Retrokritik: Kaltblütig – Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord

Leider ist das Wetter nicht immer so, wie man es im Urlaub gern hätte – aber auch das ist heutzutage nicht wirklich ein Problem, weil es ja handliche Laptops und noch handlichere Speichermedien gibt, auf denen man ein Programm für Regentage mitnehmen kann. Den gestrigen Regentag habe ich genutzt, um mir den Klassiker Kaltblütig aus dem Jahr 1967 anzusehen, die Verfilmung des gleichnamigen Tatsachen-Romans von Truman Capote (Originaltitel: In Cold Blood, erschienen 1965), den ich vor einigen Jahren gelesen hatte und sehr interessant und aufschlussreich fand. Capote wollte mit diesem Roman beweisen, dass die Erzählung einer wahren Geschichte genauso spannend sein kann wie ein raffiniert konstruierter Thriller – und diese Geschichte ist nun wirklich ein Thriller der Sonderklasse.

Roman und Film handeln von einem wahren Verbrechen, der kaltblütigen Auslöschung einer kompletten Familie durch Perry Edward Smith und Richard (Dick) Eugene Hickock im November 1959. Die beiden ehemaligen Sträflinge haben im Gefängnis von einem weiteren Häftling gehört, dass ein gewisser Mr. Clutter, der eine große Farm in Holcomb, Kansas, besitzt, einen Tresor im Haus haben soll, in dem stets eine größere Menge Bargeld lagert.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Als beide wieder auf freiem Fuß sind, beschließen sie, dem Anwesen der Clutters einen Besuch abzustatten und mit dem geraubten Geld ein neues Leben in Mexiko anzufangen. Sowohl Perry (Robert Blake) als auch Richard (Scott Wilson) sind das, was man gemeinhin als verkrachte Existenzen bezeichnet. Perrys Mutter war eine erfolgreiche indianische Rodeoreiterin, die sich irgendwann dem Alkohol und Affären mit jüngeren Männern hingegeben hat, weil sie das elende Wanderleben und die ewigen Streitereien mit Perrys Vater Tex nicht mehr ertragen konnte.

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Die Kinder, darunter auch Perry, leiden unter den Eskapaden ihrer Mutter und landen immer wieder im Heim, wo der Bettnässer Perry von den Nonnen gequält wird. Später zieht er mit seinem Vater nach Alaska, doch Tex ist weder als Goldsucher, noch als Inhaber einer Hütte, die er an Touristen vermieten will, erfolgreich. Eines Tages schießt der Vater im Streit auf den Sohn – doch das Gewehr ist nicht geladen. Perry macht sich auf, er kämpft im Koreakrieg und erleidet später bei einem Motorradunfall schwere Verletzungen an den Beinen, weshalb er von da an ständig Schmerzmittel braucht. Er hat ein aufbrausendes Temperament und landet wegen Totschlags im Gefängnis, wo er Richard kennen lernt.

Richard hatte eine vergleichsweise unauffällige Kindheit, stammt aber auch aus einfachen Verhältnissen. Sein krebskranker Vater hält ihn alles in allem für einen guten Jungen – Richard weiß, wie man sich gut kleidet und benimmt, deshalb ist er als Scheckbetrüger erstaunlich erfolgreich. Perry will nach seiner Zeit im Knast eigentlich nichts mit Richard zu tun haben. Doch als er nach seiner Haft einen anderen Bekannten, den er unbedingt noch einmal treffen wollte, nicht erreichen kann, lässt er sich von Richard überreden, bei der Sache mit den Clutters mitzumachen. Perry verstößt dafür auch gegen seine Entlassungsauflagen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Die beiden machen sich auf den Weg und bereiten sich entsprechend vor – Richard hat eine Schrotflinte dabei, unterwegs besorgen sie Klebeband und ein Seil. Als sie nachts das Anwesen der Clutters erreichen, will Perry eigentlich lieber umkehren, bevor es zu spät ist – aber dann nehmen die Dinge ihre verhängnisvollen Lauf.

Im Film wird das Verbrechen an sich aber erst sehr viel später gezeigt, nachdem Perry und Richard verhaftet wurden und Perry erzählt, was passiert ist. Aber bis dahin hat der leitende Ermittler Detective Dewey (John Forsythe) und sein Team noch einiges zu tun.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Anders als jener Zellengenosse Richard erzählt hat, gibt es im Haus der Clutters keinen Safe – Mr. Clutter ist zwar wohlhabend, bezahlt aber alles mit Schecks. Bargeld gibt es kaum im Haus. Perry und Richard können das kaum fassen – und es kommt zu eben jenem „psychologischen Unfall“ wie später auch ein Gutachten ergeben wird – nämlich, dass weder Richard noch Perry für sich allein eine solche Bluttat begangen hätten, sie aber zusammen in diese Situation geraten, in den der eine den anderen immer weiter treibt, bis Perry den Farmer Herbert Clutter umbringt und die beiden danach auch seine Frau und ihre beiden fast erwachsenen Kinder töten. Und das alles für die äußerst geringe Ausbeute von gut 40 Dollar an Bargeld und einem transportablen Radio.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)


Insofern nützt ihnen auch ihre Flucht nach Mexiko erstmal wenig – weil sie kein Geld haben, beschließen sie, in die USA zurückzukehren. Aber jetzt machen sie weitere Fehler – sie stehlen ein Auto und beschaffen sich Geld mit Scheckbetrug. Die Polizei kommt ihnen auf die Spur – noch gibt es aber außer zwei blutigen Stiefelabdrücken, die von den Tätern stammen, noch wenig handfeste Beweise, um sie als Mörder zu verhaften. Als sie in Las Vegas das Paket mit ihren Sachen abholen, dass Perry aus Mexiko geschickt hat, werden sie vorgeblich wegen Autodiebstahl festgenommen. In den folgenden Verhören behaupten die Ermittler, dass es einen überlebenden Zeugen gebe. Richard verliert die Nerven und gesteht die Tat, behauptet allerdings, dass die Morde auf Perrys Konto gehen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)


Also kommt es zum Prozess, in dem eine Jury die beiden als kaltblütige Mörder einer angesehenen Familie zum Tode verurteilt. Es dauert aber noch fast fünf Jahre, bis das Urteil vollstreckt wird. Der Drehbuchautor und Regisseur Richard Brooks hat die literarische Vorlage von Truman Capote, in der nach einer Erklärung für das unbegreifliche Verbrechen gesucht wird, in einem quasi dokumentarischen Stil umgesetzt: Der Film ist in Schwarzweiß gedreht und nimmt sich viel Zeit, die Geschichte und das Verhältnis, das Perry und Richard zueinander entwickeln, zu beschreiben. Dabei gibt es auch immer wieder Rückblenden, insbesondere in Perrys Kindheit, der schon früh und dann immer wieder mit viel Gewalt konfrontiert wurde, was letztlich auch als Erklärung für seine eigenen Gewaltausbrüche dient. Perry sagt selbst auch, dass die Clutters Zufallsopfer waren, er persönlich hatte überhaupt nichts gegen sie und eigentlich fand er sogar, dass Herbert Clutter ein ziemlich netter Mensch gewesen sei – bis er ihm die Kehle durchschnitt. Seine letzten Worte vor seiner Hinrichtung sind, dass er sich für das, was er getan hat, gern entschuldigen würde – allerdings wisse er nicht, bei wem.

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Interessant auch, dass Richard selbst nachdem er zum Tode verurteilt wurde, Befürworter der Todesstrafe bleibt – „wie sollen die Leute sonst Rache nehmen?“ Letztlich nehmen beide ihre Strafe an – sie finden völlig in Ordnung, dass sie bestraft werden müssen – wenn auch vielleicht nicht mit dem Tod durch den Strang. Der Film stellt auch infrage, ob das alles so richtig ist. Ein junger Beamter, der bei der Hinrichtung dabei ist, fragt, wofür das jetzt alles gut war. Einer der Veteranen antwortet: Sechs Menschen wurden ermordet, vier unschuldige und zwei schuldige. Drei Familien seien zerstört worden, die Zeitungen hätten ihre Auflage erhöht, die Politik diskutiere einmal mehr über die Todesstrafe und am Ende ändere sich – wie immer – nichts.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Detective Dewey kritisiert auch die Presse, die die Täter schon verurteile, bevor sie überhaupt gefasst seien, nach deren Ergreifung aber der Polizei vorwerfe, dass sie zu brutal vorginge und Zweifel an den Ermittlungsergebnissen aufkommen ließe. Schließlich würden die Journalisten alles tun, um die Täter zu retten, auch wenn deren Schuld eigentlich zweifelsfrei erwiesen sei.

Alles in allem ein sehr nachdenklicher, aber auch intensiver Film. Ein echter Klassiker, der sich auf jeden Fall lohnt – nicht nur wegen der Geschichte selbst, die den zutreffenden Untertitel Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord trägt, sondern auch wegen der klassisch markant komponierten Schwarzweißbilder von Kameramann Conrad L. Hall und der dazu passenden Musik von Quincy Jones.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s