Kind 44: Was darf Film?

In den USA hat sich die Verfilmung des Bestsellers Child 44 von Tom Rob Smith bereits als Flop des Jahres qualifiziert – den Produktionskosten von schätzungsweise 50 Millionen Dollar stand ein erbärmliches Einspielergebnis von knapp 1,2 Millionen Dollar gegenüber. In Russland wurde der Film gleich ganz verboten und auch hierzulande waren die Kritiken zum Filmstart von Kind 44 durchweg mies. Also habe ich einen entsprechend schlechten Film erwartet, als ich vorhin ins Kino ging. Denn Kritiken hin oder her – ich mache mir doch lieber selbst ein Bild.

Weil ich das Buch gelesen hatte, wusste ich, was mich erwartet: Ein düsterer Thriller aus der Stalin-Ära, in dem kein gutes Haar am Stalinistischen Polizei- und Spitzelstaat gelassen wird und dessen Held, der MGB-Offizier Leo Demidow, erst seine Karriere und dann sein Leben und auch das seiner Frau aufs Spiel setzen muss, um einen perversen Kindermörder zu stoppen. Den es im mühsam etablierten neuen Gesellschaftssystem, das gerade von den Kommunismus-Gegnern gern als „kommunistisches“ System bezeichnet wird, obwohl auf dieser Welt noch nicht einen Tag irgendwo tatsächlich Kommunismus ausgebrochen wäre, eigentlich gar nicht geben dürfte.

Kind 44: Scrennshot  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Screenshot
http://www.kind44-film.de

Kritik an diesem „kommunistischen“ System ist in der Geschichte, die ins Bild gesetzt wird, quasi bei Todesstrafe verboten – genau das beweist übrigens auch, dass es sich nicht um Kommunismus handeln kann, bei dem die nötige und sachgerechte Kritik an menschenfeindlichen Zuständen jeglicher Art ja im Zentrum von allem steht. Eine Mordermittlung in einem System, in dem per definitionem es keinen Mord geben kann, weil ja alle glücklich und zufrieden sind, ist also die heftigste Kritik, die sich denken lässt.

Das geht natürlich gar nicht: 1984 lässt grüßen. Nur ist der dystopische Roman von George Orwell eine echte und sehr viel subtilere Kritik am totalitären Überwachungsstaat und was er mit den Menschen macht, als die postmoderne Holzhammer-Version von Tom Rob Smith. Ich behaupte auch, dass es sich bei Kind 44 gar nicht um eine Kritik am Stalinismus handelt. Und somit auch nicht um eine fehlgeleitete oder ausgeartete Kritik daran. Hier hängen sich nicht nur linke, sondern auch bürgerliche Rezensoren auf: Kalter Krieg hoch zehn, das will heutzutage doch keiner mehr sehen (und das haben wir heute auch gar nicht mehr nötig, wir können Russland einfach aus der G8 schmeißen.) Und so ein primitives Schwarz-weiß-Denken, das wollen wir in unserem schönen Pluralismus doch gar nicht haben! Wir wissen doch, dass es keine wirkliche Wahrheit gibt – nichts ist, wie es scheint. Kritik am Kommunismus gern immer, aber bitte nicht so dreckig, so hart und so plump.

Aber darum geht es ja auch gar nicht – und da sind auch die russischen Funktionäre drauf reingefallen, die den Film in letzter Minute noch aus dem russischen Kino-Programm geworfen haben: Der Film sei untragbar, weil die Stalin-Ära darin zu schlecht wegkomme. Und es spielen keine Russen mit. Aber bei welcher Hollywood-Produktion wäre das anders? Hallo ihr Spielverderber: Es doch ein sowjetischer Kriegsheld, der den Mörder am Ende zur Strecke bringt. Und Leo Demidow wird am Ende des Films ja auch noch rehabilitiert und darf seine Abteilung zur Untersuchung von Morden endlich offiziell einrichten und dafür auch General Nesterow (Gary Oldman) anfordern, den einzigen Mann im System, der ihm bisher bei seinen Ermittlungen geholfen hat. Oder ist am Ende das genau der Punkt, der euch nicht gefallen wollte?!

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy) und Alexei Andreyev (Fares Fares) – via
http://www.kind44-film.de

Also ganz ehrlich: Wenn ich nur noch Filme ansehen wollte, die mit meinen eigenen Standpunkten und Ansichten übereinstimmen würden, könnte ich mir ja fast gar nichts mehr ansehen. Aber ich sehe mir keine Filme an, um meine Weltsicht zu bestätigen – ich meine, Spielfilme sind doch Fiktion. Und als solche sehe ich mir sie an. Und sie können dann entweder gut oder schlecht sein. Und Kind 44 ist gar nicht so schlecht. Es wird keine schöne Geschichte erzählt. Aber das ziemlich gut.

Tom Rob Smith hat seine Geschichte eines lange unentdeckten Serien-Mörders, den in der Sowjetunion tatsächlich gegeben hat, aus dramaturgischen Gründen in die Stalin-Zeit verlegt. Eigentlich mordete der Schlächter von Rostow Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Natürlich ist es einfacher, zu erklären, warum ein solcher Mörder unentdeckt morden kann, wenn einem potenziellen Ermittler selbst die Todesstrafe droht, wenn er die Ermittlungen aufnimmt. Das gibt den gewissen drive – und es ist ja leider tatsächlich so, dass Genosse Stalin eine ganze Reihe seiner besten Leute hat umbringen lassen, weil er sich nicht sicher war, ob sie auf der richtigen, also auf seiner, Seite stehen. Was mich einmal mehr zu dem Standpunkt bringt, dass jegliche Kritik immer zugelassen werden muss, selbst wenn sie doof und öde ist und einem wahnsinnig auf die Nerven geht: Wer immer Kritik übt, könnte recht haben.

Aber im Fall von Kind 44 muss ich konstatieren, dass an diesem Film eine sehr kleinkarierte und verlogene Kritik geübt wird: So freudlos, grau und dreckig wird es in der Sowjetunion tatsächlich wohl kaum gewesen sein. Aber für diese Geschichte kann die Kulisse gar nicht grau und dreckig genug sein, und hier sind wirklich beeindruckende Bilder qualmender Industrielandschaften zu sehen, in denen Massen ärmlich gekleideter Arbeiter mit seltsam ausdruckslosen Gesichtern vor sich hinwerkeln, es ist fast wie in Metropolis. Wobei die Handlung von Metropolis nun wirklich haarsträubend ist.

Kind 44 hat keine allzu komplexe, aber eine durchaus nachvollziehbare Handlung, und weil man davon ausgehen kann, dass die Zuschauer das Buch gelesen haben und somit wissen, wer der Mörder ist, geht es eher darum, wie Leo ihn findet und noch mehr, warum Leo das alles auf sich nimmt. Der Film stellt die „Wie-weit-würdest-du-gehen“-Frage gleich mehrfach auf sehr eindringliche Art und Weise: Leo hat als MGB-Offizier eine Menge Menschen verhaftet und verhört – und auch gefoltert und gebrochen. Er weiß, was ihn erwartet, als von ihm verlangt wird, seine eigene Frau Raissa (Noomi Rapace) ans Messer zu liefern, nachdem sie von einem vermeintlichen Verräter, den er aufgespürt hat, denunziert wurde.

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) – via
http://www.kind44-film.de

Aber Leo entscheidet sich für seine Frau – natürlich auch, weil sie ihm bei einem Essen mit seinen Eltern eröffnet hat, dass sie schwanger sei. Beide werden degradiert und in die Provinz abgeschoben – gemessen an ihrem bisherigen Leben in Moskau landen sie beide im Vorhof zur Hölle. Aber Leo hält auch als einfacher Milizionär an seinen Ermittlungen fest und Raissa, die den damals sehr einflussreichen Leo eigentlich nur geheiratet hat, weil sie Angst vor dem hatte, was sie erwarten könnte, wenn sie ihn abwiese, entdeckt ihren Mann ganz neu: Der ist ja gar nicht nur Geheimdienst-Arsch, der seinem Staat treu ergeben ist, wie sie bisher geglaubt hat, der engagiert sich ja wirklich für Dinge, die ihm als Mensch wichtig sind – auch gegen die Staatsmacht. Sie beschließt, bei ihm zu bleiben, selbst, als Leos Nachfolger Wassili (Joel Kinnaman), ihr anbietet, sie aus dem Elend der Verbannung zu erlösen, wenn sie nur zu ihm kommen würde.

Natürlich wird dadurch alles noch schlimmer – Wassili lässt nichts unversucht, um seinen ehemaligen Vorgesetzten und jetzigen Feind aus dem Weg zu räumen. Wassili ist einfach die Pest: Er übernimmt nur Verantwortung, wenn es darum geht, Leute, die ihn stören, aus dem Weg zu räumen. Da knallt er lieber einen mehr als weniger ab. Und wenn Raissa ihn verschmäht, dann soll sie halt sterben. Und Leo gleich mit.

Es ist gewiss kein Zufall, dass mich einiges an Inglouiros Basterds erinnert – genau wie viele Stalinisten in Kind 44 waren die Nazis in Inglouiros Basterds einfach nur abgrundtief böse, auch wenn Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa multilingual und auch sonst als irgendwie sympathisches Superarschloch brillierte. Quentin Tarrantino darf das halt, aber er hat sich ja auch politisch total korrekte Oberbösewichte ausgesucht. Aber warum soll man nur Nazis in Grund und Boden karikieren dürfen?! Nein, ich finde deshalb noch lange nicht, dass man Kommunisten und Nazis gleichsetzen kann. Und es ist auch ein Unterschied, ob ich einen Film oder ein Gesellschaftssystem kritisiere. Ich bin übrigens auch keine Freundin der Totalitarismus-Theorie. Aber eine Verfechterin der Ansicht, dass man in Spielfilmen nicht unbedingt die Realität abbilden muss. Dass wäre echt öde und langweilig.

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Regisseur Daniel Espinosa, den ausgerechnet die Süddeutsche, die ja sonst immer gern mit ihren Recherchequalitäten brüstet, zum Dänen gemacht hat, obwohl er Schwede ist (Mailand, Madrid, Hauptsache Italien!) darf das halt (noch?) nicht. Okay, es ist länger her, dass Schweden einen Oskar gewonnen hat als Dänemark. Espinosa ist durch Snabba Cash (ein super Film) bekannt geworden und hat danach Safe House gemacht (den ich gar nicht so gut fand) – ich finde, dass er mit Kind 44 solide Arbeit abgeliefert hat. War ja nun echt kein einfaches Thema.

Durchweg gut fand ich die Schauspieler – Tom Hardy als Leo Demidov ist so stiernackig und robust, wie man es von einem sowjetischen Kriegshelden nur erwarten kann. Und dabei hat er die ganzen zwischenmenschlichen Nuancen drauf, für den ich ihn auch in The Drop so gut fand. Beeindruckend vielschichtig ist die Raissa von Noomi Rapace, die einerseits alles tut, um zu überleben, gleichzeitig aber sehr gradlinig an dem festhält, was sie für richtig hält. Joel Kinnaman spielt den Unmenschen Wassili geradezu verstörend gut – den kann man für jeden ordentlichen Nazi besetzen: dieser verzweifelte Fanatismus in verstörten Kinderaugen. Der Mann hat einen Knall, dass ist eindeutig, und auch, dass dieser ganze Fanatismus irgendwie kein Ziel hat – gerade, als Wassili glaubt, endlich Macht über das Geschehen zu haben, muss er fressen, dass er machtlos ist, weil andere trotz ihrer ausweglosen Position noch stärker sind als er. Und so hat er nichts mehr davon, als Leo ihn nach einem erbittertem Kampf in einer Schlammkuhle posthum zum Helden machen muss, um auf diesen Weise sein eigenes Leben zu retten. Hallo liebe Filmkritik – das ist zwar dreckig, aber entbehrt nicht einer gewissen Ironie – oder habt ihr da schon gepennt?

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) – via
http://www.kind44-film.de

Alles in Allem komme ich zu dem Urteil, dass die Romanvorlage durchaus nachvollziehbar umgesetzt wurde und sowohl Regie als auch Cast and Crew gute Arbeit abgeliefert haben. Wenn man den Film als Gesellschaftskritik lesen will, kann man natürlich irre werden – aber das geschieht einem dann auch recht. Wer käme denn auch die Idee Machwerke wie White House Down oder Olympus has Fallen als Gesellschaftskritik zu lesen? Die sind von vorn bis hinten komplett gaga, aber man kann trotzdem Spaß haben, sich das anzusehen. Aber die Moralapostel der Welt wollen das ausgerechnet bei Kind 44 halt nicht zulassen.

Meine Empfehlung: Trotzdem ansehen.

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