Halt and Catch Fire: Die Zukunft ist online

Eine Serie aus dem Hause AMC, die meines Erachtens total unterschätzt wird, ist Halt and Catch Fire. Okay, die erste Staffel hat tatsächlich noch einige Schwächen – aber sie war schon ziemlich gut. In der zweiten Staffel gewinnt die Sache jedoch noch an Fahrt, so dass ich hier eine ausdrückliche Empfehlung aussprechen möchte: Halt and Catch Fire ist ein Muss, und zwar nicht nur für technologie- und internetaffine Freaks. Genau wie Mad Men ja auch nicht nur ein Geheimtipp für Werbefuzzis ist oder Breaking Bad eine ausführliche Anleitung für angehende Drogenköche und -dealer. Es geht um sehr viel mehr.

Die Serie kommt zwar nicht an die beiden eben genannten AMC-Flaggschiffe heran – aber man muss sie keineswegs verstecken. Und um Halt and Catch Fire ist es erstaunlich still, deshalb muss ich jetzt hier ein bisschen Werbung machen. In meinem Artikel zur ersten Staffel von HCF habe ich mich noch darüber gewundert, wie wenige Filme und Serien es gibt, die sich mit der Computerisierung und Digitalisierung von Alltag und Arbeitswelt und den damit verbundenen Auswirkungen auf Menschen und Gesellschaft beschäftigen. Aber hier ist mit Mr. Robot ja inzwischen eine wirklich gute Serie zu diesen Thema hinzugekommen.

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Und in diesem Zusammenhang fand ich vor allem die zweite Staffel von Halt and Catch Fire besonders interessant, die den Fokus nun weniger auf die Hardware legt, deren Entwicklung in der ersten Staffel im Mittelpunkt stand, sondern zu dem, was man mit Computern außer Datenerfassung und -auswertung noch anfangen kann. Und da geht eine ganze Menge, wie der geniale, aber vergleichsweise erfolglose Computeringenieur Gordon Clark (Scort McNairy) in einem wegweisenden Aufsatz geschrieben hat, der Joe MacMillan (Lee Pace) am Anfang der ersten Staffel dermaßen begeisterte, dass die ganze Sache überhaupt ins Laufen gekommen ist.

Aber wir sind ja nun eine Staffel weiter. An der mir sehr gut gefällt, dass mit Cameron (Mackenzie Davis) und Donna (Kerry Bishé) nun zwei starke Frauen im Mittelpunkt stehen – das Alphatier Joe muss in der neuen Staffel erstmal ziemlich zurückstecken, genau wie auch Gordon, der sich nun mit dem Geld von Cardiff Electric nun ja, nicht zur Ruhe setzen, aber doch immerhin seiner Frau Donna den Rücken frei halten kann, weil sie jetzt mal dran ist, beruflich durchzustarten. Jedenfalls war das der Plan. Eigentlich.

Cameron macht gemeinsam mit Donna nun endlich ihr Ding und das ist Mutiny: In einem mit Computern vollgestellten Haus entwickelt sie gemeinsam mit einem Team aus verspielten Nerds neue Spiele, die die Mitglieder der neuen Community über das Telefonnetz miteinander spielen können. Ein paar der Typen waren vorher schon Entwickler bei Cardiff, andere stoßen neu hinzu. Sie sind damit beschäftigt, Camerons Online-Spiel Parallax weiter zu entwickeln. Dabei muss Cameron, die eigentlich gar keine Lust hat, Führungsverantwortung zu übernehmen, immer wieder Feuerwehr spielen: Die Community wächst, die Hardware und das Netzwerk sind damit völlig überlastet. Aber Donna will auf keinen Fall die Firmen-Mutter sein, das macht sie Cameron nachdrücklich klar.

 

halt-and-catch-fire-episode-201-pre-joe-pace-gordon-mcnairy-800x600Joe MacMillan (Lee Pace) und Gordon (Scoot McNairy)

Donna hat eine andere Vision: Sie entdeckt, dass die Chat-Funktion, mit der sich Spieler online unterhalten können, im Grunde viel interessanter für das Entstehen von Online-Communities ist, als die Spiele, die Cameron entwickelt. Die Menschen unterhalten sich online über alles mögliche – sogar über Dinge, über die man mit Freunden im echten Leben eher nicht redet. Und je mehr Zeit sie online verbringen, desto mehr kann man daran verdienen.

Klar, dass es zwischen Cameron und Donna weiterhin zu Reibereien kommt, denn Cameron will von Donnas Idee erstmal nichts wissen: Sie besteht darauf, dass es vor allem um die Spiele gehen muss, der Online-Chat ist eine in ihren Augen überflüssige Spielerei. Hier legt sie nun eine ähnliche Arroganz an den Tag wie ihr Ex-Lover und Ex-Chef Joe, auf den Cameron dauerhaft schlecht zu sprechen ist, weil er in der Staffel zuvor ihr neuentwickeltes Betriebssystem für den von Gordon entwickelten tragbaren PC Giant nicht eingesetzt hat.

Cameron und Donna haben aber erst einmal ganz andere Probleme: Sie brauchen bessere Computer für ihr Netzwerk und dann fangen gerade die guten Spieler an, ihre Spiele zu kopieren und ihnen Konkurrenz zu machen. Klar ist: Mutiny braucht einen erfahrenen Manager – Cameron setzt auf John Bosworth (Toby Huss), der in der Staffel zuvor in den Knast musste, weil er Firmengelder von Cardiff veruntreut hat, um dem Giant-Projekt zu helfen. Bosworth ergreift die Möglichkeit, die Cameron ihm anbietet und bringt Mutiny in einigen Dingen wirklich voran.

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Sara (Alkes Palladino) und Joe – Bild: amc.com

Das wiederum sorgt dafür, dass Donna kaum noch Zeit mit ihrer Familie verbringt – sie hat gar nicht mitbekommen, dass Gordon in der Zeit mit dem Giant-Projekt regelmäßig Kokain genommen hat, um den ganzen Stress auszuhalten. Jetzt hat Gordon zwar weniger Stress, aber ein Tüftler-Typ wie er kann nicht einfach so zuhause herum sitzen. Er zieht sich weiterhin immer mal eine Nase Koks rein und fängt an, auf eigene Faust eine Software zu entwickeln, mit der Mutiny die Aktivitäten seiner User im Netzwerk überwachen kann. Genau wie Donna ihm mit ihren Hardware-Kenntnissen bei Cardiff immer wieder den Arsch gerettet hat, will er nun etwas für Donna tun. Blöd nur, dass die Sache mit Sonaris am Ende nach hinten losgeht.

Überhaupt läuft es nicht so gut mit den beiden – nur dass es jetzt nicht Gordon ist, der vor lauter Arbeit nicht mehr mitbekommt, was zuhause los ist. Donna entwickelt genau den Tunnelblick, den Menschen nun einmal bekommen, wenn sie sich ganz und gar auf eine Sache konzentrieren müssen. Cameron ist da geschickter – sie lebt einfach in ihrem Projekt und holt sogar den nervigen Hacker Tom Rendon ins Team, der ihre Spielidee geklaut hat. Es dauert natürlich nicht lange, bis es zwischen den beiden funkt.

 

halt-and-catch-fire-episode-204-post-cameron-davis-800x600Cameron in Aktion

Und natürlich kann auch nicht ausbleiben, dass Cameron und Joe sich wieder über den Weg laufen. Joe ist solide geworden und hat Sara geheiratet – die Tochter eines Öl-Barons. Joe, der nach seiner Amok-Tat am Ende der ersten Staffel keinen Anteil aus dem Cardiff-Verkauf bekommen hat, muss nun kleine Brötchen backen. Er bekommt einen Job in der Datenverarbeitung in der Firma seines Schwiegervaters. Aber weil Joe ja Joe MacMillan ist, bleibt es nicht lange dabei – er kommt auf die Idee, dass man die Rechner, die nur zu den üblichen Arbeitszeiten mit Daten gefüttert werden, in der übrigen Zeit ja an andere Unternehmen vermieten könnte, die entsprechende Rechnerkapazitäten brauchen, sich aber keine eigenen Großrechner leisten können. Und überhaupt könnte man daraus ja gleich ein eigenes Geschäft machen…

halt-and-catch-fire-episode-210-post-gordon-mcnairy-joe-pace-800x600Gordon und Joe – Bild: amc.com

Doch, es ist einiges los in dieser Staffel und ich freue mich sehr, dass AMC beschlossen hat, der Serie auch noch eine dritte Chance zu geben, nachdem es mit den Zuschauerzahlen bisher ja nicht so geklappt hat. Aber hey, die ersten Staffeln von Breaking Bad sind auch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufen – es hat halt ein bisschen gedauert, bis sich herumgesprochen hatte, das da etwas wirklich Großes läuft.

Nun ist Joe MacMillan kein Walter White, aber dafür gibt es ja auch noch Donna, Cameron und Gordon, die auch Ecken und Kanten haben und interessante Dinge erleben. Okay, vielleicht sind die 80er nicht jedermanns Sache, schon weil sie nicht so cool und elegant waren wie die 60er, die man in Mad Men bewundern kann. Aber für alle, die sich fragen, wie wir denn ins Internet gekommen sind, als es noch keine Smartphones gab, ist Halt and Catch Fire gewiss auch unterhaltsamer Geschichtsunterricht.

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