Serien-Update: True Detective und Mr. Robot

Weil mich das Ende des zweiten Teils von True Detective völlig verstört hat, musste ich erstmal ein paar Tage darüber nachdenken, wie ich das jetzt finden will: WTF?!?!?!

Da aber ohnehin schon eine Welle der Hysterie durch die einschlägigen Foren ging, kann ich ja es auch hier verraten: Nach dem sich heraus gestellt hat, dass Detective Ray Velcoro (Colin Farrell) tief in einen Korruptions-Sumpf verstrickt ist, der ungefähr so giftig ist, wie diese ganze Industrie-Kloake selbst, die sich City of Vinci nennt, wird er am Ende der Folge Night Finds You von einem Mann mit einer schwarzen Vogelmaske niedergeschossen – und damit es auch gleich ganz klar ist, dass das ernst gemeint ist: Mehrfach, aus nächster Nähe, mit einem ganz großen Kaliber.

Okay, ich kann mir vorstellen, dass es Serien gibt, in denen Hauptfiguren so etwas überleben, aber die gehören in der Regeln nicht zu denen, die man ernst nehmen muss. Scheiße aber auch. Damit ist die Figur der zweiten Staffel, die mir bislang am besten gefallen hat, schon wieder aus dem Rennen – aber es gibt ja Rückblenden, darin ist Nic Pizzolatto ein Meister, auch wenn ich jetzt befürchte, dass er es damit in dieser Staffel übertreiben könnte. Die beiden anderen Ermittler, über deren Vergangenheit man inzwischen ja auch so einiges erfahren hat, haben jetzt noch mehr aufzuklären.

Andererseits – der mysteriöse Vogelmann, der im heimlichen Zweitwohnsitz des Opfers auftauchte, dessen Mordfall Gegenstand von Rays Ermittlungen ist, unter schoss Ray nicht in den Kopf. Ganz schon blöd eigentlich. Oder hat das alles noch etwas ganz anderes zu bedeuten…? Aber wir sind hier nicht bei Dexter oder Person of Interest, alternative oder virtuelle Realitäten gibt es in True Detective nicht, sondern nur schmerzhafte Wahrheiten. Die mitunter nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Ja, und es ist schon wieder da, dieses True-Detective-Feeling, allein dieses Vinci mit seinen 95 Einwohnern und seinen beeindruckenden Industrieanlagen, die zweifelsohne nicht nur eine Menge Geld, sondern noch mehr giftige Abfälle produzieren und gewiss unendliche Möglichkeiten für dunkle Geschäfte aller Art bieten – das gefällt mir sehr gut. Diese düstere Welt unter der Sonne Kaliforniens, in der alle auf die eine oder andere Weise Dreck am Stecken haben. Andrerseits gibt es bereits sehr, sehr viele losen Ende, von denen gewiss nicht alle zu verknüpfen sind – ich brauche wohl noch ein, zwei Folgen, bis ich wirklich überzeugt bin.

Das verleitet mich dazu, mir noch ein paar Gedanken zu Mr. Robot zu machen – dieser Serien-Auftakt hat mich doch noch mehr angesprochen als der von der zweiten True-Detective-Staffel.

Deshalb fragte ich mich, was ich denn dermaßen gut daran finde. Und ich denke, dass es vor allem an zwei Dingen liegt: Die Serie hat mit Elliot Alderson (Rami Malek) einen wirklich sympathischen Protagonisten, der zwar ein bisschen gestört ist, aber genau deshalb tun kann, was wir alle auch gern tun würden, uns aber wegen der geltenden gesellschaftlichen Konventionen nicht zu tun trauen: Er kann beispielsweise dem idiotischen neuen Freund von Angela auf die Bemerkung, das ihr Verhältnis zueinander ja irgendwie blöd (awkward) wäre, einfach antworten, dass er kein Problem damit hat, dass ihr Verhältnis irgendwie blöd ist. Er will zu diesem Typ ja am liebsten gar kein Verhältnis haben: Der nervt ihn. Er mag Angela, aber das heißt ja nicht, dass er alle Menschen mögen muss, die mit Angela zu tun haben.

screenshot mr. robot

screenshot mr. robot: Ollie

Und man fühlt sich irgendwie ertappt: Hier hätten normale Menschen natürlich behauptet, dass das ja gar nicht so sei und man sich ein gutes Verhältnis wünsche – auch wenn das nicht die Wahrheit ist, weil uns dieser Typ genauso auf die Nerven gehen würde. Andererseits ist es aber nicht so, dass Elliot nicht wüsste, was von ihm erwartet wird. Er ist schließlich wahnsinnig intelligent, er weiß das sehr gut. Aber er nimmt sich die Freiheit zur entscheiden, wann es sich lohnt, sich zu verstellen und wann nicht.

Außerdem erfahren wir ja immer, was er tatsächlich denkt, es gibt viel Text aus dem Off – dieses Stilmittel kann sehr nervig sein, aber ich finde es hier sehr gut eingesetzt: Auf diese Weise wird sehr deutlich, woran Elliot – und irgendwie ja wir alle in dieser Welt leiden. Man muss eben ständig Dinge tun, die man gar nicht tun will, aber eben tun muss, weil die Umstände halt so sind wie sie sind. Und so erklärt Elliot dem Zuschauer, dass er sich eigentlich nicht Schlimmeres vorstellen kann, als so einen beschissenen Superkonzern wie Evil Corps vor Hackernangriffen zu schützen, während er gleichzeitig in seiner Firma beteuert, dass er seinen Job liebt. Von irgendwas muss ja auch ein Hacker leben.

screenshot mr. robot

screenshot mr. robot: Elliot (Rami Malek)

Das andere ist die Liebe zum Detail, insbesondere, wenn es um Dinge geht, die Fernsehmacher sich sonst gern einfach machen: Etwa irgendwelche sinnlosen Codezeilen über Monitore laufen lassen, wenn dem Publikum gezeigt werden soll, dass hier grade was ganz Übles mit Computern passiert. Oder etwas ganz Geniales. Den meisten Zuschauern dürfte das auch herzlich egal sein, weil sie eh keine Ahnung davon haben, schließlich geht es um die Story, und das ist normalerweise auch okay. Aber Mr-Robot-Autor Sam Esmail hat darauf bestanden, dass eben nicht irgendwelcher Unsinn auf den Monitoren angezeigt wird, sondern dass hier für ein entsprechend interessiertes Fachpublikum auch nachvollziehbare Dinge passieren. Außerdem sind die 10 Folgen der ersten Staffel von 0 bis 9 benannt, auch ein nettes Nerd-Detail und die Episoden-Namen haben einschlägige Datei-Endungen:

0 hellofriend.mov
1 ones-and-zer0es.mpeg
2 d3bug.mkv
3 da3m0ns.mp4
4 3xpl0its.wmv
5 br4ve-trave1er.asf
6 v1ew-s0urce.flv
7 wh1ter0se.m4v
8 m1rr0r1ng.qt
9 zer0-day.avi

Es gibt auf Youtube die Aufzeichnung eines Talks at Google – die olle Datenkrake Google lädt immer wieder Künstler und andere Leute, die Google gerade interessant findet, zu Gesprächen ein, die oft dann auch wirklich interessant sind – mit Sam Esmail und dem Hauptdarsteller Christian Slater, der die Titelrolle von Mr. Robot spielt. Darin erklärt Esmail, der selbst ägyptischer Abstammung ist (wie auch Elliot-Darsteller Rami Malek, hier gibt es offenbar eine Egyptian Connection) und den arabischen Frühling intensiv verfolgt hat, dass es ihm sehr wichtig gewesen ist, dass diese Details stimmten – über Esmail gibt beim FBI es auch eine Hacker-Akte, aber die aber sehr schmal sei, betont Esmail, er wolle den echten, wirklich begabten Hackern nicht zu nahe treten. Er sei in seiner Highschool-Zeit einmal wegen E-Mail-Spoofing verknackt worden, was ziemlich peinlich sei, weil er eben ein schlechter Hacker war.

screenshot mr. robot

screenshot mr. robot: Elliot (Rami Malek)

Aber seine Helden sind gute Hacker – zumindest Elliot. Bei Mr. Robot bin ich mir noch nicht so sicher. Also dass er ein Großmeister in Hacking ist, keine Frage. Aber seine Ziele? Bislang unklar. Während es bi Elliot ziemlich einfach ist: Der will die Welt besser machen, wenigstens so weit sein Einfluss reicht: Er beschützt die Menschen, an denen ihm etwas liegt. Und am Ende lässt er sich doch von Mr. Robot überzeugen, bei dem nächsten großen Ding gegen Evil Corps mitzumachen. Aber es geht alles ganz anders aus als gedacht.

Und im zweiten Teil kommt es noch anders: Elliot bekommt vom Tyrell ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann: Elliot soll Chef der Cyber-Security-Abteilung von E Corps werden. Binnen der nächsten fünf Jahre wäre er Multi-Millionär. Tyrell ist, nachdem sein Boss Terry Colby ja wegen der Hackerattacke, die Elliot im Auftrag der fsociety eben diesem in die Schuhe oder viel mehr in die Dat-Files geschoben hat, zum IT-Chef von Evil Corps aufgestiegen. Und er gesteht Elliot, dass er den Hackern von fsociety in gewisser Weise dankbar sein müsste – er ist durch den Abgang von Colby die jüngste Führungskraft auf der obersten Ebene des Konzerns.

Aber wir wissen ja, dass Geld für Elliot keine Rolle spielt. Er wohnt in einem schäbigen Loch,  braucht keine schicken Klamotten und gibt vermutlich nur für seinen Internetanschluss und seinen Smartphone-Vertrag Geld aus. Man sieht ihn auch fast nie etwas essen – nur auf dem Weg zu seiner Psychologin schiebt er sich einmal ein Sandwich rein. Und dann braucht er noch ein paar Dollar für seine Drogen, die er aber auch maßvoll einsetzt. Und was zu viel ist, ist zu viel: Er hat sich mit seinem Job bei Allsafe abgefunden, aber nun direkt für den Arschloch-Konzern zu arbeiten, den er so hasst, das will er nun wirklich nicht. Also lehnt er ab, selbst nachdem Tyrell ihm eröffnet hat, dass es mit Allsafe demnächst aus sein wird, weil E-Corp die Verträge kündigt.

Trotzdem wirft diese ganze Sache ihn ziemlich aus der Bahn: Mr. Robot und die fsociety haben schwer durchschaubare Ziele und er sich inzwischen sicher, dass es keine gute Idee war, da mitzumachen. Er fürchtet auch, dass dieser Tyrell Wellick mehr über ihn weiß als ihm lieb ist – warum sonst hat er ihm dieses Angebot gemacht? Elliot genehmigt sich erstmal eine extra große Dosis Morphin und hackt sich in Tyrells E-Mail – was erschreckend einfach ist. So einfach, dass Elliot klar wird, dass Tyrell damit gerechnet haben muss, dass Elliot ihn hacken würde und ihm einen Köder ausgelegt hat. In einem Panik-Anfall zerstört er umgehend seine Computer, SIM-Karten und Festplatten.

Trotzdem lässt ihn fsociety nicht los – Darlene taucht in Elliots Wohnung auf und nimmt ihn mit zum Hauptquartier. Dort erfährt Elliot, dass Mr. Robot eine Gaspipeline in der Nähe eines geheimen Rechenzentrums von E Corps sprengen will – durch die gewaltige Explosion soll es und damit auch die Daten samt Backups zerstört werden. Elliot ist entsetzt: Dabei können Menschen sterben! Bei so etwas will er nicht mitmachen. Mr. Robot erklärt, dass wegen Konzernen wie Evil Corp doch ständig Menschen sterben und stellt ihn vor die Wahl: Entweder er geht jetzt und ist für immer aus dem Projekt raus, oder bleibt und macht mit. Elliot geht natürlich.

Und gerät auch sonst in einen fatalen Abwärtsstrudel – nicht nur, dass der Hund, dem er dem Ex-Lover seiner Psychologin abgenommen hat, ständig seine Wohnung vollkackt, der Stamm-Dealer von Shayla, die wiederum Elliot mit Drogen versorgt, behauptet, sich in Shayla verliebt zu haben – ein ganz übler Typ, wie Elliot längst recherchiert hat. Eigentlich müsste er etwas gegen diesen Kerl unternehmen. Aber er hat keine andere Quelle für Morphin und das braucht er doch jetzt so dringend… überhaupt macht sich Elliot in dieser Folge viele Gedanken darüber, wer eigentlich die Kontrolle hat oder nicht und wie das mit freien Entscheidungen so ist.

Am Ende stellt er fest, dass er doch gern etwas gegen Evil Corp unternehmen würde und sucht Mr. Robot auf, um ihn zu sagen, dass er eine Idee hat, wie man die Daten zerstören könnte, ohne das Rechenzentrum in die Luft zu jagen. Aber Mr. Robot will das gar nicht hören: Elliot sei doch gegangen.Damit ist er aus der Sachen raus.

Jetzt geht Elliot aber nicht, sondern setzt sich zu Mr. Robot auf das Geländer hoch über der Küste von Coney Island. Sie reden über Elliot Vater, der für Evil Corps gearbeitet hat, Krebs bekam und gefeuert wurde. Und dass er Elliot nicht verziehen hat, dass er seiner Mutter von der Krankheit des Vaters erzählt hat: Er schubste Elliot weg, so dass er aus dem Fenster fiel und sich dem Arm brach.

Und dann gibt es auch hier einen WTF-Moment, wenn auch nicht so krass wie bei True Detective: Mr Robot schubst Elliot vom Geländer.

Mal sehen, was er sich dieses Mal gebrochen hat…

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