Anno 1790: Historisches Serien-Hightlight aus Schweden

Mit historischen Stoffen ist das immer so eine Sache – eigentlich sehe ich mir so etwas ganz gern an. Die verflossene Pracht, aber auch Kargheit vergangener Zeiten kann faszinieren, ob das nun die harte und blutige Welt der Wikinger in Vikings ist, der nicht weniger brutale und blutige wilde Westen in Deadwood oder die Jugendstil-Dekadenz von Downton Abbey. Natürlich braucht man dann noch eine gute Geschichte, denn die Ausstattung allein tut es nicht – was ja leider das Problem mit Verfilmungen dieser Art im deutschen Fernsehen ist. Da ist die Ausstattung oft fantastisch, aber die Geschichte dazu mehr als dürftig.

Anno 1790 - Bild via kulturdelen.com

Anno 1790 – Bild via kulturdelen.com

Seit dem großartigen Mehrteiler Heimat aus den frühen 80ern fällt mir spontan nichts wirklich Gutes in dieser Richtung mehr ein. Dabei gäbe es doch historische Stoffe ohne Ende, wie beispielsweise die schwedische Serie Anno 1790 aus dem Jahr 2011 zeigt. Das ist eine in jeder Beziehung gelungene Qualitätsproduktion des SVT – ich wünschte, unsere Öffentlich-rechtlichen bekämen wenigstens ab und zu Ähnliches auf die Reihe. Man muss schon ziemlich weit zurück gehen, um vergleichbare Perlen zu finden, wobei es durchaus welche gibt, etwa der historische Mehrteiler Der Winter, der ein Sommer war, den der hessische Rundfunk 1976 produziert hat.

Ich bin auf Anno 1790 gekommen, weil mir Blutsbande gut gefallen hat, insbesondere Joel Spira als Oskar Waldemar – und in Anno 1790 spielt er Simon Freund, den Freund und Gehilfen von Johan Gustav Dåådh, der wiederum von Peter Eggers dargestellt wird. Wieder ein Schwede, den ich mir unbedingt merken muss – anders als Arn, der Kreuzritter ist der Cast von Anno 1790 nicht mit inzwischen international bekannten schwedischen Filmstars gespickt. Was aber gar nicht schlimm ist, denn Anno 1970 ist durchweg toll besetzt. In Schweden gibt es offenbar noch eine ganze Reihe weiterer guter Schauspieler.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Leider gibt es die Serie derzeit nur in der schwedischen Originalfassung auf DVD – mit grafisch schlecht aufbereiteten englischen Untertiteln, was die Sache dann etwas anstrengend macht. Ich kann nur hoffen, dass arte bald auf die Idee kommt, dieses Serien-Juwel unbedingt ausstrahlen zu müssen – es wäre ganz hervorragend für den Serien-Donnerstagabend geeignet.

Denn im Jahre 1790 war schließlich schwer was los in Europa: Aufklärung kontra Standesdenken, Glaube gegen Gedankenfreiheit – in Paris hatte das Volk die Bastille gestürmt und die Monarchie gestürzt. Auch wenn vieles nicht gut lief mit der französischen Revolution, so hatte sie doch gezeigt, dass das gemeine Volk eine Macht ist, mit der man rechnen muss: Die gefährliche Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ging um in Europa.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Und sie gelangt auch nach Schweden – allerdings wird sie dort von der Obrigkeit nach Kräften unterdrückt. Alle Menschen sollen gleich sein – wo kämen wir denn da hin?! Und am Ende kommen dann auch noch die Frauen an und wollen die gleichen Rechte wie die Männer – das wäre ja nun eindeutig gegen die von Gott gewollte Ordnung. Und der Mensch hat sich nun mal in erster Linie an das zu halten, was Gott und dem König gefällt.

Die Serie beginnt mit dem Ende eines der vielen schwedisch-russische Kriege – der Chirurg Johan Gustav Dåådh hat als Feldarzt zahlreichen Soldaten in diesem für beide Seiten weitgehend nutzlosen Krieg das Leben gerettet und will sich eigentlich auf den Weg nach Göteborg machen, als er auf den letzten Drücker noch ein paar Verletzte zusammenflicken muss. Unter ihnen ist Simon Freund, der Dåådh das Versprechen abringt, ihn zurück nach Stockholm zur Familie Wahlstedt zu bringen. Dåådh lässt sich darauf ein und liefert den genesenden Freund in Stockholm ab. In der Hauptstadt gerät er wegen seiner medizinischen Kenntnisse in eine Morduntersuchung – denn Carl Fredrik Wahlstedt ist der Polizeichef von Stockholm und hat gerade den für sein Quartier zuständigen Inspektor verloren. Weil Doktor Dåådh ganz offensichtlich ein vernünftiger Mensch ist, dazu auch noch gebildet, intelligent und gut erzogen, bietet Wahlstedt ihm kurzerhand den Job als Quartiers-Inspektor an.

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Durch seine medizinischen Kenntnisse ist Dåådh tatsächlich in der Lage, scheinbar rätselhafte Todesfälle kompetent aufzuklären. Aber Dåådh ist nicht nur ein für seine Zeit sehr guter Arzt mit vielseitigen wissenschaftlichen Interessen, sondern auch Republikaner, der für die Ziele der französischen Revolution viel Sympathie empfindet. Überhaupt ist er ein Rationalist, der wenig für den christlichen Glauben und das Branntweintrinken übrig hat. Ganz im Gegensatz zu Simon Freund, der eigentlich Hauslehrer bei der hochangesehenen und einflussreichen Familie Wahlstedt ist.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Dåådh wird nun in eine Welt aufgenommen, die gar nicht die seine ist, aber als intelligenter und vernünftiger Mensch macht er das beste daraus. Natürlich spielt die schöne Frau Wahlstedt (Linda Zilliacus) bei seiner Entscheidung, den Job als Quartiers-Inspektor anzunehmen, eine nicht unwesentliche Rolle – auch von Anfang an wenn klar ist, dass diese Schwärmerei niemals Erfüllung finden wird. Dåådh lässt sich überzeugen, dass er in seiner neuen Position Gutes bewirken kann, auch wenn er eigentlich nicht für das Regime arbeiten will, das er als überkommen ablehnt.

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Genauso wie Freund, der als Pietist einem Glauben anhängt, der gerade nicht en vogue ist, sondern verfolgt und unterdrückt wird, begreift, dass er von Dåådh eine Menge lernen kann. Natürlich will er seinem Retter auch etwas zurück geben, also ist er ihm in vielen Dingen behilflich, auch wenn ihn das immer wieder in Gewissenskonflikte bringt. Zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern entwickelt sich eine eigenwillige, aber tiefe Freundschaft, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. So will Dåådh Freund das Trinken abgewöhnen, was dem gar nicht gefällt. Dafür missbilligt Freund die unsittliche Lebenseinstellung von Dåådh, der nicht nur revolutionärem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, sondern auch eine schöne französische Revolutionärin nicht abweist, die der Ansicht ist, dass sie als Frau das Recht hat, sich einen Liebhaber zu wählen. Keine Frage, den feschen Dåådh würde so manche Frau gern in ihrem Bett haben. Aber alles in allem ist Dåådh natürlich ein Ehrenmann, der einer Frau nicht zu nahe tritt, wenn sie das nicht wünscht – gleiches Recht für alle.

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Im Grunde haben wir hier eine schwedische Sherlock-und-Dr. Watson-Variante – und zwar eine, die sehr gut funktioniert. Dåådh ist zwar intellektuell und technologisch auf der Höhe der Zeit – so besitzt er neben seinem medizinischen Gerät auch ein sehr nützliches Fernglas, aber er ist weder so egozentrisch, noch so arrogant wie Sherlock Holmes. Und Simon Freund ist kein Doktor, sondern ein sehr korrekter und etwas mürrischer Kerl mit erstaunlich vielen Talenten. Sein Schicksal ist es, ewig in der zweiten Reihe zu stehen – während Dåådh dank seiner neuen Position zu den Abendgesellschaften der höheren Kreise eingeladen wird, muss der arme Freund draußen auf ihn warten. Obwohl er die Wahlstedts doch schon viel länger kennt.

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Was mir an Anno 1790 besonders gefällt ist, dass es eben nicht nur wieder eine Krimiserie ist, die zur Abwechslung mal in historischem Gewand daher kommt. Es geht zwar auch um die Aufklärung von Verbrechen, aber Anno 1790 bietet sehr viel mehr. Es wird mit viel Aufwand und Liebe zum Detail ein sehr lebendiges Bild dieser Umbruchzeit vermittelt, die einerseits so unendlich weit zurückzuliegen scheint und andererseits die auch heute bekannten typisch menschlichen Probleme beschreibt.

Die meisten Menschen mussten damals unter einfachsten Bedingungen leben und waren schutzlos der Willkür der Herrschenden ausgeliefert – so wird gleich am Anfang ein armer Knirps, der auf dem Markt einen Apfel geklaut hat, in den Kerker geworfen. Dåådhs grausamer Vorgänger lässt den Jungen auspeitschen, um einen anderen Gefangenen zum Reden zu bringen. Dabei hat selbst zu jener Zeit der schwedische König die Folter als Instrument der Wahrheitsfindung schon verboten. Aber wie man inzwischen weiß, befleißigt sich ausgerechnet der Geheimdienst der freiheitlichsten Nation unserer Erde noch immer ähnlicher Methoden, aber das nur am Rande.

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Dåådh jedenfalls ist kein Freund von Gewalt und versucht deshalb, das System durch seine Arbeit von innen her zu verändern. Obwohl seine Verhör-Methoden bei den Folterknechten alter Schule auf Befremden stoßen. Aber Dåådh geht es nicht darum, einfach einen Schuldigen zu finden, was wesentlich effektiver wäre, denn wenn man einen armen Wicht nur lange genug bedroht, gibt er irgendwann alles zu. Dåådh dagegen will wirklich verstehen, was passiert ist. Das irritiert die alte Garde.

Gleichzeitig wollen seine früheren Freunde aus den klandestinen Freidenker-Zirkeln ihrerseits nicht verstehen, warum Dåådh jetzt auf der anderen Seite steht – schließlich arbeitet er jetzt für die alten Mächte, die sie stürzen wollen. Natürlich ergibt sich daraus noch eine Menge Konfliktpotenzial. Denn der gemäßigte Dåådh setzt nicht auf den blutigen Umsturz, sondern auf Aufklärung und Bildung.

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Aber sonst geht es ziemlich zur Sache, Dåådh hat eine Menge Verbrechen aufzuklären. Es gibt politische Morde, Morde aus Habgier und Eifersucht, es gibt windige Scharlatane, die ihren Opfern unter Hypnose Geheimnisse entlocken, um sie später zu berauben, es gibt arme, elternlose Kinder, die erst für krumme Geschäfte missbraucht und dann tot auf den Misthaufen geworfen werden, es gibt Pfaffen, die ihre Schützlinge missbrauchen und ihnen dann wegen angeblicher Gewissensbisse die versprochene Belohnung vorenthalten und verzweifelte Mädchen, die sich nach einer Vergewaltigung umbringen wollen, weil sie ja niemandem erklären können, warum sie schwanger sind. Und natürlich gibt es auch den brutalen Säufer, der seine Familie drangsaliert, bis sie ihn irgendwann quasi in Notwehr beiseite schafft.

Ja, das waren schlimme Zeiten – und besonders erschreckend ist, wie wenig sich letztlich geändert hat. Global gesehen. Nicht nur, dass Habgier und Eifersucht nicht auszurotten sind. Vor allem gibt noch immer Mädchen, auf die Attentate verübt werden, nur weil sie in die Schule gehen wollen. Und auch hierzulande nimmt die Ungleichheit nicht ab, sondern weiter zu. Es gibt wenige sehr Reiche und immer mehr Arme. Gerichtsurteile noch immer nach dem Geldbeutel des Angeklagten gefällt: Das mehrfache Klauen von einem Stück Käse oder einer Tafel Schokolade im Supermarkt wird ähnlich hart bestraft wie Hinterziehung von Millionen an Steuergeldern. Hierzulande müssen Frauen nicht mehr ihr Leben für eine Abtreibung riskieren – aber wo anders auf der Welt sterben weiterhin viele Frauen im Kindbett oder an einer Abtreibung, weil entweder das Geld für eine vernünftige medizinischen Versorgung fehlt oder weil die Gesellschaft noch immer frauen- (und damit menschenfeindlich) ist. Seit dem Jahr 1790 hat sich in dieser Hinsicht erschreckend wenig getan.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Gut, das geht jetzt weit über diese Serie hinaus – aber genau das ist es, was ich so gut daran finde. Dass in Laufe der Handlung all diese Fragen aufgeworfen werden. Anno 1790 ist nicht explizit politisch. Es werden einfach Dinge gezeigt, die zu der Zeit so stattgefunden haben könnten. Aber genau weil wir heute vergleichen können, was sich inzwischen geändert hat und was nicht, ist es so ernüchternd. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was haben Revolution und Aufklärung tatsächlich gebracht?

Okay, Freiheit ist inzwischen durchgesetzt: Die meisten Menschen sind frei, und zwar von allem, was sie zum Leben brauchen. Gleich sind die Menschen theoretisch vor dem Gesetz, praktisch sind die Reichen aber gleicher, und das in jeder Hinsicht: Sie haben tatsächlich, was sie zum Leben brauchen. Damit sind wenigstens sie frei, zu tun was ihnen beliebt. Und Brüderlichkeit? Oder gender-konformer: Geschwisterlichkeit? Nix da. Nicht nur, dass jeden Tag mehr Menschen im Mittelmeer ersaufen, auch innerhalb der Festung Europa ist Solidarität Mangelware.

Anno 1790 - bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Anno 1790 – bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Insofern sind Dåådh und seine Freunde trotz ihrer oft harten Lebensumstände wirklich zu beneiden – sie konnten wenigstens noch daran glauben, dass sich die Gesellschaft mit mehr Aufklärung, Bildung und Demokratie tatsächlich zum Besseren wandeln würde. Heute erleben wir, wie die Errungenschaften von mehr als zweihundert Jahren oft blutigem Kampf um bessere Lebensbedingungen fürs Volk von den Herrschenden einfach wieder zusammengetreten werden.

Hauptdarsteller Peter Eggers über Anno 1790 (auf Englisch)

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