Silicon Valley: Nerds unter sich

Das Silicon Valley ist der Nabel der digitalen Welt – insofern war eine Serie über dieses Tal südlich von San Francisco, von dem aus Apple, Google, Facebook und Co. um die Weltherrschaft streiten, mehr als überfällig. Hier findet der amerikanische Traum noch immer statt, und zwar in Reinkultur oder viel mehr: in seiner totalen Überspitzung – hier kann zwar nicht mehr der fleißige Tellerwäscher zum Millionär werden, aber der Nerd, der in der Garage seiner Eltern oder im total überteuerten WG-Zimmer eines bereits erfolgreichen Kumpels das nächste große Ding entwickelt.

Genau so eine Geschichte erzählt die HBO-Serie Silicon Valley: Richard Hendricks (Thomas Middleditch) arbeitet als Entwickler in der Software-Schmiede hooli. In seiner Freizeit bastelt er an einer eigenen Anwendung – wie eigentlich jeder hier. Ob es der Pizzabote oder der Angestellte im örtlichen Supermarkt ist, jeder hat hier schon eine mehr oder weniger geniale App in der Pipeline und wartet auf den großen Durchbruch. Die entscheidenden Frage dabei ist nur: „Bist du ein Jobs oder ein Wozniak?“

Silicon Valley: Richard (Thomas Middleditch) und Big Head (Josh Brener)

Silicon Valley: Richard (Thomas Middleditch) und Big Head (Josh Brener) – Bild: HBO

Richard ist ein Wozniak: Für seine Musik-App, die im Handumdrehen Songs auf urheberrechtlich problematisches Material untersuchen kann, hat Richard quasi nebenbei einen genialen Kompressions-Algorithmus entwickelt, der – im Gegensatz zur eigentlichen App – auf reges Interesse in der Szene stößt. Deshalb bietet Richards Chef, der Software-Milliardär Gavin Belson, mehrere Millionen Dollar dafür. Allerdings ist auch der nicht weniger legendäre Tech-Investor Peter Gregory inzwischen auf Richards Entwicklung aufmerksam geworden und macht ihm ein ganz anderes Angebot: Er bietet Richard einen Scheck über 200.000 Dollar und Hilfe bei der Start-up-Gründung an: Dann wäre Pied Piper Richards eigenes Ding, was immer später daraus würde. Richard ist mit einer solchen Entscheidung total überfordert, entscheidet sich schließlich sich aber, sein eigenes Ding zu machen („das ist es doch, das wollen wir hier doch alle!“) und schlägt zum Entsetzen seiner Mitbewohner in seiner Entwickler-WG die 10 Millionen aus, die Belson inzwischen bietet.

Allerdings sind die Jungs auch gleich wieder dabei, als es um die Firmengründung geht: Jeder hält sich für den unverzichtbarsten Bestandteil des künftigen Managements – nur Richards bester Freund Nelson „Big Head“ Bighetti (Josh Brener) nicht, der weder ein besonders guter Entwickler, noch sonst besonders begabt ist. Weil er aber so ein guter Freund von Richard ist, wirbt Belson ihn mit einem sehr guten Angebot zu hooli ab, weil er glaubt, dass Nelson hooli dabei helfen könne, Richards Algorithmus nachzubauen. Nelson hat allerdings keine Ahnung davon und somit bald nichts mehr zu tun, außer anwesend zu sein, um seinen Vertrag zu erfüllen, damit er in ein paar Jahren seine Optionen in hooli-Anteile umwandeln kann. Damit ist er im Grunde der Glückspilz der Serie – er hat ausgesorgt und wird nie mehr für sein Geld arbeiten müssen. Umgekehrt kann er aber seinen alten Freund Richard mit Interna aus dem hooli-Universum versorgen.

Silicon Valley: Jared (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch)

Silicon Valley: Jared (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch)- Bild: HBO

Richard hingegen muss endlich lernen, ein Arschloch zu sein, wie ihm Erlich Bachmann erklärt (T. J. Miller) erklärt, der schon erfolgreich ein Start-up gegründet und für eine Million verkauft hat – deshalb gehört ihm auch das schöne Haus, in dem die anderen Jungs mit ihm wohnen. Erlich bekommt als Gründer des „Incubator“ – wie er seine Techie-WG nennt, immer 10 Prozent an den Projekten, die seine Mieter unter seinem Dach gründen. Natürlich gehören ihm auch 10 Prozent von Pied Piper. Deshalb sieht Erlich sich automatisch als Mitgründer und künftiges Vorstandsmitglied an.

Ebenfalls mit von der Partie ist der Kanadier Bertram Gilfoyle (Martin Starr), der nicht nur ein wahnsinnig guter Programmierer und Netzwerkspezialist, sondern auch Satanist ist. Natürlich darf der Quoten-Inder Dinesh Chugtai (Kumail Nanjiani) nicht fehlen, auch wenn er in diesem Fall Pakistani ist und gelegentlich als Mexikaner herhalten muss, wenn es um den Geschäftserfolg geht. Und weil die Jungs alle echte Nerds sind, brauchen sie auch jemanden, der sich im wahren Geschäftsleben auskennt. Das ist Donald (Jared) Dunn (Zach Woods) , der erst Assistent von Gavin Belson ist, dann aber zu Pied Piper überläuft, um sich dort um den Papierkram zu kümmern. Jareds Schicksal ist es, ständig übersehen und vergessen zu werden, obwohl seine Arbeit für den Geschäftserfolg nicht weniger unverzichtbar ist, als die Arbeit der Entwickler. Und dann gibt es natürlich noch Monica (Amanda Crew), die geschickte und sehr hübsche Assistentin von Peter Gregory, die mit ihrer diplomatischen Art dafür sorgt, dass ihr überaus arschiger Chef immer bekommt, was er will.

Silicon Valley:  Richard (Thomas Middleditch) muss auf die Hilfe des minderjährigen Kevin zurückgreifen

Silicon Valley: Richard (Thomas Middleditch) muss auf die Hilfe des minderjährigen Kevin zurückgreifen – Bild: HBO

Überhaupt muss Richard mit der Zeit feststellen, dass es bei dem erbitterten Wettstreit zwischen den Milliardären Gavin Belson und Peter Gregory keineswegs um ihn oder sein Produkt geht, sondern darum, dass die beiden einfach einen Wahnsinnsspaß daran haben, sich gegenseitig zu demütigen – da kann man dem anderen ruhig mal für ein paar Millionen ein interessantes Start-up vor der Nase wegkaufen und dann einfach fallen lassen oder dem anderen für einen ähnlichen Betrag den Top-Mitarbeiter ausspannen, den der gerade für sein neues Hobby gebraucht hätte.

Aber Richard hat natürlich ganz andere Probleme, denn natürlich fällt es ihm schwer, Firmenchef und damit Arschloch zu sein und noch schwerer fällt es ihm, zu überblicken, auf was er sich da überhaupt eingelassen hat. Aber eins wird ihm binnen kürzester Zeit klar: Nämlich, wie bescheuert es war, die 10 Millionen von Belson auszuschlagen. Dennoch schlägt er sich weiterhin tapfer, auch wenn er vor allen wichtigen Terminen wie ein Reiher kotzt und auch sonst immer wieder völlig idiotisch agiert.

Weil er keine Ahnung hat, wie man eine Firma gründet, kann er nicht einmal den auf sein Unternehmen ausgestellten Scheck von Peter Gregory einlösen – Pied Piper ist im Grunde schon pleite, bevor es überhaupt gestartet ist, und weil das allein noch nicht schlimm genug ist, hat hooli inzwischen auch Richards Kompressionsalgorithmus nachgebaut und mit allerlei praktischen Erweiterungen versehen: Auf der kommenden TechCrunsh Disrupt will Gavin das Projekt „Nucleus“ ganz groß vorstellen. Damit ist Pied Piper ohnehin erledigt – denn was können die Jungs gegen eine solche Konkurrenz schon ausrichten? Aber Richard ist eben Richard und er bastelt besessen weiter – und seine Kumpels machen mit, ihre Existenz hängt an Richards Erfolg. Außerdem können sie eben gar nichts anderes.

Silicon Valley: Gilfoyle (Martin Starr)

Silicon Valley: Gilfoyle (Martin Starr) – Bild: HBO

Insbesondere in der letzten der acht Folgen der ersten Staffel wird das auf den Punkt gebracht: Durch einen blöden Zufall wurde Pied Piper für den Start-up-Wettbewerb auf der TechCrunsh Disrupt angemeldet, obwohl sie doch eigentlich schon eine Finanzierung haben – zumindest denken das alle. Aber die Jungs müssen das Ding jetzt gewinnen, sonst sind sie weg vom Fenster. Natürlich gibt es Komplikationen ohne Ende, aber durch einen weiteren (un)glücklichen Zufall wird die ohnehin nicht perfekte Präsentation des Pied-Piper-Teams durch ein eifersüchtiges Jurymitglied unterbrochen, so dass die Jungs als Entschädigung in die Endrunde durchgewirkt werden.

Obermotivator Erlich erklärt, dass ein Misserfolg ganz ausgeschlossen sei, und wenn er allen 800 Entwicklern im Saal persönlich einen runter holen müsste – woraufhin sich das ganze Team umgehend mit der brennenden Frage beschäftigt, in welcher Zeit mit welchen Optimierungen das zu machen sei – Nerds eben. Aber genau durch diese Schwachsinnseinlage kommt Richard auf den entscheidenden Gedanken zur Verbesserung seines Algorithmus: Nicht von oben nach unten oder von unten nach oben, sondern von der Mitte aus gleichzeitig in alle Richtungen soll er komprimieren. Richard arbeitet die ganze Nacht an seinem Code und wird gerade rechtzeitig zur Präsentation fertig – allerdings präsentiert Pied Piper ein ungetestetes Produkt und es wird noch einmal entsprechend spannend.

Silicon Valley: Jared  (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Erlich (T. J. Miller, Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch)

Silicon Valley: Jared (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Erlich (T. J. Miller, Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch) – Bild: HBO

Alles in allem eine nette Zwischendurch-Serie nicht nur für Nerds – ich würde Silicon Valley zwischen The IT Crowd und Big Bang Theorie einordnen, es ist eindeutig mehr Comedy als Tech. Eine Art spaßiger Zweitaufguß von Halt and Catch Fire, was ja doch eine durchaus ernstzunehmende Retro-Serie über die aufkeimende Goldgräberstimmung in der IT-Branche der frühen 80er Jahre ist. Keinesfalls handelt es sich um ein komplexes und tierschürfendes Gesellschaftsdrama wie Mr. Robot, das zum einen in oft sehr realistischen Szenarien demonstriert, was derzeit technisch möglich ist, und gleichzeitig hinterfragt, wie weit eine Gesellschaft denn wünschenswert ist, die eben so funktioniert, wie unsere Gesellschaft funktioniert.

In Silicon Valley wird nichts hinterfragt, hier wird, ein wenig überspitzt, einfach gezeigt, was Sache ist. Und wenn auch „wir wollen die Welt mit unserem Produkt zu einem besseren Ort machen!“ als Mantra für jedes verdammte Produkt wiederholt wird, das in dieser Serie entwickelt und vorgestellt wird, so absurd es im Detail jeweils sein mag, so ist es letztlich doch total okay, Geld damit zu verdienen. Denn das ist das Ziel von allem – und in dieser Sache ist Silicon Valley absolut realistisch und deshalb dann leider doch gar nicht dermaßen witzig.

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