Tatort: Am Thema verbrannt

Der Tatort ist ja unter anderem deshalb eine öffentlich-rechtliche Flaggschiff-Produktion, weil diese Krimireihe immer wieder aktuelle und gesellschaftlich relevante Themen aufgreift. Was mitunter gelingt, ich erinnere mich an einige wirklich gute Tatorte, etwa an den Münchner Klassiker Frau Bu lacht von Dominik Graf, bei dem es um einen perfiden Fall von Kindesmissbrauch geht, an den Frankfurter Fall Weil sie böse sind, in dem ein verzweifelter Vater ein arrogantes, reiches Arschloch umbringt und am Ende davon kommt oder den meinetwegen auch den Berliner Tatort Gegen den Kopf, bei dem ein Fall von Zivilcourage in der U-Bahn tödlich endet, um einen aktuelleren Tatort zu benennen.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es mit dem ARD-Flaggschiff ständig weiter bergab geht, weshalb ich meine wirklich seit Jahrzehnten gepflegte Tradition des festen Termins am Sonntag um 20 Uhr 15 inzwischen zugunsten attraktiverer Streaming-Angebote aufgegeben habe. Aber eben wegen der gesellschaftlichen Relevanz habe ich mir gestern mal wieder den aktuellen Tatort angesehen. Und ich muss leider sagen, dass meine zunehmende Unzufriedenheit mit dieser Sendereihe einmal mehr bestätigt wurde.

Eingeschaltet hatte ich, weil ein heißes Eisen angefasst wurde: Der ebenso schockierende wie deprimierende Fall des Oury Jalloh aus Sierra Leone, der vor zehn Jahren in einer Arrestzelle der Dessauer Polizei bei lebendigem Leib verbrannte.

Bis heute sind die genauen Umstände seines Todes nicht geklärt: Es ist nach menschlichem Ermessen schier unmöglich, dass sich ein Mann, der an beiden Händen gefesselt ist – also mit Ketten und Handschellen liegend auf einer Matratze „fixiert“ wurde, angeblich, um Selbstververletzungen zu vermeiden, es schafft, mit einem Feuerzeug, das man während seiner Durchsuchung hätte finden müssen, eine schwer entflammbare Matratze anzuzünden. Und das diese schwer entflammbare Matratze dann ein Feuer von der Intensität hervorruft, an dem der Mann laut Obduktionsbericht gestorben ist.

Und noch schlimmer: Dass die diensthabenden Polizisten nichts von dem Drama, das sich in ihrem Gewahrsam abgespielt haben muss, mitbekommen haben wollen. Jedenfalls so lange nicht, bis es zu spät war. Interessanterweise werden genau diese Ungereimtheiten alle aufgezählt und vorgeführt – trotzdem kommt am Ende nur eine sehr unbefriedigender Tatort dabei heraus. Und das, obwohl ich sowohl Kriminalhauptkommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Kriminalkommissarin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) als Tatort-Ermittler eigentlich sehr mag. Und auch die norddeutsch-wortkarge Machart der neueren NDR-Tatorts. Wobei mein Hamburger Lieblingsermittler natürlich Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) ist – warum gerade seine Fälle immer mit schlechten Einschaltquoten bestraft wurden, verstehe ich allerdings immer besser, wenn ich mir die Richtung ansehe, in die der Tatort marschiert.

Damit bin ich wieder bei „Verbrannt“. Natürlich habe ich nicht wirklich erwartet, dass eine plausible Erklärung für einen Fall geliefert wird, der einfach nur fassungslos machen muss. So weh es mir tut, das sagen zu müssen, denn ich bin ja auch eine Deutsche, gibt es in Deutschland eine gewisse Tradition, Menschen zu verbrennen, ob nun bei lebendigem Leibe oder erst nach der Vernichtung durch Arbeit oder Zyklon-B sei einmal dahin gestellt.

Immerhin ist man inzwischen so „human“, nur noch die für die Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht als gleichwertig, also als Deutsche, anerkannt werden, vorgesehenen Unterkünfte anzuzünden. Ich entschuldige mich für den etwas unübersichtlichen Satz, aber nicht für dessen Inhalt. Wobei – das Problem einfach „Rassismus“ zu nennen, wäre zu einfach. Ich bin mir sicher, dass Oury Jalloh ein Rassismus-Opfer ist. Aber es kann auch andere treffen – auch Penner werden mit Benzin übergossen und angesteckt, selbst wenn sie eindeutig weiß und deutsch sind und am Ende einen vielleicht sogar längeren Ariernachweis vorweisen könnten als ihre Mörder. Rasse ist ein soziales Konstrukt, und nicht Biologie. Diejenigen, die so etwas propagieren, haben nicht die leiseste Ahnung davon, was Gene sind. Und auch Gene für dieses oder jenes sind letztlich Fiktion – je mehr die Genetiker darüber lernen, desto weniger kapieren sie – es ist halt alles nicht so einfach und übersichtlich.

Die Irren, die so etwas tun, interessieren sich letztlich nicht für solche Dinge, ihnen geht es nur, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Und – jetzt lehne ich mich noch ein bisschen weiter aus dem Fenster – das ist letztlich auch das Motiv, dass die Irren vom IS dazu bringt, antike Heiligtümer zu sprengen: Sie tun es, weil sie es können. Um ihre Macht zu beweisen. Die einen sprengen antikes Weltkulturerbe, die anderen zünden Flüchtlingsunterkünfte an. Und am Ende noch wehrlose Menschen, die ihnen nie etwas getan haben oder tun werden.

Gemeinsam ist ihnen, dass ihnen das, was den Menschen letztlich ausmacht, total am Arsch vorbei geht: Menschlichkeit. Die sich nicht nur im Respekt vor den kulturellen Leistungen vergangener Hochkulturen, sondern im Respekt vor jedem einzelnen menschlichen Individuum zeigen sollte, egal, welcher Ethnie (Rasse darf man ja nicht sagen, was ich auch wieder albern finde, denn das sollte einfach scheißegal sein) oder sozialen Schicht es angehört. Was nicht heißt, dass man jeden mögen muss.

Okay, zuviel Exkurs. Warum bin ich mit der „Lösung“ des aktuellen Tatort denn unzufrieden? Weil all das eben nicht wirklich thematisiert wurde: Am Ende war es ein dummer, junger Polizist, der von einem alten Fuchs zu einer unmenschlichen und idiotischen Tat angestiftet wurde. Und der bringt sich dann auch noch um, weil er damit nicht klar kommt – wobei auch da die Frage ist: Kann er nicht verkraften, dass er etwas wirklich Unmenschliches getan hat, oder kommt er nicht damit klar, dass sein Chef ihn verraten hat und seine Karriere jetzt schon vorbei ist?!

Im unserem Tatort erschöpft sich diese entscheidende Frage in einer auch wieder typisch deutschen Moralpredigt, die Kommissar Falke den Kollegen in Salzgitter hält – nachvollziehbar, aber wertlos.

Mein Fazit: Typischer Fall von gut gemeint, aber schlecht gemacht. Der ostdeutsche Fall wurde immerhin von Dessau in das westliche Niemandsland verlegt. Salzgitter ist von der Einwohnerzahl her eine deutsche Mittelstadt, dürfte von der Ausdehnung her aber zu den größten deutschen Städten gehören. Die Aufnahmen von den Industrieanlagen sind echt ein Pluspunkt in diesem Tatort – ich liebe diese tristen und hoffnungslosen Industriebrachen (das waren ja auch die Lichtblicke in der traurigen zweiten True-Detective-Staffel). Das aber rettet diesen Tatort nicht.

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