Homeland: Warum ist diese Nacht anders?

Why is this night different? Die vierte Folge von Homeland beantwortet diese Frage gleich mehrfach. Aber es liegt auf der Hand, dass mit dem Episoden-Titel eine bestimmte Passage aus der Pessach-Haggada gemeint ist. Das ist die Anleitung für den Seder am Erev Pessach, dem Vorabend des Festes, mit dem die Juden die Befreiung aus dem ägyptischen Joch feiern. Am Seder-Abend gibt es bestimmte Speisen mit einer symbolischen Bedeutung, nämlich Matzen (ungesäuertes Brot), Maror (bittere Kräuter, etwa Römersalat oder Meerrettich), die an die Bitterkeit der Skaverei erinnern, Seroa, eine Lammkeule, weil im Jerusalemer Tempel das Pessach-Lamm geopfert wurde, wobei es hier verschiedene Traditionen gibt, die aschkenasischen Juden – also die Juden, die früher in Ost- und Mitteleuropa und nun hauptsächlich in Brooklyn und Mea Sche’arim leben – nehmen eher eine Lammkeule mit wenig Fleisch, die eben als Symbol und nicht als Hauptgericht dient.

Die Sephardim, also die Juden, die im Mittelmeerraum leben, bereiten die Lammkeule dagegen als Hauptgericht zu, was ich sehr sympathisch finde. Dann gibt es Charosset, ein Mus aus Äpfeln, Datteln und Gewürzen, das den Lehm symbolisiert, aus dem die Israeliten in Ägypten Ziegel herstellen mussten, dazu gibt es Chaseret, ein weiteres Bitterkraut, das zum Charosset gegessen wird, Karpas, Sellerie, Kartoffeln und Petersilie als Symbol für die Erde, was wiederum für die zermürbende Arbeit in Ägypten steht, wobei die Erdfrüchte vor dem Essen in Salzwasser (bei den Sephardim in Essigwasser) getaucht werden, Beitzah, ein gekochtes Ei, das alles mögliche symbolisiert und dann braucht es natürlich noch einen (oder mehrere) Becher Wein für den Propheten Elijah.

Homeland 5. Staffel: Carrie (Claire Danes) und Quinn (Rupert Friend) via slantmagazine.com

Homeland 5. Staffel: Carrie (Claire Danes) und Quinn (Rupert Friend) via slantmagazine.com

Und soweit ich mich erinnere, ist eine der Regeln auch, dass der Wein so großzügig eingeschenkt werden muss, dass der Becher oder das Glas überläuft – es soll halt richtig gefeiert werden. Der Jüngste am Tisch muss die entscheidende Frage stellen: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Und dann wird, weil alles seine Ordnung hat (nichts anderes bedeutet der Begriff „Seder“) von den anderen erklärt, warum heute alles genauso sein muss.

Okay, diese Einleitung hat mich jetzt ein wenig aus der Kurve getragen – nein, ich bin nicht jüdischer Abstammung, aber das heißt nicht, dass ich mich nicht dafür interessieren kann, was die Generation meiner Groß- und Urgroßeltern in Deutschland auslöschen wollte. Wobei ich jetzt auch nicht Aktion-Sühnezeichen-mäßig unterwegs bin, ich habe kein schlechtes Gewissen wegen Dingen, die ich nicht getan habe. Ich glaube auch nicht an Kollektivschuld oder Erbsünde.

Menschen haben die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Sie können sich dafür entscheiden, andere für ihre Fehler verantwortlich zu machen, oder halt eigene Entscheidungen zu fällen. Was sehr viel schwieriger ist. Sie können sich entweder im Kollektiv suhlen – wie diese Scheiß-Nazis, die gerne alle möglichen Freiheiten für sich reklamieren, ohne eine Ahnung davon zu haben, was Freiheit wirklich ist, oder individuell entscheiden, besser zu sein – wobei „besser“ in diesem Fall nur meint, weniger bescheuert. Das ist in diesen Zeiten echt nicht leicht. Wobei – andererseits ist es wirklich einfach, und es gibt Menschen, die das auch empfinden: Natürlich muss man als Mensch anderen Menschen helfen. Und viele helfen. Das finde ich gut. Andererseits darf man über all das auch die Gründe nicht vergessen, aus denen geholfen werden muss. Und das ist nun einmal, weil der Westen – und das sind nun mal auch „wir“ – also Deutschland – auf Kosten anderer gut dastehen will. Globaler Wettbewerb ist definitiv kein Ponyhof.

Ja, ich interessiere mich für vielerlei und habe vor langer Zeit entsprechende Kontakte geknüpft, weil es sich zufällig ergab, ein bisschen Hebräisch gelernt und wurde auch einmal Bestandteil eines Seder-Mahls – bei dem ich als Jüngste am Tisch eben jene Frage stellen musste (die noch jüngeren am Tisch konnten noch nicht gut genug sprechen dafür). Soviel zu meinem Bezug zu dem Episoden-Titel. (Und als fun fact ganz nebenbei – früher, in einem anderen Leben, war ich mal Co-Autorin von einem Reiseführer für Israel und Palästina, den gibt es gebraucht ab 31 Cent bei Amazon, ist aber hoffnungslos veraltet). Tatsächlich feiert Saul Berenson gemeinsam mit Allison – die noch immer CIA-Stationschefin in Berlin ist und, wie wir nun auch wissen, Sauls Geliebte, den Seder-Abend bei israelischen Freunden in Berlin.

Auch das ist durchaus realistisch: Inzwischen leben tatsächlich wieder erstaunlich viele Israelis in Berlin – mehr als 10.000 sollen in den vergangenen paar Jahren offiziell nach Berlin gezogen sein. Unter anderem auch, weil die Lebenshaltungskosten hier sehr viel günstiger sind als in Israel, wo es mittlerweile zu sozialen Unruhen kommt, weil sich der Durchschnittsisraeli ein Leben in Israel kaum mehr leisten kann. Jedenfalls passiert es mir immer wieder, dass ich in der Galeria Kaufhof oder im C&A am Alexanderplatz Iwrit höre – und dann gibt es in Mitte natürlich auch viele Reisegruppen, die sich unter anderem die Synagoge in der Oranienburger Straße ansehen.

Sicherlich spielt auch ein Rolle, dass viele Israelis auf den Spuren ihrer von den Nazis verfolgten Vorfahren wandeln – was der Gastgeber in Homeland, Etai, gegenüber Saul auch anspricht. Vor 70 Jahren hätten die Juden in Deutschland einer noch schlimmeren Bedrohung gegenübergestanden als derzeit. Aber sie hätten inzwischen gelernt, mit Bedrohungen umzugehen. Als Saul erwidert, dass er doch immer ein Freund Israels gewesen sei, sagt Etai: „Du warst aber schon mal ein besser Freund.“

Homeland 5. Staffel: General Youssef und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland 5. Staffel: General Youssef und Saul Berenson (Mandy Patinkin) via variety.com

Möglicherweise ist hier ein Hinweis auf die mysteriöse Bedrohung, die Carrie aus der Welt schaffen will, die, wie sich noch herausstellen wird, auch Saul und seine Arbeit unterminiert. Natürlich hatte Carrie Glück, dass ausgerechnet Quinn derjenige ist, der den Auftrag bekommt, sie zu elemenieren. Wie zu erwarten war, bringt Quinn Carrie nicht um, sondern hilft ihr als noch immer treuer Freund, unter widrigsten Umständen unterzutauchen. Wobei es hier wieder sehr viel Carrie-Cry-Face-Potenzial gibt: Quinn macht Carrie nachdrücklich klar, dass ihre einzige Chance zu überleben ist, dass sein Autraggeber erstmal glaubt, dass sie tot sei. Und noch wichtiger: Dass ihre Tochter Frannie nur dann in Sicherheit ist.

Denn wenn heraus kommt, dass Carrie noch lebt, würde, wer immer sie tot sehen will, versuchen, übe ihre Tochter an sie heran zu kommen. Keine Frage: Quinn kennt das Geschäft. Und doch leistet er sich immer wieder, sein eigenes Ding zu machen. Genau das hat ihm, obwohl er doch eigentlich die gewissenlose und supereffiziente Killermaschine ist, die sein Arbeitgeber braucht, noch immer einen Rest an Menschlichkeit und Individualität bewahrt – genau, wie er sich sehr viel früher entschieden hat, Brody nicht zu töten, entscheidet er sich nun, Carrie nicht zu töten. Und das, obwohl es kein Quinn-Cry-Face-Meme gibt. Oder vielleicht gerade deswegen.

Carrie fällt natürlich schwer, das einzusehen. Aber ein rationales Superhirn wie sie analysiert eben auch gleich, dass es derzeit die einzige Lösung ist. Und so nimmt sie unter Tränen (ja, schlimm) ein Abschiedsvideo für ihre Tochter auf, in dem sie erklärt, dass sie Frannie nie verlassen wollte, aber leider gezwungen war, das trotzdem zu tun – und es leider nicht überlebt hat. Tja, ist halt nicht so einfach, einen Job als Ex-CIA-Spitzenkraft und als Mama unter einen Hut zu bekommen.

Saul und Allison arbeiten unterdessen daran, einen Ersatz für den syrischen Staatschef Baschar al-Assad zu finden. Nach all dem, was der Westen und der Federführung der USA angestellt hat, um diesen ach so bösen Diktator zu stürzen, wäre es jetzt ja wenig glaubhaft, ihn an der Macht zu lassen, damit der mit dem IS aufräumt, der inzwischen endlich als eine noch größere Gefahr wahrgenommen wird als Assad. Bei dem ich nebenbei ohnehin nicht kapiere, warum der schlimmer sein soll als beispielsweise der saudische Monarch Salman ibn Abd al-Aziz, in dessen Königreich Demokratie und Menschenrechte ja auch sehr, sehr klein geschrieben werden – aber die Saudis sind halt bessere Kapitalisten als die syrischen Herrscher und kaufen auch lieber im Westen ein – Kriegstechnik made in Germany beispielsweise.

Mit dem syrischen General Youssef meint die CIA, einen Kandidaten für die Ablösung von Asssad gefunden zu haben – er hat einen gewissen Rückhalt beim Militär und eine schwerkranke Tochter, was ihn angreifbar macht. Denn als Youssef seine Tochter für eine Organtransplantation in die Schweiz begleitet, ist die CIA schon da – offenbar ist diese Operation von allen Seiten seit längerer Zeit vorbereitet worden.

Saul und Allison bearbeiten den General, der schließlich einsieht, dass es für ihn und für Syrien vermutlich das Beste sein wird, wenn er tut, was die Amis von ihm wollen – zumal die sich das auch einiges kosten lassen und ihm umfangreiche Unterstützung zusichern. Doch Saul und Allison können sich nicht lange über ihren Erfolg freuen – als sich Youssef mit seiner Familie auf den Rückflug begibt, explodiert die Maschine kurz nach dem Start – und damit auch die Hoffnung von Saul, das Syrien-Problem endlich in den Griff zu bekommen.

Homeland 5. Staffel: Laura Sutton (Sarah Sokolovic)

Homeland 5. Staffel: Laura Sutton (Sarah Sokolovic) vis or-politics.com

Derweil ist auch in Berlin einiges passiert: Nachdem Laura festgestellt hat, dass sich auf dem Stick ihres Informanten Numan nicht die versprochenen Dokumente befinden, versucht sie, ihn mit Hilfe der deutschen Hackerin Sabine ausfindig zu machen. Numan hingegen hat inzwischen herausgefunden, dass sein Kumpel Korzenik versucht hat, die Informationen hinter seinem Rücken an die Russen zu verkaufen. Total blöde Idee – vor allem, weil Korzenik auch noch so naiv war, zu glauben, dass er, ein absoluter Anfänger im Spionagebusiness, die Russen verarschen könnte. Das bezahlen Korzi und seine Freundin Katja mit dem Leben.

Carrie und Quinn wiederum versuchen herauszufinden, ob bzw. wer Quinns Missionen kompromittiert – denn Carrie glaubt nicht, dass Saul sie umbringen lassen wollte. Und Quinn will natürlich auch wissen, was dahinter steckt – denn das nächste Ziel ist er selbst. Aber natürlich überlebt er, wenn auch schwer verletzt. Und im Handy des Auftragekillers ist eine einzige Nummer gespeichert: Die von Allison Carr, wie Carrie mit einem simplen Anruf herausfindet.

Langsam wird es richtig spannend…

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Das fängt ja gut an: Fargo 2. Staffel

Nach der Enttäuschung mit der zweiten Staffel von True Detective – die, um fair zu sein, an sich gar nicht dermaßen schlecht ist, nur eben im Vergleich zur ersten Staffel einfach nicht das war, was ich (und viele andere) erwartet hatte – brauchte ich ein bisschen Überwindung, um mit der zweiten Staffel von Fargo anzufangen.

Aber meine Bedenken waren gänzlich unbegründet: Ähnlich wie Better Call Saul es geschafft hat, einen von den ersten Minuten an wieder ins Breaking-Bad-Universum zu versetzen, gelingt es Machern der zweiten Staffel von Fargo, gleich wieder dieses Fargo-Feeling herzustellen: Wir sind wieder im verschneiten Minnesota, in dem rätselhafte Verbrechen aufzuklären sind. Auch hier gibt es wieder eine unglückliche Verkettung aus krimineller Energie, Dummheit, Verzweiflung und Pech.

Screenshot Fargo - 2. Staffel

Screenshot Fargo – 2. Staffel Vorspann

Noah Hawley hat mit Fargo geschafft, den typischen Coen-Stil in eine Fernseh-Serie zu integrieren, und das gelingt ihm auch in der zweiten Staffel dieser Anthologie-Serie. Dabei sind wir weder am gleich Ort, noch in der gleichen Zeit: Die Zweite Staffel setzt 1979 ein, nach einem skurrilen Schwarzweiß-Vorspann des fiktiven Indianerfilms Massacre at Sioux Falls, in dem alle frierend darauf warten, dass Hauptdarsteller Ronald Reagan endlich mit Pfeilen gespickt wird, damit der Dreh weitergehen kann. Auch hier stellt sich dieses Zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Gefühl ein, obwohl doch offensichtlich alles, was hier passiert beabsichtigt ist.

Screenshot Fargo - 2. Staffel Vorspann

Screenshot Fargo – 2. Staffel Vorspann

Und genau so geht es auch weiter, auch wenn danach alles bunt wird. Wobei Gelb- und Brauntöne überwiegen – ach ja, diese 70er Jahre mit diesen eigenartigen Frisuren, den riesigen Autos, den bunten, großbemusterten Tapeten. Eine Zeit, in der Computer noch riesige Maschinen mit rotierenden Magnetbändern waren und es keine Mobiltelefone gab. Als man mit elektrischen Schreibmaschinen noch auf das ganz große Geschäft hoffen konnte.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Der Gerhardt-Klan

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Der Gerhardt-Klan

Auf dieses Geschäft hofft auch Rye Gerhardt (Kieran Culkin), der jüngste Sproß des Gehardt-Klans, der die illegalen Geschäfte in dieser Gegend kontrolliert. Rye hat einen Teil der Schutzgelder, die er kassieren und an die Familie abführen soll, unterschlagen und sie in das Schreibmaschinengeschäft eines Geschäftspartners gesteckt, der leider nicht wie erwartet funktioniert. Aber Rye will endlich genau wie seine beiden großen Brüder ernst genommen und anerkannt werden. Doch stattdessen geht alles schief: Statt den erwarteten Batzen Kohle bekommt er von seinem Geschäftspartner die Empfehlung, eine gewisse Richterin zu bestechen, damit das Geschäft endlich ins Rollen kommt.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Rye Gerhardt (Kieran Culkin) und der Schreibmaschinen-laden

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Rye Gerhardt (Kieran Culkin) und der Schreibmaschinen-laden

Es zeigt sich schnell, dass Rye sich mit der Falschen anglegen hat: Die unbestechliche Richterin will den unverschämten dummen Jungen mit Insektenspray vertreiben – doch sie hat nicht mit der verzweifelten Gegenwehr eines enttäuschten Losers gerechnet. Der missglückte Bestechungsversuch endet im Waffle-Hut-Massaker, bei dem Rye nicht nur die sture Richterin, sondern auch den anwesenden Koch und die Kellnerin erschießt. Aber weil das Verhängnis nun einmal seinen Lauf nimmt, landet Rey auf der Kühlerhaube des nächsten Autos, das am Waffle Hut vorbeifährt.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Sheriff Larson (Ted Danson) und State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Sheriff Larson (Ted Danson) und State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson)

Am Steuer sitzt die Blondine Peggy Blomquist (Kirsten Dunst), die über diesen Vorfall so erschrocken ist, dass sie einfach mit dem Schwerverletzten, der mit dem Kopf in ihrer Windschutzscheibe steckt, nach Hause fährt. Sie glaubt, dass Rye tot ist. Das stellt sich zwar kurzzeitig als Irrtum heraus, doch weil sie ihrem Mann Ed (Jesse Plemons) nichts von dem Fremden, der vor ihr Auto gelaufen ist, erzählt hat, ist Rye wenig später tatsächlich tot: Ed hält ihn für einen Einbrecher und bringt ihn in vermeintlicher Notwehr um.

 Screenshot Fargo - 2. Staffel: Betsy (Cristin Milioti) und Lou Solverson (Patrick Wilson)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Betsy (Cristin Milioti) und Lou Solverson (Patrick Wilson)

Der anständige Ed will erst die Polizei anrufen, aber Peggy bringt ihn schnell davon ab: Einer von ihnen beiden würde dann so oder so für längere Zeit in den Knast müssen und das hieße keine Familie, keine eigene Metzgerei und keine Kinder – all das, wofür Ed atmet und lebt, wäre dann verloren. Also lässt Ed sich auf die zweifelhafte Idee seiner Frau ein, den Toten einfach verschwinden zu lassen und so zu tun, als ob nichts passiert sei.

Natürlich wird das nicht funktionieren – zum einen, weil der Gerhardt-Klan, von dessen Existenz die Blomquists gewiss noch nichts ahnen, bestimmt nachforschen wird, wo Rye geblieben ist, zum anderen, weil State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson), der Vater von der hartnäckigen Ermittlern Molly Solverson aus der ersten Staffel, die Aufklärung dieses rätselhaften Verbrechens zu seiner Lebensaufgabe machen wird.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy Blomquist (Kirsten Dunst) hat einen "Wildunfall"

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy Blomquist (Kirsten Dunst) hat einen „Wildunfall“

Zwei Folgen sind bereits gelaufen – Jean Smart als Matriarchin Floyd Gerhardt ist fantastisch, wie auch Ted Danson als Sheriff Hank Larsson, Lou Solversons Schwiegervater und Chef. Und natürlich gibt es die üblichen coenesken Gestalten, etwa die Kitchen-Zwillinge, ein stummes Brüderpaar, das mit Mike Milligan, dem Vollstrecker des Kansas-City-Syndikats unterwegs ist. Oder Constance, Peggys Chefin im Friseur-Salon, die versucht, ihre Angestellte auf die Emanzen-Schiene zu bringen. Ich freue mich auf die restlichen acht Folgen – schade, dass es insgesamt nur 10 sind. Aber die richtig guten Serien sind halt gern Zehnteiler.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Und noch etwas: Die Titelmelodie (von Jeff Russo) wurde beibehalten. Das sorgt natürlich auch für einen gewissen Wiedererkennungswert. Vielleicht war es genau dieses eine Ding zuviel, was mir die zweite Staffel von True Detective noch extra verleidet hat – ich mochte den Vorspann und den Titelsong der ersten Staffel einfach sehr, obwohl das gar nicht unbedingt meine Musik ist – Far From any Road von The Handsome Family passte einfach perfekt. Nevermind von Leonard Cohen dagegen mochte ich viel weniger. Aber es passt natürlich zum Fargo-Stil ein quasi klassisches Filmmusik-Thema zu haben…

Hand of God: Ein Richter auf Abwegen

In meinem Blog sind Netflix-Serien überrepräsentiert, was vor allem daran liegt, dass ich ein Netflix-Abo habe. Aber natürlich macht auch die Konkurrenz interessante Serien – vor allem meine ich den direkten Streaming-TV-Konkurrenten Amazon.

Inzwischen habe ich mir die erste Staffel von Hand of God angesehen – ein Psychodrama um den einflussreichen Richter Pernell Harris, der, nachdem sich sein einziger Sohn in den Kopf geschossen hat, zur Religion findet und sich auf einen fatalen Rachefeldzug begibt. Amazon hat dafür den deutsch-schweizerischen Regisseur Marc Foster engagiert, der unter anderen Monster’s Ball, World War Z oder Ein Quantum Trost gemacht hat, und Ron Perlman als Hauptdarsteller.

Hand of God - Amazon macht auch gute Serien

Hand of God – Amazon macht auch gute Serien

Die Geschichte an sich ist nicht allzu komplex und für geübte Dramaserien-Seher auch nicht schwer zu durchschauen – geografisch wir in der Gegend, in der auch die zweite Staffel von True Detective spielt: In einer Gemeinde im Großraum von Los Angeles, in der einige wenige einflussreiche Familien sämtliche Fäden in der Hand halten, an denen sie fast nach Belieben ziehen können.

Richter Harris ist einer davon, der andere ist sein Freund, der Bürgermeister Robert „Bob“ Boston (Andre Royo, der obdachlose Polizeiinformant aus The Wire, dem ich wirklich gönne, dass er jetzt richtig Karriere machen darf :-)), der Richter Harris und seinen Einfluss braucht, um einen Großinvestor zu überzeugen, sich in seiner Kommune niederzulassen – Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, glänzende Zukunft und so weiter. Schon klar, dass man einen solchen Deal nicht einfädeln kann, ohne sich hier und da die Finger schmutzig zu machen. Aber wenn der Investor gern ein bestimmtes Gebiet hätte, auf dem ohnehin nur die Buden von den weniger einflussreichen Bürgern rumstehen, kann man ein entsprechendes Enteignungsverfahren doch mal eben durchdrücken.

Fatal, dass Richter Harris ausgerechnet in der entscheidenden Phase für die Planung dieses Großprojektes nackt in einem Brunnen steht und in fremden Zungen redet. Ein Sergeant der örtlichen Polizei erkennt den Richter und sorgt dafür, dass er diskret ins nächst Krankenhaus gebracht wird, wo ihn seine Ehefrau Crystal (Dana Delany) abholt – aber Pernell will erst seinen Sohn sehen. Der seit seinem Kopfschuss dort im Koma liegt und künstlich beatmet wird.

Pernell wartet auf ein Zeichen – und tatsächlich, sein Sohn spricht zu ihm und fordert Pernell auf, ihn zu rächen. Wie sich herausstellt, hat Pernell Jr sich in den Kopf geschossen, weil er nicht damit klar gekommen ist, dass seine Frau Jocelyn (Ilona Tal) vor einigen Monaten von Einbrechern vergewaltigt wurde während er dabei zusehen musste und nichts tun konnte, um ihr zu helfen. Es wird sich im Laufe der zehn Folgen noch herausstellen, dass noch etwas ganz anderes dahinter steckt.

Hand of God - Richter Maximum Pernell Harris (Ron Perlman)

Hand of God – Richter Maximum Pernell Harris (Ron Perlman)

Jocelyn hingegen hat sich inzwischen damit abgefunden, dass ihr geliebter Mann nicht mehr aufwachen wird und will die Geräte abschalten lassen, notfalls auch gegen den Willen des fast allmächtigen Richters. Dieser hat inzwischen aber die fixe Idee, dass sein Sohn wieder aufwachen könnte, wenn Pernell Senior sein Versprechen erfüllt – doch dazu braucht er vor allem Zeit. Damit beginnt ein juristisches Tauziehen zwischen der Witwe von Pernell Jr, die endlich Abschied nehmen will und Richter Harris, der im Auftrag des Herrn seinen Sohn retten will.

Bevor Pernell nackt in jenem Brunnen stand, wurde er in der Hand of God getauft, der Kirche einer neuen Gemeinde, die sich gerade formiert. Der ehemalige Schauspieler und jetzige Reverend Paul Curtis (Julian Morris) und seine Freundin Alicia (Elizabeth McLaughlin) haben Richter Harris das Wort Gottes nahegebracht und sind dafür mit einem dicken Scheck für ihre Kirche bedacht worden. Schnell stellt sich heraus, dass die beiden auch unkonventionelle Methoden einsetzen, um die Botschaft des Herrn zu verbreiten. Aus ihrer Gemeinde rekrutiert Pernell auch seine rechte Hand, die er für seine Mission braucht: Den Gewalttäter KD (Garret Dillahunt), der, weil er wieder rückfällig geworden ist, im Gerichtssaal des berüchtigten Richter Maximum landet.

Pernell Harris verhängt aus Prinzip immer die Höchstrafe, schon weil es ihn ärgert, dass immer wieder überführte Verbrecher wegen Verfahrensfehlern ihrer gerechten Strafe entgehen. Also brummt er denen, die überhaupt verurteilt werden, lieber zu viel als zuwenig auf. Als KD ihn wiederkennt, sagt er dem Richter, dass ihn in der Hand of God gesehen habe und wisse, dass er auserwählt sei, Gottes Gerechtigkeit zu verkünden – er sei ein moderner Salomon. Welche Strafe Harris auch immer verhängen werde, KD werde sein Urteil akzeptieren. Überraschenderweise lässt Richter Harris den Mann laufen – keine Frage, das wird noch ein juristisches Nachspiel haben.

Doch das bleibt längst nicht das einzige fragwürdige Urteil, das Richter Harris fällt – seine göttlichen Visionen haben ihm eingegeben, dass der junge Polizist Shane Caldwill der Verwaltiger seiner Schwiegertochter Jocelyn sein muss – und er bietet seinen ganzen Einfluss auf, um diese absurd scheinende Behauptung untersuchen zu lassen. Vergeblich – auch bei einer für alle Beteiligten entwürdigenden Gegenüberstellung kann Jocelyn sich an nichts erinnern, das Caldwill ernsthaft belastet. Also schickt Harris KD los, um den Täter zu richten – der bis zu letzt seine Unschuld beteuert. Erst als KD ihn tödlich verletzt hat und er realisiert, dass er so oder so sterben wird, bereut er und sagt, dass „die“ ihn dazu gezwungen hätten. Dann stirbt er, bevor er preisgeben kann, wer „die“ sind.

Hand of God - Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Hand of God – Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Ein interessanter Twist ist also, dass Richter Harris mit seinen göttlichen Eingebungen also tatsächlich auf die richtige Spur kommt – es stellt sich aber auch heraus, dass er verhängnisvolle Fehler macht und er letztlich sogar einen Unschuldigen umbringen lässt. Denn natürlich spricht nicht Gott zu ihm, sondern nur sein eigenes schlechtes Gewissen – was er im Lauf der späteren Folgen auch seiner erfrischend kompetenten Psychiaterin Dr. Langston (Camryn Manheim) erklärt bekommt.

Das ist es, was mir an Hand of God gefällt – es ist nicht so, dass der Glaube per se lächerlich gemacht wird – aber es wird durchaus gezeigt, welche Motivation die Menschen haben, zu glauben. Der eine versucht auf diesem Weg von seiner Sucht nach Meth los zu kommen, der andere will aus seinem verkorksten Gewalttäterleben heraus und der dritte Rache für seinen Sohn – um den er sich zuvor offenbar zu wenig gekümmert hat. Halleluja, es gibt Vergebung. Natürlich ist das eine gute Nachricht, wenn man schreckliche Dinge getan hat, die man später bereut. Und es ist gewiss kein Fehler, wenn man ein besserer Mensch werden will.

Aber anstatt das Böse auf den Satan und das Gute auf Gott zu schieben, sollte man sich mit dem, was man selbst tut und will auseinander setzen – und dem, was man anderen antut, wenn man selbst anfängt, skurrile Dinge zu tun, um absurden Regeln zu genügen, die ein gar nicht existenter Gott aufgestellt hat. So verfällt Richter Pernell auf die Idee, das ebenso schöne wie intelligente Callgirl Tessie (Emayatzy Corinealdi) zu heiraten, weil er nun, wo er im Auftrag des Herrn unterwegs ist, ja keinen Ehebruch mehr begehen will. Allerdings ist er schon seit dreißig Jahren mit Crystal verheiratet. Doch mit einem neuen großzügigen Scheck lassen sich die Bedenken von Reverend Curtis gegen dieses Arrangement ausräumen.

Überhaupt ist Korruption allgegenwärtig – und natürlich geht das irgendwann nach hinten los. Außerdem ist Crystal nicht auf den Kopf gefallen. Ihr ist die neue religiöse Ader an ihrem Mann äußerst suspekt und als Pernell der aufstrebenden neuen Gemeinschaft Gottes auch noch ihren Flügel schenkt, beginnt sie mit Hilfe einer Freundin – die gleichzeitig auch ihre Dealerin ist, denn ohne die exquisiten Gras-Mischungen von April (Erykah Badu) würde Crystal ihren Alltag gar nicht mehr aushalten – die Hand of God zu unterwandern: irgendwas wird sich schon finden lassen, das man diesem smarten Reverend anhängen kann. Und siehe da, natürlich lässt sich etwas finden.

Und Crystal findet am Ende auch ohne einen Wink von ganz oben heraus, was ihr Mann kurz zuvor in seinem eigenartigen Gotteswahn herausbekommen hat: Nämlich, was tatsächlich hinter dem Einbruch bei ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter sowie der Vergewaltigung steckt: Auch hier ist noch eine andere Frau im Spiel. Okay, das ist nicht die originellste Wendung aller Zeiten, aber alles in allem gefällt mir Hand of God sehr gut – gerade weil eben nicht ständig noch ein neues Kaninchen aus dem Hut gezaubert wird, sondern weil sämtliche Charaktere einfach tun, was sie tun müssen. Was nicht immer das Richtige ist. Aber sehr menschlich.

Crossing Lines: Verbrechen ohne Grenzen

Was einheimische Serien-Produktionen angeht, bin ich zugegebenermaßen ziemlich skeptisch, insbesondere, wenn Privatsender damit auf Zuschauerfang gehen. Insofern ist Crossing Lines völlig an mir vorbei gegangen, als die Serie auf Sat1 für ordentliche Quoten gesorgt hat – und ab morgen gibt es auf Sat1 die dritte Staffel davon, was auch der Aufhänger für diesen Artikel ist.

Wobei es zumindest die ersten beiden Staffeln von Crossing Lines aber seit einer Weile auch auf Netflix gibt (und bei Amazon Prime auch, soweit ich weiß) – und somit ohne nervige Werbeunterbrechungen. Also habe ich einmal reingeschaut. Und siehe da, die Serie um eine europäische Sondereinheit, die im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag grenzüberschreitende Verbrechen untersucht, ist gar nicht so übel.

Crossing Lines - die Hauptdarsteller via serienjunkies.de

Crossing Lines – die Hauptdarsteller via serienjunkies.de

Im Grunde ist es wie Arne Dahl, nur ohne Schweden. Wobei die Serie um die schwedische Spezialeinheit ja auch international ausgerichtet ist, genau wie die Johan-Falk-Krimis (GSI Göteborg) – gerade dieser Trend gefällt mir sehr gut. Crossing Lines auch international ausgerichtet und somit kein typisches Sat1-Produkt, sondern eine Gemeinschaftsproduktion von Sat1, dem französischen Sender TF1 und dem US-Sender NBC, was diese Serie durchaus interessant macht.

Mit dem kanadischen Schauspieler Donald Sutherland, der den IStGH-Richter Michel Dorn spielt, ist auch ein international bekanntes Zugpferd an Bord, das jüngeren Zuschauern vor allem als grausamer Präsident Snow aus den Hunger-Games-Filmen bekannt sein dürfte. Chef der internationalen Ermittler-Truppe ist Major Louis Daniel (Marc Lavoine) von der französischen Polizei, dazu kommen die französische Ermittlerin mit fotografischem Gedächtnis Anne-Marie San (Moon Dailly), der Computerfreak Sebastian Berger (Thomas Wlaschiha) von der Kripo Berlin, die italienische Mafia-Spezialisin Eva Vittoria (Gabriella Pession), die Britin Sienna Pride (Genevieve O’Reilly) von Scotland Yard und der irische Waffenspezialist Tommy MacConnnel (Richard Flood) aus Belfast. Und last but not least hat Louis seinen alten Freund Carl Hickman (William Fichtner) vom NYPD überzeugt, ebenfalls mitzumachen, obwohl Hickman wegen einer schweren Verletzung seiner rechten Hand nicht mehr im Dienst ist und seine Tage nur übersteht, weil er sehr starke Schmerzmittel nimmt.

Hickman weiß selbst sehr gut, dass er dienstunfähig ist, hat aber noch eine persönliche Mission zu erledigen, weshalb er überhaupt in Europa ist und auf einem Rummelplatz in Amsterdam Müll aufsammelt. Als die Sondereinheit jedoch den Auftrag erhält, eine mysteriöse Mordserie zu untersuchen, der in vier europäischen Hauptstädten vier unbekannte Frauen zum Opfer gefallen sind, lässt sich Carl darauf ein, Louis in diesem Fall zu unterstützen. Man kann sich schon denken, wie das ausgeht – einerseits spürt Carl, dass er wieder in seinem Element ist, andererseits ist eine Kollegin seinetwegen fast drauf gegangen, weil er seine Schmerzmittelabhängikeit nicht richtig im Griff hat. Aber Carl sieht natürlich auch ein, dass es wegen der internationalen Verstrickungen des modernen Verbrechens für die Einheit ganz praktisch ist, einen US-Amerikaner im Boot zu haben.

Von der Erzählweise her ist Crossing Lines eher klassisch angelegt, es gibt verschiedene Fälle, die zu lösen sind, es handelt sich also nicht um einen Ein-Fall-Mehrteiler, bei dem jeweils eine ganze Staffel einem einzigen Fall gewidmet ist. Wobei es auch viele folgenübergreifende Handlungsstränge gibt, so erfährt man erst nach mehreren Teilen, warum Carl Hickman überhaupt in Amsterdam ist oder dass Sebastian Berger in Berlin einen Sohn hat. Und auch in der Beziehung von Louis und Rebecca Daniel gibt es eine interessante Entwicklung, die mit Rebeccas Tätigkeit für den internationalen Strafgerichtshof zu tun hat – und nicht mit der ihres Mannes, wie man erst vermutet. Ja, doch, Crossing Lines kommt zwar nicht auf die vorderen Plätze meiner ewigen Serien-Bestenliste, aber ansehen schadet nicht.

Beasts of No Nation

Der Video-Streaming-Anbieter Netflix hat sich als Produzent bemerkenswerter Serien beliebt gemacht – insofern ist es eigentlich logisch, dass die Plattform sich als nächstes den Spielfilmmarkt vornimmt – wobei inzwischen durchaus die Rede davon ist, dass die moderne TV-Serie sowohl den Roman als auch den anspruchsvollen Spielfilm ablöst. Es gibt eine ganze Reihe bekannter Hollywood-Regisseure, die inzwischen Fernsehserien machen, Steven Soderberg (The Knick), David Fincher (House of Cards), Martin Scorsese (Boardwalk Empire) oder Marc Foster (Hand of God).

Und natürlich Cary Fukunaga, der nach Sin Nombre und Jane Eyre mit der ersten Staffel von True Detective einen Serien-Klassiker geschaffen hat. Jetzt hat Fukunaga für Netflix wieder einen Spielfilm gemacht, der zumindest in den USA auch in den Kinos läuft – mit bislang mäßigem Erfolg, wie ich vorhin gelesen habe. Wie Beasts of No Nations, der seit einigen Tagen auf Netflix verfügbar ist, von den Zuschauern angenommen wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)

Beasts of No Nation – der Kommandant (Idris Elba)

Ich war durchaus überrascht, dass sich Netflix für ein solches Projekt an ein so schwieriges Thema heranwagt – andererseits mag das durchaus auch Kalkül sein: Natürlich hat ein solches Thema bei der Kritik allein schon deshalb Relevanz, weil es eben um das Schicksal eines Kindersoldaten in Afrika geht. Aber ich finde wirklich gut, dass Netflix genau diese Aufmerksamkeit ausnutzt, um ein solches Thema anzugehen – und eben nicht noch einen blöden Superheldenfilm oder noch eine abgefeimt gut konstruierte Comedy oder einen nervenzerfetzenden Politthriller unter die Leute bringt, von denen es ohnehin mehr als genug gibt. Ja, ich sehe mir das alles auch ganz gern an – aber was ich zunehmend vermisse, sind eben jene Spielfilme, in denen aufgegriffen wird, was eben nicht schön und unterhaltsam, sondern schrecklich und grausam, aber dennoch die Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf diesem Planeten ist. Auch wenn man es kaum aushalten kann, sich das anzusehen.

Filme wie Missing von Costa-Gavras, Cyclo von Tran Anh Hung, Ivan und Abraham von Yolande Kaufman oder Wüstenblume von Sherry Horman – extrem willkürliche Zusammenstellung, aber die Richtung sollte klar sein. Beasts of No Nation ist eben auch kein schöner Film für einen entspannten Abend. Aber ein guter Film, den man sich unbedingt ansehen sollte. Denn die traurige und vermutlich extrem realistische Geschichte des kleinen Agu ist definitiv sehenswert – der Film wird vollständig aus der Sicht von Agu erzählt.

Agu (Abraham Attah) lebt mit seiner Familie in einem nicht näher spezifizierten westafrikanischem Land. Seine Familie hat ein gewisses Ansehen – sein Vater ist der Lehrer in Dorf, was Agu gar nicht so gut findet. Vom Bürgerkrieg, der im Land tobt, wird das Dorf bisher verschont, allerdings kommen immer mehr Flüchtlinge, um die sich sein Vater kümmern muss. Eines Tages kommt der Krieg auch zu ihnen: Der Vater versucht, die Familie in Sicherheit zu bringen, aber in einem der Fluchtautos ist nur noch Platz für Agus Mutter und die kleine Schwester. Der Vater und seine Söhne bleiben zurück – als die Soldaten der Regierungsarmee einrücken, halten sie die Dorfbewohner für Unterstützer der Rebellen. Nur Agu überlebt die Massenhinrichtungen und flieht in die umliegenden Wälder. Aber er kennt sich mit dem Überleben in der freien Wildbahn nicht aus, bald hat er Hunger und fühlt sich allein.

Insofern ist es ein Glück, dass er bald darauf von einer Rebellenarmee aufgegriffen wird – deren Kommandant (Idris Elba) hat eine Menge Kinder und Jugendliche um sich geschart. Mit einer perfiden Mischung aus persönlicher Verführung und militärischem Drill formt der Kommandant die Jungs zu einem ihm ergebenen Killerkommando.

Beasts of No Nation - Agu (Abraham Attah)

Beasts of No Nation – Agu (Abraham Attah)


Und so schafft der Kommandant es auch, aus dem guten Jungen Agu einen Killer zu machen – aber Agu hat letztlich keine andere Wahl, wenn er überleben will. Die neuen werden mit einer Art Voodoo-Zeremonie in die Reihen der Krieger aufgenommen. (Ich musste bestimmt nicht zufällig immer wieder an Apokalypse Now beziehungsweise an Das Herz der Finsternis denken).

Der arme Agu kotzt sich, nachdem er gezwungen wurde, einen Mann mit einer Art Machete zu töten, zwar noch die Seele aus dem Leib, aber er wird dafür zu einer Art persönlichem Leibwächter für den Kommandanten befördert. Wobei sich schnell herausstellt, dass das eine zweifelhaft Ehre ist: Der Kommandant verspricht ihm nicht nur, sich um seine Karriere zu kümmern, er missbraucht den Jungen auch höchstpersönlich. Jetzt kapiert Agu, warum sein Kumpel Strika so eigenartig drauf ist – er spricht nämlich nicht mehr. Agu entwickelt also ein in vielerlei Hinsicht intimes Verhältnis zu seinem Führer.

Agu und seine Leidensgefährten müssen jetzt ganz schnell erwachsen werden – dabei helfen ihnen die Drogen, die ihre Befehlshaber ihnen verabreichen. Ich hab grad noch das Zitat im Kopf – “ es gibt nichts Wilderes auf der Welt als einen 19jährigen mit einem Maschinengewehr auf einem Schlachtfeld“ – ich meine, das ist aus The Pacific und meinte Snafu. Aber ein Zwölfjähriger mit einem Maschinengewehr ist mindestens genauso wild. (Okay, Abraham Attah ist meinen Recherchen zufolge jetzt ungefähr 14). Aber der Punkt ist: Die Jungs werden zu Dingen getrieben, die sie von sich aus nie getan hätten. Und obwohl Agu all die grausamen Dinge tut, die sein Kommandant von ihm verlangt, so bleibt er doch ein Junge, der eigentlich viel lieber ein anderes Leben leben würde – auch wenn er spürt, dass es immer schwieriger wird, in ein anderes Leben zurück zu kehren. Wir hören seine Gedanken – er sieht irgendwann eigentlich nur noch im Tod eine Möglichkeit, mit dem Kämpfen aufzuhöhen und er will die Sonne solange umarmen, bis sie nicht mehr scheinen kann. Damit immer Nacht ist.

Am Ende des Films wird die Rebellenarmee aufgerieben – der Oberkommandierende schielt inzwischen auf die Meinung der Weltöffentlichkeit – da macht sich eine Armee aus Kindersoldaten schlecht und entsprechend serviert er seinen bisherigen Hoffnungsträger ab. Der zieht sich mit den Jungs zurück – aber ohne den Nachschub von seinen bisherigen Gönnern ist das Überleben nicht gesichert. Sie versuchen eine Zeitlang zu überleben – aber immer mehr von den Jungs werden krank und sterben.

Schließlich kommt es zu einer Art Revolte – die Jungs wenden sich gegen ihren Führer, der sie nun offensichtlich im Stich lässt. Agu ist erst noch auf der Seite seines Kommandanten, läuft aber dann doch mit den anderen davon, die sich einer Truppe von UN-Soldaten ausliefern. Weil Agu noch son jung war, wird er in eine Art Erholungsheim für Kindersoldaten gebracht. Aber nach all dem, was er erlebt hat, kann er das alles nicht ernst nehmen: Was fragt diese Therapeutin ihn für blödes Zeug? Er ist ein alter Mann und sie nur ein dummes Mädchen. Auch wenn sie älter ist als er. Er hat im Krieg gekämpft.

Und doch gibt es einen Hoffnungsschimmer – als einige der anderen aus dem Lager abhauen, um sich wieder den Rebellen anzuschließen, bleibt Agu zurück: Er will diese zweite Chance, auch wenn er weiß, was er getan hat. Am nächsten Tag geht er mit den anderen zum Strand, um im Meer zu baden.

Homeland: Manisch-depressive Supermächte

Homeland geht weiter und ich habe mir entsprechend die dritte Folge Super Powers angesehen: Und schon sind wir wieder mittendrin im alten Carrie-Dilemma. Weil sie nun unbedingt herausfinden will, wer ihr nach dem Leben trachtet, setzt sie ihre Medikamente ab. Denn, das wissen wir ja seit der ersten Staffel: So richtig genial ist Carrie nur, wenn ihre psychische Störung für sich arbeiten lassen kann – dann ist sie zwar völlig durchgeknallt und tritt alle Menschen in ihrem Umfeld mit Anlauf vors Schienbein, aber sie kriegt auch alles raus, was sie rauskriegen muss.

Manische Depression als Superkraft – ich habe ja schon in der ersten Staffel bezweifelt, dass jemand mit einer solchen Störung überhaupt von der CIA angeheuert würde und wenn doch dann garantiert nicht als Führungskraft, die für Leben und Tod einer Menge anderer Menschen verantwortlich ist, aber egal – Homeland ist Fiktion, auch wenn die Serie gern realistisch tut, in dem sie aktuelle politische Ereignisse aufgreift.

Apropos – die Sache mit den Graffitis in der letzten Folge fand ich ja sehr witzig. Hoffentlich stimmt das – leider kann ich kein Arabisch, schon gar nicht schriftlich – insofern kann ich das nicht überprüfen. Aber es scheint zu stimmen, dass die Street-Art-Künstler Heba Amin, Caram Kapp und Stone tatsächlich andere Botschaften an die Kulissen des libanesischen Flüchtlingslagers gesprüht haben, als die Serienmacher eigentlich beauftragt hatten. Ist schon scheiße, wenn keiner Arabisch kann – was dann doch wieder peinlich ist: Man sollte doch annehmen, dass irgendjemand, der an der Produktion einer Serie beteiligt ist, die zu weiten Teilen in arabisch-sprachigen Ländern spielt, lesen können sollte, was an den Wänden geschrieben steht…? Andererseits – wenn in den Berliner Sequenzen Graffitis auftauchen würden, auf denen ähnliches auf Deutsch steht, würde man es am Ende auch unter „Lokalkolorit“ verbuchen. Wobei mir gerade auffällt, dass der zeitweise beliebte Slogan „Ami go home!“ auf Berliner Hauswänden derzeit nicht besonders häufig zu finden ist.

Wie dem auch sei: Showrunner Alex Gansa sagte gegenüber Entertainment Weekly: “We wish we’d caught these images before they made it to air. However, as Homeland always strives to be subversive in its own right and a stimulus for conversation, we can’t help but admire this act of artistic sabotage.” („Wir wünschen uns, diese Bilder entdeckt zu haben, bevor sie ausgestrahlt wurden. Aber Homeland ist stets bestrebt, subversiv zu sein und somit Anlass für entsprechende Diskussionen zu liefern – deshalb können wir nicht umhin, diesen Akt der künstlerischen Sabotage zu bewundern.“)

Carrie Mathsion (DClaire Danes) in Homeland - Season 5 Super Powers

Carrie Mathsion (DClaire Danes) in Homeland – Season 5 Super Powers (via nydailynews.com/)

Aber zurück zu Carrie: Die ganze Geschichte hat von Anfang an nur funktioniert, weil Carrie komplett gestört und deshalb so gut in ihrem Job ist. Und weil Saul Berenson, der als einer der wenigen davon wusste, schützend ihre Hand über Carrie gehalten hat. Aber damit ist es nun endgültig vorbei. Saul ist inzwischen auch ein anderer. Doch eins nach dem anderen: Carrie setzt (unter Tränen) ihre Tochter zu Otto Düring ins Flugzeug – er glaubt ja, dass Carrie ihm das Leben gerettet hat und ist ein entsprechend dankbarer Arbeitgeber, der Carrie nicht nur von ihrer Arbeit frei stellt und ihre Tochter höchstpersönlich in die Staaten fliegen lässt (damit sich die bewährte Tante Maggie um sie kümmern kann) sondern er lügt sogar für sie, als Saul Berenson bei ihm auftaucht: Nein, natürlich hat er keine Ahnung, wo seine Sicherheitschefin ist.

Aber das ist für einen CIA-Agenten wie Quinn natürlich kein Problem – er benutzt den Sohn von Carries Lebensgefährten Jonas, um ihr Versteck zu finden. Ja, das ist alles wieder sehr, sehr homelandmäßig, insofern bin ich mit dem Fortgang der Folge ziemlich zufrieden – wobei das schon zu weiten Teilen daran liegt, dass es mir Spaß macht, meine Ecken in Berlin zu sehen. So dermaßen wahnsinnig gut ist die Geschichte eigentlich nicht, Carrie-Cry-Faces habe ich inzwischen eigentlich schon wieder mehr als genug gesehen.

Aber es gibt wieder schöne Szenen rund um den Litfaßplatz, der bei mir direkt um die Ecke liegt, es gibt sogar eine Szene, die in „meinem“ S-Bahnhof gedreht wurde, Hackischer Markt, und ich komme jeden Tag mehrfach an der Straßenbahnhaltestelle vorbei, die zu sehen ist, als der Informant Numan die Journalistin Laura Sutton von der Menge weglockt, die wegen eines Feueralarms draußen versammelt ist, um ihr im S-Bahnhof gegenüber einen Daten-Stick mit weiteren Dokumenten zu übergeben. Der Skateboard-Laden Titus, aus dem Quinn Jonas‘ Sohn entführt, ist unten in meinem Wohnblock – und auf der Rückseite ist jene Einfahrt, in der Quinn den Van geparkt hat, in den er den Jungen festhält: „Bis zum Abendbrot bist du zuhause!“ So richtig gut ist Quinns Deutsch ja nicht, aber es reicht offensichtlich.

Insofern stimmt, zumindest was die Berliner Geografie angeht, vieles – ich hasse es ja immer sehr, wenn Berlin-Szenen zusammengeschnitten werden, die gar nicht stimmen können, wie das in anderen Filmen und Serien oft der Fall ist, wenn dann etwa der Protagonist aus dem Gebäude an der-und-der Ecke kommt, und dann an der nächsten Ecke ein Berliner Wahrzeichen zu sehen ist, von dem ich weiß, dass es tatsächlich ganz wo anders ist.

Wenigstens Berlin ist in der neuen Homeland-Staffel weitgehend authentisch. Und auch der Blick von der US-Botschaft aus über den Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor Richtung Reichstag kommt hin – wobei ich da natürlich noch nicht drin war und schon gar nicht auf der Dachterrasse. Sonst weiß ich noch nicht so richtig, was ich vom Handlungsfortgang halten kann oder will: Carrie stellt eine ziemlich lange Liste mit Namen zusammen – 167 sind es, deren Angehörige sie nach dem Leben trachten könnten. Als der bis dahin sehr geduldige und verständnisvolle Jonas realisiert, dass Carrie diese 167 Menschen auf dem Gewissen hat, verliert er doch leicht die Fassung und muss einfach mal raus.

Natürlich wusste er, dass Carrie für die CIA gearbeitet hat – aber offenbar hat er sich nicht so richtig klar gemacht, was eigentlich ihr Job war. Als seine Ex ihn anruft, weil ihr gemeinsamer Sohn verhaftet wurde, weil der Junge angeblich in jenem Laden etwas geklaut hat, gerät der bisher erstaunlich unerschütterliche Jonas in Panik – aber aus anderen Gründen als Carrie, die schnell kapiert, dass es bei der ganzen Sache nur darum ging, heraus zu finden wo Jonas und damit auch Carrie sich gerade aufhalten.

Carrie will jetzt natürlich abhauen und versichert Jonas, dass seinem Jungen nichts passieren würde, weil er ja gar nicht das Ziel der ganzen Aktion sei, aber Jonas entscheidet sich natürlich im Zweifelsfall für seinen Sohn und fährt ziemlich planlos mit dem Auto weg. Carrie bleibt in dem Waldhaus zurück, in dem die beiden nach Carries Rückkehr aus Beirut abgetaucht sind. Carrie zieht sich mit einem Gewehr in den Wald zurück, ihr ist klar, dass wer immer hinter ihr her ist, demnächst hier auftauchen wird. Aber sie weiß ja nicht, dass Quinn hinter ihr her ist, der sich natürlich nicht so einfach von Carrie umlegen lässt.

Tja, was daraus wieder wird… Quinn hatte ja schon immer eine Schwäche für Carrie. Aber ist es damit nicht langsam mal gut?

The Strain – ein anstrengender Stamm

Horror-Serien sind wirklich nicht mein Genre – ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich mit The Walking Dead deshalb auch noch gar nicht angefangen habe. Ich mag Zombies einfach nicht. Okay, lustige Zombie-Filme wie Shaun of the Dead sind natürlich etwas anderes und World War Z habe ich mir natürlich auch angesehen, aber der war leider nicht besonders gut.

Dagegen habe ich durchaus etwas für medizinische Horroszenarien übrig – eine meiner Lieblingsserien in dem Bereich ist Regenesis und auch Helix fand ich nicht schlecht. Insofern war ich neugierig auf The Strain – zumal es sich dabei ja angeblich um eine Vampir-Serie handelt. Und in dem Bereich kannte ich mit True Blood ja immerhin eine ziemlich gute Serie, so dass ich neugierig auf mehr war. Inzwischen habe ich mich zu weiten Teilen durch die erste Staffel von The Strain durchgesehen – und obwohl ich bei den Untoten in The Strain auch eher von Zombies als von Vampiren reden würde, fand ich die ersten Folgen von The Strain gar nicht schlecht.

The Strain - Dr. Goodweather (Corey Stoll) von der Seuchenschutzbehörde in Aktion

The Strain – Dr. Goodweather (Corey Stoll) von der Seuchenschutzbehörde in Aktion

The Strain beruht auf einem Roman von Guillermo del Toro und Chuck Hogan und wurde vom US-Kabelsender FX produziert. Die Serie handelt von Kampf des Epidemologen Dr. Ephraim Goodweather (Corey Stoll) vom Disease Control Canary Team gegen eine rätselhafte Epidemie, die sich rasant ausbreitet und der zahlreiche Menschen zum Opfer fallen – einige überleben aber und verwandeln sich in blutdürstige Monster.

Als eines Tages eine Boeing 767 auf dem John F. Kennedy Airport in New York City landet und plötzlich vom Radar verschwindet, wird unter anderem Dr. Goodweather zu Hilfe gerufen – die in Berlin gestartete Maschine steht mit abgeschalteten Geräten und verriegelten Türen auf der Landebahn, im Inneren ist kein Lebenszeichen auszumachen. Doch woran sind die Menschen in diesem Flugzeug alle so plötzlich gestorben? Genau das sollen Goodweather und seine Assistentin Dr. Nora Martinez (Mia Maestro) heraus finden.

Mit entsprechenden Schutzanzügen sehen sie sich in der Maschine um, in der es auffällig kalt ist. Aber unter den 210 Menschen an Bord, die tatsächlich alle tot zu sein scheinen, finden sie vier Überlebende. Aber sie wissen weder, woran die einen gestorben sind, noch, warum die anderen überlebt haben. Schon bald wird sich aber herausstellen, dass nicht alle der Toten wirklich tot sind – sie suchen ihre Familien heim. Genauso, wie die Überlebenden nicht wirklich am Leben sind: Ein mysteriöser Parasit hat von ihnen Besitz ergriffen.

Dieser Parasit nutzt die menschlichen Hüllen, um sich zu verbreiten – das Ganze ist also ziemlich alienmäßig. Und obwohl ich die Idee von Alien interessant finde – ich mochte dieses Scheißvieh nie: es ist einfach zu hässlich. Trotzdem habe ich aus wissenschaftlichem Interesse natürlich sämtliche Alien-Filme inklusive Prometheus gesehen. Aber schön ist das alles nicht.

Das ist auch die Hauptkritik der Vampir-Fans: Diese Parasiten in The Strain sind wahnsinnig hässlich. Wobei Vampire eigentlich keine Schönheiten sein müssen – Nosferatu in Eine Symphonie des Grauens von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922 war auch nicht hübsch. Und auch in der Neuinterpretation von Werner Herzog von 1979 mit Klaus Kinski als Graf Dracula ist der Vampir kein Schönling. Das mit den schönen Vampiren hat, soweit ich das überblicke, erst mit Interview mit einem Vampir (Neil Jordans Verfilmung von dem Buch von Anne Rice, 1994) so richtig angefangen – Tom Cruise und Brad Pitt waren aber auch ein wirklich schönes Vampir-Paar. Der Tiefpunkt für dieses Genre kam dann mit der unsäglichen Twilight-Saga, wobei ich an anderer Stelle ja schon schrieb, dass ich Robert Pattinson als Schauspieler jenseits dieses ganzen Twilightzeugs gar nicht schlecht finde. Und auch mein hochverehrter Mr-Robot-Darsteller Rami Malek ist noch in die Twilight-Welle geraten und spielt im (hoffentlich) letzten Teil einen ägyptischen Vampir. Der übrigens kein bisschen bleich ist, sondern eine deutlich gesündere Gesichtsfarbe hat als der morphiumsüchtige Hacker Elliot Alderson, für dessen geniale Darstellung Malek jetzt gefeiert wird – und das völlig zu Recht.

Aber in The Strain gibt es das alles nicht – hier gibt es keine schönen Vampire, sondern eine hässliche Seuche, die die Menschheit bedroht – und gerade diejenigen, die den verwandelten Monstern zuvor besonders nahe standen, sind in besonderer Gefahr – die Untoten nutzen die menschlichen Beziehungen, die Liebe zu ihren Nächsten aus, um sie zu infizieren.

THE STRAIN -- Pictured: David Bradley as Abraham Setrakian. CR.  Frank Ockenfels/FX

THE STRAIN — Pictured: David Bradley as Abraham Setrakian. CR. Frank Ockenfels/FX

Nur der Holocaust-Überlebende Professor Abraham Setrakian (David Bradley) weiß, was los ist. Und er macht sich in einsamer Mission auf, um die Infizierten mit seiner in einem antiken Gehstock verborgenen Silberklinge zu töten – ein verzweifeltes und hoffnungsloses Unterfangen, für das er dringend Hilfe braucht. Natürlich wird er auch von Dr. Ephraim Goodweather erst einmal für einen verrückten alten Mann gehalten, der Gespenster sieht. Zumal Eph gerade andere Probleme hat – da ist die Scheidung und der Sorgerechtsprozess für seinen Sohn – und Eph macht sich wirklich Sorgen um sein Kind und seine Ex. Denn dass diese Sache extrem gefährlich ist, kapiert er schon, auch wenn er erstmal nicht schnallt, dass Setrakian mit seinen scheinbar verrückten Erklärungen für das alles Recht hat.

Am Ende steckt unter anderem ein fieser Nazi dahinter – Thomas Eichhorst (Richard Sammel), ein treuer Gehilfe des Meisters, der diesen schrecklichen Plan eingefädelt hat – das erinnert mich dann doch ziemlich an Lord Voldemord aus Harry Potter. Setrakian kennt Eichhorst von früher, aus dem KZ, wo Setrakian den Sarg schnitzen musste, in dem der Meister reist und der eben an Bord jenes Flugzeugs war, das in New York vom Radar verschwunden ist. Die rätselhafte Vampir-Seuche grassierte nämlich zuletzt während des zweiten Weltkriegs in Europa. Aber zum Glück kannte Setrakians Großmutter sich mit den Strigoi aus, wie sie sie nannte, und konnte ihrem Enkel verraten, wie man sich vor ihnen schützt.

Meine derzeitige Lieblingsfigur ist Vasily Fet (Kevin Durand), ein Schädlingsbekämpfer mit ukrainischen Wurzeln, der zwar auch erstmal nicht kapiert, was tatsächlich hinter den merkwürdigen und schrecklichen Dingen steckt, die jetzt in seiner Stadt passieren, die Sache aber mit pragmatischem Scharfsinn angeht: Wenn die Ratten abhauen, dann nur, weil etwas wirklich Gefährliches sie aus ihren Revieren vertreibt. Er ist eigentlich der einzige, der, genau wie Setrakian selbst, in der Lage ist, zu tun, was getan werden muss – alle anderen sind zu sehr mit ihren moralischen Ansprüchen an sich selbst beschäftigt und deshalb nicht fähig, das Nötige zu tun: Nämlich alle Infizierten zu töten.

Das ist es, was ich an The Strain interessant finde: Es wird die verlogene Giftigkeit gezeigt, die hinter den gängigen Moralvorstellungen guter Bürger steckt (wobei ich mir nicht sicher bin, ob genau das tatsächlich die Absicht der Serienmacher war): Während die Doktoren von der Seuchenschutzbehörde noch versuchen, jeden zu retten anstatt die Überträger der Seuche konsequent aus dem Verkehr zu ziehen (also letztlich sie zu töten und die Leichen zu vernichten) tragen sie erstmal dazu bei, dass noch viele weitere infiziert werden. Und auch das Verhalten sonstigen staatlichen Institutionen ist mehr als zweifelhaft: Sie versuchen, die rätselhaften Ereignisse unter den Teppich zu kehren. Es gibt eine totale Nachrichtensperre, weshalb die Menschen nicht gewarnt werden können und den kommenden Ereignissen hilflos ausgeliefert sind.

THE STRAIN -- Kevin Durand as Vasliy Fet

THE STRAIN — Kevin Durand as Vasliy Fet


Dazu kommt, dass der fiese alte Mann, der Milliardär Eldritch Palmer, der diese Sache offenbar seit Jahren geplant hat, auch eine Hacker-Crew engagiert hat, die nach und nach sämtliche Kommunikationssysteme lahm legt: Das Internet funktioniert nicht mehr, die Mobilfunknetze fallen aus, man kann nicht mehr mit der Kreditkarte bezahlen, selbst, wenn man die Menschen warnen wollte, würde das jetzt extrem schwierig.

Dafür hat Eph endlich geschnallt, was Sache ist – er und Nora haben eins der Opfer seziert und herausgefunden, dass sie von Parasiten übernommen wurden, die sich in ihrem Innern ausbreiten. Übertragen wird der Parasit durch Würmer, die durch Verletzungen in den Körper neuer Opfer eindringen – es handelt sich also tatsächlich um eine Art Seuche, und Eph fängt endlich an, auf Setrakian zu hören. Dumm nur, dass inzwischen auch das FBI hinter Goodweather her ist, weil er angeblich einen der Überlebenden aus dem Flugzeug getötet hat.

Das hier könnte ein Werbepause sein, aber eigentlich hatte ich nur keine Zeit, den Artikel fertig zu schreiben – aber inzwischen ist einiges passiert

Inzwischen bin ich mit der ersten Staffel durch und muss konstatieren, dass sie alles in allem dann doch nicht so gut war – denn je mehr sich alles auf die Jagd nach dem Meister konzentriert, mit dem sämtliche Zombie-Vampire verbunden sind, desto schwächer wird die Geschichte. Denn diese ach so grausame und furchteinflößende Figur, die, wie sich herausstellt, auch den mächtigen, aber inzwischen alten und todkranken Eldritch Palmer als williges Werkzeug benutzt hat, ist tatsächlich nur eine ziemlich lächerliche Lord-Voldemord-Kopie. Und weil The Strain aber sonst nicht als Satire, sondern leider ganz ernsthaft angelegt ist, ist das nicht mal witzig.

Insofern ist mein Fazit: Kann man sich ansehen, wenn man auf Katastrophen-Grusel und Zombie-Apokalypse steht, muss man aber nicht. True Blood finde ich sehr viel besser – nicht nur, weil die Vampire (und die ganzen anderen Fabelwesen, die von Staffel zu Staffel dazu kommen) viel besser aussehen, sondern weil einfach viel mehr los ist: Die Geschichte ist besser, die Figuren sind interessanter und True Blood ist streckenweise auch ziemlich witzig, wobei es auch noch eine Menge sozialer Probleme und Herzschmerz ohne Ende gibt. In The Strain wird einiges davon auch angedeutet, aber letztlich bleibt alles doch sehr an der Oberfläche.

Mir fällt gerade auf, dass es mir mit Helix letztlich ähnlich ging: Es geht ziemlich vielversprechend los, was aber erstmal wie eine interessante Serie mit einem gewissen wissenschaftlichen Anspruch daher kommt, gleitet streckenweise in eine ziemlich platte Horrorstory ab, wo dann die ganze Wissenschaft schnell als optisch eindrucksvolle Kulisse enttarnt wird – in dem Bereich Wissenschaft/Medizin/Biotech kommt halt nichts an die kanadische Serie Regenesis heran, auch wenn da die dritte und vierte Staffel auch ziemlich nachgelassen haben. Und das Genre anspruchsvoller Horror ist noch schwieriger – das hat The Strain ja gerade wieder gezeigt. Es ist halt nicht so einfach eine Serie zu machen, in der alles stimmt und mit The Strain ist das leider nicht gelungen.