Retrokritik: 23 – Nichts ist wie es scheint. Tatsächlich?

Es ist gewiss kein Zufall, dass ich durch Mr. Robot wieder auf den einzigen guten Hacker-Film gekommen bin, den ich je gesehen habe: 23 – Nichts ist so, wie es scheint. Also nicht, dass ich keine anderen Hacker-Filme gesehen hätte, da gab es ja einiges, von War Games über Sneakers, Das Netz und so weiter bis hin zu The Fifth Estate. Aber Hollywood und Hacker – das passt einfach nicht zusammen.

Gerade The Fifth Estate: Dieser Film von Bill Condon mit Benedict Cumberbatch als Julian Assange und Daniel Brühl als Daniel Domscheid-Berg, der sich um die spektakulären Veröffentlichungen von US-Militärdokumenten auf der Enthüllungsplattform Wikileaks dreht, ist, wie ich Anfang vergangenen Jahres schon schrieb, erstaunlich schlecht: Ich kann kaum fassen, wie man eine so gute Geschichte dermaßen vermurksen kann.

Da half auch die erstklassige Besetzung nicht: Was in dem Köpfen der Menschen und in den Datennetzen passiert, bleibt hier weitgehend nebulös. Dabei hat Sam Esmail mit Mr. Robot gerade vorgemacht, wie man genau so etwas umsetzt: Nämlich nicht durch alberne Animationen, sondern durch echte, nachvollziehbare Befehle auf dem Computer-Monitor und ein paar erklärende Worten zu den Gedanken desjenigen, der sie eingibt. Dabei muss keineswegs die Welt erklärt werden – eine markante Zusammenfassung dessen, was gerade Sache ist, reicht.

23 - titelbild via video.com

23 – titelbild via vimeo.com

Das hat Hans-Christian Schmid in seinem Film aus dem Jahr 1998 deutlich besser hingekriegt. 23 beruht ebenfalls auf einer wahren Geschichte – dem kurzen Leben des Hackers Karl Koch, der am 23. Mai 1989 verschwand und dessen verkohlte Leiche einige Tage später in einem Waldstück gefunden wurde. Karl Koch wurde durch die KGB-Hacks bekannt, die so genannt wurden, weil er und ein paar Freunde das Material, das sie aus den damals noch schlecht gesicherten Computern von Forschungseinrichtungen und Unternehmen kopierten, an die Sowjets verkauften.

Jetzt, wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, bin ich erstaunt, welche Parallelen es zwischen Karl Koch und Elliot Alderson gibt: Beide wollen die Welt retten und sitzen nächtelang vor ihren Computern – und während sie über die Datennetze Kontakt zu potenziellen Zielen aufnehmen, kommt ihnen der Kontakt zu ihrem realen sozialen Umfeld abhanden. Beide bewegen sich zunehmend in einer virtuellen Welt, die sie sich selbst erschaffen und geraten darüber in Konflikt mit der Realität – irgendwann können sie beide nicht mehr unterscheiden, was nur in ihren Köpfen statt findet und was tatsächlich passiert – für sie fühlt es sich real an. Ist es aber nicht. Oder nur zum Teil.

Karl zieht sich immer häufiger eine Nase voll Koks rein, um seine Auftragshacks durchzuhalten, weil er das Geld dringend braucht – unter anderem, um seinen aus dem Ruder laufenden Kokain-Konsum zu finanzieren. Elliot zieht sich immer häufiger eine Line Morphin rein, weil er mit der Situation, in die er sich durch seine Aktivitäten als frei schaffender Selbstjustiz-Hacker selbst gebracht hat, anders nicht mehr umgehen kann. Beide werden immer paranoider – nicht zu völlig unrecht, wie sich zeigt, obwohl viel der jeweiligen Paranoia auf Einbildung beruht.

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) - via cinema.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) – via cinema.de

Auch Elliot redet am Anfang über die denkbar größte Verschwörung jener Ein-Prozenter, die heimlich die Welt regieren. Bei Karl sind es die Illuminaten – das ist natürlich Weltverschwörung zum Quadrat: Er hat einfach zu viel Illuminatus! gelesen. Die Illuminatus-Trilogie von Robert Anton Wilson war in den 80ern sehr populär, ich habe sie auch gelesen und bin eine Zeitlang entsprechend paranoid gewesen – das bleibt einfach nicht aus, plötzlich hat alles irgendwas mit Pentagrammen und der 23 zu tun. Aber ich verkehrte nicht in Hackerkreisen und nahm damals auch keine Drogen, also beruhigte sich das irgendwann wieder.

Zumindest ein bisschen, denn paranoid waren viele von uns, die wir in den 80er Jahren erwachsen wurden: Der Kalte Krieg, die RAF, die Friedensbewegung, die Anti-Atom-Bewegung, der Polizei-Staat – wir mussten die am Abgrund torkelnde Welt doch ständig retten und dabei noch gegen unsere Spießer-Eltern rebellieren, die so ewiggestrig waren, wie sich unsere Kinder sich das heutzutage einfach nicht mehr vorstellen können. Genau wie eine Welt ohne E-Mail, ohne Smartphones, ohne soziale Netzwerke.

Karl ist eben auch einer von denen, die zur Demo in Brokdorf gepilgert sind und kritische Schülermagazine herausgebracht haben, einer von den politisch engagierten. Aber einer, der dann zunehmend auf Abwege geraten ist, nachdem er sich darauf eingelassen hat, für Geld zu hacken, oder eigentlich: Für Drogen. Zwar versucht er anfangs noch sich selbst und einer Freundin zu beweisen, dass ihm Geld überhaupt nicht wichtig ist – nachdem sie ihm gesagt hat, dass er nach dem Tod seines Vaters echt zum Arschloch mutiert sei, fängt Karl an, die von seinem Erbe verbliebenen Geldscheine zu verbrennen – und natürlich höre ich im Voice-over Elliot: „I don’t give a shit of money!“

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig - vie br.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig – via br.de

Was, nebenbei bemerkt, ganz schön blöd ist: In einer Welt, in der auf allem, was man zum Leben braucht, ein Preisschild klebt, ist die Behauptung, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, um ein gutes Leben zu haben, die perfideste Propagandalüge, die sich denken lässt. Aber was sollen die Kapitalistenschweine von dem einen Prozent ganz oben auch sonst sagen, wenn sie wollen, dass wir obedient zombies (Elliot in eps1.2_d3bug.mkv) weiterhin für einen Hungerlohn ihren Reichtum mehren. Aber ich schweife ab.

Also: Nachdem Karl kurz hintereinander beide Eltern verloren und etwas Geld geerbt hat, kauft er sich einen Computer und dringt in die Welt der Mailboxen vor, weil er Gleichgesinnte sucht, mit denen er über Illuminatus diskutieren kann. Die findet er im Umfeld des gerade entstehen Chaos Computer Clubs. Hierüber entwickeln sich weitere Kontakte, die für Karl verhängnisvoll noch werden: Karl lernt nicht nur den freundlichen und sehr begabten Hacker David kennen, sondern auch den kriminellen Programmierer Lupo und dessen Kumpel Pepe, der Dealer ist und Karl künftig mit Kokain versorgt. Pepe ist es auch, der den Kontakt zum KGB herstellt.

Die naiven Idealisten Karl und David lassen sich im jugendlichen Leichtsinn darauf ein, als Hacker für den KGB zu arbeiten – in ihren Augen ist das erstmal eine gute Sache: Während die USA mit ihrem aggressiven Verhalten gegenüber Libyen den Weltfrieden gefährdet, wollen die Jungs für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Und sie bekommen auch noch Geld dafür!

Außerdem ist ein Journalist auf Karl aufmerksam geworden und drängt ihn dazu, ihm eine richtig gute Hacker-Story zu liefern. Karl, der inzwischen immer Geld braucht, lässt sich darauf ein, sich vor laufender Kamera ins AKW Jülich zu hacken. Durch diese Sache wird das BKA auf Karl und den Sender aufmerksam – Karls Paranoia bekommt also eine Grundlage, denn er wird jetzt wirklich überwacht. Als es kurz darauf zur Kernschmelze in dem Atomkraftwerk in Tschernobyl kommt, glaubt Karl, dass er irgendwie mit daran schuld sei – er hat in der letzten Zeit einfach zu viel Zeit auf Koks vor dem Bildschirm verbracht. Der Zusammenbruch ist unvermeidlich – er irrt halb nackt im Regen durch die Straßen und landet schließlich in einem Krankenhaus. Anders als Elliot kann er sich aber noch nicht ins System hacken, um seinen Krankenakten zu fälschen, denn die werden noch analog geführt.

Karl macht einen Entzug in einer entsprechenden Einrichtung und beschließt, mit seiner kriminellen Vergangenheit abzuschließen, denn Lupe und Pepe bedrohen ihn immer wieder. Er macht eine Aussage beim Verfassungsschutz und kommt in ein Zeugenschutzprogramm, während die beiden in den Knast wandern. Wenig später verschwindet Karl – die Umstände seines Todes sind bis heute nicht aufgeklärt worden. Was entschieden für eine Beteiligung von Geheimdiensten spricht – sonst wird ja im Grunde jeder Mord in Deutschland aufgeklärt.

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt - via duassen-woebke-putz.de

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt – via duassen-woebke-putz.de

Hans-Christian Schmid erzählt das Leben des Karl Koch sehr gradlinig und ohne dramaturgische Schnörkel – ganz in der Tradition des Dokumentarfilms, schließlich ist Schmid gelernter Dokumentarfilmer. Immer wieder ist echtes Dokumaterial zu sehen, die Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Polizei, Bilder von der Konfrontation zwischen den USA und Libyen, der Ruine des havarierten Reaktorblocks in Tschernobyl, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Muammar al-Gadaffi, der Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme – die paranoide Stimmung jener politisch engagierten jungen Menschen in den 80er wird dadurch fühlbar.

Und dazu kommt, dass August Diehl als Karl immer bleicher, hohlwangiger und nervöser wird, er starrt mit fiebrigen Blick auf den Bildschirm, kämpft in seinem Kopf mit übermächtigen Gegnern, und verfällt gleichzeitig einem heillosen Größenwahn – natürlich hätte er weder den Tod seines Vaters, der an einem Hirntumor gestorben ist, noch den Mord an Olof Palme, noch die Kernschmelze in Tschernobyl verhindern können, aber er glaubt, dass die Illuminaten ihn zu ihrem Werkzeug gemacht haben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sam Esmail sich unter anderem auch von diesem Film hat inspirieren lassen – als jemand, der sich für die Hacker-Kultur überhaupt interessiert, muss er den CCC und seine wichtigsten Mitglieder kennen, auch wenn Deutschland, von den USA aus gesehen, auf einem ziemlich entfernten Planeten liegen mag. Aber dank Internet ist die Welt ja ein Dorf, in dem jeder jeden um ein paar Ecken herum kennt.

Karl auf einem der erste CCC-Treffen - via kinoweg.de

Karl auf einem der erste CCC-Treffen – via kinoweg.de


Außerdem: Die Dämonen in Elliots Kopf haben auch Karl schon heimgesucht, der irgendwann als zuckendes Wrack auf seinem Bett liegt wie Elliot in da3m0ns.mp4 und genau wie bei Karl Koch verschwimmt auch bei Elliot irgendwann die Grenze zwischen dem, was er für die anderen, für die Gesellschaft erreichen will, und dem, was er für sich selbst tut. Und wie Elliot wird auch Karl immer paranoider – nur dass Karl nicht mit seinem toten Vater streitet, seinen Vater konnte er ja ohnehin nicht ausstehen, er hört aber Stimmen und Flugzeuge, die nicht da sind und irgendwann versucht er in einem Panikanfall aus einem fahrenden Auto zu steigen, das mit 180 Sachen auf der Autobahn unterwegs ist.

Hans-Christian Schmid braucht keine erfundenen Figuren, um Karls psychische Störungen zu illustrieren. Aber wir sind hier auch in einem anderen Genre: Während 23 weitgehend realistisch die Lebensgeschichte eines Hackers erzählt, der mit der Zeit durch übermäßigen Drogenkonsum an Halluzinationen, Verfolgungswahn und Realitätsverlust leidet, erzählt Mr. Robot von eben diesen Halluzinationen, dem Verfolgungswahn und dem Realitätsverlust seiner Hauptfigur – und zwar aus Elliots Perspektive. Mir ist klar, dass ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche – ich will das eigentlich auch gar nicht tun. Mir fiel nur auf, dass die historische Person Karl Koch und der fiktive Hacker Elliot Alderson einige Gemeinsamkeiten haben, die gewiss nicht zufällig sind.

Hans-Christian Schmid hat jedenfalls einen Film abgeliefert, der mittlerweile natürlich auch durch seine Retro-Ausstattung (C64! Atari! CBM-II!) Kultcharakter hat, aber auch sonst wirklich sehenswert ist. Für seine Darstellung des Karl Koch in 23 – Nichts ist so wie es scheint, bekam August Diehl den Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler.

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