Beasts of No Nation

Der Video-Streaming-Anbieter Netflix hat sich als Produzent bemerkenswerter Serien beliebt gemacht – insofern ist es eigentlich logisch, dass die Plattform sich als nächstes den Spielfilmmarkt vornimmt – wobei inzwischen durchaus die Rede davon ist, dass die moderne TV-Serie sowohl den Roman als auch den anspruchsvollen Spielfilm ablöst. Es gibt eine ganze Reihe bekannter Hollywood-Regisseure, die inzwischen Fernsehserien machen, Steven Soderberg (The Knick), David Fincher (House of Cards), Martin Scorsese (Boardwalk Empire) oder Marc Foster (Hand of God).

Und natürlich Cary Fukunaga, der nach Sin Nombre und Jane Eyre mit der ersten Staffel von True Detective einen Serien-Klassiker geschaffen hat. Jetzt hat Fukunaga für Netflix wieder einen Spielfilm gemacht, der zumindest in den USA auch in den Kinos läuft – mit bislang mäßigem Erfolg, wie ich vorhin gelesen habe. Wie Beasts of No Nations, der seit einigen Tagen auf Netflix verfügbar ist, von den Zuschauern angenommen wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)

Beasts of No Nation – der Kommandant (Idris Elba)

Ich war durchaus überrascht, dass sich Netflix für ein solches Projekt an ein so schwieriges Thema heranwagt – andererseits mag das durchaus auch Kalkül sein: Natürlich hat ein solches Thema bei der Kritik allein schon deshalb Relevanz, weil es eben um das Schicksal eines Kindersoldaten in Afrika geht. Aber ich finde wirklich gut, dass Netflix genau diese Aufmerksamkeit ausnutzt, um ein solches Thema anzugehen – und eben nicht noch einen blöden Superheldenfilm oder noch eine abgefeimt gut konstruierte Comedy oder einen nervenzerfetzenden Politthriller unter die Leute bringt, von denen es ohnehin mehr als genug gibt. Ja, ich sehe mir das alles auch ganz gern an – aber was ich zunehmend vermisse, sind eben jene Spielfilme, in denen aufgegriffen wird, was eben nicht schön und unterhaltsam, sondern schrecklich und grausam, aber dennoch die Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf diesem Planeten ist. Auch wenn man es kaum aushalten kann, sich das anzusehen.

Filme wie Missing von Costa-Gavras, Cyclo von Tran Anh Hung, Ivan und Abraham von Yolande Kaufman oder Wüstenblume von Sherry Horman – extrem willkürliche Zusammenstellung, aber die Richtung sollte klar sein. Beasts of No Nation ist eben auch kein schöner Film für einen entspannten Abend. Aber ein guter Film, den man sich unbedingt ansehen sollte. Denn die traurige und vermutlich extrem realistische Geschichte des kleinen Agu ist definitiv sehenswert – der Film wird vollständig aus der Sicht von Agu erzählt.

Agu (Abraham Attah) lebt mit seiner Familie in einem nicht näher spezifizierten westafrikanischem Land. Seine Familie hat ein gewisses Ansehen – sein Vater ist der Lehrer in Dorf, was Agu gar nicht so gut findet. Vom Bürgerkrieg, der im Land tobt, wird das Dorf bisher verschont, allerdings kommen immer mehr Flüchtlinge, um die sich sein Vater kümmern muss. Eines Tages kommt der Krieg auch zu ihnen: Der Vater versucht, die Familie in Sicherheit zu bringen, aber in einem der Fluchtautos ist nur noch Platz für Agus Mutter und die kleine Schwester. Der Vater und seine Söhne bleiben zurück – als die Soldaten der Regierungsarmee einrücken, halten sie die Dorfbewohner für Unterstützer der Rebellen. Nur Agu überlebt die Massenhinrichtungen und flieht in die umliegenden Wälder. Aber er kennt sich mit dem Überleben in der freien Wildbahn nicht aus, bald hat er Hunger und fühlt sich allein.

Insofern ist es ein Glück, dass er bald darauf von einer Rebellenarmee aufgegriffen wird – deren Kommandant (Idris Elba) hat eine Menge Kinder und Jugendliche um sich geschart. Mit einer perfiden Mischung aus persönlicher Verführung und militärischem Drill formt der Kommandant die Jungs zu einem ihm ergebenen Killerkommando.

Beasts of No Nation - Agu (Abraham Attah)

Beasts of No Nation – Agu (Abraham Attah)


Und so schafft der Kommandant es auch, aus dem guten Jungen Agu einen Killer zu machen – aber Agu hat letztlich keine andere Wahl, wenn er überleben will. Die neuen werden mit einer Art Voodoo-Zeremonie in die Reihen der Krieger aufgenommen. (Ich musste bestimmt nicht zufällig immer wieder an Apokalypse Now beziehungsweise an Das Herz der Finsternis denken).

Der arme Agu kotzt sich, nachdem er gezwungen wurde, einen Mann mit einer Art Machete zu töten, zwar noch die Seele aus dem Leib, aber er wird dafür zu einer Art persönlichem Leibwächter für den Kommandanten befördert. Wobei sich schnell herausstellt, dass das eine zweifelhaft Ehre ist: Der Kommandant verspricht ihm nicht nur, sich um seine Karriere zu kümmern, er missbraucht den Jungen auch höchstpersönlich. Jetzt kapiert Agu, warum sein Kumpel Strika so eigenartig drauf ist – er spricht nämlich nicht mehr. Agu entwickelt also ein in vielerlei Hinsicht intimes Verhältnis zu seinem Führer.

Agu und seine Leidensgefährten müssen jetzt ganz schnell erwachsen werden – dabei helfen ihnen die Drogen, die ihre Befehlshaber ihnen verabreichen. Ich hab grad noch das Zitat im Kopf – “ es gibt nichts Wilderes auf der Welt als einen 19jährigen mit einem Maschinengewehr auf einem Schlachtfeld“ – ich meine, das ist aus The Pacific und meinte Snafu. Aber ein Zwölfjähriger mit einem Maschinengewehr ist mindestens genauso wild. (Okay, Abraham Attah ist meinen Recherchen zufolge jetzt ungefähr 14). Aber der Punkt ist: Die Jungs werden zu Dingen getrieben, die sie von sich aus nie getan hätten. Und obwohl Agu all die grausamen Dinge tut, die sein Kommandant von ihm verlangt, so bleibt er doch ein Junge, der eigentlich viel lieber ein anderes Leben leben würde – auch wenn er spürt, dass es immer schwieriger wird, in ein anderes Leben zurück zu kehren. Wir hören seine Gedanken – er sieht irgendwann eigentlich nur noch im Tod eine Möglichkeit, mit dem Kämpfen aufzuhöhen und er will die Sonne solange umarmen, bis sie nicht mehr scheinen kann. Damit immer Nacht ist.

Am Ende des Films wird die Rebellenarmee aufgerieben – der Oberkommandierende schielt inzwischen auf die Meinung der Weltöffentlichkeit – da macht sich eine Armee aus Kindersoldaten schlecht und entsprechend serviert er seinen bisherigen Hoffnungsträger ab. Der zieht sich mit den Jungs zurück – aber ohne den Nachschub von seinen bisherigen Gönnern ist das Überleben nicht gesichert. Sie versuchen eine Zeitlang zu überleben – aber immer mehr von den Jungs werden krank und sterben.

Schließlich kommt es zu einer Art Revolte – die Jungs wenden sich gegen ihren Führer, der sie nun offensichtlich im Stich lässt. Agu ist erst noch auf der Seite seines Kommandanten, läuft aber dann doch mit den anderen davon, die sich einer Truppe von UN-Soldaten ausliefern. Weil Agu noch son jung war, wird er in eine Art Erholungsheim für Kindersoldaten gebracht. Aber nach all dem, was er erlebt hat, kann er das alles nicht ernst nehmen: Was fragt diese Therapeutin ihn für blödes Zeug? Er ist ein alter Mann und sie nur ein dummes Mädchen. Auch wenn sie älter ist als er. Er hat im Krieg gekämpft.

Und doch gibt es einen Hoffnungsschimmer – als einige der anderen aus dem Lager abhauen, um sich wieder den Rebellen anzuschließen, bleibt Agu zurück: Er will diese zweite Chance, auch wenn er weiß, was er getan hat. Am nächsten Tag geht er mit den anderen zum Strand, um im Meer zu baden.

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