Homeland: Warum ist diese Nacht anders?

Why is this night different? Die vierte Folge von Homeland beantwortet diese Frage gleich mehrfach. Aber es liegt auf der Hand, dass mit dem Episoden-Titel eine bestimmte Passage aus der Pessach-Haggada gemeint ist. Das ist die Anleitung für den Seder am Erev Pessach, dem Vorabend des Festes, mit dem die Juden die Befreiung aus dem ägyptischen Joch feiern. Am Seder-Abend gibt es bestimmte Speisen mit einer symbolischen Bedeutung, nämlich Matzen (ungesäuertes Brot), Maror (bittere Kräuter, etwa Römersalat oder Meerrettich), die an die Bitterkeit der Skaverei erinnern, Seroa, eine Lammkeule, weil im Jerusalemer Tempel das Pessach-Lamm geopfert wurde, wobei es hier verschiedene Traditionen gibt, die aschkenasischen Juden – also die Juden, die früher in Ost- und Mitteleuropa und nun hauptsächlich in Brooklyn und Mea Sche’arim leben – nehmen eher eine Lammkeule mit wenig Fleisch, die eben als Symbol und nicht als Hauptgericht dient.

Die Sephardim, also die Juden, die im Mittelmeerraum leben, bereiten die Lammkeule dagegen als Hauptgericht zu, was ich sehr sympathisch finde. Dann gibt es Charosset, ein Mus aus Äpfeln, Datteln und Gewürzen, das den Lehm symbolisiert, aus dem die Israeliten in Ägypten Ziegel herstellen mussten, dazu gibt es Chaseret, ein weiteres Bitterkraut, das zum Charosset gegessen wird, Karpas, Sellerie, Kartoffeln und Petersilie als Symbol für die Erde, was wiederum für die zermürbende Arbeit in Ägypten steht, wobei die Erdfrüchte vor dem Essen in Salzwasser (bei den Sephardim in Essigwasser) getaucht werden, Beitzah, ein gekochtes Ei, das alles mögliche symbolisiert und dann braucht es natürlich noch einen (oder mehrere) Becher Wein für den Propheten Elijah.

Homeland 5. Staffel: Carrie (Claire Danes) und Quinn (Rupert Friend) via slantmagazine.com

Homeland 5. Staffel: Carrie (Claire Danes) und Quinn (Rupert Friend) via slantmagazine.com

Und soweit ich mich erinnere, ist eine der Regeln auch, dass der Wein so großzügig eingeschenkt werden muss, dass der Becher oder das Glas überläuft – es soll halt richtig gefeiert werden. Der Jüngste am Tisch muss die entscheidende Frage stellen: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Und dann wird, weil alles seine Ordnung hat (nichts anderes bedeutet der Begriff „Seder“) von den anderen erklärt, warum heute alles genauso sein muss.

Okay, diese Einleitung hat mich jetzt ein wenig aus der Kurve getragen – nein, ich bin nicht jüdischer Abstammung, aber das heißt nicht, dass ich mich nicht dafür interessieren kann, was die Generation meiner Groß- und Urgroßeltern in Deutschland auslöschen wollte. Wobei ich jetzt auch nicht Aktion-Sühnezeichen-mäßig unterwegs bin, ich habe kein schlechtes Gewissen wegen Dingen, die ich nicht getan habe. Ich glaube auch nicht an Kollektivschuld oder Erbsünde.

Menschen haben die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Sie können sich dafür entscheiden, andere für ihre Fehler verantwortlich zu machen, oder halt eigene Entscheidungen zu fällen. Was sehr viel schwieriger ist. Sie können sich entweder im Kollektiv suhlen – wie diese Scheiß-Nazis, die gerne alle möglichen Freiheiten für sich reklamieren, ohne eine Ahnung davon zu haben, was Freiheit wirklich ist, oder individuell entscheiden, besser zu sein – wobei „besser“ in diesem Fall nur meint, weniger bescheuert. Das ist in diesen Zeiten echt nicht leicht. Wobei – andererseits ist es wirklich einfach, und es gibt Menschen, die das auch empfinden: Natürlich muss man als Mensch anderen Menschen helfen. Und viele helfen. Das finde ich gut. Andererseits darf man über all das auch die Gründe nicht vergessen, aus denen geholfen werden muss. Und das ist nun einmal, weil der Westen – und das sind nun mal auch „wir“ – also Deutschland – auf Kosten anderer gut dastehen will. Globaler Wettbewerb ist definitiv kein Ponyhof.

Ja, ich interessiere mich für vielerlei und habe vor langer Zeit entsprechende Kontakte geknüpft, weil es sich zufällig ergab, ein bisschen Hebräisch gelernt und wurde auch einmal Bestandteil eines Seder-Mahls – bei dem ich als Jüngste am Tisch eben jene Frage stellen musste (die noch jüngeren am Tisch konnten noch nicht gut genug sprechen dafür). Soviel zu meinem Bezug zu dem Episoden-Titel. (Und als fun fact ganz nebenbei – früher, in einem anderen Leben, war ich mal Co-Autorin von einem Reiseführer für Israel und Palästina, den gibt es gebraucht ab 31 Cent bei Amazon, ist aber hoffnungslos veraltet). Tatsächlich feiert Saul Berenson gemeinsam mit Allison – die noch immer CIA-Stationschefin in Berlin ist und, wie wir nun auch wissen, Sauls Geliebte, den Seder-Abend bei israelischen Freunden in Berlin.

Auch das ist durchaus realistisch: Inzwischen leben tatsächlich wieder erstaunlich viele Israelis in Berlin – mehr als 10.000 sollen in den vergangenen paar Jahren offiziell nach Berlin gezogen sein. Unter anderem auch, weil die Lebenshaltungskosten hier sehr viel günstiger sind als in Israel, wo es mittlerweile zu sozialen Unruhen kommt, weil sich der Durchschnittsisraeli ein Leben in Israel kaum mehr leisten kann. Jedenfalls passiert es mir immer wieder, dass ich in der Galeria Kaufhof oder im C&A am Alexanderplatz Iwrit höre – und dann gibt es in Mitte natürlich auch viele Reisegruppen, die sich unter anderem die Synagoge in der Oranienburger Straße ansehen.

Sicherlich spielt auch ein Rolle, dass viele Israelis auf den Spuren ihrer von den Nazis verfolgten Vorfahren wandeln – was der Gastgeber in Homeland, Etai, gegenüber Saul auch anspricht. Vor 70 Jahren hätten die Juden in Deutschland einer noch schlimmeren Bedrohung gegenübergestanden als derzeit. Aber sie hätten inzwischen gelernt, mit Bedrohungen umzugehen. Als Saul erwidert, dass er doch immer ein Freund Israels gewesen sei, sagt Etai: „Du warst aber schon mal ein besser Freund.“

Homeland 5. Staffel: General Youssef und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland 5. Staffel: General Youssef und Saul Berenson (Mandy Patinkin) via variety.com

Möglicherweise ist hier ein Hinweis auf die mysteriöse Bedrohung, die Carrie aus der Welt schaffen will, die, wie sich noch herausstellen wird, auch Saul und seine Arbeit unterminiert. Natürlich hatte Carrie Glück, dass ausgerechnet Quinn derjenige ist, der den Auftrag bekommt, sie zu elemenieren. Wie zu erwarten war, bringt Quinn Carrie nicht um, sondern hilft ihr als noch immer treuer Freund, unter widrigsten Umständen unterzutauchen. Wobei es hier wieder sehr viel Carrie-Cry-Face-Potenzial gibt: Quinn macht Carrie nachdrücklich klar, dass ihre einzige Chance zu überleben ist, dass sein Autraggeber erstmal glaubt, dass sie tot sei. Und noch wichtiger: Dass ihre Tochter Frannie nur dann in Sicherheit ist.

Denn wenn heraus kommt, dass Carrie noch lebt, würde, wer immer sie tot sehen will, versuchen, übe ihre Tochter an sie heran zu kommen. Keine Frage: Quinn kennt das Geschäft. Und doch leistet er sich immer wieder, sein eigenes Ding zu machen. Genau das hat ihm, obwohl er doch eigentlich die gewissenlose und supereffiziente Killermaschine ist, die sein Arbeitgeber braucht, noch immer einen Rest an Menschlichkeit und Individualität bewahrt – genau, wie er sich sehr viel früher entschieden hat, Brody nicht zu töten, entscheidet er sich nun, Carrie nicht zu töten. Und das, obwohl es kein Quinn-Cry-Face-Meme gibt. Oder vielleicht gerade deswegen.

Carrie fällt natürlich schwer, das einzusehen. Aber ein rationales Superhirn wie sie analysiert eben auch gleich, dass es derzeit die einzige Lösung ist. Und so nimmt sie unter Tränen (ja, schlimm) ein Abschiedsvideo für ihre Tochter auf, in dem sie erklärt, dass sie Frannie nie verlassen wollte, aber leider gezwungen war, das trotzdem zu tun – und es leider nicht überlebt hat. Tja, ist halt nicht so einfach, einen Job als Ex-CIA-Spitzenkraft und als Mama unter einen Hut zu bekommen.

Saul und Allison arbeiten unterdessen daran, einen Ersatz für den syrischen Staatschef Baschar al-Assad zu finden. Nach all dem, was der Westen und der Federführung der USA angestellt hat, um diesen ach so bösen Diktator zu stürzen, wäre es jetzt ja wenig glaubhaft, ihn an der Macht zu lassen, damit der mit dem IS aufräumt, der inzwischen endlich als eine noch größere Gefahr wahrgenommen wird als Assad. Bei dem ich nebenbei ohnehin nicht kapiere, warum der schlimmer sein soll als beispielsweise der saudische Monarch Salman ibn Abd al-Aziz, in dessen Königreich Demokratie und Menschenrechte ja auch sehr, sehr klein geschrieben werden – aber die Saudis sind halt bessere Kapitalisten als die syrischen Herrscher und kaufen auch lieber im Westen ein – Kriegstechnik made in Germany beispielsweise.

Mit dem syrischen General Youssef meint die CIA, einen Kandidaten für die Ablösung von Asssad gefunden zu haben – er hat einen gewissen Rückhalt beim Militär und eine schwerkranke Tochter, was ihn angreifbar macht. Denn als Youssef seine Tochter für eine Organtransplantation in die Schweiz begleitet, ist die CIA schon da – offenbar ist diese Operation von allen Seiten seit längerer Zeit vorbereitet worden.

Saul und Allison bearbeiten den General, der schließlich einsieht, dass es für ihn und für Syrien vermutlich das Beste sein wird, wenn er tut, was die Amis von ihm wollen – zumal die sich das auch einiges kosten lassen und ihm umfangreiche Unterstützung zusichern. Doch Saul und Allison können sich nicht lange über ihren Erfolg freuen – als sich Youssef mit seiner Familie auf den Rückflug begibt, explodiert die Maschine kurz nach dem Start – und damit auch die Hoffnung von Saul, das Syrien-Problem endlich in den Griff zu bekommen.

Homeland 5. Staffel: Laura Sutton (Sarah Sokolovic)

Homeland 5. Staffel: Laura Sutton (Sarah Sokolovic) vis or-politics.com

Derweil ist auch in Berlin einiges passiert: Nachdem Laura festgestellt hat, dass sich auf dem Stick ihres Informanten Numan nicht die versprochenen Dokumente befinden, versucht sie, ihn mit Hilfe der deutschen Hackerin Sabine ausfindig zu machen. Numan hingegen hat inzwischen herausgefunden, dass sein Kumpel Korzenik versucht hat, die Informationen hinter seinem Rücken an die Russen zu verkaufen. Total blöde Idee – vor allem, weil Korzenik auch noch so naiv war, zu glauben, dass er, ein absoluter Anfänger im Spionagebusiness, die Russen verarschen könnte. Das bezahlen Korzi und seine Freundin Katja mit dem Leben.

Carrie und Quinn wiederum versuchen herauszufinden, ob bzw. wer Quinns Missionen kompromittiert – denn Carrie glaubt nicht, dass Saul sie umbringen lassen wollte. Und Quinn will natürlich auch wissen, was dahinter steckt – denn das nächste Ziel ist er selbst. Aber natürlich überlebt er, wenn auch schwer verletzt. Und im Handy des Auftragekillers ist eine einzige Nummer gespeichert: Die von Allison Carr, wie Carrie mit einem simplen Anruf herausfindet.

Langsam wird es richtig spannend…

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