Baut keine Kartenhäuser: Boss

Auf Netflix gibt es inzwischen die Serie Boss – wer House of Cards mag, könnte auch Boss auch mögen. Boss ist eine knallharte Polit-Serie – wobei ich Boss ehrlich gesagt noch finde besser als House of Cards. Aber Boss habe ich auch zuerst gesehen und ich bin in einem Punkt befangen: Die einzige Stadt in den USA, die ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe, ist Chicago, Illinois. Und Boss spielt nun einmal in Chicago.

Nein, ich bin nicht auf den Spuren der Blues Brothers dort gewandelt, auch wenn ich den Film aus Kultgründen ziemlich oft gesehen habe, das gehörte in den 80ern halt dazu. Ich kam nach Chicago, weil ich dort eine mir sehr liebe Freundin besuchte, die einige Jahre dort gelebt hat. Chicago ist kein schlechter Ort, wenn man als nicht ausdrücklicher USA-Fan erstmals in die Vereinigten Staaten reist.

Screenshot: Boss - Chicago

Screenshot: Boss – Chicago

Chicago ist einerseits sehr amerikanisch, andererseits auch wieder sehr europäisch, dort es gibt einfach alles – Chinatown, Little Italy, Little Poland, Afrika und Lateinamerika sind so prominent vertreten, dass man nicht mehr von „Little irgendwas“ reden kann und die Ansagen in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind zweisprachig – Englisch und Spanisch. Chicago ist eine echte Weltstadt. Im Zentrum ballen sich zum Teil sehr schöne, alte und moderne Wolkenkratzer, gleichzeitig verfügt die Stadt über großzügige Grünflächen, insbesondere am Ufer des Lake Michigan. Ich weiß nicht, wie es heute dort ist, aber im Sommer 2001 (kurz vor 9/11 also) beeindruckten mich nicht nur die weitläufigen Parks und die grandiose Architektur, sondern auch das frei zugängliche Kulturprogramm: ich erlebte einige wunderschöne klassische Konzerte des Grant Park Symphony Orchestra, das in Chicagos zentralem Millenium Park kostenlose Konzerte gab. Auch in den großen Museen gab zumindest an bestimmten Tagen freien Eintritt, was ich natürlich ebenfalls nutzte.

Screenshot: Boss

Screenshot: Boss

Und die großartigen alten Bahnhöfe! Zwar war ich damals über den Zustand der „L“, wie die Chicagoer Hochbahn genannt wird, etwas erschrocken – aber mittlerweile haben mich meine Erfahrungen mit der Berliner S-Bahn ja gelehrt, dass man vor hundert Jahren sehr viel mehr in öffentliche Nahverkehrsinfrastruktur investiert hat als heute. Das ist in Chicago nicht anders als in Berlin. Auch fiel mir auf, dass es in den reichen Vororten im Norden viel mehr Haltestellen für die Vorortszüge gibt als im armen Süden der Stadt. Das ist in Berlin genau besehen auch nicht viel anders – nur dass es hier die Villenviertel im Süden der Stadt sind, die besser erschlossen wurden, als die armen Arbeiterviertel im Norden. Aber nach dem langen Vorspann nun endlich zu der Serie, über die ich eigentlich berichten wollte: Boss.

Der Boss heißt Tom Kane (Kelsey Grammer) und ist der Bürgermeister von Chicago. Der Titelsong Satan Your Kingdom Must Come Down von Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant stimmt mit nebligen Impressionen der Stadt bereits sehr gut auf das ein, was einen dann erwartet. Tom Kane ist ein eiskalter Machtmensch. Ein berechnender Großmeister in Sachen Politik, der für den Machterhalt im Laufe der Serie nicht nur seinen engsten Freund und Berater Esra Stone (Martin Donovan) über die Klinge springen lässt, sondern auch seine eigene Tochter Emma (Hannah Ware) und ins Gefängnis bringt, wo sie an einem Selbstmordversuch beinahe sterben wird. Damit nicht genug inszeniert er auch noch ein Attentat auf seine Ehefrau Meredith, das ihm dringend benötigte Sympathiepunkte verschaffen soll.

Screenshot Boss - Tom Kane (Kelsey Grammer)

Screenshot Boss – Tom Kane (Kelsey Grammer)

Keine Frage: Boss ist total krank. Und das ist er tatsächlich: Nicht nur vor Ehrgeiz und Machtwillen – er leidet an Lewy-Körper-Demenz, einer degenerativen Nervenerkrankung, ähnlich wie Alzheimer. Allerdings führt dieses Lewy-Körper-Syndrom auch zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen, so dass vieles in Kanes Verhalten auch auf die Krankheit zurückzuführen sein könnte – wenn seine Umgebung denn davon wüsste. Tom Kane hält die Diagnose aber geheim, denn er will weiterhin im Amt bleiben. Nur seine Ärztin Dr. Ella Harris weiß Bescheid – und Kane findet Mittel und Wege, sie nachhaltig zum Schweigen zu bringen.

Das mit der Geheimhaltung klappt ziemlich gut – einerseits sind seine Untergebenen daran gewöhnt, dass ihr Boss ein Arschloch ist, andererseits sind die Menschen um ihn herum zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Seine engsten Berater Ezra Stone und die Spin-Doktorin Kitty O’Neill (Kathleen Robertson) beginnen zwar zu ahnen, dass mit ihrem Bürgermeister irgendwas nicht stimmt, sie respektieren ihren Chef aber zu sehr, um blöde Fragen zu stellen. Insofern wundert sich niemand darüber, dass Boss einen Stadtrat, der die nötige Erweiterung des Flughafens verzögert, an den Ohren durch sein Büro schleift – als Berliner fantasiert man ja auch schon mal, dass mit den Verantwortlichen für das BER-Desaster ähnlich verfahren würde. Nur weiß man in Berlin inzwischen gar nicht mehr, wen man von den vielen Verantwortlichen, die sich in den langen Jahren des andauernden BER-Skandals als komplett inkompetent erwiesen haben, an den Ohren durchs Rote Rathaus schleifen müsste. Vielleicht sollte man die BER-Planungs-Crew einfach mal zum Public Viewing von Boss einladen: So geht Flughafenausbau!

Screenshot Boss - Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Screenshot Boss – Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Und auch Ehefrau Meredith (Connie Nielsen) kennt ihren Mann in erster Linie als fordernden Partner im Beziehungsbusiness und setzt ihre eigenen erotischen Bedürfnisse ebenfalls politisch ein – sie und ihr Mann sehen sich nicht allzu oft. Und so fällt erst mal gar nicht auf, dass Boss immer wieder heimlich verschwindet, um sich auf dem Schwarzmarkt Medikamente zu besorgen, die zumindest die auffälligen Symptome wie zitternde Hände zu unterdrücken. Hier bewegt er sich in der Welt seiner Tochter, die sich als Drogensüchtige mit der Unterwelt der Stadt herumtrieb – jetzt aber zu Gott gefunden hat und eine Ambulanz betreibt, für diejenigen, die auf der Strecke geblieben sind.

Screenshot Boss - Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Screenshot Boss – Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Und der Boss lässt auch seine eigene Tochter nicht in Ruhe: Sie soll Gutes für ihn tun, nicht für die Loser. Emma lässt sich, wenn auch unwillig, darauf ein und wird erneut zur Schachfigur im Politspiel ihres Vaters. Anders als seine Tochter hat Boss kein Gewissen. Er benutzt Emma, als es ihm opportun erscheint und stürzt sie ins Verderben. Er behandelt seine Tochter genau wie alle anderen – und damit macht er ironischerweise dann auch noch Punkte im Wahlkampf.

Wer Francis Underwood für ein abgefeimtes Arschloch gehalten hat, das mit allen Wassern gewaschen ist, wird feststellen, dass Francis von Boss noch was lernen könnte. Vielleicht aber auch nicht – denn Boss besorgt nur die Lokalpolitik, Francis Underwood ist zumindest ab der zweiten Staffel von House of Cards ja im Weltmaßstab unterwegs.

Beide Serien haben ihren Reiz – aber für House of Cards wirbt Neflix derzeit intensiv. Ich werbe für Boss. Auch wenn ich den Typ nicht leiden kann. Aber die Serie ist echt gut.

Screenshot Boss - Wahlkampf in Chicago

Screenshot Boss – Wahlkampf in Chicago

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