Blutsbande: Idyllische Abgründe auf Åland

Derzeit läuft auf arte die schwedische Serie Blutsbande (Tjockare än vatten), die im vergangenen Jahr in Schweden sehr erfolgreich war. Das ist auch kein Wunder: Wie in jeder anständigen schwedischen Familienserie gibt es dunkle Geheimnisse und eine Menge komplizierter Verstrickungen – auch wenn es sich nicht ausdrücklich um eine Krimi-Serie handelt. Trotzdem geht es nicht ohne Leichen ab, wobei der Keller hier unter anderem ein nie fertig gebauter Swimmingpool ist. Und dann gibt es ja noch die vielen mehr oder weniger abgelegenen Buchten in der Ostsee.

Screenshot Blutsbande

Screenshot Blutsbande

Worum es geht: Die Waldemars betreiben seit mehreren Generation ein Gästehaus auf den Åland-Inseln. Diese Inselgruppe gehört zu dem weitläufigen Schärengebiet in der Ostsee zwischen Schweden und Finnland – formal gehören die Åland-Inseln zu Finnland, die Bevölkerung ist aber hauptsächlich schwedischsprachig. Politisch ist das Gebiet weitgehend autonom, es gibt eine eigene Flagge, eine eigene Regierung und so weiter – aber das alles spielt in der Serie ohnehin keine Rolle. Was schon wieder ein bisschen schade ist, denn Schären gibt es vor der schwedischen Küste jede Menge, so dass man sich schon fragt, warum gerade Åland?

Screenshot Blutsbande: Anna Lisa (Stina Ekblad)

Screenshot Blutsbande: Anna Lisa (Stina Ekblad)

Es wurde – so weit ich das mitbekommen habe – in den schwedischen Kritiken eben genau das bemängelt – nämlich, dass die für Åland typischen Eigenheiten gar nicht groß zur Geltung kommen würden und außerdem, dass so ziemlich alle Hauptfiguren keinen glaubwürdigen Åland-Dialekt sprächen, sondern die Stockholmer Mundart. Wobei man davon in der synchronisierten Fassung ja ohnehin nichts mitbekommt. Aber der richtige Dialekt scheint in Schweden wirklich wichtig zu sein, dass ist mir auch schon bei Kritiken zu anderen Filmen und Serien aufgefallen.

Screenshot Blutsbande: Dramatischer Auftakt

Screenshot Blutsbande: Dramatischer Auftakt

Mutter Anna Lisa (Stina Ekblad) betreibt das traditionsreiche, aber altmodische Etablissement, das unter anderem neue Farbe auf der verwitterten Fassaden vertragen könnte, gemeinsam mit dem jüngeren Sohn Oskar (Joel Spira) und dessen Frau Liv (Jessica Grabowsky). Deren gemeinsame siebzehnjährige Tochter Cecilia (Saga Sarkola) muss in der Saison auch kräftig mithelfen – ein Schicksal, das sie klaglos und ergeben zu akzeptieren scheint. Zum diesjährigen Eröffnungstag fordert die Mutter den älteren Sohn Lars (Björn Bengtsson) und die Tochter Jonna (Aliette Opheim) per Postkarte auf, bitte unbedingt zu erscheinen – es sei sehr wichtig.

Screenshot Blutsbande: Gasthaus Waldemar

Screenshot Blutsbande: Gasthaus Waldemar

Die beiden Geschwister sind schon seit langer Zeit nicht mehr in ihrem Elternhaus gewesen. Lars betreibt ein Restaurant in Stockholm und steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten, weil er sich von den falschen Leuten Geld geliehen hat. Jonna ist eine erfolgreiche Theaterschauspielerin in Nordschweden, die kurz davor steht, eine erste Hauptrolle in einem Spielfilm zu bekommen.

Lars kommt es also gerade ganz gelegen, ein paar Tage aus Stockholm verschwinden zu können – aber seine Tochter Kim (Molly Nutley) ist wenig begeistert. Sie will lieber zu ihrer Mutter nach Kopenhagen. Aber Lars kann (und will) ihr die Fahrt nicht bezahlen. Außerdem hat Mutter Anna Lisa ihm in weiser Voraussicht die Tickets für die Fähre nach Åland mit der Karte schon zugeschickt. Und auch Jonna macht sich auf den Weg, obwohl ihr das alles gerade gar nicht in den Kram passt.

Screenshot Blutsbande: Lasse (Björn Bengtsson)

Screenshot Blutsbande: Lasse (Björn Bengtsson)

So treffen kurz vor dem Eröffnungstag alle drei Geschwister in ihrem Elternhaus zusammen. Man kann schon ahnen, dass hiermit die kritische Masse für das Aufbrechen alter Konflikte locker erreicht ist. Aber es kommt noch schlimmer: Mutter Anna Lisa kündigt an, nacheinander mit jedem ihrer drei Kinder sprechen zu wollen – und sie tut das auch. Erst mit Oskar, dann mit Jonna und schließlich mit Lasse. Aber keines der drei Kinder wird schlau aus der jeweiligen Botschaft, die ihre Mutter mit wenigen Worten, dafür aber um so eindringlicher mitteilt. Nachdem die Mutter mit ihren drei erwachsenen Kindern gesprochen hat, steigt sie in ein Ruderboot, fährt auf die Ostsee hinaus und jagt sich eine Kugel in den Kopf.

Screenshot Blutsbande: Jonna (Aliette Opheim)

Screenshot Blutsbande: Jonna (Aliette Opheim)

Genau das wird zum Auftakt des ersten Teils schon angedeutet – ein einsames Boot auf grauen Ostseewogen unter einem grau bewölkten Himmel, an Bord eine ältere Frau in Strickjacke und akkurater weißer Bluse, die aus einer alten geblümten Keksdose einen Revolver nimmt und ihn lädt: Ein klassischer Auftakt für ein handfestes Familiendrama.

Für mich war damit gleich klar: Das muss ich weiter sehen. Mittlerweile sind 8 der insgesamt 10 Teile gelaufen und ich bin bislang nicht enttäuscht worden: Die Mutter hat ihren drei Kindern in ihrem Testament eine fast unlösbare Aufgabe gestellt: Sie müssen das Gästehaus Waldemar für die aktuelle Sommersaison gemeinsam betreiben – und zwar so, dass unter dem Strich ein Gewinn steht. Danach bekommen sie es als Erbe überschrieben und können damit tun, was ihnen beliebt. Aber wenn sie diese Bedingung nicht erfüllen, geht das Haus an eine gemeinnützige Stiftung.

Screenshot Blutsbande: Liv (Jessica Grabowsky) und  Oskar (Joel Spira)

Screenshot Blutsbande: Liv (Jessica Grabowsky) und Oskar (Joel Spira)

Natürlich ist vor allem Oskar empört – er hat sein bisheriges Leben ins Gästehaus seiner Eltern investiert, und nun hat seine Mutter ihn praktisch enterbt! Doch was auf den ersten Blick tatsächlich unglaublich ungerecht erscheint, bekommt im Laufe der Handlung eine andere Qualität. Denn einerseits ist Oskar tatsächlich der pflichtbewusste Sohn, der sein Leben dem Erhalt des Familienbetriebs verschrieben und auch für seine Mutter einiges auf sich genommen hat, wie im Laufe der Serie zu erfahren sein wird. Andererseits stellt sich auch heraus, dass er seine derzeitige Existenz auf einer Lüge aufgebaut hat.

Screenshot: Die Familie vor dem Gästehaus

Screenshot: Die Familie vor dem Gästehaus

Oskar ist auf jeden Fall derjenige, der von den drei Geschwistern am erbittertsten um sein Erbe und seine künftige Existenz kämpfen muss – denn sowohl Lasse, als auch Jonna haben sich ja wo anders etwas eigenes aufgebaut. Wobei Lasse gerade dabei ist, seine Existenz in Stockholm zu verlieren und somit relativ schnell überzeugt werden kann, den Sommer auf Åland zu verbringen. Jonna dagegen hat definitiv andere Pläne – doch wie zu erwarten ist, bleibt schließlich auch sie. Erstmal. Mehr oder weniger.

Bemerkenswert fand ich bisher vor allem Joel Spira als Oskar Waldemar – Joel Kinnaman ist tatsächlich nicht der einzige Joel aus Schweden, der ein fantastischer Schauspieler ist. Joel Spira hatte seinen ersten größeren Filmauftritt ausgerechnet als Nippe in Snabba Cash – neben Joel Kinnaman als Johan Westlund. Das ist schon ein bisschen ungerecht, denn die Rolle von Johan ist natürlich das ganz große Los gewesen – aber Joel Spira als Nippe war nun wirklich auch nicht schlecht.

Screenshot Blutsbande: Familienessen bei den Waldemars

Screenshot Blutsbande: Familienessen bei den Waldemars: Lasse Oskar und Jonna

Nippe ist derjenige, der seinen ehrgeizigen Freund Johan in die Welt der Stockholmer Elite einführt. Einer von den reichen Jungs, die so sind, wie Johan gern werden möchte. Aber Nippe ist eben auch ein Arschloch: Er benutzt Johan, wo der ihn weiterbringen kann, und lässt ihn im Stich, als er wirklich seine Hilfe braucht. In Snabba Cash II zieht Nippe den armen Johan gnadenlos über den Tisch, in dem er ein von Johan im Gefängnis entwickeltes Computer-Trading-System als eigenes Produkt verkauft. Der Showdown zwischen Nippe und Johan ist eine der besten Szenen in Snabba Cash II. Aber eben auch die letzte für Nippe, den ollen Verräter.

Screenshot Blutsbande: Oskar (Joel Spira)

Screenshot Blutsbande: Oskar (Joel Spira)

Und wie sich bald herausstellt, ist auch Oskar Waldemar kein so guter Junge, wie man auf den ersten Blick meinen möchte. Aber eben auch kein schlechter. Er war halt immer nur die zweite Wahl – als Sohn und als Mann. Sein cooler, aber wenig pflichtbewusster großer Bruder und seine schöne kleine Schwester haben einfach ihr Ding durchgezogen – Oskar dagegen ist zuhause geblieben, hat seine Eltern ertragen und den Laden geschmissen. Er liebt seine Liv wirklich sehr – wobei aber immer alles grandios schief läuft, wenn er sich besondere Mühe gibt, ihr zu zeigen, was er für sie empfindet.

Blutsbande: Die Beerdigung.  Bild via svenska.yle.fi

Blutsbande: Auch bei der Beerdigung gibt es Streit.
Bild via svenska.yle.fi

Denn eigentlich war sie einmal die Freundin seines großen Bruders Lasse. Von dem sie glaubte, dass er sie verlassen hat. Deshalb hat sie Oskar erhört und ist seine Frau geworden, und damit auch eine zuverlässige Stütze der Waldemarschen Familientradition. Aber wie sich heraus stellt, war alles ganz anders. Jetzt hat Oskar noch ein Problem – als ob alles nicht so schon schlimm genug wäre. Von der Leiche seines Vaters, die er jetzt an einem anderen Ort verstecken muss, gar nicht zu reden. Nein, Oskar ist wirklich nicht zu beneiden. Dafür aber Joel Spira, der mit dieser Rolle allen mal so richtig zeigen kann, was er drauf hat.

Doch, für eine Familienserie geht Blutsbande total in Ordnung. Von wegen unbeschwerte Kindheit und schöne Erinnerungen – in der pittoresken Landschaft, die an Astrid-Lindgren-Geschichten wie die Kinder aus Bullerbü oder Ferien auf Saltkrokan erinnert, haben sich schreckliche Dinge abgespielt, die alle Beteiligten am liebsten vergessen würden – aber Mama wollte ja angesichts ihres nahenden Todes unbedingt noch aufräumen. Ob das tatsächlich eine gute Idee war? Zwei Teile bleiben noch, um das herauszufinden.

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