The Master: Ein Kultfilm im eigentlichen Sinne

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich einen Film gesehen habe, den ich einfach nur gut und gelungen fand und am liebsten sofort noch einmal sehen wollte. Aber im Zuge meiner aktuellen Recherchen bin ich auf The Master von Paul Thomas Anderson gestoßen. Das ist tatsächlich einer der wenigen Filme, bei denen für mich wirklich alles stimmt – eine interessante Geschichte, großartige Bilder, fantastische Schauspieler und nicht zuletzt ein gelungener Soundtrack. Ein Wahnsinnsfilm, im wahrsten Sinne des Wortes.

Screenshot The Master: Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman)

Screenshot The Master: Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman)

Joaquin Phoenix spielt darin den Kriegsheimkehrer Freddie Quell und Philip Seymour Hoffman den charismatischen Guru Lancaster Dodd. Nach dem 2. Weltkrieg kommt der Matrose Freddie Quell nach seinem Einsatz im Pazifik wieder nach Hause. Er ist, wie so viele andere ehemalige Soldaten psychisch ziemlich angeschlagen und es fällt ihm schwer, im zivilen Leben wieder Fuß zu fassen. Freddie ist ein unzuverlässiger und leicht reizbarer Mensch, dessen Hauptbeschäftigung es ist, sich aus allen möglichen und unmöglichen Zutaten Fusel zu brauen – es kommt schon mal vor, dass Ungeübte den Genuss seines Gebräus nicht überleben. Freddie selbst ist offensichtlich extrem zäh und er hat sogar einen Job als Fotograf in einem Kaufhaus. Aber er erträgt die Welt und das Leben nur im Suff.

Screenshot The Master: Freddie Quell (Joaquin Phoenix)

Screenshot The Master: Freddie Quell (Joaquin Phoenix)

Eines Tages gerät er betrunken auf ein im Hafen liegendes Schiff und schläft ein. Am nächsten Tag stellt sich heraus dass er auf dem Schiff von Lancaster Dodd gelandet ist, einem charismatischen Heiler und Philosoph, der einen neuen Kult namens „Der Ursprung“ („The Cause“) gegründet hat und in erster Linie von der Gunst und vom Geld seiner begüterten Anhänger und vor allem Anhängerinnen lebt. Dodd behauptet, eine neue psycho-somatische Methode gefunden zu haben, mit der sich alle möglichen Krankheiten und Leiden heilen lassen: Man müsse in seine früheren Leben zurückgehen und sich dort mit dem Schmerz konfrontieren, den man ansonsten den Rest seiner Existenz mit sich herumschleppe.

Screenshot The Master: Clark (Rami Malek), Lancaster (Philip Seymour Hoffman) und Elizabeth (Ambyr Childers)

Screenshot The Master: Clark (Rami Malek), Lancaster (Philip Seymour Hoffman) und Elizabeth (Ambyr Childers)

Der alkoholkranke und physisch angeschlagene Freddie erscheint Dodd als ideales Versuchskaninchen – außerdem hat Dodd, der selbst gern mal einen hebt und immer auf der Suche nach etwas Neuem und Besonderen ist, Gefallen an Freddies Gesöff gefunden. Das schmeichelt Freddie einerseits und anderseits findet die Sitzungen er mit Dodd interessant. Freddie macht engagiert mit, auch wenn ihm der Sinn des Ganzen nicht wirklich einleuchtet.

Screenshot The Master: Freddie (Joaqiun Phoenix)

Screenshot The Master: Freddie (Joaquin Phoenix)

Es macht ihm in gewisser Weise Spaß, sich mit dem großen Meister Dodd zu messen, Freddies Leben bekommt dank Dodd und seinem eigenartigen Kult wieder einen Sinn. Obwohl Freddie nicht wirklich zu den anderen Jüngern von Dodd und seiner Frau Peggy (Amy Adams) passt – Dodds Familie begegnet dem eigenartigen Fremdling mit Misstrauen – Dodds Schwiegersohn Clark (Rami Malek) vermutet sogar, dass Freddie ein Spion ist, der sich in Den Ursprung eingeschlichen hat, um das Manuskript für Lancasters nächstes Buch zu stehlen. Und Peggy fordert, dass Freddie mit dem Saufen aufhören müsse, wenn er bleiben wolle.

Screenshot The Master: Eine Psycho-Sitzung mit dem Meister

Screenshot The Master: Eine Psycho-Sitzung mit dem Meister

Mit der Zeit stellt sich heraus, dass Dodds gesammeltes Wissen samt seiner Erleuchtung ein Haufen totaler Unsinn ist. Im Grunde ist seine eigentliche Begabung die Fähigkeit, sein Publikum zu verarschen, in dem er aus dem Stegreif irgendwelches Zeug erzählt, was die Leute einfach mitreißt – auf Kritik, die es mitunter auch gibt, geht er gar nicht ein: Das hat er überhaupt nicht nötig und das lässt er die anderen spüren.

Im Grunde gibt Dodd vor allem das weiter, das seine neue, junge und ehrgeizige Frau Peggy ihm eingibt – sie ist eigentlich die treibende Kraft hinter dem ganzen Kult um den Ursprung und um großen den Meister. Peggy hält sich berechnend bescheiden stets im Hintergrund, aber sie ist es, die den ganzen Laden und auch ihren vergnügungs- und geltungssüchtigen Mann ganz gut im Griff hat. Dodd neigt genau wie Freddie zu hemmungsloser Ausschweifung, aber Lancaster ist eben in der Lage, andere dadurch zu begeistern und mitzureißen, während Freddie in erster Linie auf Selbstzerstörung aus ist.

Screenshot The Master: Der Meister wird verhaftet

Screenshot The Master: Der Meister wird verhaftet

Dodd ist ein Blender: Natürlich gibt es keinerlei Beweise dafür, dass an seiner Lehre etwas dran ist und seine Heilmethoden wirken – aber für diejenigen, die daran glauben wollen, spielt das keine Rolle. Nicht einmal, als die Polizei kommt, um Dodd zu verhaften, weil er ohne Zulassung eine Klinik betreibt und größere Summen aus einem Spendenfonds veruntreut hat. Freddie versucht, den Meister zu verteidigen – aber Polizisten verprügelt man nicht ungestraft. Freddie wird ebenfalls verhaftet und im Gefängnis kommt es zu einem heftigen Streit zwischen Freddie und Dodd, bei dem der wütende Freddie seine Gefängniszelle zerlegt und sagt, dass er Dodd durchschaut habe.

Screenshot The Master: Freddie und Lancaster

Screenshot The Master: Freddie und Lancaster

Auch wenn sich die beiden erstmal wieder vertragen, kommt für Freddie danach allerdings ein entscheidender Wendepunkt – er hat irgendwann genug von den Spielchen des Meisters und klaut sein Motorrad, um seine Jugendliebe zu besuchen, zu der er nicht, wie einst versprochen, zurückgekehrt ist. Aber natürlich gibt es auch hier keine Erlösung, auch wenn Freddie sich nach einigem Hin-und-Her (so folgt Freddie dem Meister auf seine Bitte hin sogar nach England, wo der Ursprung inzwischen zahlreiche Anhänger gewonnen und eine Schule eröffnet hat, überlegt es sich dann aber wieder anders) vom Ursprung lossagt und am Ende endlich doch eine ältere Freundin findet, die er ausgerechnet mit den von Dodd erlernten Psycho-Sprüchen beeindrucken kann.

Das ist es, was mir so gut gefällt: Es gibt immer noch eine Ironie in der Ironie. Ganz großes Kino.

Screenshot The Master: Clark (Rami Malek), Peggy (Amy Adams), Lancaster (Philip Seymour Hoffman), Elizabeth (Ambyr Childers) und Freddie (Joaquin Phoenix)

Screenshot The Master: Clark (Rami Malek), Peggy (Amy Adams), Lancaster (Philip Seymour Hoffman), Elizabeth (Ambyr Childers) und Freddie (Joaquin Phoenix)

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