In The Mood For Love

Die Filmauswahl bei Netflix lässt einiges zu wünschen übrig – aber es gibt durchaus Lichtblicke. So fand ich immerhin drei Filme des chinesischen Regisseurs Wong Kai Wai – darunter In The Mood For Love (Der Klang der Liebe), der zu meinen absoluten Lieblingsfilmen gehört. Ich las einmal eine Kritik, in der es hieß, dass dieser Film dem Zuschauer sehr viel biete, wenn er dabei nicht einschlafe – was ich schon ziemlich gemein finde, weil man definitiv nicht einschlafen wird, wenn man sich auf diesen Film einlässt. Aber der Satz bringt zum Ausdruck, was diesen Film ausmacht: Er ist total gegen die Sehgewohnheiten eines actionsüchtigen Publikums gemacht. Der Film ist langsam, ein behäbiger Strom aus unglaublich schönen Bildern, die einem hässlichen, anstrengenden Alltag abgerungen werden.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love – Herr Chow (Tony Leung) und Frau Su (Maggie Cheung)

Vor allem das ist es das, was mich fasziniert: Es werden ganz alltägliche Szene aus dem Leben normaler Menschen gezeigt, die im Hongkong der frühen 60er Jahre leben. Das klingt umspektakulär, ist es aber nicht: Allein dieses fantastische 60er-Jahre-Design, etwa in dem Büro, in dem Frau Su arbeitet! Und ihre atemberaubenden Kleider! Selbst der bröckelnde Putz und die abblätternde Farbe an den heruntergekommenen Häusern sind so schön fotografiert, dass man jedes einzelne Bild aus dem Film einrahmen und aufhängen könnte. Und dann die Musik… Natürlich ist allein schon der hongkonger Alltag an sich für mich ziemlich exotisch, wie eng die Menschen miteinander zusammen wohnen und wie sie damit umgehen – es ist eben eine andere Welt. Aber eine, in der die Menschen letztlich die gleichen Schwierigkeiten haben, wie in jeder anderen auch.

Screenshot: In The Mood For Love - Frau Su (Maggie Cheung)

Screenshot: In The Mood For Love – Frau Su (Maggie Cheung)

Obwohl – heute sind es zumindest zum Teil andere Probleme. Nicht geändert hat sich, dass die meisten Menschen lange arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und dann kaum noch Energie haben, ihre Alltagsbedürfnisse zu befriedigen: Nach einem langen Tag Im Büro kocht man sich halt kein leckeres Essen mehr, sondern holt sich schnell was beim Imbiss. Aber in meiner Welt würde diese Geschichte so nicht mehr stattfinden – da wäre das Gerede der Nachbarn egal. Aber für Herrn Chow (Tony Leung) und Frau Su (Maggie Cheung) ist nun einmal existenziell, was die Leute sagen.

Und nicht nur das, die beiden wollen sich gegenseitig und sich selbst beweisen, dass sie eben nicht so wie die anderen sind. Sie sind es auch nicht. Und das macht eben die Tragik dieser Liebesgeschichte aus, die so berührend ist, weil eben keine Liebesgeschichte daraus wird – die beiden treffen sich irgendwann zwar heimlich in einem Hotelzimmer, aber nur, um gemeinsam Kung-Fu-Geschichten zu schreiben.

Screenshot: In The Mood For Love - Herr Chow (Tony Leung)

Screenshot: In The Mood For Love – Herr Chow (Tony Leung)

Frau Su und Herr Chow sind verheiratet, aber ihre jeweiligen Ehepartner gehen fremd. Sie alle haben sich kennengelernt, weil sie Nachbarn sind, sie sind am gleichen Tag ins Haus von Mrs. Suen eingezogen – die Ehepaare wohnen jeweils in einem Zimmer, sie teilen sich eine gemeinsame Küche und jeder bekommt so ziemlich alles mit, was im Haus passiert. Wobei da eigentlich recht wenig passiert, zumindest was Frau Su und Herrn Chow betrifft.

Frau Su ist Sekretärin und sie ist oft lange im Büro. Ihr Mann ist meistens auf Geschäftsreisen, sein Chef ist Japaner, also ist er meistens in Japan. Herr Chow ist Journalist, auch er arbeitet oft sehr lange in seiner Redaktion – und seine Frau ist auch ständig unterwegs.

Screenshot In The Mood For Love

Screenshot In The Mood For Love

Manchmal begegnen sich Frau Su und Herr Chow in der Suppenküche, wenn sie nach der Arbeit spät abends noch eine Nudelsuppe holen. Manchmal treffen sie sich im Hausflur. Von ihren jeweiligen Ehepartnern sieht man nichts, sie sind bloß Stimmen am Telefon. Frau Su bittet ihren Mann, aus Japan noch eine von diesen Taschen mitzubringen – für die Geliebte ihres Chefs. Für den sie am Telefon immer lügen muss, wenn seine Frau dran ist. Sie kann das gut, aber sie hasst es. Eines Tages hat Frau Chow auch eine solche Tasche.

Irgendwie liegt es also nahe, dass sich nun auch zwischen Frau Su und Herrn Chow – die offensichtlich ein ähnliches Schicksal erleiden und sich in gewisser Weise gegenseitig trösten, eine Romanze entwickelt. Aber vor allem Frau Su lässt das nicht zu – sie hält an der Rolle der treuen Ehefrau fest, obwohl sie unter ihrer Einsamkeit und der Untreue ihres Ehemanns leidet. So viel Charakterstärke beeindruckt Herrn Chow, der im Laufe der Zeit nicht verhindern kann, dass er sich ernsthaft in Frau Su verliebt.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love

Eigentlich könnte alles so einfach sein: Frau Su und Herr Chow sind Seelenverwandte, die ein ähnliches Schicksal und die gleichen Interessen teilen – es wäre im Grunde nur logisch, wenn sie ihre untreuen Partner verlassen würden, um ein vermutlich glücklicheres Paar zu werden. Aber sie hängen zu sehr in ihrem Alltag und ihren überkommenden Denkmustern fest – ganz offensichtlich glauben sie nicht an Liebe und Glück, sondern daran, einen schwer zu ertragenden Alltag einfach aushalten zu müssen. Sie halten sich an den Ehrenkodex aus ihren Kung-Fu-Geschichten, auch wenn beiden das zunehmend schwerer fällt.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love

Herr Chow gesteht Frau Su schließlich, dass er sich in sie verliebt habe und ergreift die Flucht: Er folgt dem Ruf eines Kollegen nach Singapur. Frau Su bleibt zurück, sie und ihr Mann bekommen endlich ein Kind. Ansonsten schreitet die Zeit fort – ohnehin sieht man immer wieder eine Uhr in diesem Film: Alles geht irgendwie immer weiter, aber das Grundgefühl bleibt – das Leben besteht letztlich aus unendlich vielen verpassten Gelegenheiten. Der ganze Film ist die Bebilderung einer bittersüßen Sehnsucht, die gerade deshalb so intensiv ausgekostet wird, weil klar ist, dass sie gar nicht erfüllt werden soll.

Wenn man das aushält, ist In The Mood For Love ein grandioser Film.

Screenshot: In The Mood For Love -Im Gefängnis der Konventionen

Screenshot: In The Mood For Love -Im Gefängnis der Konventionen

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