Fortitude – Nordic Noir auf Britisch

Ein freundlicher Leser meines Blogs wies mich vor kurzer Zeit auf die Serie Fortitude hin. Und weil ich diesen Krimi-Mehrteiler ohnehin schon auf meiner Wunschliste vermerkt hatte, war das ein willkommener Anlass, einmal hinein zu sehen. Natürlich ist es beim Hineinsehen nicht geblieben!

Allein schon die ersten Bilder, diese seltsame schwarzweiße Eislandschaft von Spitzbergen! Okay, man sieht eigentlich einen der schwarzen Lavastrände von Island, denn dort wurde die Serie gedreht, aber für Fortitude soll es das arktische Spitzbergen sein. Und das ist es auch total überzeugend: Eisblöcke auf schwarzem Sand, Eisblöcke in den grauen Wogen, ein alter Mann in weißem Tarnanzug, der erst mit dem Teleobjektiv seiner Kamera, dann mit dem Gewehr auf einen Eisbär zielt – wie wir später erfahren handelt es sich um den berühmten Fotografen Henry Tyson (gespielt von Dumbledore-Darsteller Michael Gambon), der sich mit Bildbänden über Eisbären einen Namen gemacht hat. Aber er erschießt nicht den Eisbären, sondern dem Mann in den Kopf, der gerade von dem hungrigen Raubtier zerfleischt wird.

Screenshot Fortitude

Screenshot Fortitude: Henry Tyson (Michael Gambon)

Während man sich fragt, ob das ein Versehen oder Absicht war, taucht ein Polizist in norwegischer Uniform auf, der Henry zuruft, dass er verschwinden solle, er selbst werde ab hier übernehmen. Auch wenn erstmal vieles rätselhaft bleibt, ist eins doch klar: Hier beginnt ein Nordic Noir der Sonderklasse. Es wird kalt, hart und blutig.

Nur dass es sich gar nicht um eine skandinavische, sondern um eine britische Produktion handelt – aber es sind natürlich auch skandinavische Partner mit im Boot. Fortitude ist ein Gemeinschaftsprodukt für Sky Atlantic, das sich in letzter Zeit durchaus als Brutstätte für interessante Serienprojekte entpuppt. Weiterhin bemerkenswert: Autor der Serie ist Simone Donald, der die Cop-Serie Low Winter Sun geschrieben hat. Die Regie führt Sam Miller, der auch Regisseur von Luther war. DCI John Luther ist einer der eigenwilligsten unter den zahlreichen eigenwilligen Ermittlern auf den britischen Inseln, auch eine ganz grandiose Serie nebenbei. Aber jetzt geht es um Fortitude. Das ist es also, was dabei herauskommt, wenn britische Krimi-Serien-Profis eine düstere skandinavischen Thriller-Serie machen. Und das ist echt nicht schlecht. Auch wenn Anleihen aus anderen Projekten unübersehbar sind.

Screenshot Fortitude: Dan Andersen (Richard Dormer)

Screenshot Fortitude: Dan Andersen (Richard Dormer)

In diesem Fall handelt sich es allerdings weniger um eine Polizei-Serie wie Kommissarin Lund, an die man unweigerlich denken muss, wenn man Governor Hildur Odegard sieht, die von Sofie Gråbøl gespielt wird. Sofie Gråbøl überzeugte schon als überaus hartnäckige Ermittlerin Sarah Lund, die nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre Karriere bei der dänischen Polizei ruinierte, um einen Mordfall aufzuklären. Es ist aber auch keine Charakterstudie wie Luther, der in London immer wieder mit dem Gesetz und seinem Gewissen in Konflikt kommt, um abartigen Tätern das Handwerk zu legen. Obwohl der später aus London eingeflogene DCI Morton (Stanley Tucci) ebenfalls sehr eigene Methoden hat. Wie wir erfahren, ist Eugene Morton gar kein nativer Brite, sondern ein ehemaliger FBI-Agent – er sollte einst in Schottland den Lockerbie-Anschlag untersuchen und ist offenbar dort hängen geblieben.

Screenshot Fortitude: Governor Hildur Odegard (Sofie Gråbøl)

Screenshot Fortitude: Governor Hildur Odegard (Sofie Gråbøl)

Einige Motive erinnern mich auch sehr an Fräulein Smillas Gespür für Schnee – ein grandioser dänischer Forensik-Thriller über eine halb dänische, halb grönländische Eis-Expertin, die anhand ihrer sehr speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten den Todesfall eines kleinen Jungen aufklärt, der in Kopenhagen angeblich beim Spielen von einem Dach gefallen ist – die Lösung des überaus komplizierten Falls liegt in einem grönländischen Gletscher. Auch in Fortitude gibt es beeindruckende Gletscher und mysteriöse Funde im ewigen Eis.

Es fallen mit der Zeit auch Anleihen von Wissenschafts-Schockern wie Helix auf: Die beiden jungen Forscher Natalie Yelburton (Sienna Guillory) und Vincent Rattrey (Luke Treadaway) sind kaum weniger engagiert als ihre Kollegen aus dem medizinischen Hochsicherheitslabor in der Antarktis, in dem die erste Staffel von Helix spielt, nur sind sie schlechter ausgerüstet und überhaupt nicht auf das vorbereitet, was sie hier erwartet. Denn sie arbeiten schließlich weder für die Pharma-Mafia, noch für die US-Seuchenschutzbehörde, sondern sind harmlose Nachwuchs-Biologen, die eigentlich mit ihrem Professor Charlie Stoddart an schädlichen Umweltfaktoren für die arktische Tierwelt forschen wollten – was aber auch schon brisant genug ist.

Screenshot Fortitude: Natalie Yelburton (Sienna Guillory) und Vincent Rattrey (Luke Treadaway)

Screenshot Fortitude: Natalie Yelburton (Sienna Guillory) und Vincent Rattrey (Luke Treadaway)

Der Professor wird aber bald auf schreckliche Weise ermordet – und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Bald müssen Natalie und Vincent ganz andere Dinge als Rentier- oder Eisbärkadaver in ihrem Labor untersuchen. Spitzbergen hat keine für Mordfälle ausgerüstete Forensik-Abteilung und ist vom norwegischen Festland aus ziemlich abgelegen. Und die norwegische Regierung lässt Governor Odegard deutlich spüren, dass sie gerade ganz andere Probleme hat, als sich um ein paar Hundert Leute zu kümmern, die sich im arktischen Meer an einem verschneiten Felsen klammern. Also müssen die Leute vor Ort improvisieren.

Und Hildur Odegard dämmert allmählich, dass sie selbst inzwischen auch ganz andere Probleme hat als ihr persönliches Lieblingsprojekt voranzubringen, nämlich ein Hotel in das Eis des örtlichen Gletschers fräsen zu lassen, um Touristen auf die Insel zu locken, wenn die Minen, die derzeit noch Arbeit und damit Einkommen garantieren, in absehbarer Zeit erschöpft sein werden.

Screenshot Fortitude: Natalie und Vincent bewundern das Polarlicht

Screenshot Fortitude: Natalie und Vincent bewundern das Polarlicht

Ja, die Zeiten ändern sich, und das erschreckend schnell: Bisher war Kriminalität auf Spitzbergen kein Problem. Fortitude mit seinen knapp 800 Einwohnern ist normalerweise ein Ort, an dem Verbrechen gleich welcher Art weitgehend unbekannt sind. Eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt man auf Spitzbergen nur, wenn man ein Dach über dem Kopf nachweisen kann und die Leute, die dort arbeiten, bekommen überdurchschnittliche Löhne. Also sind alle vergleichsweise reich und glücklich, wie der örtliche Sheriff Dan Andersen einem Neuling erklärt. Das bedeutet, dass niemand ein Motiv hat, irgendwem etwas zu stehlen oder gar jemanden umzubringen. Auch für das Problem des speziellen menschlichen Miteinanders, also Sex, gibt es eine unkomplizierte Lösung: „Halten Sie nach Windspielen Ausschau…“

Screenshot Fortitude: Professor Stoddart (Christopher Eccleson)

Screenshot Fortitude: Professor Stoddart (Christopher Eccleson)

Natürlich kommen Mann und Frau sich näher, wenn es draußen kalt ist. Und auf Spitzbergen ist es eigentlich immer kalt. Wer will da so genau hinsehen, wessen Frau sich bei wessen Mann aufwärmt. „Ob ich eine Affäre mit ihm hatte?!“ fragt die junge Forscherin ungläubig als sie von der Polizei nach ihrer Beziehung zu einem verdächtigen Minenarbeiter befragt wird. „Das war doch keine Affäre! Wir sind hier auf Spitzbergen!“ Und wer will so einen Kerl schon von der Bettkante schubsen?! Sex na klar, aber eine Affäre?! So mit Emotion und Trallala? Da lacht ja der Eisbär!

Überhaupt die Eisbären. Weil es Eisbären auf Spitzbergen gibt, muss jeder Einwohner zur Selbstverteidigung stets ein Gewehr mit sich führen, wenn er oder sie die sichere Siedlung verlässt, auch Kinder sind da nicht ausgenommen. Und Sheriff Dan Anderson achtet darauf, dass diese Regel befolgt wird – seit dem dieser bedauernswerte Billy Pettygrew von dem Eisbären zerfetzt wurde, will er keine weiteren Verluste durch die großen weißen Landraubtiere riskieren.

Screenshot Fortitude: Rettungsflieger Frank Sutter (Nicholas Pinnock) und Sheriff Dan im Einsatz

Screenshot Fortitude: Frank (Nicholas Pinnock) und Dan im Einsatz

Auch sonst gibt es einige merkwürdige Gesetze auf Spitzbergen – so darf man dort nicht sterben. Denn die Leichen verwesen im Permafrost nicht. Auf Spitzbergen liegen noch Leichen mit der Pest im Leib oder mit Schlimmerem. Deshalb hat der örtliche Friedhof schon vor Jahrzehnten einen Aufnahmestopp verhängt und die Regierung entsprechend verfügt, dass alle sterbenskranken Menschen zum norwegischen Festland (oder sonst wohin) gebracht werden müssen, um den restlichen Bewohnern weitere Komplikationen zu ersparen. Aber der sterbenskranke Henry will unbedingt auf Spitzbergen bleiben – und Sheriff Andersen lässt ihn in Ruhe. Gibt es am Ende noch mehr als das dunkle Geheimnis um den Tod von Billy Pettygrew, das die beiden teilen?

Aus dem rotblonden Sheriff Andersen (gespielt vom Nordiren Richard Dormer) wird man nicht schlau – einerseits scheint er extrem besorgt und kümmert sich vorbildlich um seine Leute, andererseits engagiert er sich vielleicht ein wenig zu sehr, etwa für die mysteriöse Elena, die eine verhängnisvolle Affäre mit dem Rettungsflieger Frank Sutter hat, dessen kleiner Sohn an einer rätselhaften Krankheit leidet. Die möglicherweise mit den rätselhaften und äußerst grausamen Mordfällen zu tun hat, die plötzlich in Fortitude geschehen.

Screenshot Fortitude

Screenshot Fortitude

Die scheinbare Harmonie der Einwohner schlägt zunehmend in Aggression um, plötzlich ist nichts mehr so wie es war. Der bisherige Zusammenhalt der Menschen in Fortidude wird auf eine harte Probe gestellt. Der Ort, an dem die Polizei bisher höchstens mal eine Prügelei zwischen betrunkenen Bergarbeitern schlichten musste, sieht sich mit einer beispiellosen Verbrechensserie konfrontiert, die immer weitere Kreise zieht: Familien brechen auseinander, Karrieren werden ruiniert und auch das ehrgeizige Tourismus-Projekt der smarten Gouverneurin steht auf der Kippe – und es kommt alles immer noch schlimmer. Fortitude ist jedenfalls keine Krimi-Einheitskost, sondern ein Höhepunkt sowohl für Freunde des Nordic Noir als auch des britischen Understatements – wobei mir persönlich zum Teil zu sehr auf gruselige Schockelemente und zu wenig auf subtile Verweise gesetzt wird.

Screenshot Fortitude: Hildur weiß, dass ihr Mann Erik (Björn Hlynur Haraldsson) sie belügt...

Screenshot Fortitude: Hildur weiß, dass ihr Mann Erik (Björn Hlynur Haraldsson) sie belügt…

Insgesamt finde ich die Serie optisch und atmosphärisch aber doch sehr überzeugend – die bizarre Landschaft, der Schnee, die Dunkelheit – das Leben in der Arktis ist eine Herausforderung, das spürt man sehr deutlich. Um so wichtiger, dass sich die Menschen in ihren Behausungen wohl fühlen – und auch die öffentlichen Räume auf Spitzbergen sind offenbar sehr liebevoll gestaltet – wo hat man sonst schon mit Edelhölzern getäfelte Verhörzimmer gesehen? Fortitude nimmt einen mit in eine andere, zum Teil sehr fremde Welt – und konfrontiert einen gleichzeitig mit den allgemein bekannten menschlichen und allzumenschlichen Problemen. Großartig.

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