Occupied: Deine Gesellschaft wurde gerade besetzt

Die Skandinavier mal wieder, konkret die Norweger: Seit Donnerstag wird auf arte Occupied ausgestrahlt. Das ist eine Art Fortsetzung der bemerkenswert guten dänischen Politik-Serie Borgen, nur dass sie eben in Norwegen und in einer nicht sehr fernen Zukunft spielt. Aber Look and Feel sind extrem skandinavisch, Borgen oder auch Kommissarin Lund beeindruckten durch diese präzise durchkomponierten Bilder, die immer ein wenig an klassische schwarz-weiß-Filme erinnern, obwohl sie gleichzeitig gleichzeitig überaus modern, ja, irgendwie avantgard sind. Und natürlich Farbe haben – die aber sparsam eingesetzt wird. Nordisches Design halt.

 

Der norwegische Staatschef Jesper Berg (Henrik Mestad) ist aufgrund seines Versprechens, wegen der inzwischen spürbaren Klimakatastrophe – die Norwegen im Jahr zuvor mit einem noch nie da gewesenen Hurrikan schwer getroffen hat – die Förderung von Gas und Öl einzustellen und dafür auf eine neuartige Technik zur Energiegewinnung zu setzen, ins Amt zu kommen: Die Menschen im reichen Norwegen wollen auf alternative Energien umsteigen und damit auch ein Vorbild für alle Welt sein.
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Der norwegische Staatschef Jesper Berg (Henrik Mestad)

 

Aber natürlich gibt es ein Problem: Die Nachbarländer sind auf die fossilen Brennstoffe aus der Nordsee angewiesen. Die ohnehin schwer kriselnde EU versucht die Norweger dazu zu bringen, weiterhin Gas und Öl zu liefern. Aber Jesper Berg will sich nicht erpressen lassen und setzt darauf, das er mit der feierlichen Einweihung des ersten Thorium-Kraftwerks ein positives Zeichen setzen und die anderen EU-Länder motivieren kann, Norwegens gutem Vorbild zu folgen. Aber die Sache geht gründlich schief: Die Pressevertreter aus dem Ausland sind enttäuscht, dass Norwegen komplett auf die neue Thorium-Technologie setzt und keine fossilen Brennstoffe mehr liefern will.

 

Und es kommt noch schlimmer: Auf dem Rückweg nach Oslo wird Berg mit samt seinem Hubschrauber entführt – allerdings nimmt sein überaus engagierter Bodygard Hans Martin Djupvik (Edlar Skar) die Verfolgung auf. Entgegen aller Anweisungen aus dem schnell einberufenen Krisenstab der Regierung bricht Djupvik  die Suche nicht ab, sondern spürt Berg, der einen GPS-Sender am Körper trägt, nach einiger Zeit wieder auf. Der Ministerpräsident läuft verstört durch den Wald und steht offensichtlich unter Schock, er scheint aber unversehrt zu sein.
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Hans Martin Djupvik (Edler Skar)

Es stellt sich heraus, dass die EU und Russland die Norweger gemeinsam zwingen wollen, die Öl- und Gasförderung wieder aufzunehmen: Sie haben Berg ein Angebot gemacht, dass er nicht ablehnen kann. Sollte sich Norwegen widersetzen, könnte ein militärischer Konflikt die Folge sein. Aber Berg ist natürlich nicht nur ein Umweltschützer, sondern auch ein Pazifist, eine militärische Option ist für ihn undenkbar – zumal ihm klar ist, dass seine paar Norweger gegen die militärische Großmacht Russland wenig ausrichten könnten – und auch nichts gegen die EU. Berg verspricht also, still zu halten.

 

Daraufhin findet eine Art Besetzung light statt: Die Russen schicken Experten aus der Ölbranche und besetzen nicht nur die bereits stillgelegten Bohrinseln, sondern auch entsprechende Posten in einschlägigen Firmen. Und die EU schaut zu – die meisten EU-Mitglieder profitieren schließlich von der feindlichen Übernahme der norwegischen Ölindustrie. Der arme Berg ist gezwungen, seinen Landsleuten jetzt auch noch zu verkaufen, dass alles in bester Ordnung ist.

 

Was wäre denn die Alternative gewesen? Ein Krieg gegen Russland und die EU? Zwar läuft nicht alles so, wie vor der Wahl versprochen, aber immerhin sei noch kein Menschenleben zu beklagen gewesen. Das ist doch ein Erfolg – und deshalb will Berg auch nicht zurück treten. Natürlich sehen das nicht alle so.
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Die russische Botschafterin Irina Sidorova

Die Serie konzentriert sich auf relativ wenig Hauptfiguren, was aber nachvollziehbar ist. Neben Ministerpräsident Berg und seiner Familie gibt es den heimlichen Helden Hans Martin Djupvik, der ebenfalls wie fast alle Skandinavier eine Familie hat – seine schöne Frau Hilde (Selome Emnetu) hat einen offensichtlichen Migrationshintergrund, ist aber im toleranten Norwegen als Richterin erfolgreich und beide haben zusammen eine süße Tochter.

 

Und dann gibt es noch den Journalisten Thomas Eriksen (Vegar Hoel) von der Zeitung Ny Tid, der als einziger Pressevertreter etwas von der Entführung mitbekommen hat, aber einen Maulkorb verpasst bekommt. Seine Frau Bente besitzt ein sehr gutes Restaurant in Oslo, das aber in Schwierigkeiten ist – sie kann ihre Angestellten nicht mehr bezahlen und ist kurz davor, den Laden dicht zu machen. Insofern profitiert sie wenig später von, dass reiche Russen ihren Laden zum Nationalfeiertag mieten wollen – sie sind eigentlich nur sieben Freunde die feiern wollen, zahlen aber, als ob sie alle Tische reserviert hätten. Insofern hat Bente eigentlich nichts gegen die Russen, die mit ihrem Geld um sich schmeißen: Dank ihnen kann ihr Restaurant vielleicht überleben.

 

Andere dagegen sehen das ganz anders: Bei den Feierlichkeiten zum norwegischen Nationalfeiertag kann Djupvik ganz knapp ein Attentat eines jungen Gardisten auf die russische Botschafterin verhindern: Beim Militär, und nicht nur dort, gährt es – vielen Norwegern gefällt die russische Besatzung nicht. Hier wird das Nationaltrauma der Besetzung Norwegens durch das dritte Reich aufgegriffen: Die Deutschen hatten das neutrale Norwegen im Zuge des Unternehmens Weserübung überfallen und besetzt. Den Autoren geht es aber vermutlich weniger darum, russische Aggressionen anzuprangern, als die Frage zu stellen, wie die Menschen mit einer solche Situation umgehen: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft, die sich als zufrieden, tolerant und weltoffen und vor allem als stabile Demokratie versteht, innerhalb kurzer Zeit in ihren Grundfesten erschüttert wird: Demokratische Wahlen, Pressefreiheit, freie Wirtschaft – alles perdu. Was machen die Leute damit?

 

Einige sind offenbar entschlossen, Widerstand zu leisten. Andere warten ab oder machen einfach das Beste draus. Der Konflikt zerreißt Familien – und vermutlich auch das Land. Ich bin sehr gespannt auf die weiteren Folgen.

 

Und ganz ehrlich: Ja, es stimmt, die Russen kommen hier nicht sehr gut weg. Aber wenn die russische Regierung sich immer nur darüber beschwert, dass die Russen in westlichen Medienproduktionen nicht gut wegkommen und sich damit in einer holzköpfigen Humorlosigkeit präsentiert, auf die man eben nicht anders als mit Satire reagieren kann, muss sie sich auch nicht wundern, dass die Russen halt immer entsprechend dargestellt werden.
Es hätten von der Sache her auch die Amis sein können – die machen das ja auch immer mal wieder, also mit wirtschaftlichem und/oder militärischem Druck ein anderes Land übernehmen, um sich ihren Ölnachschub (oder was sie gerade sonst wichtig finden) zu sichern – nur halt nicht in Norwegen, sondern meistens im Nahen Osten.
Was übrigens auch ein paar interessante Serien werden könnten: Die Gesellschaften in Afghanistan, Irak oder Syrien haben sich in den vergangenen Jahren ja auch ganz schön verändert. Da werden Fernseh-Fuzzis heutzutage vermutlich gleich vom IS umgelegt.
Aber wäre das nicht mal eine Herausforderung?
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