Hand of God: Ein Richter auf Abwegen

In meinem Blog sind Netflix-Serien überrepräsentiert, was vor allem daran liegt, dass ich ein Netflix-Abo habe. Aber natürlich macht auch die Konkurrenz interessante Serien – vor allem meine ich den direkten Streaming-TV-Konkurrenten Amazon.

Inzwischen habe ich mir die erste Staffel von Hand of God angesehen – ein Psychodrama um den einflussreichen Richter Pernell Harris, der, nachdem sich sein einziger Sohn in den Kopf geschossen hat, zur Religion findet und sich auf einen fatalen Rachefeldzug begibt. Amazon hat dafür den deutsch-schweizerischen Regisseur Marc Foster engagiert, der unter anderen Monster’s Ball, World War Z oder Ein Quantum Trost gemacht hat, und Ron Perlman als Hauptdarsteller.

Hand of God - Amazon macht auch gute Serien

Hand of God – Amazon macht auch gute Serien

Die Geschichte an sich ist nicht allzu komplex und für geübte Dramaserien-Seher auch nicht schwer zu durchschauen – geografisch wir in der Gegend, in der auch die zweite Staffel von True Detective spielt: In einer Gemeinde im Großraum von Los Angeles, in der einige wenige einflussreiche Familien sämtliche Fäden in der Hand halten, an denen sie fast nach Belieben ziehen können.

Richter Harris ist einer davon, der andere ist sein Freund, der Bürgermeister Robert „Bob“ Boston (Andre Royo, der obdachlose Polizeiinformant aus The Wire, dem ich wirklich gönne, dass er jetzt richtig Karriere machen darf :-)), der Richter Harris und seinen Einfluss braucht, um einen Großinvestor zu überzeugen, sich in seiner Kommune niederzulassen – Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, glänzende Zukunft und so weiter. Schon klar, dass man einen solchen Deal nicht einfädeln kann, ohne sich hier und da die Finger schmutzig zu machen. Aber wenn der Investor gern ein bestimmtes Gebiet hätte, auf dem ohnehin nur die Buden von den weniger einflussreichen Bürgern rumstehen, kann man ein entsprechendes Enteignungsverfahren doch mal eben durchdrücken.

Fatal, dass Richter Harris ausgerechnet in der entscheidenden Phase für die Planung dieses Großprojektes nackt in einem Brunnen steht und in fremden Zungen redet. Ein Sergeant der örtlichen Polizei erkennt den Richter und sorgt dafür, dass er diskret ins nächst Krankenhaus gebracht wird, wo ihn seine Ehefrau Crystal (Dana Delany) abholt – aber Pernell will erst seinen Sohn sehen. Der seit seinem Kopfschuss dort im Koma liegt und künstlich beatmet wird.

Pernell wartet auf ein Zeichen – und tatsächlich, sein Sohn spricht zu ihm und fordert Pernell auf, ihn zu rächen. Wie sich herausstellt, hat Pernell Jr sich in den Kopf geschossen, weil er nicht damit klar gekommen ist, dass seine Frau Jocelyn (Ilona Tal) vor einigen Monaten von Einbrechern vergewaltigt wurde während er dabei zusehen musste und nichts tun konnte, um ihr zu helfen. Es wird sich im Laufe der zehn Folgen noch herausstellen, dass noch etwas ganz anderes dahinter steckt.

Hand of God - Richter Maximum Pernell Harris (Ron Perlman)

Hand of God – Richter Maximum Pernell Harris (Ron Perlman)

Jocelyn hingegen hat sich inzwischen damit abgefunden, dass ihr geliebter Mann nicht mehr aufwachen wird und will die Geräte abschalten lassen, notfalls auch gegen den Willen des fast allmächtigen Richters. Dieser hat inzwischen aber die fixe Idee, dass sein Sohn wieder aufwachen könnte, wenn Pernell Senior sein Versprechen erfüllt – doch dazu braucht er vor allem Zeit. Damit beginnt ein juristisches Tauziehen zwischen der Witwe von Pernell Jr, die endlich Abschied nehmen will und Richter Harris, der im Auftrag des Herrn seinen Sohn retten will.

Bevor Pernell nackt in jenem Brunnen stand, wurde er in der Hand of God getauft, der Kirche einer neuen Gemeinde, die sich gerade formiert. Der ehemalige Schauspieler und jetzige Reverend Paul Curtis (Julian Morris) und seine Freundin Alicia (Elizabeth McLaughlin) haben Richter Harris das Wort Gottes nahegebracht und sind dafür mit einem dicken Scheck für ihre Kirche bedacht worden. Schnell stellt sich heraus, dass die beiden auch unkonventionelle Methoden einsetzen, um die Botschaft des Herrn zu verbreiten. Aus ihrer Gemeinde rekrutiert Pernell auch seine rechte Hand, die er für seine Mission braucht: Den Gewalttäter KD (Garret Dillahunt), der, weil er wieder rückfällig geworden ist, im Gerichtssaal des berüchtigten Richter Maximum landet.

Pernell Harris verhängt aus Prinzip immer die Höchstrafe, schon weil es ihn ärgert, dass immer wieder überführte Verbrecher wegen Verfahrensfehlern ihrer gerechten Strafe entgehen. Also brummt er denen, die überhaupt verurteilt werden, lieber zu viel als zuwenig auf. Als KD ihn wiederkennt, sagt er dem Richter, dass ihn in der Hand of God gesehen habe und wisse, dass er auserwählt sei, Gottes Gerechtigkeit zu verkünden – er sei ein moderner Salomon. Welche Strafe Harris auch immer verhängen werde, KD werde sein Urteil akzeptieren. Überraschenderweise lässt Richter Harris den Mann laufen – keine Frage, das wird noch ein juristisches Nachspiel haben.

Doch das bleibt längst nicht das einzige fragwürdige Urteil, das Richter Harris fällt – seine göttlichen Visionen haben ihm eingegeben, dass der junge Polizist Shane Caldwill der Verwaltiger seiner Schwiegertochter Jocelyn sein muss – und er bietet seinen ganzen Einfluss auf, um diese absurd scheinende Behauptung untersuchen zu lassen. Vergeblich – auch bei einer für alle Beteiligten entwürdigenden Gegenüberstellung kann Jocelyn sich an nichts erinnern, das Caldwill ernsthaft belastet. Also schickt Harris KD los, um den Täter zu richten – der bis zu letzt seine Unschuld beteuert. Erst als KD ihn tödlich verletzt hat und er realisiert, dass er so oder so sterben wird, bereut er und sagt, dass „die“ ihn dazu gezwungen hätten. Dann stirbt er, bevor er preisgeben kann, wer „die“ sind.

Hand of God - Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Hand of God – Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Ein interessanter Twist ist also, dass Richter Harris mit seinen göttlichen Eingebungen also tatsächlich auf die richtige Spur kommt – es stellt sich aber auch heraus, dass er verhängnisvolle Fehler macht und er letztlich sogar einen Unschuldigen umbringen lässt. Denn natürlich spricht nicht Gott zu ihm, sondern nur sein eigenes schlechtes Gewissen – was er im Lauf der späteren Folgen auch seiner erfrischend kompetenten Psychiaterin Dr. Langston (Camryn Manheim) erklärt bekommt.

Das ist es, was mir an Hand of God gefällt – es ist nicht so, dass der Glaube per se lächerlich gemacht wird – aber es wird durchaus gezeigt, welche Motivation die Menschen haben, zu glauben. Der eine versucht auf diesem Weg von seiner Sucht nach Meth los zu kommen, der andere will aus seinem verkorksten Gewalttäterleben heraus und der dritte Rache für seinen Sohn – um den er sich zuvor offenbar zu wenig gekümmert hat. Halleluja, es gibt Vergebung. Natürlich ist das eine gute Nachricht, wenn man schreckliche Dinge getan hat, die man später bereut. Und es ist gewiss kein Fehler, wenn man ein besserer Mensch werden will.

Aber anstatt das Böse auf den Satan und das Gute auf Gott zu schieben, sollte man sich mit dem, was man selbst tut und will auseinander setzen – und dem, was man anderen antut, wenn man selbst anfängt, skurrile Dinge zu tun, um absurden Regeln zu genügen, die ein gar nicht existenter Gott aufgestellt hat. So verfällt Richter Pernell auf die Idee, das ebenso schöne wie intelligente Callgirl Tessie (Emayatzy Corinealdi) zu heiraten, weil er nun, wo er im Auftrag des Herrn unterwegs ist, ja keinen Ehebruch mehr begehen will. Allerdings ist er schon seit dreißig Jahren mit Crystal verheiratet. Doch mit einem neuen großzügigen Scheck lassen sich die Bedenken von Reverend Curtis gegen dieses Arrangement ausräumen.

Überhaupt ist Korruption allgegenwärtig – und natürlich geht das irgendwann nach hinten los. Außerdem ist Crystal nicht auf den Kopf gefallen. Ihr ist die neue religiöse Ader an ihrem Mann äußerst suspekt und als Pernell der aufstrebenden neuen Gemeinschaft Gottes auch noch ihren Flügel schenkt, beginnt sie mit Hilfe einer Freundin – die gleichzeitig auch ihre Dealerin ist, denn ohne die exquisiten Gras-Mischungen von April (Erykah Badu) würde Crystal ihren Alltag gar nicht mehr aushalten – die Hand of God zu unterwandern: irgendwas wird sich schon finden lassen, das man diesem smarten Reverend anhängen kann. Und siehe da, natürlich lässt sich etwas finden.

Und Crystal findet am Ende auch ohne einen Wink von ganz oben heraus, was ihr Mann kurz zuvor in seinem eigenartigen Gotteswahn herausbekommen hat: Nämlich, was tatsächlich hinter dem Einbruch bei ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter sowie der Vergewaltigung steckt: Auch hier ist noch eine andere Frau im Spiel. Okay, das ist nicht die originellste Wendung aller Zeiten, aber alles in allem gefällt mir Hand of God sehr gut – gerade weil eben nicht ständig noch ein neues Kaninchen aus dem Hut gezaubert wird, sondern weil sämtliche Charaktere einfach tun, was sie tun müssen. Was nicht immer das Richtige ist. Aber sehr menschlich.

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