River: Ein Schwede in London

Für die Freunde britischer Krimiserien steht auf Netflix seit einigen Tagen der BBC-Sechsteiler River zur Verfügung, den ich mir am Wochenende zu Gemüte geführt habe. So richtig weiß ich noch nicht, was ich davon halten will – auf diese Serie war ich aus drei Gründen sehr neugierig: Erstens gehören britische Krimiserien zu den besten überhaupt, die Briten haben den Fernsehkrimi quasi erfunden. Zweitens hat Abi Morgan das Drehbuch für River geschrieben – aus ihrer Feder stammt unter anderem The Hour, eine BBC-Serie, die ich ganz fantastisch finde, obwohl es keine Krimiserie ist, sondern von den Anfängen der Fernseh-Berichterstattung in Großbritannien handelt. Und drittens spielt Stellan Skårsgard die Titelrolle.

Und Stellan Skårsgard stellt diesen DI John River natürlich auch so vielschichtig und überzeugend dar, wie man es von einem Weltklasseschauspieler erwartet. Verschrobene Ermittlertypen mit Ecken und Kanten sind ja ohnehin eine Spezialität der Briten, etwa DCI Alan Banks (Stephen Tompkinson) in der ITV-Serie DCI Banks oder DCI John Luther (Idris Elba) in der BBC-Serie Luther, die ich beide sehr gut finde.

John River ist ebenfalls ein brillanter Polizist, aber er hat eine ziemliche Macke: Er redet mit Menschen, die gar nicht mehr da sind. Das hat er schon immer getan und es hilft ihm dabei, seine überdurchschnittliche Aufklärungsquote zu erreichen. Deshalb haben sowohl Kollegen als auch Vorgesetzte seine skandinavische Verschrobenheit bislang toleriert.

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Jackie Stevenson (Nicola Walker) und John River (Stellan Skarsgard)

Aber seit seine Kollegin Jackie Stevenson (genannt Stevie, Nicola Walker) vor einigen Wochen erschossen wurde, geht es bergab mit ihm: Für ihn ist Stevie noch am Leben. Gemeinsam verfolgen sie einen Verdächtigen, der aus einem Auto steigt, das River von einem seiner Fälle her zu kennen meint. Doch die Verfolgungsjagd endet tödlich: Der junge Mann, hinter dem River her war, springt aus dem Fenster seiner Wohnung in einer der schlechteren Londoner Gegenden – eigentlich will er sich nicht umbringen, sondern nur abhauen. Doch er rutscht ab, als er sich an einer Satellitenantenne festhalten will und stürzt in die Tiefe – die schwangere Freundin ist verzweifelt. Das sieht nach Ärger für River aus, und genauso kommt es natürlich auch.

Andererseits weiß River natürlich, dass Stevie tot ist, sie ist quasi vor seinen Augen auf offener Straße mit einem Schuss in den Kopf niedergestreckt worden. Schon deshalb fühlt sich River dazu verpflichtet, diesen Fall unbedingt aufzuklären. Aber nach diesem Vorfall mit dem toten Kleindealer ziehen seine Vorgesetzten die Notbremse: River muss sich psychologisch begutachten lassen und wird von dem für ihm so wichtigen Fall abgezogen – schließlich gibt es genug anderes zu tun. Und was ist, wenn er sich am Ende als dauerhaft dienstunfähig erweisen sollte?

Seine Vorgesetzte DCI Chrissie Read übergibt den Fall Stevenson an DS Ira King (Adeel Akhtar), der sich selbst als den personifizierten Gazastreifen beschreibt, weil er arabisch-jüdischer Herkunft ist. River ist über diese seiner Ansicht nach völlig überflüssigen Maßnahmen beleidigt, er brauche kein Kindermädchen, erklärt er seiner Chefin. Aber mit der Zeit lernt River seinen geduldigen Kollegen zu schätzen, der sich als überaus gewissenhaft und loyal erweist.

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Ira King (ADEEL AKHTAR) – (C) Kudos – Photographer: Nick Briggs

Genau wie er sich irgendwann damit abfindet, dass er zu den vorgeschriebenen Therapiesitzungen gehen muss: Mit der Zeit findet er Gefallen an der attraktiven Polizei-Psychologin Rosa Fallows (Georgina Rich) und akzeptiert, dass sie ihm helfen will. Hilfe hat er auch dringend nötig, aber wenn er das nicht recht einsehen will. Es ist ja nicht nur Stevie, die ihm immer wieder erscheint und ihn an seine ganzen Versäumnisse erinnert.

Da ist auch noch Dr. Thomas Neill Cream (Eddie Marsan), der Lambeth Piosoner, ein Serienkiller aus einem Buch, das River liest. Dr. Cream ist ein echter Quälgeist, der River in den Wahnsinn treiben würde, wenn er nicht ohnehin schon verrückt wäre. Dr. Cream konfrontiert River mit seinen eigenen Abgründen, er ist eine Art negatives Über-Ich. Gibt es den Begriff Unter-Ich eigentlich? Der wäre zutreffend. Wobei das Motiv der abgespaltenen negativen Persönlichkeit durchaus kein neues ist – das Doppelgängermotiv ist in der Literaturgeschichte ja seit längerer Zeit etabliert. Wobei Dr. Cream kein Doppelgänger im eigentlichen Sinne ist, er ist ein Teil von Rivers schlechtem Gewissen, wobei Stevie eindeutig einen größeren Teil davon einnimmt.

Und dann gibt es noch Erin Fielding, eine junge Studentin, die angeblich von ihrem Freund ermordet wurde – aber noch hat niemand ihre Leiche gefunden, obwohl der Junge den Mord sogar gestanden hat. Aber dank seiner ungewöhnlichen Eingebungen kommt River darauf, dass Erin sich selbst umgebracht haben muss – und ihr Freund sich die Schuld daran gibt, aber kein Mörder ist.

Stevies Familie ist aber auch nicht ohne – diese Figuren sind alle ganz real und wollen nichts mit River und der Polizei überhaupt zu tun haben: Stevie war eine Nestbeschmutzerin, eine, die ihrer kriminellen Familie Ärger gemacht hat, in dem sie sich für die andere Seite entschied und ihren eigenen Bruder für lange Zeit hinter Gitter brachte. Und es stellt sich auch hier wieder heraus, dass Mord zumeist in der eigenen Familie statt findet, auch wenn man Ende alles anders ist als eigentlich erwartet.

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Tom (Michael Maloney) und DCI Chrissie Read (Lesley Manville)

Also ja, einerseits schon klassisch britisch – üble Familiengeschichten und natürlich auch eine ordentliche Prise Gesellschaftskritik: Eine Zeit lang sieht es so aus, als hätte Stevie einen heimlichen Freund gehabt, einen illegalen Einwanderer aus Somalia. River und King ermitteln deshalb auch in diese Richtung, was gar nicht so einfach ist, denn in diesen Kreisen haben sowieso alle Angst vor der Polizei und sagen nichts. Als die beiden endlich heraus bekommen, um wen es sich bei dem mysteriösen schwarzen Mann handelt und wo er sich versteckt, kommen sie zu spät: Ihr möglicherweise hilfreicher Zeuge wird in einer öffentlichen Bibliothek umgebracht.

Stevie schien kurz vor ihrem Tod einer richtig großen Sache auf der Spur zu sein, in die nicht nur die Firma eines ihrer Verwandten, sondern auch der Mann von Stevies und Rivers Chefin verwickelt sein könnte: Tom Read ist Richter, der über Einwanderungsfälle entscheidet und erstaunliche viele seiner Fälle werden positiv beschieden. Und viele dieser lautlos legalisierten Einwanderer arbeiten für den Paten Michael Bennigan.

In den sechs Folgen, die jeweils knapp eine Stunde lang sind, gibt es auch noch andere Fälle, die es zu lösen gilt, etwa einen toten Bauarbeiter, der an einem Stromschlag gestorben ist – ein tragischer Unfall, wie sich herausstellt, aber gleichzeitig kommt auch heraus, dass der verheiratete Familienvater offenbar eine Affäre mit einem ukrainischen Kollegen gehabt hat. Und dann gibt es eine weitere schwere Krise, weil sich herausstellt, dass der Ehemann von DCI Read nicht nur eine Schwäche für die Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde hatte, sondern auch noch bestechlich war.

Alles in allem gibt es also eine Menge starker Szenen und insgesamt finde ich die Geschichte doch ziemlich gut – andererseits hoffe ich, dass es jetzt nicht zur Masche wird, Serienplots nur noch aus den psychischen Störungen des Protagonisten zu generieren: Bei Mr. Robot fand ich das noch ziemlich genial, wobei mich gegen Ende immer mehr gestört hat, dass der gesellschaftskritische Ansatz aus den ersten drei Teilen wegen der ganzen Psychospielchen in den Teilen danach ziemlich unter die Räder gekommen ist. Okay, das wundert mich nicht wirklich, denn es ist schlicht und einfach verboten, ernsthafte Kritik am herrschenden System zu äußern, also den Kapitalismus als solchen infrage zu stellen. Die Hauptfigur Elliot Alderson tut das zwar, aber Elliot ist ja auch verrückt. Und auf einmal wird nur noch seine Verrücktheit thematisiert, aber nicht die des Systems, das er zerstören will.

So weit geht das bei River nicht – River stellt ja auch gar nicht das System infrage, sondern nur seine eigene mentale und sonstige Verfassung. River hat ein Ideal von Wahrheit und Gerechtigkeit, für das er sich aufreibt, womit er aber eigentlich erfolgreich ist: Er klärt die Verbrechen auf, auch wenn die Hinterbliebenen über die Wahrheiten, die er herausfindet, nicht besonders glücklich sind. River selbst ist auch nicht besonders glücklich.

Und wo ich schon mal dabei bin: Es gibt durchaus Parallelen zwischen John River und Elliot Anderson – das ist es, was mich gerade nervt, auch wenn das vermutlich etwas ungerecht ist, denn ich nehme nicht an, dass Sam Esmail oder Abi Morgan von einander abgeschrieben haben. Dieses Psychoding scheint eher ein Zeitgeist-Phänomen zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich Hauptcharaktere, den einen an der Waffel haben, nicht mögen würde, im Gegenteil. Eigentlich habe ich sogar sehr viel für Psychodrama übrig. Aber dann soll eine Serie nicht so tun, also ob sie etwas anderes sei.

Also: Sowohl der kleine John als auch der kleine Elliot wurden von ihren Müttern schlecht behandelt und im Stich gelassen (warum sind eigentlich immer die Mütter schuld?!). Beide leiden an einer gewissen Unfähigkeit, zu lieben oder besser: auf persönlicher Ebene mit anderen Menschen umzugehen. Sie sind beide nicht gern in Gesellschaft und nicht gut darin, ihre Gefühle zu kommunizieren. Denn Gefühle haben sie: River hat Stevie irgendwie geliebt und er verliebt sich auch ein bisschen in Rosa. Elliot mag Angela und Darlene und verliebt sich sogar in Shayla, obwohl er immer wieder sagt, dass er nicht weiß, wie das geht. Und sie können auch wütend oder auch traurig werden, sehr traurig sogar – auch wenn sie dann wieder total rationale Typen sind, die alles analysieren und einordnen.  Gerade weil sie derart gestört sind, können sie sich so gut in andere hineinversetzen – River löst auf diese Weise seine Fälle. Elliot auch, gewissermaßen, er bringt andere dazu, zu tun, was er von ihnen will. Und natürlich setzen die beiden ihre besonderen Fähigkeiten nicht dazu ein, persönliche Vorteile zu erlangen, sondern tun das für andere: River ist Polizist und sorgt für Ordnung und Gerechtigkeit, auch wenn das nicht immer gut ausgeht. Elliot ist zwar auf der anderen Seite des Gesetzes unterwegs, aber er will gleich die ganze Welt retten.

Aber letztlich kämpfen sie doch vor allem darum, irgendwie normal zu sein. Aber was ist schon normal in verrückten Welt?

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