Unbedingt ansehen: Short Term 12

Ein überraschend guter Film ist Short Term 12, vor allem, wenn man mal wieder etwas über das wahre Leben sehen will. Es handelt sich um ein Low-Budget-Sozialdrama, das beinahe schon dokumentarische Züge hat: Es geht um ein Heim für gefährdete Jugendliche, die bis zu einem Jahr dort bleiben dürfen – bis sie entweder volljährig werden oder an eine andere Einrichtung weitergereicht werden.

Screenshot Short Term 12

Screenshot Short Term 12

Die Mittzwanzigerin Grace (Brie Larson) leitet Short Term 12 mit einer für ihr Alter erstaunlichen Abgeklärtheit und Professionalität – aber eben auch mit einer Menge Leidenschaft, die noch nicht durch jahrzehntelange Routine verbraucht ist. Im Laufe des Films erfahren wir, warum sie sie so gut mit den Problemen der Jugendlichen, die zu ihr kommen, auskennt: Sie hat selbst durchlitten, was ihre Schutzbefohlenen durchmachen müssen. Und als die trotzige, unleidliche Jayden (Kaitlyn Dever) als Neuzugang nach Short Term 12 kommt, droht alles zu eskalieren, weil Grace sich aufgrund ihrer eigenen Leidensgeschichte mit der Zeit viel zu sehr mit dieser 15jährigen identifiziert, die von ihrem Vater misshandelt und missbraucht wird.

Das war jetzt die zugespitzte Kurzfassung, aber natürlich gibt es noch viel mehr: Der Film beginnt mit dem ersten Tag des neuen Betreuers Nate (Rami Malek), der sich eine Auszeit von seinem Studium genommen hat, um Lebenserfahrung zu sammeln, wie er selbst erklärt. Die bekommt er schneller als ihm lieb ist – schon bei der Vorstellungsrunde mit den Kids springt er mit Anlauf in das erste Fettnäpfchen, als er sagt, dass er schon immer etwas für unterprivilegierte Kinder tun wollte.

Screenshot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.), Sammy und Grace (Brie Larson)

Screenshot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.), Sammy und Grace (Brie Larson)

Der Heimveteran Marcus (Keith Stanfield), ein großer, schwarzer Junge, der verstörende Rapsongs schreibt und einen schwarzen Fisch als einzigen Freund hat (woran erinnert uns das nur…?) fragt Nate, was zum Teufel er damit meinen würde. Natürlich erkennt Nate seinen Fehler sofort, aber das macht die Sache nicht besser – weil er sich gleich ausdrücklich entschuldigt, gerät er total in die Defensive. Ganz schlecht für eine Autoritätsperson, die er als Betreuer ja sein soll.

Die anderen aus dem Team erklären ihm später: „Die werden dich jetzt ausprobieren. Egal, was sie wollen, sag immer nein. Du musst erst der Arsch sein, damit sie dich später lieben!“ Nate macht natürlich die üblichen Anfängerfehler, beißt sich aber tapfer durch. Offenbar hat er einen anderen sozialen Hintergrund als die anderen Betreuer dieser Einrichtung. Denn auch Mason (John Gallagher Jr.), der nicht nur der erfahrene Kollege und die unerschütterliche Stütze von Grace im Heim ist, sondern auch ganz privat ihr Lebenspartner, ist in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Und weil das fürsorgliche Latinos waren, spricht Mason auch Spanisch – Short Term 12 spielt im Großraum Los Angeles, da ist das nützlich.

Screenhot Short Term 12: Grace stellt den Neuen vor

Screenhot Short Term 12: Grace stellt den Neuen vor

Aus der Erfahrung heraus, wie schrecklich es ist, niemanden auf der Welt zu haben, der einem helfen kann und dann plötzlich doch auf mitfühlende und hilfreiche Menschen zu treffen, haben Grace und Mason ihre Entscheidung getroffen, ebenfalls für andere da zu sein. Und die beiden machen das wirklich gut, auch wenn dieser Job sie immer wieder an ihre Grenzen bringt.

Dazu kommt, dass das staatliche Sozialsystem als System eben gnadenlos exekutiert wird: Grace und Mason sind trotz ihrer offensichtlichen praktischen Kompetenz eben nur Betreuer – ihr zermürbender Job ist es, für traumarisierte und psychisch total aus dem Ruder laufende Kinder und Jugendliche eine Art sicheres Zuhause zu schaffen und einen Alltag zu organisieren. Die wichtigen Entscheidungen, was mit den einzelnen Kindern passiert, treffen irgendwelche höherrangigen Therapeuten. Oder andere Vorgesetzte auf den Sozialbehörden, die sich eben an die Gesetze halten müssen – wie absurd und sinnlos das im Einzelfall auch sein mag.

Screenhot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.) und Nate (Ramit Malek

Screenhot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.) und Nate (Ramit Malek)

Screenshot Short Term 12: Marcus (Keith Stanfield)

Screenshot Short Term 12: Marcus (Keith Stanfield)

So haben Grace und Mason es mit viel Einsatz und Trickserei geschafft, ihren Schützling Marcus für drei Jahre in ihrer Einrichtung zu behalten: Der sensible und wie sich noch heraus stellen wird, auch sehr intelligente Marcus kam als fünfzehnjähriger, aber bald wird er 18. Dann muss er gehen. Und davor hat er dermaßen Angst, dass er sich mit den Scherben des Aquariums für seinen Fisch die Pulsadern aufschneidet. Zum Glück findet Grace ihn gerade noch rechtzeitig. Für Marcus gibt es später tatsächlich dann noch eine Art Happyend.

Dann gibt es den unglücklichen kleinen Sammy, der immer wieder wegläuft. Die Regel lautet nämlich: Außerhalb der Einrichtung dürfen die Betreuer ihre Schützlinge nicht anfassen. Wenn es also jemanden gelingt, das Grundstück zu verlassen, können die Betreuer nicht mehr viel tun. Wobei sie natürlich auch in diesen Fällen alle Register ziehen – ihren Schützlingen folgen dürfen sie, und sie auch (ohne Anfassen) wieder einsammeln, wenn es dunkel wird und für die Ausreißer die Optionen schwinden, wohin sie jetzt noch gehen könnten. Besser ist es selbstverständlich, sie abzufangen, bevor sie das Tor erreichen, weshalb es eine Torwache gibt.

Screenshot Short Term 12: Jayden (Kaitlyn Dever)

Screenshot Short Term 12: Jayden (Kaitlyn Dever)

Sammy hat eine Art Sport daraus gemacht, dieses Tor erreichen zu wollen. Er will nicht wirklich weg, aber er hat sonst kein Ziel in seinem traurigen Leben. Man erfährt sonst nicht so viel über Sammy, nur, dass die merkwürdigen kleinen Figuren, mit denen er sich umgibt, einmal seiner Schwester gehört haben – die es offenbar nicht mehr gibt. Irgendwann will sein Therapeut ihm eine Lektion im „Loslassen“ erteilen und nimmt ihm seine kleinen Figuren weg. Grace ist empört darüber, aber sie kann nichts dagegen tun.

Genauso wie Grace nichts dagegen tun kann, dass der für Jayden zuständige Sozialarbeiter es erlaubt, dass Jayden übers Wochenende zu ihrem Vater kann. Oder muss, wie auch immer. Denn Grace hat inzwischen einen Draht zu diesem schwierigen Mädchen – und sie ist ganz sicher, dass Jayden von ihrem Vater missbraucht wird. Aber solange es keine eindeutigen Beweise dafür gibt oder das Mädchen es selbst sagt, gibt es keinen Grund, dem Vater zu verwehren seine Tochter zu sehen.

Screenshot Short Term 12: Nate und Mason mit der tobenden Jayden

Screenshot Short Term 12: Nate und Mason mit der tobenden Jayden

Aber Grace hat noch ein ganz anderes Problem: Sie ist schwanger. Und nach dem x-ten Schwangerschaftstest, den sie dieses Mal im Krankenhaus machen lässt, macht sie auch gleich einen Termin für die Abtreibung – sie scheint sich ganz sicher zu sein. Andererseits ist sie es auch nicht – ihr Freund Mason hat es derzeit jedenfalls nicht leicht mit ihr. Er liebt Grace wirklich, daran gibt es keinen Zweifel, und er ist ja auch wirklich ein Ausbund an Geduld und Verständnis – aber Grace lässt ihn nicht wirklich an sich heran, so dass Mason ihr schließlich genervt und verzweifelt empfiehlt, dass sie selbst doch endlich mal auf das hören solle, was sie ungefähr alle fünf Minuten zu den Kindern sagen würde: Sie soll doch endlich über das, was mit ihr los ist, reden.

Grace redet schließlich, aber nicht über das, was EIGENTLICH mit ihr los ist. Sie teilt Mason mit, dass sie ein Kind bekommen würden. Mason ist völlig von der Rolle, fasst sich aber wieder und ist schließlich bereit, ein guter Vater zu werden. Dass Grace einen schon Termin für die Abtreibung hat, weiß er ja nicht. Dafür weiß er, dass der Vater von Grace demnächst aus dem Gefängnis kommt. Die Nachricht darüber erfüllt Grace mit Angst und Schrecken: Sie hat ihren Vater vor 10 Jahren hinter Schloss und Riegel gebracht, weil sie gegen ihn ausgesagt hat.

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace

Was völlig okay war, schließlich hatte das Arschloch seine damals fünfzehnjähre Tochter missbraucht und schließlich geschwängert – kein Wunder eigentlich, dass Grace total neben der Spur ist. Sie teilt Mason mit, dass sie „das alles einfach nicht kann“ und fährt auf ihrem geliebten Fahrrad los: Anstatt ihre eigenen Probleme zu lösen will sie erstmal das Problem von Jayden lösen. Also fährt sie zum Haus von Jaydens Vater und dringt dort ein – schließlich steht sie mit einem Baseballschläger in der Hand vor dem Mann, der betrunken vor dem Fernseher schläft. „Jetzt übertreibst du aber!“ stellt Jayden fest, die glücklicherweise auftaucht, bevor Grace zuschlägt.

Stattdessen demolieren sie das Auto von Jaydens Vater – Jayden verspricht Grace, diesen Teil wegzulassen, wenn sie gegen ihren Vater aussagt. Er hat Jayden wieder misshandelt – und Grace schafft es, Jayden zu überzeugen, dass sie mit ihren Sozialarbeitern darüber reden muss. Und damit hat sie sich selbst auch ein bisschen überzeugt, dass sie ebenfalls endlich reden sollte – jedenfalls sehen wir sie später im Gespräch mit einer Therapeutin.

Screenhot Short Term 12: Sammy stellt einen neuen Rekord auf

Screenhot Short Term 12: Sammy stellt einen neuen Rekord auf

Was mit an Short Term 12 besonders gefällt ist, dass der Film weder übertreibt, noch beschönigt – der Alltag in einem Wohnheim für gefährdete bzw. sozial auffällige Jugendliche ist aufreibend und anstrengend und es ist bestimmt nicht jedermanns Sache, einen solchen Job zu machen. Umso verdienstvoller ist es, dass hier einmal gezeigt wird, was es wirklich heißt, sich um diejenigen zu kümmern, die in der Gesellschaft sonst keinen Platz haben. Den Betreuern wird ein schier unerfüllbares Maß an Einfühlungsvermögen, Konsequenz, Umsicht, Stärke und Ausdauer abverlangt. Und bei all den schrecklichen Geschichten, die mit den Kindern zu ihnen kommen, bleiben sie doch freundliche, sympathische junge Menschen, die sich gegenseitig gern lustige Geschichten erzählen – auch Humor kommt nicht zu kurz, wenn auch eher von der derben Sorte. Insofern hat dieser Film von Destin Daniel Cretton es absolut verdient mit Indepentend-Awards überhäuft zu werden. Unbedingt ansehen.

Screenhot Short Term 12:

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace auf dem 30. Hochzeitstag von Masons Pflegeeltern

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