Savages – Kapitalismus ist etwas für Wilde

Es ist ja nicht so, dass ich mir nur noch Spiele-Verfilmungen ansehe, auch wenn vielleicht dieser Eindruck entstanden ist, nur weil ich jetzt, nachdem die beste Serie dieses Sommers nun einmal gelaufen ist, noch keinen halbwegs befriedigenden Ersatz gefunden habe. Ich habe damit angefangen, mir wieder Filme anzusehen – unter anderem Savages von Oliver Stone.

Ich kann nicht sagen, dass ich ein ausgesprochener Oliver-Stone-Fan bin, wobei es Oliver-Stone-Filme gibt, die ich richtig gut finde, vor allem das vergleichsweise unbekannte Roadmovie U-Turn, das ich mir unbedingt auch noch einmal ansehen muss… ja, und ich finde wirklich cool, dass er Comandante gemacht hat. Ein US-Regisseur, der einen Dokumentar-Film über Fidel Castro macht, in dem er den Comandante als ernsthaften und nachdenklichen Mann zeigt, dem in erster Linie etwas an den Menschen in seinem Land liegt – das hat Größe.

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Chon (Taylor Kitsch)

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Chon (Taylor Kitsch)

Und wenn man sich mal ansieht, wie die Verhältnisse in Kuba – das von den USA jahrzehntelang in Grund und Boden boykottiert wurde – im Vergleich zu anderen Karibik-Staaten aussehen, dann kann man schon auf die Idee kommen, dass die Idee des Sozialismus nicht dermaßen schlecht für die Menschen sein muss, wie die Kapitalisten immer behaupten. Die Leute auf Haiti beispielsweise wären sicherlich froh, wenn sie kubanische Verhältnisse hätten. Und wo wir schon dabei sind: Libyen wurde von der NATO innerhalb kürzester Zeit vom reichsten Land Afrikas mit vorbildlichem Gesundheits- und Bildungssystem zu einem Failed State gebombt. Weder die Freiheit, noch der Markt kriegen das jetzt irgendwie wieder hin – genau wie in diversen anderen Staaten, die in den letzten Jahren (und Jahrzehnten) mit Freiheit und Demokratie beglückt wurden und jetzt Trümmerwüsten sind.

Oliver, übernehmen Sie?

Zurück zu Savages. Das Drogengeschäft ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Kapitalismus funktioniert: Wo ein Bedarf ist, da ist auch ein Markt, egal, was die Moral und die gesetzliche Lage jeweils dazu sagen. Und weil in einer kapitalistischen Welt Menschen nun einmal gezwungen werden, Geld zu verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, müssen sie halt buchstäblich um jeden Preis Geld verdienen. Wenn ihnen das gelingt, dann kann die Welt sehr schön sein. Wenn nicht, dann wird es ziemlich hässlich – dazu gibt es auch Filme, etwa den Dokumentarfilm Workingman’s Death von Michael Glawogger, der zeigt, was Menschen alles tun, um irgendwie zu überleben. Es gibt sehr viele sehr dreckige Jobs.

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Und dann gibt es die Jobs, die erstmal nicht so dreckig wirken – so ein stylisches Hightech-Gewächshaus mit hübschen grünen Pflanzen darin ist sehr viel angenehmer als etwa ein Schlachthof oder ein Schrottplatz in Afrika, ein illegale Kohlenmine in Osteuropa (um bei den Beispielen aus Workingsman’s Death zu bleiben), ein Näherinnen-Job in Bangladesh oder auch ein Job am Band von Foxconn.

Savages setzt mit dem amerikanischen Traum ein. Das ist konsequent, weil sich daraus der amerikanische Alptraum entwickelt: Wir sind an der goldenen Küste Kaliforniens, in einem wunderschönen Haus in einer traumhaften Gegend, in der drei glückliche Menschen ihr perfektes Leben leben – oder leben würden, wenn man sie denn ließe.

Aber da ist dieses Video, das in einem Lagerhaus in Mexiko aufgenommen wurde. Mehrere Entführte werden mit einer Kettensäge bedroht. Und wie man sich denken kann, bleibt es nicht bei dieser Drohung. Es ist also eine Warnung aus der Hölle, die in das schöne Leben von Ophelia, Ben und Chon einbricht. Die drei sind jung, sehen gut aus und haben es einfach drauf: Sie genießen das Leben und versuchen – jeder auf sein Weise – etwas Sinnvolles zu tun. Und Geld zu verdienen.

Screenshot Savages: Chon, O. und Ben

Screenshot Savages: Chon, O. und Ben

Das Gehirn dieser Gruppe ist Ben (Aaron Taylor-Johnson). Ben hat einen Universitäts-Abschluss in Betriebswirtschaft und einen in Botanik. Somit liegt es nahe, dass er ins Marihuana-Business eingestiegen ist: Auf diese Weise macht er seine Kunden und sich selbst glücklich. Und weil man mit dem besten Gras nun einmal das beste Geschäft machen kann, hat seine bester Freund Chon (Taylor Kitsch) dafür gesorgt, dass sie das allerbeste haben: Als Soldat, der in Irak und Afghanistan eingesetzt wurde, kam er an das edelste Saatgut der Welt heran. Damit haben sich die beiden Jungs ein extrem einträgliches Geschäft aufgebaut – Millionen zufriedener Kunden können sich nicht irren.

O. (Blake Lively) liebt sie alle beide – den irgendwie naiven, aber genialen Weltverbesserer Ben und die attraktive Killermaschine Chon, die beide zusammen den perfekten Mann für sie abgeben. Die drei scheinen sehr glücklich mit ihrem Arrangement zu sein: Ben, der ständig in der ganzen Welt herumreist, um seine altruistischen Projekte voranzubringen – Geld genug hat er ja dafür – Chon, der mit den Traumata beschäftigt ist, die er aus seinen Kriegseinsätzen mitgebracht hat und O., die darin aufgeht, die Freundin und Muse dieser beiden doch sehr unterschiedlichen Männer zu sein.

Screenshot Savages: Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Screenshot Savages: Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Genau das sorgt im Verlauf der Geschichte aber für Irritationen – die konservativen Mexikaner vom Kartell, die einerseits keine Skrupel haben, Menschen mit Kettensägen zu zerlegen oder ihnen brennende Autoreifen um den Hals zu hängen, finden diese Dreiecksgeschichte höchst irritierend. Mit ihrem Begriff von Ehre ist so etwas jedenfalls nicht vereinbar.

Die Kartell-Leute wollen aber von dem prosperierenden Geschäftsmodell von Ben und Chon profitieren – die Jungs mit ihrem guten Stoff machen ihnen nämlich den Markt kaputt. Und aus ihrer Sicht machen sie den beiden ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann: Sie wollen von ihnen lernen, wie man das gute Zeug kultiviert und nur 20 Prozent des Umsatzes für die nächsten drei Jahre.

Screenshot Savages: Alex (Demián Bichir)

Screenshot Savages: Alex (Demián Bichir)

Aber Ben und Chon wollen natürlich keine Geschäfte mit diesen brutalen Kartell-Killern machen – sie bitten um Bedenkzeit und bereiten ihre Flucht vor. Wie sich unschwer vorstellen lässt, geht das gründlich schief. Während ihnen ihr Kontaktmann bei der DEA, der korrupte Agent Dennis (überzeugend wie immer als schmieriger Schleimer: John Travolta) dazu rät, den Deal anzunehmen, entführen die Mexikaner im Auftrag der Kartell-Chefin Elena (Salma Hayek) die ahnungslose O. Offenbar hatte Elena derartige Schwierigkeiten vorausgesehen.

Wie man aus Breaking Bad ja schon gelernt hat, ist es einfach nicht möglich, im Drogengeschäft sauber zu bleiben. (In anderen Geschäften aber auch nicht, wie uns der aktuelle VW-Skandal lehrt) Genauso, wie es nicht möglich ist, eine solches Geschäft gewaltfrei zu betreiben – in ihrem eigenen Laden mag das zwar irgendwie hinhauen, aber die internationale Konkurrenz wirft halt nicht mit Wattebäuschchen. Diese Sache mit O. zeigt Ben und Chon, dass hier andere Gesetze gelten – auf die sie sich dann aber erstaunlich schnell einlassen: Sie beschließen, O. gewaltsam zu befreien.

Screenshot Savages: Kartell-Chefin Elena (Salma Hayek)

Screenshot Savages: Kartell-Chefin Elena (Salma Hayek)

Die beiden brechen damit einen Krieg vom Zaun, der eine Menge Opfer fordert: Als erstes überfallen sie mit der Hilfe von einigen ehemaligen Navi Seals, die Chon von früher kennt, einen Geldtransport des Kartells und bringen dabei sieben Männer um. Die Tat schieben sie der rechten Hand von Elena unter, dem Anwalt Alex (Demián Bichir). Der wiederum wird von Elenas Mann fürs Grobe Lado (Benicio Del Toro) so lange gefoltert, bis er alles gesteht, was die anderen von ihm hören wollen, um damit wenigstens seine Familie zu retten. Ausgerechnet der friedliebende Ben wird dann gezwungen, Alex auf grausamste Weise zu töten. Aber wenn nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der besten Freunde auf dem Spiel steht, gibt es eben keine andere Wahl.

Immerhin haben die beiden inzwischen erfahren, dass Elena eine Tochter hat, Magda, die in Kalifornien lebt. Sie beschließen, den Spieß umzudrehen und Magda zu entführen. Letztlich geht der Plan auf – es kommt am Ende zu einem Gefangenenaustausch, von dem es zwei Versionen zu sehen gibt, die eine, in der alle drei zusammen sterben und die andere, in der sie letztlich davon kommen.

Alles in allem trägt Stone ziemlich dick auf, der Film ist streckenweise durchaus trashig („von Tarrantino inspiriert“ könnte man auch sagen) – das ist es aber eben auch, was mir großen Spaß macht: Die Figuren sind allesamt Karikaturen ihrer selbst. Wobei die Brutalität der Kartell-Leute und die Härten ihrer Welt leider keineswegs übertrieben dargestellt werden – das ist eben nicht das holzschnittartige Weltbild eines alternden Oliver Stone, wie zahlreiche Kritiker enttäuscht diagnostiziert haben, sondern die hässliche Kehrseite einer Gesellschaft, die den Konkurrenzkampf als ultimatives Mittel für Erfolg und Fortschritt ansieht. Und die hat Stone ziemlich gut getroffen. Und ich finde auch die Diskussion müßig, wer jetzt denn die Wilden (Savages) sind – wenn es ums Überleben geht, sind die Wilden im Vorteil.

Screenshot Savages

Screenshot Savages

Und mich kotzen Kritiken an, in denen man jenen, die Rassismus und Sexismus aufgreifen und darstellen, eben Rassismus und Sexismus unterstellt – klar kann man sich darüber aufregen, dass die Mexikaner in dem Film allesamt brutale Kartell-Killer sind. Aber Stone wollte ja nicht „die Mexikaner“ in seinem Film porträtieren, sondern brutale Kartell-Killer, die eben aus Mexiko sind. Warum hat sich bei Breaking Bad niemand darüber aufgeregt? Da sind die Mexikaner doch auch die brutalen Kartell-Killer. Und die gibt es nun mal. Genau wie es in jeder Gesellschaft Arschlöcher gibt.

Und ist O. tatsächlich nur das naive blonde Dummchen? Eine Superheldin ist sie nicht. Aber auch nicht total blöd. Genau wie auch die eigentlich knallharte Kartell-Chefin Elena irgendwann Schwächen zeigt – natürlich ist es kein Vergnügen, einen solchen Job zu haben. Und sie ist eben auch Mutter. Hätte ein Mann sein Kind geopfert? Möglich, es gibt entsprechende Geschichten in der Bibel. Die übrigens tatsächlich Anlass zu Sexismus-Diskussionen liefert. Aber so gesehen ist ganz Hollywood ein einziges Rassismus-, Sexismus- und Klassenkampf-Problem. Darüber kann und muss man tatsächlich diskutieren. Aber hier führt das zu weit.

Tatsächlich ist die Welt für viele Menschen noch deutlich brutaler – da muss man sich ja nur mal die aktuellen Nachrichten ansehen. Ob sich am Ende dann nicht vielleicht doch die smarten Jungs, die es eigentlich gern besser gemacht hätten, aus der Affäre ziehen können, ist eben nicht ausgemacht. Wahrscheinlicher ist, dass sie alle dabei drauf gehen. Aber so pessimistisch, ähem realistisch, wollte Stone dann offenbar doch nicht sein. Natürlich will man sein Dope lieber von einem netten Typ wie Ben beziehen als vom Kartell. Aber wie Chon am Anfang schon festgestellt hat: „Werd erwachsen, Ben. Du veränderst die Welt nicht. Sie verändert dich!“

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