitätsproduktion des SVT – ich wünschte, unsere Öffentlich-rechtlichen bekämen wenigstens ab und zu Ähnliches auf die Reihe. Man muss schon ziemlich weit zurück gehen, um vergleichbare Perlen zu finden, wobei es durchaus welche gibt, etwa der historische Mehrteiler Der Winter, der ein Sommer war, den der hessische Rundfunk 1976 produziert hat.

Ich bin auf Anno 1790 gekommen, weil mir Blutsbande gut gefallen hat, insbesondere Joel Spira als Oskar Waldemar – und in Anno 1790 spielt er Simon Freund, den Freund und Gehilfen von Johan Gustav Dåådh, der wiederum von Peter Eggers dargestellt wird. Wieder ein Schwede, den ich mir unbedingt merken muss – anders als Arn, der Kreuzritter ist der Cast von Anno 1790 nicht mit inzwischen international bekannten schwedischen Filmstars gespickt. Was aber gar nicht schlimm ist, denn Anno 1970 ist durchweg toll besetzt. In Schweden gibt es offenbar noch eine ganze Reihe weiterer guter Schauspieler.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Leider gibt es die Serie derzeit nur in der schwedischen Originalfassung auf DVD – mit grafisch schlecht aufbereiteten englischen Untertiteln, was die Sache dann etwas anstrengend macht. Ich kann nur hoffen, dass arte bald auf die Idee kommt, dieses Serien-Juwel unbedingt ausstrahlen zu müssen – es wäre ganz hervorragend für den Serien-Donnerstagabend geeignet.

Denn im Jahre 1790 war schließlich schwer was los in Europa: Aufklärung kontra Standesdenken, Glaube gegen Gedankenfreiheit – in Paris hatte das Volk die Bastille gestürmt und die Monarchie gestürzt. Auch wenn vieles nicht gut lief mit der französischen Revolution, so hatte sie doch gezeigt, dass das gemeine Volk eine Macht ist, mit der man rechnen muss: Die gefährliche Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ging um in Europa.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Und sie gelangt auch nach Schweden – allerdings wird sie dort von der Obrigkeit nach Kräften unterdrückt. Alle Menschen sollen gleich sein – wo kämen wir denn da hin?! Und am Ende kommen dann auch noch die Frauen an und wollen die gleichen Rechte wie die Männer – das wäre ja nun eindeutig gegen die von Gott gewollte Ordnung. Und der Mensch hat sich nun mal in erster Linie an das zu halten, was Gott und dem König gefällt.

Die Serie beginnt mit dem Ende eines der vielen schwedisch-russische Kriege – der Chirurg Johan Gustav Dåådh hat als Feldarzt zahlreichen Soldaten in diesem für beide Seiten weitgehend nutzlosen Krieg das Leben gerettet und will sich eigentlich auf den Weg nach Göteborg machen, als er auf den letzten Drücker noch ein paar Verletzte zusammenflicken muss. Unter ihnen ist Simon Freund, der Dåådh das Versprechen abringt, ihn zurück nach Stockholm zur Familie Wahlstedt zu bringen. Dåådh lässt sich darauf ein und liefert den genesenden Freund in Stockholm ab. In der Hauptstadt gerät er wegen seiner medizinischen Kenntnisse in eine Morduntersuchung – denn Carl Fredrik Wahlstedt ist der Polizeichef von Stockholm und hat gerade den für sein Quartier zuständigen Inspektor verloren. Weil Doktor Dåådh ganz offensichtlich ein vernünftiger Mensch ist, dazu auch noch gebildet, intelligent und gut erzogen, bietet Wahlstedt ihm kurzerhand den Job als Quartiers-Inspektor an.

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Durch seine medizinischen Kenntnisse ist Dåådh tatsächlich in der Lage, scheinbar rätselhafte Todesfälle kompetent aufzuklären. Aber Dåådh ist nicht nur ein für seine Zeit sehr guter Arzt mit vielseitigen wissenschaftlichen Interessen, sondern auch Republikaner, der für die Ziele der französischen Revolution viel Sympathie empfindet. Überhaupt ist er ein Rationalist, der wenig für den christlichen Glauben und das Branntweintrinken übrig hat. Ganz im Gegensatz zu Simon Freund, der eigentlich Hauslehrer bei der hochangesehenen und einflussreichen Familie Wahlstedt ist.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Dåådh wird nun in eine Welt aufgenommen, die gar nicht die seine ist, aber als intelligenter und vernünftiger Mensch macht er das beste daraus. Natürlich spielt die schöne Frau Wahlstedt (Linda Zilliacus) bei seiner Entscheidung, den Job als Quartiers-Inspektor anzunehmen, eine nicht unwesentliche Rolle – auch von Anfang an wenn klar ist, dass diese Schwärmerei niemals Erfüllung finden wird. Dåådh lässt sich überzeugen, dass er in seiner neuen Position Gutes bewirken kann, auch wenn er eigentlich nicht für das Regime arbeiten will, das er als überkommen ablehnt.

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Genauso wie Freund, der als Pietist einem Glauben anhängt, der gerade nicht en vogue ist, sondern verfolgt und unterdrückt wird, begreift, dass er von Dåådh eine Menge lernen kann. Natürlich will er seinem Retter auch etwas zurück geben, also ist er ihm in vielen Dingen behilflich, auch wenn ihn das immer wieder in Gewissenskonflikte bringt. Zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern entwickelt sich eine eigenwillige, aber tiefe Freundschaft, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. So will Dåådh Freund das Trinken abgewöhnen, was dem gar nicht gefällt. Dafür missbilligt Freund die unsittliche Lebenseinstellung von Dåådh, der nicht nur revolutionärem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, sondern auch eine schöne französische Revolutionärin nicht abweist, die der Ansicht ist, dass sie als Frau das Recht hat, sich einen Liebhaber zu wählen. Keine Frage, den feschen Dåådh würde so manche Frau gern in ihrem Bett haben. Aber alles in allem ist Dåådh natürlich ein Ehrenmann, der einer Frau nicht zu nahe tritt, wenn sie das nicht wünscht – gleiches Recht für alle.

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Im Grunde haben wir hier eine schwedische Sherlock-und-Dr. Watson-Variante – und zwar eine, die sehr gut funktioniert. Dåådh ist zwar intellektuell und technologisch auf der Höhe der Zeit – so besitzt er neben seinem medizinischen Gerät auch ein sehr nützliches Fernglas, aber er ist weder so egozentrisch, noch so arrogant wie Sherlock Holmes. Und Simon Freund ist kein Doktor, sondern ein sehr korrekter und etwas mürrischer Kerl mit erstaunlich vielen Talenten. Sein Schicksal ist es, ewig in der zweiten Reihe zu stehen – während Dåådh dank seiner neuen Position zu den Abendgesellschaften der höheren Kreise eingeladen wird, muss der arme Freund draußen auf ihn warten. Obwohl er die Wahlstedts doch schon viel länger kennt.

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Was mir an Anno 1790 besonders gefällt ist, dass es eben nicht nur wieder eine Krimiserie ist, die zur Abwechslung mal in historischem Gewand daher kommt. Es geht zwar auch um die Aufklärung von Verbrechen, aber Anno 1790 bietet sehr viel mehr. Es wird mit viel Aufwand und Liebe zum Detail ein sehr lebendiges Bild dieser Umbruchzeit vermittelt, die einerseits so unendlich weit zurückzuliegen scheint und andererseits die auch heute bekannten typisch menschlichen Probleme beschreibt.

Die meisten Menschen mussten damals unter einfachsten Bedingungen leben und waren schutzlos der Willkür der Herrschenden ausgeliefert – so wird gleich am Anfang ein armer Knirps, der auf dem Markt einen Apfel geklaut hat, in den Kerker geworfen. Dåådhs grausamer Vorgänger lässt den Jungen auspeitschen, um einen anderen Gefangenen zum Reden zu bringen. Dabei hat selbst zu jener Zeit der schwedische König die Folter als Instrument der Wahrheitsfindung schon verboten. Aber wie man inzwischen weiß, befleißigt sich ausgerechnet der Geheimdienst der freiheitlichsten Nation unserer Erde noch immer ähnlicher Methoden, aber das nur am Rande.

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Dåådh jedenfalls ist kein Freund von Gewalt und versucht deshalb, das System durch seine Arbeit von innen her zu verändern. Obwohl seine Verhör-Methoden bei den Folterknechten alter Schule auf Befremden stoßen. Aber Dåådh geht es nicht darum, einfach einen Schuldigen zu finden, was wesentlich effektiver wäre, denn wenn man einen armen Wicht nur lange genug bedroht, gibt er irgendwann alles zu. Dåådh dagegen will wirklich verstehen, was passiert ist. Das irritiert die alte Garde.

Gleichzeitig wollen seine früheren Freunde aus den klandestinen Freidenker-Zirkeln ihrerseits nicht verstehen, warum Dåådh jetzt auf der anderen Seite steht – schließlich arbeitet er jetzt für die alten Mächte, die sie stürzen wollen. Natürlich ergibt sich daraus noch eine Menge Konfliktpotenzial. Denn der gemäßigte Dåådh setzt nicht auf den blutigen Umsturz, sondern auf Aufklärung und Bildung.

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Aber sonst geht es ziemlich zur Sache, Dåådh hat eine Menge Verbrechen aufzuklären. Es gibt politische Morde, Morde aus Habgier und Eifersucht, es gibt windige Scharlatane, die ihren Opfern unter Hypnose Geheimnisse entlocken, um sie später zu berauben, es gibt arme, elternlose Kinder, die erst für krumme Geschäfte missbraucht und dann tot auf den Misthaufen geworfen werden, es gibt Pfaffen, die ihre Schützlinge missbrauchen und ihnen dann wegen angeblicher Gewissensbisse die versprochene Belohnung vorenthalten und verzweifelte Mädchen, die sich nach einer Vergewaltigung umbringen wollen, weil sie ja niemandem erklären können, warum sie schwanger sind. Und natürlich gibt es auch den brutalen Säufer, der seine Familie drangsaliert, bis sie ihn irgendwann quasi in Notwehr beiseite schafft.

Ja, das waren schlimme Zeiten – und besonders erschreckend ist, wie wenig sich letztlich geändert hat. Global gesehen. Nicht nur, dass Habgier und Eifersucht nicht auszurotten sind. Vor allem gibt noch immer Mädchen, auf die Attentate verübt werden, nur weil sie in die Schule gehen wollen. Und auch hierzulande nimmt die Ungleichheit nicht ab, sondern weiter zu. Es gibt wenige sehr Reiche und immer mehr Arme. Gerichtsurteile noch immer nach dem Geldbeutel des Angeklagten gefällt: Das mehrfache Klauen von einem Stück Käse oder einer Tafel Schokolade im Supermarkt wird ähnlich hart bestraft wie Hinterziehung von Millionen an Steuergeldern. Hierzulande müssen Frauen nicht mehr ihr Leben für eine Abtreibung riskieren – aber wo anders auf der Welt sterben weiterhin viele Frauen im Kindbett oder an einer Abtreibung, weil entweder das Geld für eine vernünftige medizinischen Versorgung fehlt oder weil die Gesellschaft noch immer frauen- (und damit menschenfeindlich) ist. Seit dem Jahr 1790 hat sich in dieser Hinsicht erschreckend wenig getan.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Gut, das geht jetzt weit über diese Serie hinaus – aber genau das ist es, was ich so gut daran finde. Dass in Laufe der Handlung all diese Fragen aufgeworfen werden. Anno 1790 ist nicht explizit politisch. Es werden einfach Dinge gezeigt, die zu der Zeit so stattgefunden haben könnten. Aber genau weil wir heute vergleichen können, was sich inzwischen geändert hat und was nicht, ist es so ernüchternd. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was haben Revolution und Aufklärung tatsächlich gebracht?

Okay, Freiheit ist inzwischen durchgesetzt: Die meisten Menschen sind frei, und zwar von allem, was sie zum Leben brauchen. Gleich sind die Menschen theoretisch vor dem Gesetz, praktisch sind die Reichen aber gleicher, und das in jeder Hinsicht: Sie haben tatsächlich, was sie zum Leben brauchen. Damit sind wenigstens sie frei, zu tun was ihnen beliebt. Und Brüderlichkeit? Oder gender-konformer: Geschwisterlichkeit? Nix da. Nicht nur, dass jeden Tag mehr Menschen im Mittelmeer ersaufen, auch innerhalb der Festung Europa ist Solidarität Mangelware.

Anno 1790 - bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Anno 1790 – bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Insofern sind Dåådh und seine Freunde trotz ihrer oft harten Lebensumstände wirklich zu beneiden – sie konnten wenigstens noch daran glauben, dass sich die Gesellschaft mit mehr Aufklärung, Bildung und Demokratie tatsächlich zum Besseren wandeln würde. Heute erleben wir, wie die Errungenschaften von mehr als zweihundert Jahren oft blutigem Kampf um bessere Lebensbedingungen fürs Volk von den Herrschenden einfach wieder zusammengetreten werden.

Hauptdarsteller Peter Eggers über Anno 1790 (auf Englisch)

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Nach der Hochzeit: Ein Däne kehrt zurück

Obwohl ich (den derzeit international wohl bekanntesten dänischen Regisseur) Lars von Trier samt seiner Filme nicht besonders mag, ist das kleine Dänemark für mich ein Filmland der Sonderklasse. Es gibt herrliche dänische Grotesken wie Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen) oder Alien Teacher (Ole Bornedal), krasse Drogenthriller wie die Pusher-Trilogie (Nicolas Winding Refn, auch bekannt durch Walhalla Rising), ausgefallene Krimis wie Erbarmen (Mikkel Nørgaard, nach Jussi Adler-Olsen) oder Fräulein Smillas Gespür für Schnee und entlarvende Beziehungs-Dramen wie In einer besseren Welt (Susanne Bier).

Von Susanne Bier ist auch das Drama Nach der Hochzeit, das ich mir in erster Linie angesehen habe, weil ich ihren Film In einer besseren Welt sehr gut fand. Ja, und natürlich auch, weil Mads Mikkelsen eine der Hauptrollen spielt. Aber um das gleich vorwegzunehmen: In einer besseren Welt ist tatsächlich der bessere Film, weil wesentlich komplexer und tiefgründiger. (Und da spielen immerhin Mikael Persbrandt und Kim Bodnia mit.) Nach der Hochzeit ist eher eine Skizze für das spätere Werk, eine Fingerübung quasi für In einer besseren Welt. Es geht auch hier um einen Protagonisten, der seine Heimat, das satte und reiche Dänemark, hinter sich gelassen hat, um den Elenden der Welt zu helfen – und das meine ich gar nicht so ironisch, wie es vielleicht klingt. Ich hege durchaus Sympathie für Menschen, die denken, dass sie die Welt durch ihr persönliches Handeln besser machen können – und das dann auch durchziehen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Indien

Auch wenn es naiv ist, oft leider im besten Fall sinnlos und im schlimmsten Fall kontraproduktiv – denn gerade weil sie versuchen Gutes zu tun, festigen diese Idealisten die Strukturen, die dazu beitragen, dass es den Menschen, denen sie helfen wollen, schlecht geht. Doch das ist eine politische Diskussion, die für eine Filmbesprechung zu weit führt.

Und sie spielt auch in den Filmen von Susanne Bier keine Rolle – Bier ist keine Politikerin. Die Regisseurin interessiert sich für das Zwischenmenschliche – sie ist also eher Psychologin, im Ansatz vielleicht Soziologin. In In einer besseren Welt werden die Fragen nach dem Sinn des persönlichen Engagements für die Benachteiligten der Welt immerhin angedeutet – vor allem die mitunter grausamen und unbefriedigenden Antworten darauf. In Nach der Hochzeit geht es letztlich eben doch nur um persönliche Verletzungen und Eitelkeiten, die Protagonist dann aber in den Griff bekommt, um sein Projekt in Indien voranzutreiben. Das wird ihm aber auch wirklich sehr leicht gemacht – weshalb ich diesen Film letztlich vergleichsweise schwach finde, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Also nach dänischen Maßstäben, die halt andere sind als bei unseren öffentlich-rechtlichen, die seit Jahren eh nur noch hirnerweichenden Drama-Schrott produzieren.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jörgen (Rolf Lassgård)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jörgen (Rolf Lassgård)

Nach der Hochzeit ist auf jeden Fall ein Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man keine Lust auf den 20:15-Schinken in ARD oder ZDF hat. Schlechter ist er keinesfalls. Aber eben auch nicht so viel besser. Obwohl als Familiendrama durchaus okay. Und natürlich sind die Schauspieler toll, nicht nur Mads Mikkelsen als Jacob, auch Sidse Babett Knudsen als Helene (bekannt als dänische Regierungschefin in Borgen), das schwedische Schwergewicht Rolf Lassgård als Jørgen und Stine Fischer Christensen als Jørgens und Helenes Tochter Anna, auf deren Hochzeit Jørgen Jacob einlädt, sind ganz großartig.

Worum es geht: Der Däne Jacob hat in Indien zu sich selbst gefunden und leitet ein Waisenhaus für Jungen. Das Projekt kämpft seit Jahren ums Überleben und steht jetzt vor dem Aus. Jacob wirbt in seiner Heimat Dänemark um Geldgeber – und jetzt taucht ein in Dänemark lebender schwedischer Geschäftsmann auf, der Jacob großzügig unterstützen will. Unter der Bedienung, dass sich Jacob nach Kopenhagen begibt, um seinem potenziellen Gönner persönlich zu treffen. Jacob hat eigentlich keine Lust dazu – er fühlt sich wohl in Indien und einer seiner Schützlinge, den er besonders ins Herz geschlossen hat, feiert in wenigen Tagen seinen achten Geburtstag. Aber eine verdiente Mitarbeiterin überzeugt Jacob, dass er eine solche Möglichkeit nicht ausschlagen darf. Er soll lieber an das denken, was er bewirken könne und sein persönlichen Befindlichkeiten hintenan stellen. Also reist Jacob nach Kopenhagen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene (Sidse Babett Knudsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene (Sidse Babett Knudsen)

Er wird in einem absurd luxuriösen Hotel untergebracht und trifft diesen Gesschäftmann Jørgen, der ihm klar macht, dass er sich noch nicht entschieden hat, ob er Jacobs Projekt wirklich unterstützen will. Jacob ist frustriert, aber immerhin lädt Jørgen ihn zur Hochzeit seiner Tochter ein, die am nächsten Tag heiraten wird. Jacob ist klar, dass er sich dieser Verpflichtung nicht entziehen kann. Er fährt also pflichtschuldig zu der pompösen Feier auf dem Landsitz seines Gönners – und trifft überraschend eine verflossene Liebe wieder.

Als Jørgens Tochter Anna das Wort ergreift, um ihren Eltern ein paar Worte zu sagen, wird klar, dass vermutlich alles gar nicht so zufällig ist, wie es scheint: Anna dankt ihrer Mutter Helene und ihrem Vater Jørgen, dass sie ihr gute Eltern gewesen sind, auch wenn sie inzwischen weiß, dass Jørgen gar nicht ihr leiblicher Vater ist.

Die Lösung liegt auf der Hand und auch Jacob kapiert das natürlich schnell: Anna ist seine Tochter. Helene war schwanger, als sie ihn verließ – und Jørgen war so vernarrt in die schöne Helene, dass er das Kind als seins akzeptiert hat. Er ist Anna (und seinen anderen Kindern) tatsächlich immer ein guter Vater gewesen, und seine angenommene Tochter dankt ihm das ausdrücklich.

Screenshot Nach der Hochzeit - Anna (Stine Fischer Christensen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Anna (Stine Fischer Christensen)

Jacob dagegen ist wütend und verletzt – warum hat Helena ihm so lange verschwiegen, dass er eine Tochter hat? Aber wie sich heraus stellt, war er vor 20 Jahren auch nicht unbedingt der ideale Vater – er war ein verantwortungsloser Hallodri, der nicht nur gekifft, sondern auch mit Helenas bester Freundin geschlafen hat – kein Wunder, dass sie sich einen anderen, verlässlicheren Mann gesucht hat, um ein Kind zu bekommen.

Jacob erträgt die Feier nicht länger und sucht das Weite. Er fühlt sich benutzt und will bei dieser Geschichte nicht mehr mitmachen. Aber Jørgens Angebot ist einfach zu verlockend: Er bietet Jacob an, einige Millionen in einen Wohltätigkeits-Fonds zu investieren, für den Jacob gemeinsam mit Anna verantwortlich wäre – mit dem Geld könnten sie in Indien viel Gutes tun. Allerdings ist eine der Bedingungen, dass Jacob seinen Wohnsitz nach Dänemark verlegt. Für Jacob ist das völlig inakzeptabel. Vor allem: Warum tut Jørgen all das?

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene und Jørgen

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene und Jørgen

Es stellt sich heraus, dass Jørgen totkrank ist. Er hat Krebs und weiß, dass er bald sterben wird. Er will nicht, dass seine Familie davon erfährt, aber er will seine Liebsten nach seinem Tod in guten Händen wissen. So ist er auf Jacob gekommen. Natürlich passt Jacob das alles nicht: Er will sich nicht kaufen lassen – was bildet sich dieser reiche Schnösel eigentlich ein? Jacob ist wütend und haut ab. Soll dieser Jørgen doch mal sehen, dass man mit Geld eben doch nicht alles kaufen kann!

Aber als seine Tochter heulend bei Jacob im Hotel auftaucht, weil ihr frisch angetrauter Ehemann sie betrogen hat, beginnt Jacob darüber nachzudenken, dass es vielleicht auch eine Aufgabe sein könnte, für seine Tochter da zu sein. Schließlich kann er auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – er bekommt genug Geld für seine Projekte in Indien und kann für Anna (und für Helene) da sein. Also unterschreibt er schließlich den Vertrag mit Jørgen, auch wenn er damit den kleinen Pramod enttäuscht, der in Indien auf ihn wartet.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Dänemark

Jørgen stirbt bald darauf und schon auf seiner Beerdigung deutet sich an, dass sein Plan funktionieren wird – Jacob ist für Anna und Helene da. Und in Indien geht nun auch alles voran – nur der kleine Pramod will nicht zu Jacob nach Dänemark kommen, sondern lieber in Indien bleiben. Im Gegensatz zu Jacob ist der Kleine tatsächlich nicht korrumpierbar. Aber geschenkt.

Fortitude – Nordic Noir auf Britisch

Ein freundlicher Leser meines Blogs wies mich vor kurzer Zeit auf die Serie Fortitude hin. Und weil ich diesen Krimi-Mehrteiler ohnehin schon auf meiner Wunschliste vermerkt hatte, war das ein willkommener Anlass, einmal hinein zu sehen. Natürlich ist es beim Hineinsehen nicht geblieben!

Allein schon die ersten Bilder, diese seltsame schwarzweiße Eislandschaft von Spitzbergen! Okay, man sieht eigentlich einen der schwarzen Lavastrände von Island, denn dort wurde die Serie gedreht, aber für Fortitude soll es das arktische Spitzbergen sein. Und das ist es auch total überzeugend: Eisblöcke auf schwarzem Sand, Eisblöcke in den grauen Wogen, ein alter Mann in weißem Tarnanzug, der erst mit dem Teleobjektiv seiner Kamera, dann mit dem Gewehr auf einen Eisbär zielt – wie wir später erfahren handelt es sich um den berühmten Fotografen Henry Tyson (gespielt von Dumbledore-Darsteller Michael Gambon), der sich mit Bildbänden über Eisbären einen Namen gemacht hat. Aber er erschießt nicht den Eisbären, sondern dem Mann in den Kopf, der gerade von dem hungrigen Raubtier zerfleischt wird.

Screenshot Fortitude

Screenshot Fortitude: Henry Tyson (Michael Gambon)

Während man sich fragt, ob das ein Versehen oder Absicht war, taucht ein Polizist in norwegischer Uniform auf, der Henry zuruft, dass er verschwinden solle, er selbst werde ab hier übernehmen. Auch wenn erstmal vieles rätselhaft bleibt, ist eins doch klar: Hier beginnt ein Nordic Noir der Sonderklasse. Es wird kalt, hart und blutig.

Nur dass es sich gar nicht um eine skandinavische, sondern um eine britische Produktion handelt – aber es sind natürlich auch skandinavische Partner mit im Boot. Fortitude ist ein Gemeinschaftsprodukt für Sky Atlantic, das sich in letzter Zeit durchaus als Brutstätte für interessante Serienprojekte entpuppt. Weiterhin bemerkenswert: Autor der Serie ist Simone Donald, der die Cop-Serie Low Winter Sun geschrieben hat. Die Regie führt Sam Miller, der auch Regisseur von Luther war. DCI John Luther ist einer der eigenwilligsten unter den zahlreichen eigenwilligen Ermittlern auf den britischen Inseln, auch eine ganz grandiose Serie nebenbei. Aber jetzt geht es um Fortitude. Das ist es also, was dabei herauskommt, wenn britische Krimi-Serien-Profis eine düstere skandinavischen Thriller-Serie machen. Und das ist echt nicht schlecht. Auch wenn Anleihen aus anderen Projekten unübersehbar sind.

Screenshot Fortitude: Dan Andersen (Richard Dormer)

Screenshot Fortitude: Dan Andersen (Richard Dormer)

In diesem Fall handelt sich es allerdings weniger um eine Polizei-Serie wie Kommissarin Lund, an die man unweigerlich denken muss, wenn man Governor Hildur Odegard sieht, die von Sofie Gråbøl gespielt wird. Sofie Gråbøl überzeugte schon als überaus hartnäckige Ermittlerin Sarah Lund, die nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre Karriere bei der dänischen Polizei ruinierte, um einen Mordfall aufzuklären. Es ist aber auch keine Charakterstudie wie Luther, der in London immer wieder mit dem Gesetz und seinem Gewissen in Konflikt kommt, um abartigen Tätern das Handwerk zu legen. Obwohl der später aus London eingeflogene DCI Morton (Stanley Tucci) ebenfalls sehr eigene Methoden hat. Wie wir erfahren, ist Eugene Morton gar kein nativer Brite, sondern ein ehemaliger FBI-Agent – er sollte einst in Schottland den Lockerbie-Anschlag untersuchen und ist offenbar dort hängen geblieben.

Screenshot Fortitude: Governor Hildur Odegard (Sofie Gråbøl)

Screenshot Fortitude: Governor Hildur Odegard (Sofie Gråbøl)

Einige Motive erinnern mich auch sehr an Fräulein Smillas Gespür für Schnee – ein grandioser dänischer Forensik-Thriller über eine halb dänische, halb grönländische Eis-Expertin, die anhand ihrer sehr speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten den Todesfall eines kleinen Jungen aufklärt, der in Kopenhagen angeblich beim Spielen von einem Dach gefallen ist – die Lösung des überaus komplizierten Falls liegt in einem grönländischen Gletscher. Auch in Fortitude gibt es beeindruckende Gletscher und mysteriöse Funde im ewigen Eis.

Es fallen mit der Zeit auch Anleihen von Wissenschafts-Schockern wie Helix auf: Die beiden jungen Forscher Natalie Yelburton (Sienna Guillory) und Vincent Rattrey (Luke Treadaway) sind kaum weniger engagiert als ihre Kollegen aus dem medizinischen Hochsicherheitslabor in der Antarktis, in dem die erste Staffel von Helix spielt, nur sind sie schlechter ausgerüstet und überhaupt nicht auf das vorbereitet, was sie hier erwartet. Denn sie arbeiten schließlich weder für die Pharma-Mafia, noch für die US-Seuchenschutzbehörde, sondern sind harmlose Nachwuchs-Biologen, die eigentlich mit ihrem Professor Charlie Stoddart an schädlichen Umweltfaktoren für die arktische Tierwelt forschen wollten – was aber auch schon brisant genug ist.

Screenshot Fortitude: Natalie Yelburton (Sienna Guillory) und Vincent Rattrey (Luke Treadaway)

Screenshot Fortitude: Natalie Yelburton (Sienna Guillory) und Vincent Rattrey (Luke Treadaway)

Der Professor wird aber bald auf schreckliche Weise ermordet – und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Bald müssen Natalie und Vincent ganz andere Dinge als Rentier- oder Eisbärkadaver in ihrem Labor untersuchen. Spitzbergen hat keine für Mordfälle ausgerüstete Forensik-Abteilung und ist vom norwegischen Festland aus ziemlich abgelegen. Und die norwegische Regierung lässt Governor Odegard deutlich spüren, dass sie gerade ganz andere Probleme hat, als sich um ein paar Hundert Leute zu kümmern, die sich im arktischen Meer an einem verschneiten Felsen klammern. Also müssen die Leute vor Ort improvisieren.

Und Hildur Odegard dämmert allmählich, dass sie selbst inzwischen auch ganz andere Probleme hat als ihr persönliches Lieblingsprojekt voranzubringen, nämlich ein Hotel in das Eis des örtlichen Gletschers fräsen zu lassen, um Touristen auf die Insel zu locken, wenn die Minen, die derzeit noch Arbeit und damit Einkommen garantieren, in absehbarer Zeit erschöpft sein werden.

Screenshot Fortitude: Natalie und Vincent bewundern das Polarlicht

Screenshot Fortitude: Natalie und Vincent bewundern das Polarlicht

Ja, die Zeiten ändern sich, und das erschreckend schnell: Bisher war Kriminalität auf Spitzbergen kein Problem. Fortitude mit seinen knapp 800 Einwohnern ist normalerweise ein Ort, an dem Verbrechen gleich welcher Art weitgehend unbekannt sind. Eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt man auf Spitzbergen nur, wenn man ein Dach über dem Kopf nachweisen kann und die Leute, die dort arbeiten, bekommen überdurchschnittliche Löhne. Also sind alle vergleichsweise reich und glücklich, wie der örtliche Sheriff Dan Andersen einem Neuling erklärt. Das bedeutet, dass niemand ein Motiv hat, irgendwem etwas zu stehlen oder gar jemanden umzubringen. Auch für das Problem des speziellen menschlichen Miteinanders, also Sex, gibt es eine unkomplizierte Lösung: „Halten Sie nach Windspielen Ausschau…“

Screenshot Fortitude: Professor Stoddart (Christopher Eccleson)

Screenshot Fortitude: Professor Stoddart (Christopher Eccleson)

Natürlich kommen Mann und Frau sich näher, wenn es draußen kalt ist. Und auf Spitzbergen ist es eigentlich immer kalt. Wer will da so genau hinsehen, wessen Frau sich bei wessen Mann aufwärmt. „Ob ich eine Affäre mit ihm hatte?!“ fragt die junge Forscherin ungläubig als sie von der Polizei nach ihrer Beziehung zu einem verdächtigen Minenarbeiter befragt wird. „Das war doch keine Affäre! Wir sind hier auf Spitzbergen!“ Und wer will so einen Kerl schon von der Bettkante schubsen?! Sex na klar, aber eine Affäre?! So mit Emotion und Trallala? Da lacht ja der Eisbär!

Überhaupt die Eisbären. Weil es Eisbären auf Spitzbergen gibt, muss jeder Einwohner zur Selbstverteidigung stets ein Gewehr mit sich führen, wenn er oder sie die sichere Siedlung verlässt, auch Kinder sind da nicht ausgenommen. Und Sheriff Dan Anderson achtet darauf, dass diese Regel befolgt wird – seit dem dieser bedauernswerte Billy Pettygrew von dem Eisbären zerfetzt wurde, will er keine weiteren Verluste durch die großen weißen Landraubtiere riskieren.

Screenshot Fortitude: Rettungsflieger Frank Sutter (Nicholas Pinnock) und Sheriff Dan im Einsatz

Screenshot Fortitude: Frank (Nicholas Pinnock) und Dan im Einsatz

Auch sonst gibt es einige merkwürdige Gesetze auf Spitzbergen – so darf man dort nicht sterben. Denn die Leichen verwesen im Permafrost nicht. Auf Spitzbergen liegen noch Leichen mit der Pest im Leib oder mit Schlimmerem. Deshalb hat der örtliche Friedhof schon vor Jahrzehnten einen Aufnahmestopp verhängt und die Regierung entsprechend verfügt, dass alle sterbenskranken Menschen zum norwegischen Festland (oder sonst wohin) gebracht werden müssen, um den restlichen Bewohnern weitere Komplikationen zu ersparen. Aber der sterbenskranke Henry will unbedingt auf Spitzbergen bleiben – und Sheriff Andersen lässt ihn in Ruhe. Gibt es am Ende noch mehr als das dunkle Geheimnis um den Tod von Billy Pettygrew, das die beiden teilen?

Aus dem rotblonden Sheriff Andersen (gespielt vom Nordiren Richard Dormer) wird man nicht schlau – einerseits scheint er extrem besorgt und kümmert sich vorbildlich um seine Leute, andererseits engagiert er sich vielleicht ein wenig zu sehr, etwa für die mysteriöse Elena, die eine verhängnisvolle Affäre mit dem Rettungsflieger Frank Sutter hat, dessen kleiner Sohn an einer rätselhaften Krankheit leidet. Die möglicherweise mit den rätselhaften und äußerst grausamen Mordfällen zu tun hat, die plötzlich in Fortitude geschehen.

Screenshot Fortitude

Screenshot Fortitude

Die scheinbare Harmonie der Einwohner schlägt zunehmend in Aggression um, plötzlich ist nichts mehr so wie es war. Der bisherige Zusammenhalt der Menschen in Fortidude wird auf eine harte Probe gestellt. Der Ort, an dem die Polizei bisher höchstens mal eine Prügelei zwischen betrunkenen Bergarbeitern schlichten musste, sieht sich mit einer beispiellosen Verbrechensserie konfrontiert, die immer weitere Kreise zieht: Familien brechen auseinander, Karrieren werden ruiniert und auch das ehrgeizige Tourismus-Projekt der smarten Gouverneurin steht auf der Kippe – und es kommt alles immer noch schlimmer. Fortitude ist jedenfalls keine Krimi-Einheitskost, sondern ein Höhepunkt sowohl für Freunde des Nordic Noir als auch des britischen Understatements – wobei mir persönlich zum Teil zu sehr auf gruselige Schockelemente und zu wenig auf subtile Verweise gesetzt wird.

Screenshot Fortitude: Hildur weiß, dass ihr Mann Erik (Björn Hlynur Haraldsson) sie belügt...

Screenshot Fortitude: Hildur weiß, dass ihr Mann Erik (Björn Hlynur Haraldsson) sie belügt…

Insgesamt finde ich die Serie optisch und atmosphärisch aber doch sehr überzeugend – die bizarre Landschaft, der Schnee, die Dunkelheit – das Leben in der Arktis ist eine Herausforderung, das spürt man sehr deutlich. Um so wichtiger, dass sich die Menschen in ihren Behausungen wohl fühlen – und auch die öffentlichen Räume auf Spitzbergen sind offenbar sehr liebevoll gestaltet – wo hat man sonst schon mit Edelhölzern getäfelte Verhörzimmer gesehen? Fortitude nimmt einen mit in eine andere, zum Teil sehr fremde Welt – und konfrontiert einen gleichzeitig mit den allgemein bekannten menschlichen und allzumenschlichen Problemen. Großartig.

Blutsbande: Idyllische Abgründe auf Åland

Derzeit läuft auf arte die schwedische Serie Blutsbande (Tjockare än vatten), die im vergangenen Jahr in Schweden sehr erfolgreich war. Das ist auch kein Wunder: Wie in jeder anständigen schwedischen Familienserie gibt es dunkle Geheimnisse und eine Menge komplizierter Verstrickungen – auch wenn es sich nicht ausdrücklich um eine Krimi-Serie handelt. Trotzdem geht es nicht ohne Leichen ab, wobei der Keller hier unter anderem ein nie fertig gebauter Swimmingpool ist. Und dann gibt es ja noch die vielen mehr oder weniger abgelegenen Buchten in der Ostsee.

Screenshot Blutsbande

Screenshot Blutsbande

Worum es geht: Die Waldemars betreiben seit mehreren Generation ein Gästehaus auf den Åland-Inseln. Diese Inselgruppe gehört zu dem weitläufigen Schärengebiet in der Ostsee zwischen Schweden und Finnland – formal gehören die Åland-Inseln zu Finnland, die Bevölkerung ist aber hauptsächlich schwedischsprachig. Politisch ist das Gebiet weitgehend autonom, es gibt eine eigene Flagge, eine eigene Regierung und so weiter – aber das alles spielt in der Serie ohnehin keine Rolle. Was schon wieder ein bisschen schade ist, denn Schären gibt es vor der schwedischen Küste jede Menge, so dass man sich schon fragt, warum gerade Åland?

Screenshot Blutsbande: Anna Lisa (Stina Ekblad)

Screenshot Blutsbande: Anna Lisa (Stina Ekblad)

Es wurde – so weit ich das mitbekommen habe – in den schwedischen Kritiken eben genau das bemängelt – nämlich, dass die für Åland typischen Eigenheiten gar nicht groß zur Geltung kommen würden und außerdem, dass so ziemlich alle Hauptfiguren keinen glaubwürdigen Åland-Dialekt sprächen, sondern die Stockholmer Mundart. Wobei man davon in der synchronisierten Fassung ja ohnehin nichts mitbekommt. Aber der richtige Dialekt scheint in Schweden wirklich wichtig zu sein, dass ist mir auch schon bei Kritiken zu anderen Filmen und Serien aufgefallen.

Screenshot Blutsbande: Dramatischer Auftakt

Screenshot Blutsbande: Dramatischer Auftakt

Mutter Anna Lisa (Stina Ekblad) betreibt das traditionsreiche, aber altmodische Etablissement, das unter anderem neue Farbe auf der verwitterten Fassaden vertragen könnte, gemeinsam mit dem jüngeren Sohn Oskar (Joel Spira) und dessen Frau Liv (Jessica Grabowsky). Deren gemeinsame siebzehnjährige Tochter Cecilia (Saga Sarkola) muss in der Saison auch kräftig mithelfen – ein Schicksal, das sie klaglos und ergeben zu akzeptieren scheint. Zum diesjährigen Eröffnungstag fordert die Mutter den älteren Sohn Lars (Björn Bengtsson) und die Tochter Jonna (Aliette Opheim) per Postkarte auf, bitte unbedingt zu erscheinen – es sei sehr wichtig.

Screenshot Blutsbande: Gasthaus Waldemar

Screenshot Blutsbande: Gasthaus Waldemar

Die beiden Geschwister sind schon seit langer Zeit nicht mehr in ihrem Elternhaus gewesen. Lars betreibt ein Restaurant in Stockholm und steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten, weil er sich von den falschen Leuten Geld geliehen hat. Jonna ist eine erfolgreiche Theaterschauspielerin in Nordschweden, die kurz davor steht, eine erste Hauptrolle in einem Spielfilm zu bekommen.

Lars kommt es also gerade ganz gelegen, ein paar Tage aus Stockholm verschwinden zu können – aber seine Tochter Kim (Molly Nutley) ist wenig begeistert. Sie will lieber zu ihrer Mutter nach Kopenhagen. Aber Lars kann (und will) ihr die Fahrt nicht bezahlen. Außerdem hat Mutter Anna Lisa ihm in weiser Voraussicht die Tickets für die Fähre nach Åland mit der Karte schon zugeschickt. Und auch Jonna macht sich auf den Weg, obwohl ihr das alles gerade gar nicht in den Kram passt.

Screenshot Blutsbande: Lasse (Björn Bengtsson)

Screenshot Blutsbande: Lasse (Björn Bengtsson)

So treffen kurz vor dem Eröffnungstag alle drei Geschwister in ihrem Elternhaus zusammen. Man kann schon ahnen, dass hiermit die kritische Masse für das Aufbrechen alter Konflikte locker erreicht ist. Aber es kommt noch schlimmer: Mutter Anna Lisa kündigt an, nacheinander mit jedem ihrer drei Kinder sprechen zu wollen – und sie tut das auch. Erst mit Oskar, dann mit Jonna und schließlich mit Lasse. Aber keines der drei Kinder wird schlau aus der jeweiligen Botschaft, die ihre Mutter mit wenigen Worten, dafür aber um so eindringlicher mitteilt. Nachdem die Mutter mit ihren drei erwachsenen Kindern gesprochen hat, steigt sie in ein Ruderboot, fährt auf die Ostsee hinaus und jagt sich eine Kugel in den Kopf.

Screenshot Blutsbande: Jonna (Aliette Opheim)

Screenshot Blutsbande: Jonna (Aliette Opheim)

Genau das wird zum Auftakt des ersten Teils schon angedeutet – ein einsames Boot auf grauen Ostseewogen unter einem grau bewölkten Himmel, an Bord eine ältere Frau in Strickjacke und akkurater weißer Bluse, die aus einer alten geblümten Keksdose einen Revolver nimmt und ihn lädt: Ein klassischer Auftakt für ein handfestes Familiendrama.

Für mich war damit gleich klar: Das muss ich weiter sehen. Mittlerweile sind 8 der insgesamt 10 Teile gelaufen und ich bin bislang nicht enttäuscht worden: Die Mutter hat ihren drei Kindern in ihrem Testament eine fast unlösbare Aufgabe gestellt: Sie müssen das Gästehaus Waldemar für die aktuelle Sommersaison gemeinsam betreiben – und zwar so, dass unter dem Strich ein Gewinn steht. Danach bekommen sie es als Erbe überschrieben und können damit tun, was ihnen beliebt. Aber wenn sie diese Bedingung nicht erfüllen, geht das Haus an eine gemeinnützige Stiftung.

Screenshot Blutsbande: Liv (Jessica Grabowsky) und  Oskar (Joel Spira)

Screenshot Blutsbande: Liv (Jessica Grabowsky) und Oskar (Joel Spira)

Natürlich ist vor allem Oskar empört – er hat sein bisheriges Leben ins Gästehaus seiner Eltern investiert, und nun hat seine Mutter ihn praktisch enterbt! Doch was auf den ersten Blick tatsächlich unglaublich ungerecht erscheint, bekommt im Laufe der Handlung eine andere Qualität. Denn einerseits ist Oskar tatsächlich der pflichtbewusste Sohn, der sein Leben dem Erhalt des Familienbetriebs verschrieben und auch für seine Mutter einiges auf sich genommen hat, wie im Laufe der Serie zu erfahren sein wird. Andererseits stellt sich auch heraus, dass er seine derzeitige Existenz auf einer Lüge aufgebaut hat.

Screenshot: Die Familie vor dem Gästehaus

Screenshot: Die Familie vor dem Gästehaus

Oskar ist auf jeden Fall derjenige, der von den drei Geschwistern am erbittertsten um sein Erbe und seine künftige Existenz kämpfen muss – denn sowohl Lasse, als auch Jonna haben sich ja wo anders etwas eigenes aufgebaut. Wobei Lasse gerade dabei ist, seine Existenz in Stockholm zu verlieren und somit relativ schnell überzeugt werden kann, den Sommer auf Åland zu verbringen. Jonna dagegen hat definitiv andere Pläne – doch wie zu erwarten ist, bleibt schließlich auch sie. Erstmal. Mehr oder weniger.

Bemerkenswert fand ich bisher vor allem Joel Spira als Oskar Waldemar – Joel Kinnaman ist tatsächlich nicht der einzige Joel aus Schweden, der ein fantastischer Schauspieler ist. Joel Spira hatte seinen ersten größeren Filmauftritt ausgerechnet als Nippe in Snabba Cash – neben Joel Kinnaman als Johan Westlund. Das ist schon ein bisschen ungerecht, denn die Rolle von Johan ist natürlich das ganz große Los gewesen – aber Joel Spira als Nippe war nun wirklich auch nicht schlecht.

Screenshot Blutsbande: Familienessen bei den Waldemars

Screenshot Blutsbande: Familienessen bei den Waldemars: Lasse Oskar und Jonna

Nippe ist derjenige, der seinen ehrgeizigen Freund Johan in die Welt der Stockholmer Elite einführt. Einer von den reichen Jungs, die so sind, wie Johan gern werden möchte. Aber Nippe ist eben auch ein Arschloch: Er benutzt Johan, wo der ihn weiterbringen kann, und lässt ihn im Stich, als er wirklich seine Hilfe braucht. In Snabba Cash II zieht Nippe den armen Johan gnadenlos über den Tisch, in dem er ein von Johan im Gefängnis entwickeltes Computer-Trading-System als eigenes Produkt verkauft. Der Showdown zwischen Nippe und Johan ist eine der besten Szenen in Snabba Cash II. Aber eben auch die letzte für Nippe, den ollen Verräter.

Screenshot Blutsbande: Oskar (Joel Spira)

Screenshot Blutsbande: Oskar (Joel Spira)

Und wie sich bald herausstellt, ist auch Oskar Waldemar kein so guter Junge, wie man auf den ersten Blick meinen möchte. Aber eben auch kein schlechter. Er war halt immer nur die zweite Wahl – als Sohn und als Mann. Sein cooler, aber wenig pflichtbewusster großer Bruder und seine schöne kleine Schwester haben einfach ihr Ding durchgezogen – Oskar dagegen ist zuhause geblieben, hat seine Eltern ertragen und den Laden geschmissen. Er liebt seine Liv wirklich sehr – wobei aber immer alles grandios schief läuft, wenn er sich besondere Mühe gibt, ihr zu zeigen, was er für sie empfindet.

Blutsbande: Die Beerdigung.  Bild via svenska.yle.fi

Blutsbande: Auch bei der Beerdigung gibt es Streit.
Bild via svenska.yle.fi

Denn eigentlich war sie einmal die Freundin seines großen Bruders Lasse. Von dem sie glaubte, dass er sie verlassen hat. Deshalb hat sie Oskar erhört und ist seine Frau geworden, und damit auch eine zuverlässige Stütze der Waldemarschen Familientradition. Aber wie sich heraus stellt, war alles ganz anders. Jetzt hat Oskar noch ein Problem – als ob alles nicht so schon schlimm genug wäre. Von der Leiche seines Vaters, die er jetzt an einem anderen Ort verstecken muss, gar nicht zu reden. Nein, Oskar ist wirklich nicht zu beneiden. Dafür aber Joel Spira, der mit dieser Rolle allen mal so richtig zeigen kann, was er drauf hat.

Doch, für eine Familienserie geht Blutsbande total in Ordnung. Von wegen unbeschwerte Kindheit und schöne Erinnerungen – in der pittoresken Landschaft, die an Astrid-Lindgren-Geschichten wie die Kinder aus Bullerbü oder Ferien auf Saltkrokan erinnert, haben sich schreckliche Dinge abgespielt, die alle Beteiligten am liebsten vergessen würden – aber Mama wollte ja angesichts ihres nahenden Todes unbedingt noch aufräumen. Ob das tatsächlich eine gute Idee war? Zwei Teile bleiben noch, um das herauszufinden.