Mr. Robot: Hacker-Serie mit viel Potenzial

Eine Fernseh-Serie, auf die ich mich in diesem Sommer wahnsinnig freue ist Mr. Robot. Es handelt sich dabei um eine Serie über Hacker, von der das Magazin Wired behauptet, dass es endlich einmal eine Serie über diese eigenartige Spezies sei, die nicht völlig peinlich ist. Ich habe mir die Pilotfolge inzwischen mehrfach angesehen und finde, dass der Wired-Rezensent völlig recht hat. Jedenfalls kann ich kaum erwarten, wie es mit Mr. Robot weiter geht – und heute Abend ist es so weit!!!

Aber leider nur beim US-Kabelfernsehbetreiber USA Network. Hoffentlich erbarmt sich bald einer der hiesigen Fernseh- oder Streaming-Anbieter, Mr. Robot ins Programm zu nehmen. Denn das ist wirklich guter Stoff.

Screenshot Mr. Robot - Elliot (Rami Malek) leidet an diesen Traurigkeitsanfällen

Screenshot Mr. Robot – Elliot (Rami Malek) leidet an diesen Traurigkeitsanfällen

Elliot (oh diese unglaublichen Augen von Rami Malek…) ist ein sympathisch gestörter Hacker, der versucht, irgendwie normal zu sein. Er weiß sehr genau, dass er es nicht ist, aber kann er ganz gut so tun, als ob. Denn er weiß verdammt gut Bescheid über die Leute, mit denen er zu tun hat, weil er sich so ziemlich jede Information, die es im Internet über jemanden gibt, beschaffen kann. Elliot ist ein Computerfreak, ein Hacker, ein Besessener, einer, der lieber mit Computern als mit Menschen interagiert.

Screenshot Mr. Robot - aber er hat ein Mittel dagegen gefunden

Screenshot Mr. Robot – aber er hat ein Mittel dagegen gefunden


Das heißt aber nicht, dass er Menschen nicht mag. Im Gegenteil – er zwar Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion und hasst es, angefasst zu werden, aber er ist ein großer Menschenfreund. Er findet, dass vieles in dieser Gesellschaft wirklich schlecht läuft und würde das gerne ändern. Er träumt gelegentlich davon, die Welt zu retten – aber weil er weiß, dass das eine schier unlösbare Aufgabe ist, beschränkt er sich darauf, die Menschen zu retten, an denen ihm etwas liegt. Etwa seine Freundin Angela aus Kindertagen, die ihm offenbar aus alter Freundschaft einen vernünftigen Job bei der IT-Security-Firma Allsafe verschafft hat. Wenn Angela ihn braucht, ist er zur Stelle. Und als Zugabe schnüffelt er auch ihrem neuen Arschloch-Freund hinterher – der Kerl gefällt ihm nicht. Und siehe da – der Blödmann hat Angela auch schon mehrfach betrogen.

Screenshot Mr. Robot: Angela (Portia Doubleday) und Gideon (Michael Gill)

Screenshot Mr. Robot: Angela (Portia Doubleday) und Gideon (Michael Gill)

Elliot mag auch seine Therapeutin Krista. Er ist zwar nicht freiwillig zur Therapie gegangen – er kommt mit sich selbst eigentlich ganz gut klar. Er tut es aber den anderen zuliebe, die finden, dass er an seiner Sozialphobie arbeiten sollte. Er will es selbst ja auch, irgendwie. Und er findet schnell heraus, dass die freundliche Krista nach einer schmerzhaften Trennung auf der Suche nach einem neuen Partner ist – und gerade dabei, auf einen notorischen Lügner und Fremdgeher herein zu fallen. Natürlich muss Elliot auch hier intervenieren.

Und er arbeitet sogar ganz ernsthaft an seiner Therapie: So hat er sich selbst verordnet, den Betreiber eines Kinder-Porno-Netzwerks persönlich aufzusuchen (er selbst verwendet den Ausdruck AFK – away from keybord), um ihm zu sagen, dass er ihm das Handwerk legen wird. Der Mann missversteht ihn zunächst und denkt, es ginge Elliot um Geld – doch der erklärt ihm, dass er an Geld nicht interessiert sei. Er verstehe ja, dass es Leute gibt, die anders seien – so wie er selbst. Deshalb würde er ihn ja treffen, denn mit einem wie ihm könne er reden. Und der WLAN-Anschluss in seinem Café, der sei ja auch wirklich super. Aber eine Gigabit-Glasfaser-Anbindung für einem Hotspot in einem Café? Das habe ihn neugierig gemacht. So habe er ja auch das Netzwerk dahinter entdeckt. Aber das mit den Kindern finde er halt nicht in Ordnung, deshalb habe er die Polizei verständigt. Jetzt will dieser Ron ihm Geld aufdrängen, aber Elliot geht in aller Ruhe, während die Polizeisirenen schrillen und der Laden auseinander genommen wird.

Screenshot Mr. Robot: Mr. Robot (Christian Slater) und Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Mr. Robot (Christian Slater) und Elliot (Rami Malek)

Elliot leidet gelegentlich auch unter furchtbaren Traurigkeitsanfällen, bei denen er sich fragt, was normale Menschen eigentlich machen, wenn sie dermaßen traurig werden. Er selbst nimmt Morphin dagegen. Aber er hat sich bei dem Konsum eine Grenze gesetzt, denn er will ja kein Junkie werden… trotzdem stellt er fest, dass seine Entscheidungen unter Umständen nicht so gut sind, wenn er auf Morphin ist.

Und dann kommt der verzweifelte Anruf von Angela – es gibt einen verheerenden Angriff auf einen wichtigen Kunden, ach was, auf den wichtigsten Kunden von Allsafe, den Weltkonzern Evil Corps. Genau das sollte Allsafe eigentlich verhindern. Elliott schnappt sich seinen Laptop und eilt zur Firma – weil er gerade in privater Mission unterwegs war, dauert es etwas länger.

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Der Angriff entpuppt sich als wirklich harte Nuss – Elliot und sein Chef müssen im Firmenjet zum nächsten Rechenzentrum von Allsafe fliegen, um die Sache in den Griff zu kriegen, aber der intelligente Elliot kriegt das am Ende natürlich irgendwie hin. Und als er sich den letzten infizierten Server anschaut, sucht er nach der Signatur des Angreifers und wird prompt fündig. Aber da steht auch ein Auftrag für ihn: Elliot soll den entsprechenden Eintrag lassen, wo er ist. Damit hat Elliot schon ein Problem: Er ist zwar ein Hacker, und zwar ein sehr guter, aber kein Krimineller.

Aber eben auch sehr neugierig. Und diese unbekannten Kollegen haben schon etwas drauf. Deshalb kann Elliot seinem Chef auf dem Rückflug versprechen, dass er, den, wer auch immer das getan hat, finden wird. Das ist sein Revanche für das Geständnis seines Vorgesetzten, der ihm eröffnet hat, dass er schwul sei. Denn irgendwie habe er das Gefühl, dass er mit Elliot über Dinge reden könne, über die er mit anderen Menschen nicht reden kann. Elliot erwidert schlicht „Danke“.

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek) und Tyrell Wellick (Martin Wallström)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek) und Tyrell Wellick (Martin Wallström)

Ja, das ist alles noch nicht wahnsinnig spektakulär, aber genau das mag ich. Rami Malek verkörpert Elliot so unglaublich beiläufig und genial, dass es eine Freude ist, diesen Typ zu begleiten. Er versucht, sich mit seinem dunklen Kapuzenpulli in der schrillen Metropole NewYork unsichtbar zu machen, weil es ihm eben nicht um sich selbst geht. In seiner Firma gibt er sich Mühe, sich an den Dresscode zu halten, weil er die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen will – und er übererfüllt sie ja auch, weil er eigentlich total überqualifiziert ist für seinen Job. Trotzdem ergeht er sich nicht in Allmachtsfantasien, obwohl ihm klar ist, dass er viel mehr tun könnte, als von ihm verlangt wird. Sondern er versucht, seine Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, in dem er die Menschen, die ihm nahe sind, vor Betrügern beschützt. Genau diesen Umstand nutzt die Hackergruppe Fsociety auch aus, die mit jenem Angriff auf den wichtigsten Kunden von Allsafe Elliots Aufmerksamkeit geweckt hat.

Screenshot Mr. Robot - Angela (Portia Doubleday) Lloyd (Aaron Takahashi) und Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot – Angela (Portia Doubleday) Lloyd (Aaron Takahashi) und Elliot (Rami Malek)

Christian Slater (der junge Mönch Adson von Melk aus Der Name der Rose – für alle die auch schon so alt sind wie ich) spielt den geheimnisvollen Mr. Robot, der Kontakt mit Elliot aufnimmt, in dem er diesen extrem raffinierten Angriff auf den Hauptkunden der IT-Firma startet, für die Elliot arbeitet. Auf diese Weise lässt er ihm eine Nachricht zukommen, bei der Elliot nicht sicher ist, ob er mitmachen, oder die gefundenen Informationen an die Polizei übergeben soll. Wie gesagt, Elliot ist kein Krimineller. Aber gewillt, Gutes zu tun.

Und genau diese Möglichkeit eröffnet sich ihm: Mr. Robot erklärt ihm, dass die Fsociety die größte Umverteilungsaktion aller Zeiten starten will. Mit einem Hack der Evil Corps, über die ein sehr großer Teil der Verbraucherkredite in aller Welt abgewickelt wird, sollen die Schulden sämtlicher Kunden gelöscht werden. Elliot hat Bedenken – die Finanzkrise war ja schon schlimm für die Leute, und jetzt soll es eine noch viel schlimmere geben? Dazu will er eigentlich nicht beitragen. Andererseits weiß er, dass Angela schon jetzt die Raten für ihren sechsstelligen Studien-Kredit nicht mehr zahlen kann – wenn man da einfach einen Strich durch machen könnte…? Die ganzen einfachen, anständigen Menschen da draußen von ihrer erdrückenden Schuldknechtschaft befreien?

Screenshot Mr. Robot - Elliot (Rami Malek) im Rechenzentrum von Allsafe

Screenshot Mr. Robot – Elliot (Rami Malek) im Rechenzentrum von Allsafe

Ich bin wie gesagt überaus neugierig, was aus diesem großartigen Intro noch wird. Und das Beste ist: Auch die Schwedenquote stimmt! Wobei ich den ägyptisch-stämmigen US-Ami Rami Malek als Elliot wirklich ausgesprochen gut finde. Aber Martin Wallström spielt auch mit – den kennt man beispielsweise aus GSI Göteborg, Arn der Kreuzritter, der Wallander-Folge Todesengel oder dem dritten Teil von Snabba Cash – Livet deluxe. Wallström spielt Elliots neuen stellvertretenden IT-Chef Tyrell Wellick- und der ist kein Idiot wie all die anderen Manager, wie Elliot schnell feststellt, sondern einer, der mit Linux umgehen kann.

Mal sehen, was noch daraus wird.

Screenshot Mr. Robot - Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot – Elliot (Rami Malek)

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True Detective – The Western Book of the Dead

Das Problem mit der ersten Staffel von True Detective ist, dass sie einfach so verdammt gut war: Wie soll eine zweite Staffel die hohen Erwartungen erfüllen, die man zwangsläufig hat, wenn man an Rust und Marty denkt? Dieses geniale Team aus dem philosophischen Nihilisten Rustin Cohle und dem sturen Gläubigen Martin Hart, der verbissen auf seinen Glauben beharrt, obwohl ihm nach und nach alles abhanden kommt, woran er geglaubt hat…

Und am Ende ist es doch Rust, der an den Sieg des Lichts über die Dunkelheit glaubt – im Nachhinein finde ich die Serie immer noch besser, weil einfach alles gestimmt hat: Dieses schwüle, ländliche Louisiana, dieser eigenartige Fall, der in verschachtelten Rückblenden wieder aufgerollt wird, die großartigen Bilder, wie sie sonst eigentlich nur für die große Leinwand komponiert werden und der passende Soundtrack dazu – das war wirklich großes Kino.

Screenshot True Detective Season 2: Ray (Colin Farrell

Screenshot True Detective Season 2: Ray (Colin Farrell)

Deshalb konnte ich es auch kaum erwarten, endlich die zweite Staffel aus der Feder von Nic Pizzollato zu sehen – aber zu recht hatte ich auch Angst, dass es einfach nicht wieder so gut wird. Wobei – nach einer Folge ist es natürlich zu früh für ein Urteil. Und es stimmt auch wieder vieles, vor allem die großartigen Bilder – Kalifornien hat ebenfalls schier unendlich große, extrem hässliche Industriegelände zu bieten und raffiniert verschlungene Autobahnen, die in ihrer beeindruckenden Brutalität, mit der sie in die oft doch sehr karge, wüstenartige Landschaft betoniert wurden, von oben doch erstaunlich erstaunlich leicht und elegant wirken – wie Adern, durch die Blut gepumpt wird, nur dass es in dem Fall eben Autos sind, in denen die Menschen ihrem Mobilitätswahn frönen – als Individuen, jeder ist seiner A-nach-B-Bewegung Schmied, wie es sich gehört in den USA.

Insofern interessant, dass der neue Fall irgendetwas mit einem gigantischen Schienenprojekt zu tun hat – mit dem Zug zu fahren, ist nicht sehr populär in den Staaten: Wo ein US-Präsident als Kommunist beschimpft wird, weil er eine Krankenversicherung für alle, also auch die Armen, die sich eigentlich keine leisten können, einführen will, ist die Vorstellung, dass man sich in ein Verkehrsmittel setzt, dass nach einem festen Fahrplan auf einer festgelegten Strecke verkehrt, mit dem individuellen Freiheitsdrang nur schwer zu vereinbaren.

Screenshot True Detective Season 2: Ani (Rachel McAdams)

Screenshot True Detective Season 2: Ani (Rachel McAdams)

Nichtsdestotrotz: Es geht unter anderem um ein milliardenschweres Zugprojekt, mit dem Ballungszentren in Kalifornien verbunden werden sollen – und einer der verantwortlichen Manager für dieses Projekt ist verschwunden. Aber eigentlich geht es – natürlich – wieder um Ermittler mit einem zweifelhaften Privatleben. Da wäre Detective Ray Veloro (Colin Farrell) aus der fiktiven Industrie-Stadt Vinci, der seinen Sohn zwar nur alle zwei Wochen sieht, dann aber leidenschaftlich Vater ist. Was genau ihn aus der Bahn geworfen hat, werden wir vermutlich noch erfahren, aber natürlich hat es mit jenem tragischen Vorfall zu tun, bei dem seine Frau überfallen und vergewaltigt wurde.

Auf jeden Fall trinkt er ziemlich viel und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Als seinem dicklichen und eher unglücklich wirkenden Sohn in der Schule die teuren neuen Turnschuhe abgezogen werden, bringt er den Jungen dazu, ihm den Namen seines Peinigers zu sagen. Abends taucht er bei der Familie auf und verprügelt den Vater – weil der ja offenbar das schlechte Vorbild ist. Die beiden Übeltäter sollen sich verdammt noch mal merken, dass Ray wieder kommt, wenn sich nichts ändert.

Dann gibt es den Highwaycop Paul Woodrugh (Taylor Kitsch, der kleine Bruder von Alexander Skårsgard aus Battleship), der sich von einem besoffenen Hollywood-Sternchen, das auf Bewährung ist, ernsthafte Probleme bereiten lässt und der, wie an seinem vernarbten Körper zu erkennen ist, offenbar ebenfalls eine schwierige Vergangenheit hat. Aber keine beim Militär, verrät er seiner frustrierten Freundin, die Narben seien älter.

Screenshot True Detective Season 2: Paul (Taylor Kitsch)

Screenshot True Detective Season 2: Paul (Taylor Kitsch)

Und schließlich haben wir noch Ani Bezzerides (Rachel McAdams) vom Sheriff Departement, die sich auf einem persönlichen Feldzug gegen das Böse zu befinden scheint – jedenfalls will sie ihre Schwester retten, die ihr Geld mit Internet-Pornos verdient. Die Schwester sieht es allerdings anders – sie sei freischaffende Künstlerin und lebe von Life-Performances und überhaupt hätten manche Menschen halt eine lockerere Einstellung zum Leben und zur Sexualität als Ani. Was sicherlich zutrifft. Aber wie wir im ersten Teil The Western Book of Dead erfahren, trägt auch Ani schwer an ihrer Herkunft – ihr Vater ist ein langhaariger Guru, der davon lebt, Weisheit zu versprühen, was auch nötig ist, wenn das Ende der Welt naht. Oder was auch sonst das letzte Stadium der Menschheit so ausmacht – so gut ist mein Englisch dann am Ende doch nicht.

Am Ende des ersten Teils jedenfalls treffen Ray, Paul und Ani an einem Tatort ein, an dem die Leiche eben jenes vermissten Managers auf einer Bank sitzt – über dem Pazifik steigt bereits der Tag auf, während der Tatort noch im Dunkel liegt – auch das ist wieder ein großartiges Bild. Nur finde ich die Musik dieses Mal nicht so gut – Leonard Cohen ist einfach nicht mein Fall.

Screenshot True Detective Season 2: Ani und Paul

Screenshot True Detective Season 2: Ani und Paul

Crisis – wie weit würdest du gehen?

Eine der Serien, die man sich ansehen kann, wenn man Person oft Interest und Homeland schon durch hat, ist Crisis. Es handelt sich um einen aufwendig produzierten Verschwörungsthriller von Rand Ravich, der auch die NBC-Serie Life (mit Damian Lewis, der auch in Homeland eine Hauptrolle spielt) geschrieben hat. Es geht es um einen ungewöhnlichen Terroristen, der kein geringeres Ziel hat, als die Regierung der USA in die Knie zu zwingen. Sie soll die Existenz eines fragwürdigen und höchst illegalen Programms zugeben, bei dem Agenten der Special Forces mit einer Killerdroge zu Tötungsmaschinen gemacht werden.

Das klingt ziemlich martialisch und ist es auch – und nach all dem, was spätestens seit den Veröffentlichungen des Whistleblowers Edward Snowdon über geheime US-Programme bekannt geworden ist, wird es schwer, sich ein Drehbuch auszudenken, dass von der Realität nicht schon total überholt wurde. Wie dem auch sei, die Drehbuchschreiber denken sich weiterhin idealistische Menschen aus, die versuchen, im Falschen das Richtige zu tun. Oder umgekehrt…?

Crisis - Agent Marcus Finley (Lance Gross) Photo: NBC

Crisis – Agent Marcus Finley (Lance Gross) Photo: NBC

Der ehemalige CIA-Agent Francis Gibson (Dermont Mulroney) entführt die Kinder von den Reichen und Mächtigen in Washington während eines Schuldausflugs. Weil in diese besondere Schulklasse auch der Sohn des US-Präsidenten (Kyle Devore, Adam Scott Miller) geht, ist mit Marcus Finley (Lance Gross) auch ein Secret-Service-Agent involviert, der den Sohn des Präsidenten um jeden Preis zu beschützen hat. Und er bezahlt den Einsatz auch fast mit seinem Leben, als ausgerechnet der altgediente Kollege, der ihn für diesen Auftrag ausgewählt hat, zu erschießen versucht.

Aber der extrem idealistische Finley überlebt und versucht zusammen mit der ebenfalls total überengagierten FBI-Agentin Susie Dunn (Rachael Taylor), die entführten Schüler zu befreien. Dabei gibt es allerhand Kompetenzgerangel zwischen Secret Service und FBI, außerdem gibt es ja noch Homeland Security und die lokalen Polizeibehörden – genau so etwas macht mir in US-Serien immer sehr viel Spaß: Verfeindete Apparate mit viel Hierarchie- und Kompetenzgerangel, wie man sie sich im düstersten Stalinismus kaum schlimmer hätte ausdenken können. Aber Finley und Dunn raufen sich zusammen und stellen sich, wie kaum anders zu erwarten, als sehr durchschlagkräftiges und erfolgreiches Team heraus, auch wenn ihnen ihr Job nicht leicht gemacht wird.

Crisis - Agent Susie Dunn (Rachael Taylor) Photo: NBC

Crisis – Agent Susie Dunn (Rachael Taylor) Photo: NBC

Dazu kommt, dass Susies Nichte Amber (Halston Sage) unter den Entführungsopfern ist – sie ist persönlich betroffen, was einerseits gut, andererseits auch wieder schlecht ist. Denn Susie hat mit ihrer Schwester Meg (Gillian Anderson) schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Meg ist nicht weniger durchgeknallt als ihre Schwester, aber hat sie beruflich bereits weit überflügelt, Meg ist die Vorstandsvorsitzende eines großen Pharmakonzerns, die im Dienst-Hubschrauber durch die Gegend fliegt und daran gewöhnt ist, dass die Leute einfach tun, was sie sagt. Natürlich kennt sie in Washington jede und jeden und alle kennen sie – Meg wäre der klassische Door Opener für die Ermittlungen ihrer Schwester, wenn sie es denn wollte. Und natürlich will sie – es geht immerhin um ihre einzigeTochter.

Genau damit hat der Entführer gerechnet: Er erpresst die Reichen und Mächtigen mit dem Leben ihrer Kinder. Und die verzweifelten Eltern, die daran gewöhnt sind, dass die Welt sich um ihre Interessen dreht, tun so allerhand, um ihren Lieblingen einen Vorteil zu verschaffen – in diesem Fall das Weiterleben und die Freiheit. Nur für US-Präsidnet Devore (John Allen Nelson), der auf die Verfassung geschworen hat, alles – und zwar wirklich alles – für sein Land zu geben ist klar: Er wird sich nicht erpressen lassen. Er KANN sich nicht erpressen lassen. Er wird nicht mit Terroristen verhandeln.

Crisis - Meg Fitch (Gillian Anderson) Photo: NBC

Crisis – Meg Fitch (Gillian Anderson) Photo: NBC

Und das ist auch seinem Sohn klar, der seinerseits versucht, sich so heldenhaft zu verhalten, wie seine Vater das von ihm erwarten würde. Aber glücklicherweise brauchen die Entführer erst einmal die Hilfe anderer Eltern, die bereit sind, alles zu tun, um das Leben ihrer Kinder zu retten. Und sie tun eine ganze Menge, denn sie sind nah am Zentrum der Macht und haben entsprechenden Einfluss. Sie können Dinge tun, von denen andere nicht einmal träumen würden und die Erpresser spielen genau damit.

Sie haben natürlich auch damit gerechnet, dass man ihnen auf die Schliche kommen wird – allerdings sind Finley und Dunn ärgerlich effizient und kommen ihnen schneller auf die Spur, als sie erwartet hätten. Es gibt natürlich eine Menge unerwartete Wendungen – man weiß nicht mehr so genau, wer jetzt einfach nur erpressbar, wer böse und wer richtig böse ist.

Crisis - Francis Gibson (Dermont Mulroney)  Photo: NBC

Crisis – Francis Gibson (Dermont Mulroney) Photo: NBC

Das ist vermutlich genau der Fehler, den die Produzenten dieser Serien gemacht haben: Dieses Immer-noch-einen-drauf-setzen-müssen in aktuellen Action- und Thriller-Serien geht inzwischen offenbar nicht nur mir Nerven, denn die Serie wurde aufgrund schwacher Quoten nach einer Staffel eingestellt. Dabei fand ich die Idee an sich gar nicht schlecht und es sind auch eine ganze Reihe guter Darsteller an Bord. Vielleicht hätten die Crisis-Macher einfach ein paar Nummern kleiner denken und dafür ihre Figuren interessanter gestalten sollen – durchgeknallte Psychopathen, die größenwahnsinnige Taten begehen, hat man nun wirklich genug gesehen, genau wie unkaputtbare Helden, die niemals aufgeben.

Interessant sind doch die normalen Menschen, die anfangen, Dinge zu tun, die irgendwann nicht mehr normal sind – aber wo ist die Grenze? Und was passiert, wenn sie überschritten wird? Das ist es, was die einsame Größe von Serien wie Breaking Bad oder Better Call Saul ausmacht: Hier haben wir ambivalente Figuren, die sich ständig weiter entwickeln und sowohl im Guten als auch im Bösen überraschen – vor allem auch sich selbst.

Hier ist Crisis halt doch ähnlich schwach wie The Following, The Blacklist, und ja, auch die späteren Staffeln Homeland, die zwar von der Handlung her dick auftragen und in vielerlei Hinsicht übertreiben, am Ende aber nicht wirklich überraschen können. Zumindest nicht positiv.

Crisis - Beth Ann Gibson (Stevie Lynn Jones)  und Kyle Devore (Adam Scott Miller) Photo: NBC

Crisis – Beth Ann Gibson (Stevie Lynn Jones) und Kyle Devore (Adam Scott Miller) Photo: NBC

Sense8 – Größenwahn á la Wachowski

Auf Netflix gibt es seit einigen Tagen mit Sense 8 wieder ein ambitioniertes Serien-Projekt im Angebot. Und obwohl Mystery-Serien eigentlich nicht mein Ding sind, musste ich doch gleich wieder die halbe Serie wegbingen, weil ich nach der etwas spröden Pilotfolge dann doch unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht – und es wird mit jedem Teil besser!

Den Anfang fand ich schwer zu ertragen, ich hab das eigentlich nur ausgehalten, wie ich Daryl Hannah als Pris in Blade Runner so großartig fand: Allein das unvergessliche Waschbär-Makeup! In Sense8 spielt sie allerdings keinen übermenschlichen Roboter, sondern die metaphorische Übermutter Angel bzw. Angelique, über die die Sensates, also die Protagonisten der Serie, miteinander in Verbindung stehen. Sense8 beginnt quasi mit der Geburt der acht Sensates, danach jagt sich Angel eine Kugel in den Kopf und die eigentliche Geschichte beginnt – oder viel mehr acht Geschichten, die miteinander verwoben sind.

Sense8 - Angel (Daryl Hannah)

Sense8 – Angel (Daryl Hannah)


Hier zeichnet sich schon ab, dass es sich um ein ziemlich größenwahnsinniges Projekt handelt, was nicht verwundert, wenn man sich ansieht, wer dahinter steht: Die Matrix-Macher Lana und Andy Wachowski. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor J. Michael Straczyinski und dem Regisseur Tom Tykwer, der auch für die Musik zuständig ist, haben sie eine Serie mit acht sehr unterschiedlichen Protagonisten entwickelt, deren Schicksal auf mysteriöse Weise miteinander verbunden ist, obwohl sie an ganz verschiedenen Orten auf der Welt leben und einander noch nie gesehen haben. Wer Cloud Atlas gesehen hat, weiß ungefähr Bescheid, nur dass die Geschichte von Cloud Atlas auch noch in unterschiedlichsten Zeitebenen spielt.

Sense8 spielt in der Gegenwart – aber es sind sehr verschiedene Welten, in denen die Hauptpersonen leben. Capheus Van Damme (Aml Ameen) schlägt sich in einem Vorort von Nairobi durch – Nairobery, sagt sein Kumpel, nach dem ihr Bus überfallen wurde. Capheus Leben ist von Armut und Gewalt geprägt, aber er ist ein freundlicher und optimistischer Mensch, der seiner kranken Mutter jeden Morgen versichert, dass dieser Tag ein guter Tag würde. Seinerseits tut er auch alles dafür, dass seine Tage gute Tage werden, aber er hat oft kein Glück.

Sense8 - Sun (Doona Bae) und Capheus (Aml Ameen)

Sense8 – Sun (Doona Bae) und Capheus (Aml Ameen)

Dann gibt es den guten Bullen Will (Brian J. Smith), einen Cop aus Chicago, der eines Tages einem schwarzen Gangsterkind das Leben rettet. Was seine Kollegen als Verrat empfinden: was, wenn der Kleine später einen von ihnen über den Haufen schießt? Weiterhin gibt es die Isländerin Riley (Tuppence Middleton), die sich in London als DJane durchschlägt und in eine hässlichen Drogengeschichte mit vielen Leichen verwickelt wird. Sie kehrt später nach Island zurück, wo sie sich den Schatten ihrer Vergangenheit stellen muss. Der professionelle Safeknacker Wolfgang (Max Riemelt) lebt in Berlin, gemeinsam mit seinem besten Freund Felix (Max Mauff) gelingt ihm der Coup seines Lebens: Sie klauen aus einem Safe, der als unknackbar gilt, eine Menge hochwertiger Diamanten. Natürlich kann das nicht gut ausgesehen: Felix wird niedergeschossen und Wolfgang gibt sich die Schuld daran.

Sense8 - Will (Brian J. Smith)

Sense8 – Will (Brian J. Smith)

Die Koreanerin Sun (Doona Bae) ist tagsüber Finanzchefin im Konzern ihres Vaters und tobt sich nachts als Kämpferin bei illegalen Fights aus, während ihr Bruder Firmengelder veruntreut und sich damit ein schönes Leben macht. Als die Sache eines Tages auffliegt, verlangen Vater und Bruder von ihr, dass sie die Schuld auf sich nimmt, um die Firma zu retten. Ihr Leben lang zu Gehorsam und Pflichtbewusstsein erzogen, tut Sun was von ihr verlangt wird und geht ins Gefängnis. Was sie dort erlebt, ist nicht, was sie erwartet hätte…

Ganz andere Probleme hat der Filmstar Lito (Miguel Angel Silvestre) aus Mexico City, der versucht, sich vor den Avancen einer sehr aufdringlichen Kollegin zu retten. Als sie eines Nachts vor seiner Tür steht, lässt er sie in die Wohnung – und sie findet heraus, dass Lito schwul ist und einen Freund hat, der auch sehr sexy ist. Lito ist die Sache furchtbar peinlich, aber seine Kollegin ist begeistert – sie steht auf schwulen Sex und sagt, ihr Traum sei in Erfüllungen gegangen. Aber natürlich nimmt das Drama damit erst seinen Anfang, denn ihr Ex ist ein eifersüchtiger Mafiaboss.

Sense8 - Lito (Miguel Angel Silvestre)

Sense8 – Lito (Miguel Angel Silvestre)

Über solche Probleme kann Nomi (Jamie Clayton), die in San Francisco lebt, nur müde lächeln – sie und ihre Freundin Amanita (Freema Agyeman) leben quasi von Pride-Parade zu Bride-Parade. Nomi war zuvor der Hacker Michael und hat nun als Frau endlich ihre Identität gefunden. Für ihre Mutter ist sie hingegen weiterhin der bedauernswerte Sohn Michael, der halt nicht ganz dicht ist. Als Nomi während der Parade ohnmächtig wird, greift die liebende und überaus besitzergreifende Mutter ein und lässt Nomi in eine Klinik bringen. Dort stellt sich heraus, dass mit ihrem Hirn etwas nicht stimmt – der Arzt schlägt eine Operation vor. Die Mutter fühlt sich bestätigt: Alles nur ein Fehler im Hirn, der durch die OP bestimmt repariert werden kann. Nomi hingegen ist klar, dass diese Operation nicht stattfinden darf. Sie bittet Amanita alles zu tun, um das zu verhindern – denn ihre Familie hat sie bereits faktisch entmündigt.

Sense8: Amanita (Fremd Agyeman) und Nomi (Jamie Clayton)

Sense8: Amanita (Freema Agyeman) und Nomi (Jamie Clayton)

Und dann gibt es noch die Inderin Kala (Tina Desai), die in Mumbai lebt. Sie hat ihren Traummann gefunden oder vielmehr: Der Traummann ihrer Freundinnen hat sich in die schöne Medienwissenschaftlerin verliebt. Kalas Eltern hatten zwar andere Vorstellungen, willigen aber ein, die Hochzeit auszurichten, weil sie ihrer geliebten Tochter eine Liebesheirat ermöglichen möchten. Das Problem ist nur: Kala liebt Rajan gar nicht.

Wir haben hier also eine Reihe von Menschen mit ihren persönlichen, für ihre Gesellschaft typischen Problemen, die allerdings eine Gemeinsamkeit haben: Sie alle erlebten die Vision einer Frau, die sich in einem herunter gekommenen Gebäude erschießt – wie Will herausfindet, handelt es sich um die Ruine einer Kirche in Chicago. Und allen Sensates erscheint früher oder später Jonas (Andrew Naveen, bekannt als Sayed aus Lost), quasi der dunkle Gegenpart zu Angel. Aber den betroffenen ist längst noch nicht klar, was mit ihnen passiert: Sie werten ihre ersten Erfahrungen als Sensates, also als Menschen, die Zugang zu den Gedanken, Gefühlen und Fähigkeiten der anderen Sensates ihrer „Familie“ haben, als Traum, Halluzination oder schlicht als Migräne.

Sense8 - Kala (Tim Desai)

Sense8 – Kala (Tim Desai)


Nach und nach bekommen sie aber heraus, dass mehr dahinter steckt – so kann Capheus sich dank Suns Kampfkunst gegen eine Räuberbande wehren, die ihm nicht nur das mühsam verdiente Geld, sondern auch die wertvollen Medikamente für seine an AIDS erkrankte Mutter wegnehmen wollen. Und Will kann auf Anweisung von Jonas Nomi bei ihrer Flucht aus dem Krankenhaus helfen, weil er als Kind gelernt hat, wie man Handschellen ohne Schlüssel öffnet. Der Berliner Gangster Wolfgang erscheint Kala auf ihrer Hochzeit und fragt, warum sie das tue – sie würde den Bräutigam doch gar nicht lieben. Daraufhin fällt die Braut in Ohnmacht und die Zeremonie muss abgebrochen werden. Außerdem zeichnet sich nach und nach ab, dass hinter diesen ganzen Geschichten noch eine weitere stecken muss, ein ganz großes Ding… doch dazu muss ich erst noch weiter kucken.

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Ich kann mir vorstellen, dass Sense8 nicht jedermanns Sache ist, aber mir macht die Serie auf jeden Fall viel Spaß – vor allem, weil es Einblicke in so viele verschiedene Welten gibt: opulente Feste in Indien, die trostlose South Side von Chicago, wo man sich als weißer Bulle nur mit sehr guten Beziehungen zu lokalen schwarze Gangstern hinwagen darf, das regenbogenfarbene San Francisco, wo es abseits der Szene aber genauso kleingeistige Bürger gibt, wie überall sonst, Drogentristesse in einem stilvoll verranzten London, die Sonne Afrikas über so viel Elend und Kriminalität in Nairobi, dass man dem armen Capheus fast wünscht, dass er wenigstens in Chicago oder London gelandet wäre – nur ob er mit der Kälte dort klar kommen würde? – und, das muss ich bemängeln, ein sehr merkwürdiges Berlin, dass nur aus Luxusappartments, Szenekneipen und jüdischen Gedenkstätten zu bestehen scheint. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich Berlin halt sehr viel besser kenne als die anderen Orte, nur von London und Chicago habe ich eigene Eindrücke.

Wie auch immer, mir gefällt Sense8 bisher sehr gut und ich hoffe, dass sich dieser Eindruck in den weiteren Teilen bestätigt.

Sense8: Jonas (Andrew Naveen)

Sense8: Jonas (Andrew Naveen)

Kind 44: Was darf Film?

In den USA hat sich die Verfilmung des Bestsellers Child 44 von Tom Rob Smith bereits als Flop des Jahres qualifiziert – den Produktionskosten von schätzungsweise 50 Millionen Dollar stand ein erbärmliches Einspielergebnis von knapp 1,2 Millionen Dollar gegenüber. In Russland wurde der Film gleich ganz verboten und auch hierzulande waren die Kritiken zum Filmstart von Kind 44 durchweg mies. Also habe ich einen entsprechend schlechten Film erwartet, als ich vorhin ins Kino ging. Denn Kritiken hin oder her – ich mache mir doch lieber selbst ein Bild.

Weil ich das Buch gelesen hatte, wusste ich, was mich erwartet: Ein düsterer Thriller aus der Stalin-Ära, in dem kein gutes Haar am Stalinistischen Polizei- und Spitzelstaat gelassen wird und dessen Held, der MGB-Offizier Leo Demidow, erst seine Karriere und dann sein Leben und auch das seiner Frau aufs Spiel setzen muss, um einen perversen Kindermörder zu stoppen. Den es im mühsam etablierten neuen Gesellschaftssystem, das gerade von den Kommunismus-Gegnern gern als „kommunistisches“ System bezeichnet wird, obwohl auf dieser Welt noch nicht einen Tag irgendwo tatsächlich Kommunismus ausgebrochen wäre, eigentlich gar nicht geben dürfte.

Kind 44: Scrennshot  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Screenshot
http://www.kind44-film.de

Kritik an diesem „kommunistischen“ System ist in der Geschichte, die ins Bild gesetzt wird, quasi bei Todesstrafe verboten – genau das beweist übrigens auch, dass es sich nicht um Kommunismus handeln kann, bei dem die nötige und sachgerechte Kritik an menschenfeindlichen Zuständen jeglicher Art ja im Zentrum von allem steht. Eine Mordermittlung in einem System, in dem per definitionem es keinen Mord geben kann, weil ja alle glücklich und zufrieden sind, ist also die heftigste Kritik, die sich denken lässt.

Das geht natürlich gar nicht: 1984 lässt grüßen. Nur ist der dystopische Roman von George Orwell eine echte und sehr viel subtilere Kritik am totalitären Überwachungsstaat und was er mit den Menschen macht, als die postmoderne Holzhammer-Version von Tom Rob Smith. Ich behaupte auch, dass es sich bei Kind 44 gar nicht um eine Kritik am Stalinismus handelt. Und somit auch nicht um eine fehlgeleitete oder ausgeartete Kritik daran. Hier hängen sich nicht nur linke, sondern auch bürgerliche Rezensoren auf: Kalter Krieg hoch zehn, das will heutzutage doch keiner mehr sehen (und das haben wir heute auch gar nicht mehr nötig, wir können Russland einfach aus der G8 schmeißen.) Und so ein primitives Schwarz-weiß-Denken, das wollen wir in unserem schönen Pluralismus doch gar nicht haben! Wir wissen doch, dass es keine wirkliche Wahrheit gibt – nichts ist, wie es scheint. Kritik am Kommunismus gern immer, aber bitte nicht so dreckig, so hart und so plump.

Aber darum geht es ja auch gar nicht – und da sind auch die russischen Funktionäre drauf reingefallen, die den Film in letzter Minute noch aus dem russischen Kino-Programm geworfen haben: Der Film sei untragbar, weil die Stalin-Ära darin zu schlecht wegkomme. Und es spielen keine Russen mit. Aber bei welcher Hollywood-Produktion wäre das anders? Hallo ihr Spielverderber: Es doch ein sowjetischer Kriegsheld, der den Mörder am Ende zur Strecke bringt. Und Leo Demidow wird am Ende des Films ja auch noch rehabilitiert und darf seine Abteilung zur Untersuchung von Morden endlich offiziell einrichten und dafür auch General Nesterow (Gary Oldman) anfordern, den einzigen Mann im System, der ihm bisher bei seinen Ermittlungen geholfen hat. Oder ist am Ende das genau der Punkt, der euch nicht gefallen wollte?!

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy) und Alexei Andreyev (Fares Fares) – via
http://www.kind44-film.de

Also ganz ehrlich: Wenn ich nur noch Filme ansehen wollte, die mit meinen eigenen Standpunkten und Ansichten übereinstimmen würden, könnte ich mir ja fast gar nichts mehr ansehen. Aber ich sehe mir keine Filme an, um meine Weltsicht zu bestätigen – ich meine, Spielfilme sind doch Fiktion. Und als solche sehe ich mir sie an. Und sie können dann entweder gut oder schlecht sein. Und Kind 44 ist gar nicht so schlecht. Es wird keine schöne Geschichte erzählt. Aber das ziemlich gut.

Tom Rob Smith hat seine Geschichte eines lange unentdeckten Serien-Mörders, den in der Sowjetunion tatsächlich gegeben hat, aus dramaturgischen Gründen in die Stalin-Zeit verlegt. Eigentlich mordete der Schlächter von Rostow Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Natürlich ist es einfacher, zu erklären, warum ein solcher Mörder unentdeckt morden kann, wenn einem potenziellen Ermittler selbst die Todesstrafe droht, wenn er die Ermittlungen aufnimmt. Das gibt den gewissen drive – und es ist ja leider tatsächlich so, dass Genosse Stalin eine ganze Reihe seiner besten Leute hat umbringen lassen, weil er sich nicht sicher war, ob sie auf der richtigen, also auf seiner, Seite stehen. Was mich einmal mehr zu dem Standpunkt bringt, dass jegliche Kritik immer zugelassen werden muss, selbst wenn sie doof und öde ist und einem wahnsinnig auf die Nerven geht: Wer immer Kritik übt, könnte recht haben.

Aber im Fall von Kind 44 muss ich konstatieren, dass an diesem Film eine sehr kleinkarierte und verlogene Kritik geübt wird: So freudlos, grau und dreckig wird es in der Sowjetunion tatsächlich wohl kaum gewesen sein. Aber für diese Geschichte kann die Kulisse gar nicht grau und dreckig genug sein, und hier sind wirklich beeindruckende Bilder qualmender Industrielandschaften zu sehen, in denen Massen ärmlich gekleideter Arbeiter mit seltsam ausdruckslosen Gesichtern vor sich hinwerkeln, es ist fast wie in Metropolis. Wobei die Handlung von Metropolis nun wirklich haarsträubend ist.

Kind 44 hat keine allzu komplexe, aber eine durchaus nachvollziehbare Handlung, und weil man davon ausgehen kann, dass die Zuschauer das Buch gelesen haben und somit wissen, wer der Mörder ist, geht es eher darum, wie Leo ihn findet und noch mehr, warum Leo das alles auf sich nimmt. Der Film stellt die „Wie-weit-würdest-du-gehen“-Frage gleich mehrfach auf sehr eindringliche Art und Weise: Leo hat als MGB-Offizier eine Menge Menschen verhaftet und verhört – und auch gefoltert und gebrochen. Er weiß, was ihn erwartet, als von ihm verlangt wird, seine eigene Frau Raissa (Noomi Rapace) ans Messer zu liefern, nachdem sie von einem vermeintlichen Verräter, den er aufgespürt hat, denunziert wurde.

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) – via
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Aber Leo entscheidet sich für seine Frau – natürlich auch, weil sie ihm bei einem Essen mit seinen Eltern eröffnet hat, dass sie schwanger sei. Beide werden degradiert und in die Provinz abgeschoben – gemessen an ihrem bisherigen Leben in Moskau landen sie beide im Vorhof zur Hölle. Aber Leo hält auch als einfacher Milizionär an seinen Ermittlungen fest und Raissa, die den damals sehr einflussreichen Leo eigentlich nur geheiratet hat, weil sie Angst vor dem hatte, was sie erwarten könnte, wenn sie ihn abwiese, entdeckt ihren Mann ganz neu: Der ist ja gar nicht nur Geheimdienst-Arsch, der seinem Staat treu ergeben ist, wie sie bisher geglaubt hat, der engagiert sich ja wirklich für Dinge, die ihm als Mensch wichtig sind – auch gegen die Staatsmacht. Sie beschließt, bei ihm zu bleiben, selbst, als Leos Nachfolger Wassili (Joel Kinnaman), ihr anbietet, sie aus dem Elend der Verbannung zu erlösen, wenn sie nur zu ihm kommen würde.

Natürlich wird dadurch alles noch schlimmer – Wassili lässt nichts unversucht, um seinen ehemaligen Vorgesetzten und jetzigen Feind aus dem Weg zu räumen. Wassili ist einfach die Pest: Er übernimmt nur Verantwortung, wenn es darum geht, Leute, die ihn stören, aus dem Weg zu räumen. Da knallt er lieber einen mehr als weniger ab. Und wenn Raissa ihn verschmäht, dann soll sie halt sterben. Und Leo gleich mit.

Es ist gewiss kein Zufall, dass mich einiges an Inglouiros Basterds erinnert – genau wie viele Stalinisten in Kind 44 waren die Nazis in Inglouiros Basterds einfach nur abgrundtief böse, auch wenn Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa multilingual und auch sonst als irgendwie sympathisches Superarschloch brillierte. Quentin Tarrantino darf das halt, aber er hat sich ja auch politisch total korrekte Oberbösewichte ausgesucht. Aber warum soll man nur Nazis in Grund und Boden karikieren dürfen?! Nein, ich finde deshalb noch lange nicht, dass man Kommunisten und Nazis gleichsetzen kann. Und es ist auch ein Unterschied, ob ich einen Film oder ein Gesellschaftssystem kritisiere. Ich bin übrigens auch keine Freundin der Totalitarismus-Theorie. Aber eine Verfechterin der Ansicht, dass man in Spielfilmen nicht unbedingt die Realität abbilden muss. Dass wäre echt öde und langweilig.

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Regisseur Daniel Espinosa, den ausgerechnet die Süddeutsche, die ja sonst immer gern mit ihren Recherchequalitäten brüstet, zum Dänen gemacht hat, obwohl er Schwede ist (Mailand, Madrid, Hauptsache Italien!) darf das halt (noch?) nicht. Okay, es ist länger her, dass Schweden einen Oskar gewonnen hat als Dänemark. Espinosa ist durch Snabba Cash (ein super Film) bekannt geworden und hat danach Safe House gemacht (den ich gar nicht so gut fand) – ich finde, dass er mit Kind 44 solide Arbeit abgeliefert hat. War ja nun echt kein einfaches Thema.

Durchweg gut fand ich die Schauspieler – Tom Hardy als Leo Demidov ist so stiernackig und robust, wie man es von einem sowjetischen Kriegshelden nur erwarten kann. Und dabei hat er die ganzen zwischenmenschlichen Nuancen drauf, für den ich ihn auch in The Drop so gut fand. Beeindruckend vielschichtig ist die Raissa von Noomi Rapace, die einerseits alles tut, um zu überleben, gleichzeitig aber sehr gradlinig an dem festhält, was sie für richtig hält. Joel Kinnaman spielt den Unmenschen Wassili geradezu verstörend gut – den kann man für jeden ordentlichen Nazi besetzen: dieser verzweifelte Fanatismus in verstörten Kinderaugen. Der Mann hat einen Knall, dass ist eindeutig, und auch, dass dieser ganze Fanatismus irgendwie kein Ziel hat – gerade, als Wassili glaubt, endlich Macht über das Geschehen zu haben, muss er fressen, dass er machtlos ist, weil andere trotz ihrer ausweglosen Position noch stärker sind als er. Und so hat er nichts mehr davon, als Leo ihn nach einem erbittertem Kampf in einer Schlammkuhle posthum zum Helden machen muss, um auf diesen Weise sein eigenes Leben zu retten. Hallo liebe Filmkritik – das ist zwar dreckig, aber entbehrt nicht einer gewissen Ironie – oder habt ihr da schon gepennt?

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) – via
http://www.kind44-film.de

Alles in Allem komme ich zu dem Urteil, dass die Romanvorlage durchaus nachvollziehbar umgesetzt wurde und sowohl Regie als auch Cast and Crew gute Arbeit abgeliefert haben. Wenn man den Film als Gesellschaftskritik lesen will, kann man natürlich irre werden – aber das geschieht einem dann auch recht. Wer käme denn auch die Idee Machwerke wie White House Down oder Olympus has Fallen als Gesellschaftskritik zu lesen? Die sind von vorn bis hinten komplett gaga, aber man kann trotzdem Spaß haben, sich das anzusehen. Aber die Moralapostel der Welt wollen das ausgerechnet bei Kind 44 halt nicht zulassen.

Meine Empfehlung: Trotzdem ansehen.