Halt and Catch Fire: Die Zukunft ist online

Eine Serie aus dem Hause AMC, die meines Erachtens total unterschätzt wird, ist Halt and Catch Fire. Okay, die erste Staffel hat tatsächlich noch einige Schwächen – aber sie war schon ziemlich gut. In der zweiten Staffel gewinnt die Sache jedoch noch an Fahrt, so dass ich hier eine ausdrückliche Empfehlung aussprechen möchte: Halt and Catch Fire ist ein Muss, und zwar nicht nur für technologie- und internetaffine Freaks. Genau wie Mad Men ja auch nicht nur ein Geheimtipp für Werbefuzzis ist oder Breaking Bad eine ausführliche Anleitung für angehende Drogenköche und -dealer. Es geht um sehr viel mehr.

Die Serie kommt zwar nicht an die beiden eben genannten AMC-Flaggschiffe heran – aber man muss sie keineswegs verstecken. Und um Halt and Catch Fire ist es erstaunlich still, deshalb muss ich jetzt hier ein bisschen Werbung machen. In meinem Artikel zur ersten Staffel von HCF habe ich mich noch darüber gewundert, wie wenige Filme und Serien es gibt, die sich mit der Computerisierung und Digitalisierung von Alltag und Arbeitswelt und den damit verbundenen Auswirkungen auf Menschen und Gesellschaft beschäftigen. Aber hier ist mit Mr. Robot ja inzwischen eine wirklich gute Serie zu diesen Thema hinzugekommen.

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Und in diesem Zusammenhang fand ich vor allem die zweite Staffel von Halt and Catch Fire besonders interessant, die den Fokus nun weniger auf die Hardware legt, deren Entwicklung in der ersten Staffel im Mittelpunkt stand, sondern zu dem, was man mit Computern außer Datenerfassung und -auswertung noch anfangen kann. Und da geht eine ganze Menge, wie der geniale, aber vergleichsweise erfolglose Computeringenieur Gordon Clark (Scort McNairy) in einem wegweisenden Aufsatz geschrieben hat, der Joe MacMillan (Lee Pace) am Anfang der ersten Staffel dermaßen begeisterte, dass die ganze Sache überhaupt ins Laufen gekommen ist.

Aber wir sind ja nun eine Staffel weiter. An der mir sehr gut gefällt, dass mit Cameron (Mackenzie Davis) und Donna (Kerry Bishé) nun zwei starke Frauen im Mittelpunkt stehen – das Alphatier Joe muss in der neuen Staffel erstmal ziemlich zurückstecken, genau wie auch Gordon, der sich nun mit dem Geld von Cardiff Electric nun ja, nicht zur Ruhe setzen, aber doch immerhin seiner Frau Donna den Rücken frei halten kann, weil sie jetzt mal dran ist, beruflich durchzustarten. Jedenfalls war das der Plan. Eigentlich.

Cameron macht gemeinsam mit Donna nun endlich ihr Ding und das ist Mutiny: In einem mit Computern vollgestellten Haus entwickelt sie gemeinsam mit einem Team aus verspielten Nerds neue Spiele, die die Mitglieder der neuen Community über das Telefonnetz miteinander spielen können. Ein paar der Typen waren vorher schon Entwickler bei Cardiff, andere stoßen neu hinzu. Sie sind damit beschäftigt, Camerons Online-Spiel Parallax weiter zu entwickeln. Dabei muss Cameron, die eigentlich gar keine Lust hat, Führungsverantwortung zu übernehmen, immer wieder Feuerwehr spielen: Die Community wächst, die Hardware und das Netzwerk sind damit völlig überlastet. Aber Donna will auf keinen Fall die Firmen-Mutter sein, das macht sie Cameron nachdrücklich klar.

 

halt-and-catch-fire-episode-201-pre-joe-pace-gordon-mcnairy-800x600Joe MacMillan (Lee Pace) und Gordon (Scoot McNairy)

Donna hat eine andere Vision: Sie entdeckt, dass die Chat-Funktion, mit der sich Spieler online unterhalten können, im Grunde viel interessanter für das Entstehen von Online-Communities ist, als die Spiele, die Cameron entwickelt. Die Menschen unterhalten sich online über alles mögliche – sogar über Dinge, über die man mit Freunden im echten Leben eher nicht redet. Und je mehr Zeit sie online verbringen, desto mehr kann man daran verdienen.

Klar, dass es zwischen Cameron und Donna weiterhin zu Reibereien kommt, denn Cameron will von Donnas Idee erstmal nichts wissen: Sie besteht darauf, dass es vor allem um die Spiele gehen muss, der Online-Chat ist eine in ihren Augen überflüssige Spielerei. Hier legt sie nun eine ähnliche Arroganz an den Tag wie ihr Ex-Lover und Ex-Chef Joe, auf den Cameron dauerhaft schlecht zu sprechen ist, weil er in der Staffel zuvor ihr neuentwickeltes Betriebssystem für den von Gordon entwickelten tragbaren PC Giant nicht eingesetzt hat.

Cameron und Donna haben aber erst einmal ganz andere Probleme: Sie brauchen bessere Computer für ihr Netzwerk und dann fangen gerade die guten Spieler an, ihre Spiele zu kopieren und ihnen Konkurrenz zu machen. Klar ist: Mutiny braucht einen erfahrenen Manager – Cameron setzt auf John Bosworth (Toby Huss), der in der Staffel zuvor in den Knast musste, weil er Firmengelder von Cardiff veruntreut hat, um dem Giant-Projekt zu helfen. Bosworth ergreift die Möglichkeit, die Cameron ihm anbietet und bringt Mutiny in einigen Dingen wirklich voran.

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Sara (Alkes Palladino) und Joe – Bild: amc.com

Das wiederum sorgt dafür, dass Donna kaum noch Zeit mit ihrer Familie verbringt – sie hat gar nicht mitbekommen, dass Gordon in der Zeit mit dem Giant-Projekt regelmäßig Kokain genommen hat, um den ganzen Stress auszuhalten. Jetzt hat Gordon zwar weniger Stress, aber ein Tüftler-Typ wie er kann nicht einfach so zuhause herum sitzen. Er zieht sich weiterhin immer mal eine Nase Koks rein und fängt an, auf eigene Faust eine Software zu entwickeln, mit der Mutiny die Aktivitäten seiner User im Netzwerk überwachen kann. Genau wie Donna ihm mit ihren Hardware-Kenntnissen bei Cardiff immer wieder den Arsch gerettet hat, will er nun etwas für Donna tun. Blöd nur, dass die Sache mit Sonaris am Ende nach hinten losgeht.

Überhaupt läuft es nicht so gut mit den beiden – nur dass es jetzt nicht Gordon ist, der vor lauter Arbeit nicht mehr mitbekommt, was zuhause los ist. Donna entwickelt genau den Tunnelblick, den Menschen nun einmal bekommen, wenn sie sich ganz und gar auf eine Sache konzentrieren müssen. Cameron ist da geschickter – sie lebt einfach in ihrem Projekt und holt sogar den nervigen Hacker Tom Rendon ins Team, der ihre Spielidee geklaut hat. Es dauert natürlich nicht lange, bis es zwischen den beiden funkt.

 

halt-and-catch-fire-episode-204-post-cameron-davis-800x600Cameron in Aktion

Und natürlich kann auch nicht ausbleiben, dass Cameron und Joe sich wieder über den Weg laufen. Joe ist solide geworden und hat Sara geheiratet – die Tochter eines Öl-Barons. Joe, der nach seiner Amok-Tat am Ende der ersten Staffel keinen Anteil aus dem Cardiff-Verkauf bekommen hat, muss nun kleine Brötchen backen. Er bekommt einen Job in der Datenverarbeitung in der Firma seines Schwiegervaters. Aber weil Joe ja Joe MacMillan ist, bleibt es nicht lange dabei – er kommt auf die Idee, dass man die Rechner, die nur zu den üblichen Arbeitszeiten mit Daten gefüttert werden, in der übrigen Zeit ja an andere Unternehmen vermieten könnte, die entsprechende Rechnerkapazitäten brauchen, sich aber keine eigenen Großrechner leisten können. Und überhaupt könnte man daraus ja gleich ein eigenes Geschäft machen…

halt-and-catch-fire-episode-210-post-gordon-mcnairy-joe-pace-800x600Gordon und Joe – Bild: amc.com

Doch, es ist einiges los in dieser Staffel und ich freue mich sehr, dass AMC beschlossen hat, der Serie auch noch eine dritte Chance zu geben, nachdem es mit den Zuschauerzahlen bisher ja nicht so geklappt hat. Aber hey, die ersten Staffeln von Breaking Bad sind auch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufen – es hat halt ein bisschen gedauert, bis sich herumgesprochen hatte, das da etwas wirklich Großes läuft.

Nun ist Joe MacMillan kein Walter White, aber dafür gibt es ja auch noch Donna, Cameron und Gordon, die auch Ecken und Kanten haben und interessante Dinge erleben. Okay, vielleicht sind die 80er nicht jedermanns Sache, schon weil sie nicht so cool und elegant waren wie die 60er, die man in Mad Men bewundern kann. Aber für alle, die sich fragen, wie wir denn ins Internet gekommen sind, als es noch keine Smartphones gab, ist Halt and Catch Fire gewiss auch unterhaltsamer Geschichtsunterricht.

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Reminder: Deutschland 83

Ab morgen gibt es Deutschland 83 auch im deutschen Fernsehen, deshalb hier die Erinnerung daran – denn die Serie ist echt nicht schlecht. RTL lässt sie sogar in der Primetime laufen, also Donnerstag 20:15 Uhr ist Deutschland-83-Zeit.

Schade nur, dass zur gleichen Zeit auf arte die ebenfalls interessante Serie Occupied ausgestrahlt wird, da fällt mir die Wahl nicht schwer, zumal ich Werbeunterbrechungen nicht ertrage. Aber Deutschland 83 habe ich ja ohnehin schon gesehen – und praktischerweise hat Sundance die deutsche Originalversion gebracht: DDR-Held erobert die USA.

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Screenshot von rtl.de

 

River: Ein Schwede in London

Für die Freunde britischer Krimiserien steht auf Netflix seit einigen Tagen der BBC-Sechsteiler River zur Verfügung, den ich mir am Wochenende zu Gemüte geführt habe. So richtig weiß ich noch nicht, was ich davon halten will – auf diese Serie war ich aus drei Gründen sehr neugierig: Erstens gehören britische Krimiserien zu den besten überhaupt, die Briten haben den Fernsehkrimi quasi erfunden. Zweitens hat Abi Morgan das Drehbuch für River geschrieben – aus ihrer Feder stammt unter anderem The Hour, eine BBC-Serie, die ich ganz fantastisch finde, obwohl es keine Krimiserie ist, sondern von den Anfängen der Fernseh-Berichterstattung in Großbritannien handelt. Und drittens spielt Stellan Skårsgard die Titelrolle.

Und Stellan Skårsgard stellt diesen DI John River natürlich auch so vielschichtig und überzeugend dar, wie man es von einem Weltklasseschauspieler erwartet. Verschrobene Ermittlertypen mit Ecken und Kanten sind ja ohnehin eine Spezialität der Briten, etwa DCI Alan Banks (Stephen Tompkinson) in der ITV-Serie DCI Banks oder DCI John Luther (Idris Elba) in der BBC-Serie Luther, die ich beide sehr gut finde.

John River ist ebenfalls ein brillanter Polizist, aber er hat eine ziemliche Macke: Er redet mit Menschen, die gar nicht mehr da sind. Das hat er schon immer getan und es hilft ihm dabei, seine überdurchschnittliche Aufklärungsquote zu erreichen. Deshalb haben sowohl Kollegen als auch Vorgesetzte seine skandinavische Verschrobenheit bislang toleriert.

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Jackie Stevenson (Nicola Walker) und John River (Stellan Skarsgard)

Aber seit seine Kollegin Jackie Stevenson (genannt Stevie, Nicola Walker) vor einigen Wochen erschossen wurde, geht es bergab mit ihm: Für ihn ist Stevie noch am Leben. Gemeinsam verfolgen sie einen Verdächtigen, der aus einem Auto steigt, das River von einem seiner Fälle her zu kennen meint. Doch die Verfolgungsjagd endet tödlich: Der junge Mann, hinter dem River her war, springt aus dem Fenster seiner Wohnung in einer der schlechteren Londoner Gegenden – eigentlich will er sich nicht umbringen, sondern nur abhauen. Doch er rutscht ab, als er sich an einer Satellitenantenne festhalten will und stürzt in die Tiefe – die schwangere Freundin ist verzweifelt. Das sieht nach Ärger für River aus, und genauso kommt es natürlich auch.

Andererseits weiß River natürlich, dass Stevie tot ist, sie ist quasi vor seinen Augen auf offener Straße mit einem Schuss in den Kopf niedergestreckt worden. Schon deshalb fühlt sich River dazu verpflichtet, diesen Fall unbedingt aufzuklären. Aber nach diesem Vorfall mit dem toten Kleindealer ziehen seine Vorgesetzten die Notbremse: River muss sich psychologisch begutachten lassen und wird von dem für ihm so wichtigen Fall abgezogen – schließlich gibt es genug anderes zu tun. Und was ist, wenn er sich am Ende als dauerhaft dienstunfähig erweisen sollte?

Seine Vorgesetzte DCI Chrissie Read übergibt den Fall Stevenson an DS Ira King (Adeel Akhtar), der sich selbst als den personifizierten Gazastreifen beschreibt, weil er arabisch-jüdischer Herkunft ist. River ist über diese seiner Ansicht nach völlig überflüssigen Maßnahmen beleidigt, er brauche kein Kindermädchen, erklärt er seiner Chefin. Aber mit der Zeit lernt River seinen geduldigen Kollegen zu schätzen, der sich als überaus gewissenhaft und loyal erweist.

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Ira King (ADEEL AKHTAR) – (C) Kudos – Photographer: Nick Briggs

Genau wie er sich irgendwann damit abfindet, dass er zu den vorgeschriebenen Therapiesitzungen gehen muss: Mit der Zeit findet er Gefallen an der attraktiven Polizei-Psychologin Rosa Fallows (Georgina Rich) und akzeptiert, dass sie ihm helfen will. Hilfe hat er auch dringend nötig, aber wenn er das nicht recht einsehen will. Es ist ja nicht nur Stevie, die ihm immer wieder erscheint und ihn an seine ganzen Versäumnisse erinnert.

Da ist auch noch Dr. Thomas Neill Cream (Eddie Marsan), der Lambeth Piosoner, ein Serienkiller aus einem Buch, das River liest. Dr. Cream ist ein echter Quälgeist, der River in den Wahnsinn treiben würde, wenn er nicht ohnehin schon verrückt wäre. Dr. Cream konfrontiert River mit seinen eigenen Abgründen, er ist eine Art negatives Über-Ich. Gibt es den Begriff Unter-Ich eigentlich? Der wäre zutreffend. Wobei das Motiv der abgespaltenen negativen Persönlichkeit durchaus kein neues ist – das Doppelgängermotiv ist in der Literaturgeschichte ja seit längerer Zeit etabliert. Wobei Dr. Cream kein Doppelgänger im eigentlichen Sinne ist, er ist ein Teil von Rivers schlechtem Gewissen, wobei Stevie eindeutig einen größeren Teil davon einnimmt.

Und dann gibt es noch Erin Fielding, eine junge Studentin, die angeblich von ihrem Freund ermordet wurde – aber noch hat niemand ihre Leiche gefunden, obwohl der Junge den Mord sogar gestanden hat. Aber dank seiner ungewöhnlichen Eingebungen kommt River darauf, dass Erin sich selbst umgebracht haben muss – und ihr Freund sich die Schuld daran gibt, aber kein Mörder ist.

Stevies Familie ist aber auch nicht ohne – diese Figuren sind alle ganz real und wollen nichts mit River und der Polizei überhaupt zu tun haben: Stevie war eine Nestbeschmutzerin, eine, die ihrer kriminellen Familie Ärger gemacht hat, in dem sie sich für die andere Seite entschied und ihren eigenen Bruder für lange Zeit hinter Gitter brachte. Und es stellt sich auch hier wieder heraus, dass Mord zumeist in der eigenen Familie statt findet, auch wenn man Ende alles anders ist als eigentlich erwartet.

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Tom (Michael Maloney) und DCI Chrissie Read (Lesley Manville)

Also ja, einerseits schon klassisch britisch – üble Familiengeschichten und natürlich auch eine ordentliche Prise Gesellschaftskritik: Eine Zeit lang sieht es so aus, als hätte Stevie einen heimlichen Freund gehabt, einen illegalen Einwanderer aus Somalia. River und King ermitteln deshalb auch in diese Richtung, was gar nicht so einfach ist, denn in diesen Kreisen haben sowieso alle Angst vor der Polizei und sagen nichts. Als die beiden endlich heraus bekommen, um wen es sich bei dem mysteriösen schwarzen Mann handelt und wo er sich versteckt, kommen sie zu spät: Ihr möglicherweise hilfreicher Zeuge wird in einer öffentlichen Bibliothek umgebracht.

Stevie schien kurz vor ihrem Tod einer richtig großen Sache auf der Spur zu sein, in die nicht nur die Firma eines ihrer Verwandten, sondern auch der Mann von Stevies und Rivers Chefin verwickelt sein könnte: Tom Read ist Richter, der über Einwanderungsfälle entscheidet und erstaunliche viele seiner Fälle werden positiv beschieden. Und viele dieser lautlos legalisierten Einwanderer arbeiten für den Paten Michael Bennigan.

In den sechs Folgen, die jeweils knapp eine Stunde lang sind, gibt es auch noch andere Fälle, die es zu lösen gilt, etwa einen toten Bauarbeiter, der an einem Stromschlag gestorben ist – ein tragischer Unfall, wie sich herausstellt, aber gleichzeitig kommt auch heraus, dass der verheiratete Familienvater offenbar eine Affäre mit einem ukrainischen Kollegen gehabt hat. Und dann gibt es eine weitere schwere Krise, weil sich herausstellt, dass der Ehemann von DCI Read nicht nur eine Schwäche für die Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde hatte, sondern auch noch bestechlich war.

Alles in allem gibt es also eine Menge starker Szenen und insgesamt finde ich die Geschichte doch ziemlich gut – andererseits hoffe ich, dass es jetzt nicht zur Masche wird, Serienplots nur noch aus den psychischen Störungen des Protagonisten zu generieren: Bei Mr. Robot fand ich das noch ziemlich genial, wobei mich gegen Ende immer mehr gestört hat, dass der gesellschaftskritische Ansatz aus den ersten drei Teilen wegen der ganzen Psychospielchen in den Teilen danach ziemlich unter die Räder gekommen ist. Okay, das wundert mich nicht wirklich, denn es ist schlicht und einfach verboten, ernsthafte Kritik am herrschenden System zu äußern, also den Kapitalismus als solchen infrage zu stellen. Die Hauptfigur Elliot Alderson tut das zwar, aber Elliot ist ja auch verrückt. Und auf einmal wird nur noch seine Verrücktheit thematisiert, aber nicht die des Systems, das er zerstören will.

So weit geht das bei River nicht – River stellt ja auch gar nicht das System infrage, sondern nur seine eigene mentale und sonstige Verfassung. River hat ein Ideal von Wahrheit und Gerechtigkeit, für das er sich aufreibt, womit er aber eigentlich erfolgreich ist: Er klärt die Verbrechen auf, auch wenn die Hinterbliebenen über die Wahrheiten, die er herausfindet, nicht besonders glücklich sind. River selbst ist auch nicht besonders glücklich.

Und wo ich schon mal dabei bin: Es gibt durchaus Parallelen zwischen John River und Elliot Anderson – das ist es, was mich gerade nervt, auch wenn das vermutlich etwas ungerecht ist, denn ich nehme nicht an, dass Sam Esmail oder Abi Morgan von einander abgeschrieben haben. Dieses Psychoding scheint eher ein Zeitgeist-Phänomen zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich Hauptcharaktere, den einen an der Waffel haben, nicht mögen würde, im Gegenteil. Eigentlich habe ich sogar sehr viel für Psychodrama übrig. Aber dann soll eine Serie nicht so tun, also ob sie etwas anderes sei.

Also: Sowohl der kleine John als auch der kleine Elliot wurden von ihren Müttern schlecht behandelt und im Stich gelassen (warum sind eigentlich immer die Mütter schuld?!). Beide leiden an einer gewissen Unfähigkeit, zu lieben oder besser: auf persönlicher Ebene mit anderen Menschen umzugehen. Sie sind beide nicht gern in Gesellschaft und nicht gut darin, ihre Gefühle zu kommunizieren. Denn Gefühle haben sie: River hat Stevie irgendwie geliebt und er verliebt sich auch ein bisschen in Rosa. Elliot mag Angela und Darlene und verliebt sich sogar in Shayla, obwohl er immer wieder sagt, dass er nicht weiß, wie das geht. Und sie können auch wütend oder auch traurig werden, sehr traurig sogar – auch wenn sie dann wieder total rationale Typen sind, die alles analysieren und einordnen.  Gerade weil sie derart gestört sind, können sie sich so gut in andere hineinversetzen – River löst auf diese Weise seine Fälle. Elliot auch, gewissermaßen, er bringt andere dazu, zu tun, was er von ihnen will. Und natürlich setzen die beiden ihre besonderen Fähigkeiten nicht dazu ein, persönliche Vorteile zu erlangen, sondern tun das für andere: River ist Polizist und sorgt für Ordnung und Gerechtigkeit, auch wenn das nicht immer gut ausgeht. Elliot ist zwar auf der anderen Seite des Gesetzes unterwegs, aber er will gleich die ganze Welt retten.

Aber letztlich kämpfen sie doch vor allem darum, irgendwie normal zu sein. Aber was ist schon normal in verrückten Welt?

Occupied: Deine Gesellschaft wurde gerade besetzt

Die Skandinavier mal wieder, konkret die Norweger: Seit Donnerstag wird auf arte Occupied ausgestrahlt. Das ist eine Art Fortsetzung der bemerkenswert guten dänischen Politik-Serie Borgen, nur dass sie eben in Norwegen und in einer nicht sehr fernen Zukunft spielt. Aber Look and Feel sind extrem skandinavisch, Borgen oder auch Kommissarin Lund beeindruckten durch diese präzise durchkomponierten Bilder, die immer ein wenig an klassische schwarz-weiß-Filme erinnern, obwohl sie gleichzeitig gleichzeitig überaus modern, ja, irgendwie avantgard sind. Und natürlich Farbe haben – die aber sparsam eingesetzt wird. Nordisches Design halt.

 

Der norwegische Staatschef Jesper Berg (Henrik Mestad) ist aufgrund seines Versprechens, wegen der inzwischen spürbaren Klimakatastrophe – die Norwegen im Jahr zuvor mit einem noch nie da gewesenen Hurrikan schwer getroffen hat – die Förderung von Gas und Öl einzustellen und dafür auf eine neuartige Technik zur Energiegewinnung zu setzen, ins Amt zu kommen: Die Menschen im reichen Norwegen wollen auf alternative Energien umsteigen und damit auch ein Vorbild für alle Welt sein.
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Der norwegische Staatschef Jesper Berg (Henrik Mestad)

 

Aber natürlich gibt es ein Problem: Die Nachbarländer sind auf die fossilen Brennstoffe aus der Nordsee angewiesen. Die ohnehin schwer kriselnde EU versucht die Norweger dazu zu bringen, weiterhin Gas und Öl zu liefern. Aber Jesper Berg will sich nicht erpressen lassen und setzt darauf, das er mit der feierlichen Einweihung des ersten Thorium-Kraftwerks ein positives Zeichen setzen und die anderen EU-Länder motivieren kann, Norwegens gutem Vorbild zu folgen. Aber die Sache geht gründlich schief: Die Pressevertreter aus dem Ausland sind enttäuscht, dass Norwegen komplett auf die neue Thorium-Technologie setzt und keine fossilen Brennstoffe mehr liefern will.

 

Und es kommt noch schlimmer: Auf dem Rückweg nach Oslo wird Berg mit samt seinem Hubschrauber entführt – allerdings nimmt sein überaus engagierter Bodygard Hans Martin Djupvik (Edlar Skar) die Verfolgung auf. Entgegen aller Anweisungen aus dem schnell einberufenen Krisenstab der Regierung bricht Djupvik  die Suche nicht ab, sondern spürt Berg, der einen GPS-Sender am Körper trägt, nach einiger Zeit wieder auf. Der Ministerpräsident läuft verstört durch den Wald und steht offensichtlich unter Schock, er scheint aber unversehrt zu sein.
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Hans Martin Djupvik (Edler Skar)

Es stellt sich heraus, dass die EU und Russland die Norweger gemeinsam zwingen wollen, die Öl- und Gasförderung wieder aufzunehmen: Sie haben Berg ein Angebot gemacht, dass er nicht ablehnen kann. Sollte sich Norwegen widersetzen, könnte ein militärischer Konflikt die Folge sein. Aber Berg ist natürlich nicht nur ein Umweltschützer, sondern auch ein Pazifist, eine militärische Option ist für ihn undenkbar – zumal ihm klar ist, dass seine paar Norweger gegen die militärische Großmacht Russland wenig ausrichten könnten – und auch nichts gegen die EU. Berg verspricht also, still zu halten.

 

Daraufhin findet eine Art Besetzung light statt: Die Russen schicken Experten aus der Ölbranche und besetzen nicht nur die bereits stillgelegten Bohrinseln, sondern auch entsprechende Posten in einschlägigen Firmen. Und die EU schaut zu – die meisten EU-Mitglieder profitieren schließlich von der feindlichen Übernahme der norwegischen Ölindustrie. Der arme Berg ist gezwungen, seinen Landsleuten jetzt auch noch zu verkaufen, dass alles in bester Ordnung ist.

 

Was wäre denn die Alternative gewesen? Ein Krieg gegen Russland und die EU? Zwar läuft nicht alles so, wie vor der Wahl versprochen, aber immerhin sei noch kein Menschenleben zu beklagen gewesen. Das ist doch ein Erfolg – und deshalb will Berg auch nicht zurück treten. Natürlich sehen das nicht alle so.
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Die russische Botschafterin Irina Sidorova

Die Serie konzentriert sich auf relativ wenig Hauptfiguren, was aber nachvollziehbar ist. Neben Ministerpräsident Berg und seiner Familie gibt es den heimlichen Helden Hans Martin Djupvik, der ebenfalls wie fast alle Skandinavier eine Familie hat – seine schöne Frau Hilde (Selome Emnetu) hat einen offensichtlichen Migrationshintergrund, ist aber im toleranten Norwegen als Richterin erfolgreich und beide haben zusammen eine süße Tochter.

 

Und dann gibt es noch den Journalisten Thomas Eriksen (Vegar Hoel) von der Zeitung Ny Tid, der als einziger Pressevertreter etwas von der Entführung mitbekommen hat, aber einen Maulkorb verpasst bekommt. Seine Frau Bente besitzt ein sehr gutes Restaurant in Oslo, das aber in Schwierigkeiten ist – sie kann ihre Angestellten nicht mehr bezahlen und ist kurz davor, den Laden dicht zu machen. Insofern profitiert sie wenig später von, dass reiche Russen ihren Laden zum Nationalfeiertag mieten wollen – sie sind eigentlich nur sieben Freunde die feiern wollen, zahlen aber, als ob sie alle Tische reserviert hätten. Insofern hat Bente eigentlich nichts gegen die Russen, die mit ihrem Geld um sich schmeißen: Dank ihnen kann ihr Restaurant vielleicht überleben.

 

Andere dagegen sehen das ganz anders: Bei den Feierlichkeiten zum norwegischen Nationalfeiertag kann Djupvik ganz knapp ein Attentat eines jungen Gardisten auf die russische Botschafterin verhindern: Beim Militär, und nicht nur dort, gährt es – vielen Norwegern gefällt die russische Besatzung nicht. Hier wird das Nationaltrauma der Besetzung Norwegens durch das dritte Reich aufgegriffen: Die Deutschen hatten das neutrale Norwegen im Zuge des Unternehmens Weserübung überfallen und besetzt. Den Autoren geht es aber vermutlich weniger darum, russische Aggressionen anzuprangern, als die Frage zu stellen, wie die Menschen mit einer solche Situation umgehen: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft, die sich als zufrieden, tolerant und weltoffen und vor allem als stabile Demokratie versteht, innerhalb kurzer Zeit in ihren Grundfesten erschüttert wird: Demokratische Wahlen, Pressefreiheit, freie Wirtschaft – alles perdu. Was machen die Leute damit?

 

Einige sind offenbar entschlossen, Widerstand zu leisten. Andere warten ab oder machen einfach das Beste draus. Der Konflikt zerreißt Familien – und vermutlich auch das Land. Ich bin sehr gespannt auf die weiteren Folgen.

 

Und ganz ehrlich: Ja, es stimmt, die Russen kommen hier nicht sehr gut weg. Aber wenn die russische Regierung sich immer nur darüber beschwert, dass die Russen in westlichen Medienproduktionen nicht gut wegkommen und sich damit in einer holzköpfigen Humorlosigkeit präsentiert, auf die man eben nicht anders als mit Satire reagieren kann, muss sie sich auch nicht wundern, dass die Russen halt immer entsprechend dargestellt werden.
Es hätten von der Sache her auch die Amis sein können – die machen das ja auch immer mal wieder, also mit wirtschaftlichem und/oder militärischem Druck ein anderes Land übernehmen, um sich ihren Ölnachschub (oder was sie gerade sonst wichtig finden) zu sichern – nur halt nicht in Norwegen, sondern meistens im Nahen Osten.
Was übrigens auch ein paar interessante Serien werden könnten: Die Gesellschaften in Afghanistan, Irak oder Syrien haben sich in den vergangenen Jahren ja auch ganz schön verändert. Da werden Fernseh-Fuzzis heutzutage vermutlich gleich vom IS umgelegt.
Aber wäre das nicht mal eine Herausforderung?

Morgen gehts los: Mr Robot bei Amazon

Allen, die Mr. Robot unbegreiflicherweise noch immer nicht gesehen haben, empfehle ich, sich am Wochenende nichts anderes vorzunehmen und das kostenlose Testangebot für Amazon Prime auszuprobieren: Ab morgen steht die US-Kultserie um den depressiven und morphiumsüchtigen, aber sehr begabten Hacker Ellion Alderson nämlich kostenlos für alle Amazon-Prime-Kunden zur Verfügung – und zwar auch auf deutsch.

Wobei ich natürlich das Original empfehle, weil ich die Stimme von Rami Malek mag, der Elliot Alderson spielt. Und Elliot hat eine Menge Text, auch wenn er eigentlich gar nicht so viel mit anderen Menschen spricht. Aber das Grandiose an Mr. Robot ist ja, dass wir Elliots Gedanken mithören können – er teilt seinem imaginären Freund ja ständig mit, was er eigentlich denkt, während er den Menschen um sich herum ganz andere Dinge sagt. Elliot durchschaut andere Menschen ziemlich schnell und weiß, was sie von ihm hören wollen. Wobei er diese Erwartungen in erster Linie bedient, wenn er einfach seine Ruhe haben will – gelegentlich ist er auch gnadenlos ehrlich und sagt, was er wirklich denkt, obwohl er weiß, dass es genau das ist, was die anderen eben nicht hören wollen.

Aber weil er ja generell ein Problem mit zwischenmenschlicher Kommunikation hat, ist ihm egal, was die anderen von ihm denken. Wobei er unter seiner Einsamkeit dann doch wieder dermaßen leidet, dass er sein Morphium braucht, um den Schmerz zu betäuben… mit den bisherigen Synchronsprechern für Rami Malek war ich nicht besonders glücklich, aber die Stimme von Bastian Sierich passt wirklich gut, wobei ich vom Trailer den Eindruck hatte, dass der sympathische leicht vernuschelte Slang von Elliot in ein meiner Ansicht nach doch etwas überkorrektes Deutsch übertragen wurde. Aber ansehen lohnt sich natürlich trotzdem!

-> kleiner Nachtrag einen Tag später: Jetzt wo ich an mehreren Stellen reingeschaut habe, muss ich sagen, dass die Synchronisierung insgesamt wirklich sehr gelungen ist, selbst der Akzent von Ron/Rohit Metha wurde beibehalten. Mich ärgert oft, dass solche Details in der Regel vernachlässigt werden, was hier aber nicht der Fall ist, im Gegenteil, die haben sich richtig Mühe gegeben.

 

Hier eine Übersicht über meine Mr-Robot-Artikel:

Mr. Robot: Hacker-Serie mit viel Potenzial

Screenshot Mr. Robot - Elliot (Rami Malek) leidet an diesen Einsamkeitsanfällen

Screenshot Mr. Robot – Elliot (Rami Malek) leidet an diesen Einsamkeitsanfällen

Serien-Update: True Detective und Mr. Robot

Screenshot Mr. Robot - Angela (Portia Doubleday) Lloyd (Aaron Takahashi) und Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot – Angela (Portia Doubleday) Lloyd (Aaron Takahashi) und Elliot (Rami Malek)

Weiterhin wahnsinnig gut: Mr. Robot

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

 

Das Spiel mit dem, was sein könnte

Elliot ist Teil von fsociety

Elliot ist Teil von fsociety

Noch ein paar Bilder aus Mr. Robot da3m0ns.mp4

Screenshot Mr. Robot - Angela (Portia Doubleday) : "Du wirst es nicht tun - oder? Die Welt verändern?"

Screenshot Mr. Robot – Angela (Portia Doubleday) : „Du wirst es nicht tun – oder? Die Welt verändern?“

 

eps1.4_3xpl0its.wmv: Jede Menge neuer Fährten

Screenshot Mr. Robot eps1.4_3xpl0its.wmv: die fscoiety versucht Elliot (Rami Malek) in Steel Mountain einzuschleusen

Screenshot Mr. Robot eps1.4_3xpl0its.wmv: die fscoiety versucht Elliot (Rami Malek) in Steel Mountain einzuschleusen

Mr. Robot: Savage oder Brave Traveller?

Screenshot Mr. Robot 1.5_br4ve-trave1er.asf: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot 1.5_br4ve-trave1er.asf: Elliot (Rami Malek)

eps1.6_v1ew-s0urce.flv: Disintegration

Screenshot Mr. Robot - v1ew-s0urce: Shayla (Frankie Shaw)

Screenshot Mr. Robot – v1ew-s0urce: Shayla (Frankie Shaw)

wh1ter0se.m4v: Wer ist Elliot?

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Gideon (Michel Gill)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek) und Mr. Robot (Christian Slater)

m1rr0r1ng.qt: Der Blick hinter den Spiegel

Screenshot Mr Robot: Darlene (Carly Chaikin)

Screenshot Mr Robot: Darlene (Carly Chaikin)

zer0-day.avi: So sieht also eine Revolution aus

Screenshot Mr. Robot: Krista (Gloria Reuben)

Screenshot Mr. Robot: Krista (Gloria Reuben)

Schon gut, aber noch nicht großartig

Screenshot Mr. Robot: Mr. Robot (Christian Slater)

Screenshot Mr. Robot: Mr. Robot (Christian Slater)

Welche Farbe hat Elliot Alderson?

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

 

 

Ein Gedicht für Paris

Le jardin

Des milliers et des milliers d’années
Ne sauraient suffire
Pour dire
La petite seconde d’éternité
Où tu m’as embrassé
Où je t’ai embrassèe
Un matin dans la lumière de l’hiver
Au parc Montsouris à Paris
A Paris
Sur la terre
La terre qui est un astre.

Jacques Prévert

Master of None: Die Banalitäten des modernen Lebens

Nachdem ich ein langes Wochenende hinter mir hatte, an dem ich aus Höflichkeit nur das herkömmliche Programm der öffentlich-rechtlichen Sender mitansehen konnte – das erschreckenderweise noch deutlich schlechter ist, als ich es in Erinnerung hatte – musste ich mir gestern eine Art Ausgleichstag gönnen. Zum Glück hat das Streaming-Portal meines Vertrauens eine neue Serie im Angebot, die ich auch gleich am Stück weggeglotzt habe: Master of None.

Ja, erstaunlich, denn es handelt sich um eine Comedy-Serie, bei denen ich normalerweise nach spätesten drei, vier Folgen aussteige, weil sie mir dann doch zu banal sind. Aber in Master of None werden die Banalitäten des modernen Lebens so treffend auf den Punkt gebracht, dass man davon nicht genug bekommen kann. Worum es geht: Der New Yorker Dev (Aziz Ansari, der die Serie auch geschrieben hat), Sohn indischer Einwanderer, der es einmal besser haben sollte, hat es definitiv deutlich besser als seine Eltern (die von Ansaris tatsächlichen Eltern gespielt werden). Auch wenn er mit dem Leben, das er lebt, keineswegs den Vorstellungen seiner ehrgeizigen Eltern entspricht. Während sich sein Vater in Indien dumm und dämlich gearbeitet hat, um sich erst ein Medizin-Studium zu verdienen und dann in den USA sein Glück zu machen, lebt Dev als mäßig erfolgreicher Schauspieler, der bisher eigentlich nur in Werbespots aufgetreten ist, das typische Leben amerikanischer Mittelschichtskinder, die zwar immer älter, aber nicht erwachsen werden.

Aziz Ansari ist Master of None

Aziz Ansari ist Master of None

Devs bester Freund ist Brian (Kelvin Yu), dessen Eltern aus Taiwan in die USA gekommen sind. Auch Brians Vater hatte eine entbehrungsreiche Kindheit, in einem Rückblick wird gezeigt, wie er sein Lieblingshuhn schlachten muss, damit seine Familie ein Abendessen hat. Jetzt hat Brians Vater ein gut gehendes China-Restaurant in New York. Trotzdem ist er weiterhin sehr genügsam und trinkt am liebsten Wasser. Auch Brian verhält sich keineswegs so, wie sein Vater sich das vorgestellt hat. Als sein Vater ihn um einen Gefallen bittet, reagiert Brian ähnlich wie Dev in der Szene zuvor seinem Vater gegenüber: Er will lieber ins Kino und die Quizfragen vor dem Film nicht verpassen, weshalb er jetzt gleich los muss. Mit einer vergleichbaren Antwort hat Dev seinen Vater sitzen lassen, der wollte, dass Dev ihm seinen neuen iPad einrichtet, damit er keine Termine mehr verpasst.

Dann gibt es in Devs Freundeskreis noch die afro-amerikanische Lesbe Denise (Lena Waithe) und den großen weißen Arnold (Eric Wareheim), der noch verspielter ist als Dev und Brian zusammen. Ja, und dann gibt es natürlich auch noch jene, die versuchen, ein Erwachsenen-Leben zu führen, mit ernsthaften Beziehungen und Kindern – Dev stellt sich das gelegentlich auch für sich selbst vor. Aber wie sich schnell herausstellt, haben seine romanischen Vorstellungen nichts mit der harten Realität zu tun: Als er für eine Freundin einige Stunden auf deren Kinder aufpasst, weil sie zu einem wichtigen Meeting muss, ist Dev nach wenigen Stunden mit seinen Nerven völlig am Ende. Obwohl er seine Sache gut gemacht hat: „Ich sehe kein Blut!“ sagt die Freundin anerkennend, als er die Kinder wieder bei ihr abliefert.

Und auch der Freund, der auf der Geburtstagsparty für seinen einjährigen Sohn noch von den Freuden der Vaterschaft geschwärmt hat, erzäht Dev wenig später, dass er sich scheiden lasse, weil alles so anstrengend geworden sei, seit das Kind da ist.

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Insofern bestätigt sich Devs Panik aus der ersten Szene der Serie, als er mit der Musik-Managerin Rachel zur Sache kommt und das Kondom reißt – gut, das es einen günstigen Uber zum Drugstore gibt, wo die beiden die Pille danach kaufen und es damit für einige Folgen erstmal gut sein lassen – auch wenn sie sich später natürlich wieder begegnen. Bis dahin hat Dev noch einige heiße Dates – unter anderem mit der selbstbewussten blonden Nina (Claire Danes), der Frau des wahnsinnig reichen und wichtigen Geschäftsmannes Mark (Noah Emmerich). Dev hat ein Problem damit, dass Nina verheiratet ist – was sich aber ändert, als er Mark als arrogantes Arschloch kennengelernt hat. Ausgerechnet die Affäre mit Dev führt aber dann dazu, dass Nina und Mark sich wieder näher kommen.

Es geht aber nicht nur um Beziehungen, auch wenn das ein wichtiges Thema ist. Auch der alltägliche Rassismus und Sexismus wird immer wieder aufgegriffen – etwa beim Vorsprechen für eine Nebenrolle, bei der ein Taxifahrer mit einem indischen Akzent gesucht wird, und Dev sich weigert, dieses Klischee zu bedienen. Ironischerweise wird er später für die Rolle eines indischen Einwanderers gecastet, während der indische Freund, der ihm anfangs noch gesagt hat, Dev solle sich nicht so anstellen, die Rolle als bereits amerikanisierter Inder bekommt, weil er sich nun nach Devs Beispiel geweigert hat, einen indischen Akzent zu imitieren.

Master of None

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Wobei auch die Tatsache, dass zwei Inder in einer US-Serie Hauptrollen spielen dürfen, an sich schon ein Politikum ist – genau das hatte der überraschend verstorbene Produzent nämlich noch vehement abgelehnt: Die Gesellschaft sei noch nicht so weit. Immerhin ist sie weit genug, dass Dev in einer Katastrophen-Serie über eine Seuche einen Wissenschaftler spielen darf, der bald von der titelgebenden Seuche dahin gerafft wird. Und nebenbei wird auch noch thematisiert, dass der nette indische Wissenschaftler aus Nr. 5 lebt gar nicht von einem Inder, sondern von einem Weißen gespielt wurde – hier haben wir die Elliot-Alderson-Diskussion, nur umgekehrt.

In der Folge Ladies and Gentlemen hingegen geht es um den noch immer alltäglichen Sexismus – etwa, als ein Bekannter von Dev zwar die Zeit hat, den Männern am Tisch die Hand zu schütteln, aber die Frauen in der Runde komplett ignoriert. Als Dev nicht glauben will, dass derartige Diskriminierung alltäglich ist, zeigt Rachel ihm, dass alles noch viel schlimmer ist: Sie posten das gleiche Bild auf Instagram – Dev bekommt ein Kompliment dafür, Rachel einen bedrohlichen sexistischen Kommentar. Dev bemerkt, dass noch eine Menge für die Gleichberechtigung zu tun ist und verspricht, künftig aufmerksamer zu sein.

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Anderen gegenüber aufmerksamer sein ist auch ein großes Thema dieser Serie, ob nun den Eltern, Freunden oder Frauen gegenüber – aber wie soll man das hinkriegen, wenn Menschen in erster Linie kleine Sprechblasen auf dem Bildschirm des allgegenwärtigen Smartphones sind? Überhaupt die ganze schöne Smartphone- und Social-Media-Welt: Es kann einen ja schon die Auswahl des wirklich allerbesten Taco-Ladens in der Gegend an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und erst recht die Auswahl des perfekten Dates für das zweite Ticket eines begehrten Geheim-Konzerts. Das Leben ist durch den ständigen Druck, aus den vorhandenen Möglichkeiten immer das Optimum herauszuholen, verdammt anstrengend geworden – und am Ende kommt ohnehin alles ganz anders.

Master of None greift typische Probleme der Gegenwart auf amüsante Weise auf und bleibt dabei wohltuend beiläufig. Ansehen lohnt sich auf jeden Fall.