Bridge of Spies

Das Beste an Steven-Spielberg-Filmen ist in der Regel der Anfang – und das gilt auch für Bridge of Spies, zu deutsch Der Unterhändler. Der sowjetische Meisterspion Rudolf Abel (Mark Rylance), der demnächst verhaftet werden muss, damit die Handlung ihren durch die Geschichtsschreibung vorgezeichneten Verlauf nehmen kann, wird als etwas pedantischer Maler eingeführt, der um den Zustand seiner Palette besorgter zu sein scheint als um seine eigene Zukunft. Womit auch ein Running Gag des Films etabliert ist: Der Versicherungsanwalt James Donovan (Tom Hanks) wird Abel künftig immer wieder fragen, ob er nicht besorgt sei. Und der stoische Abel wird jedes Mal zurückfragen, ob das denn helfen würde. Was selbstverständlich nicht der Fall ist.

Und, das kann schon mal verraten werden, weil der Fall im Film nicht anders ausgehen kann, als er vor Jahrzehnten tatsächlich ausgegangen ist: James Donovan schafft es als inoffizieller Unterhändler in Ostberlin tatsächlich, einen Gefangenenaustausch einzufädeln, bei dem Abel gegen den US-Piloten und CIA-Agenten Francis Gary Powers ausgetauscht wird. Der geschickte Donovan erreicht gleichzeitig auch, dass der von der Stasi als angeblicher Republikflüchtling verhaftete Wirtschaftsstudent Frederic Pryor ebenfalls freigelassen wird. Doch bis dahin gibt es ein nervenzermürbendes Tauziehen zwischen den beiden Supermächten, in das sich die um internationale Anerkennung ringende DDR auch immer wieder einmischen will.

Bridge of Spies - Bild: fox.de

Bridge of Spies – Bild: fox.de

Es ist nicht ganz einfach, den Film einem Genre zuzuordnen, er ist Gerichtsdrama (auch ein Verräter verdient einen fairen Prozess), Spionagethriller (Agentenaustausch in Ostberlin), Historienschinken (Kalter Krieg) und Charakterstudie (der standhafte Mr. Donovan) zugleich. Was in meinen Augen nicht unbedingt ein Vorteil ist – wobei natürlich auch extrem schwierig wäre, aus einer Geschichte, deren Ende bekannt ist, einen spannenden Thriller zu machen. Insofern ist halt ein typischer Spielberg dabei herausgekommen: Eine Hommage an den standhaften Mann, der auch unter widrigsten Umständen seinen edlen Prinzipien treu bleibt und damit am Ende einen Sieg erringen kann – auch wenn nicht ganz klar ist, ob das wirklich für alle gut ausgeht.

Das ist natürlich eine weitere Paraderolle für Tom Hanks, der zweifelsohne wahnsinnig gut darin ist, diese bodenständigen Allerweltshelden zu spielen. Nichts wird dem Anwalt Donovan leicht gemacht, für die öffentliche Meinung ist er gestorben, schon weil er sich überhaupt bereit erklärt, den Vaterlandsverräter Abel zu verteidigen. Aber Donovan macht immer alles so gut wie er eben kann – und weil er ein guter Anwalt ist, schafft er es, seinen Mandanten vor der fast sicheren Todesstrafe zu bewahren. Er kann den Richter überzeugen, dass ein lebender Spitzenspion der Feindseite unter Umständen hilfreich sein kann, falls ein US-Spion einmal in eine ähnliche Situation geraten sollte. Schon bald stellt sich heraus, dass Donovan damit recht behalten wird.

Bridge of Spies - Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Nachdem der Pilot Gary Powers mit seinem Super-Spionage-Flugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde, wird Donovan von CIA-Chef Allan Dulles mit einem Geheimauftrag nach Ostberlin geschickt, um den Austausch Abel gegen Powers zu verhandeln. Natürlich nicht als offizieller Vertreter der Vereinigen Staaten, sondern total inoffiziell. Denn offiziell würden beide Supermächte niemals über solche Dinge reden. Und schon gar nicht miteinander.

Donovans Reise ins Herz der Finsternis, durch das gerade eine Mauer gebaut wird, gleitet daraufhin stark in Richtung Farce ab: Im vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Berlin erlebt Donovan allerlei haarsträubende Absurditäten. Das beginnt damit, dass er von der CIA in einem ungeheizten, heruntergekommenen, aber total geheimen Loch in Westberlin einquartiert wird, das man eher in Ostberlin erwarten würde, um dann mit einem Stadtplan in den Osten geschickt zu werden: „Sie sind auf sich gestellt. Von uns geht keiner mehr in den Osten. Viel zu gefährlich!“ erklären die wackeren CIA-Leute.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Aber Donovan tut natürlich, was er tun muss. Er macht sich im Schneegestöber auf dem Weg in den Osten, zur sowjetischen Botschaft, bei der er schließlich auch ankommt, nachdem ihn ein paar Berliner Jungs abgezogen haben, wie man das heute nennen würde: Sie waren scharf auf seinen schönen warmen Mantel. In der Botschaft wartet schon Abels deutsche Familie auf den Anwalt aus Amerika – irritierend genug: War Abel nicht mit einer Musikerin aus Moskau verheiratet?

Aber Donovan behält die Nerven, auch wenn er sich eine solide Erkältung geholt hat. Mit den Sowjets ist er vergleichsweise schnell einig. Aber da ist ja noch das Problem mit diesem Studenten – für das er mit einem  Vertreter der DDR verhandeln muss. Und diesem Anwalt Vogel (Sebastian Koch) ist mehr an der Anerkennung für seine Deutsche Demokratische Republik gelegen als an irgendwelchen humanitären Lösungen für dumme Jungs, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Außerdem hat Donovan ein Problem mit der korrekten, aber viel zu langen Bezeichnung für die UdSSR. Ständig „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ wiederholen zu müssen ist ihm zu kompliziert: „Können wir nicht einfach die Russen sagen?“ Ab und an schillert tatsächlich die Beteiligung der Coen-Brüder durch – für meinen Geschmack aber viel zu selten.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan und die neu gebaute Mauer (Tom Hanks) Bild: fox.de

Dafür wurden keine Mühen gescheut, das Berlin der frühen 60er Jahre so trostlos aussehen zu lassen, wie es gewiss auch ausgesehen hat – zwar sieht die echte Sowjetbotschaft ganz anders aus, aber geschenkt, es gibt genügend echte S-Bahnbögen, alte S-Bahnwaggons und so weiter, auch der hässliche Mauerstreifen ist leider kein bisschen übertrieben und die herzzerreißenden Szenen, wie die Menschen aus den Fenstern in den Westen springen, bevor diese vermauert werden, gab es damals tatsächlich.

Von der S-Bahn aus sieht Donovan auch, wie Menschen bei dem Versuch, den Todesstreifen zu überwinden, erschossen werden – natürlich ist er angemessen entsetzt. Später wird diese Szene spielberg-typisch noch einmal wiederholt – aber die Jugendlichen, die im sonnigen Brooklyn über die Zäune klettern, werden natürlich nicht erschossen, denn man befindet sich ja im goldenen Westen, in dem Freiheit, Freiheit und Doppelfreiheit über alles geht.

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Das ist einer dieser Missgriffe, die mich mittlerweile wirklich ärgern – mag sein, dass weiße Jugendliche in den 60er Jahren so etwas unbehelligt tun durften. Aber mittlerweile sollte auch ein Spielberg wissen, dass man in seinem Land durchaus erschossen werden kann, wenn man sich als Teenager in Nachbars Garage am Bier vergreift. Denn bedeutet Freiheit nämlich eigentlich: Dass jeder mit seinem Hab und Gut machen kann, was er will und dass die Menschenwürde eines jeden dabei scheißegal ist.

Aber darum geht es in dem Film gar nicht, hier geht es um Prinzipientreue und Aufrichtigkeit, was, das muss der Fairness halber gesagt werden, auch für den Antihelden Rudolf Abel gilt. Abel bleibt ebenfalls seinen Prinzipien treu und lässt sich trotz harter Verhöre und verlockender Angebote nicht dazu verleiten, sein Land zu verraten, nämlich die Sowjetunion. Insofern wird es Donovan trotz aller nachvollziehbaren Professionalität auch zu einem persönlichen Anliegen, diesen aufrechten Kerl Rudolf Abel zu retten. Ihm imponiert die Unerschütterlichkeit, mit der Abel sein Schicksal trägt – letztlich sind die beiden sich ziemlich ähnlich. Aber auch das ist typisch Spielberg: Das Lob des bescheidenen Helden, dessen Größe sich gerade darin zeigt, dass seine heroische Grundhaltung von jeweiligen Umfeld nicht gewürdigt (oder ihm gar zum Verhängnis) wird.

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Und das gleich auf verschiedenen Ebenen – als Donovan am Ende zu Frau und Kind zurückkehrt, hat er sogar die versprochene Marmelade dabei: Er hat seiner Frau nämlich gesagt, er sei zu einem Angelausflug in England, damit sie sich keine Sorgen macht. Aber so spielverderberisch wie Ehefrauen nun mal sind, sieht sie am Preisschild, dass die Marmelade aus dem Laden an der Ecke und nicht aus London kommt. Aber dank der Nachrichten, die bald darauf im Fernsehen zu sehen sind, erahnt sie, was ihr Mann tatsächlich getan hat, der oben vollständig angezogen aufs Bett gesunken ist. Natürlich verzeiht sie nun und ist, wie der Rest der Nation, die Donovan zuvor zu gern als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, nun mächtig stolz auf ihren Helden.

Wenn man auf so etwas steht, ist Bridge of Spies ein sehr gelungener Film.

Fun Fact: In diesem Film darf die Glienicker Brücke tatsächlich sich selbst spielen und wird nicht etwa von der Swinemünder Brücke dargestellt, wie das sonst oft der Fall ist. Aber für Steven Spielberg kann man das schon mal machen – kommt ja auch besser mit dem echten Wasser unter der echten Brücke statt der Bahngleise, die unter der Swinemünder verlaufen.

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Die 10 besten Serien 2015

1. Mr. Robot

Hier mögen die Meinungen auseinander gehen – ja, und ich bin auch nicht damit einverstanden, dass alles am Ende so ins Psychologische abgekippt ist – aber trotzdem ist diese Serie diejenige, die ich für die in vielerlei Hinsicht für die relevanteste Neuerscheinung des ganzen Jahres halte. Sowohl, was die Relevanz der behandelten Themen angeht, als auch, was die Erzählweise und die Ästhetik betrifft: Mr. Robot ist einfach auf der Höhe der Zeit.

Ein psychisch instabiler Held, der mit der Gesellschaft unzufrieden ist, und die neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche nutzt, um Dinge, an denen er sich stört, irgendwie in Ordnung zu bringen – was letztlich aber auch nicht so funktioniert, wie er sich gedacht hat: Das ist an sich schon eine ziemlich gute Idee. Und über die ganze Palette möglicher Bedrohungen im und durch das Internet von Stalking, herkömmlicher Cyberkriminalität, Identitätsdiebstahl, über Ashley Madison, den Sony Hacks und Anonymous bis hin zur ganz normalen Überwachung durch Google, Facebook, Amazon, Netflix oder den eigenen Arbeitgeber werden viele negative Aspekte der wunderbaren Vollvernetzung aufgegriffen.

Sam Esmail hat ein tolles Drehbuch abgeliefert, aus dem USA Network etwas Besonderes gemacht hat. Und natürlich ist Rami Malek super – aber auch alle anderen im Cast. Jeder Preis und jede Auszeichnung dafür ist mehr als angemessen. Insofern freut mich natürlich, dass es nun eine Menge Nominierungen für Mr. Robot hagelt – den Audience Award vom SXSW Film Festival hatte die Pilot-Folge ja schon gewonnen und Sam Esmail den Gotham Independent Film Award für die Breaktrough Serie 2015.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

2. Fargo

Die erste Staffel von Fargo war einfach der Hammer, aber auch die zweite bewährt sich – obwohl ich zugeben muss, dass ich mir nach einigen Teilen nicht mehr so sicher war: Jede Menge Leichen, aber ziemlich wenig roter Faden. Aber zum Staffelende nahm die Geschichte wieder deutlich an Fahrt auf und alles war wie erwartet wunderbar – und zwar nicht nur das bonbonbunte 70er-Jahre-Ambiente. Selten hat man so grandios aneinander vorbei geredete Dialoge erlebt wie die von Peggy und Ed. Und überhaupt die ganze Ausweglosigkeit dieser beiden Helden, die eigentlich ja einfach nur Verlierer sind, aber sich weigern, das einzusehen – das ist große Klasse. Aber auch Sheriff Larsson und State Trooper Lou Solverson werden durch die Auseinandersetzung mit dem hochkriminellen Gerhardt-Clan und seiner Konkurrenten schwer geprüft. Und dann ist da noch Lous krebskranke Frau Betsy, die ihr Schicksal tapfer trägt. Doch Coen-typisch gerät jeder noch so tiefe Griff in die Klischee-Kiste hier nicht zum Kitsch, sondern zu einer absurd komischen oder eben auch absurd tragischen Zuspitzung dieser ohnehin schon reichlich eigenwilligen Geschichte – was eben das Besondere dieser Serie ausmacht.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

3. Better Call Saul

Nicht ganz so haarsträubend wie die Ursprungsserie Breaking Bad, aber auch schlimm genug: Jimmy McGill, der schlecht bezahlte Pflichtverteidiger, der dumme Jungs aus dummen Situationen retten muss, in die sie sich selbst hineinmanövriert haben, entdeckt als Geschäftsmodell die Alten und Kranken. Die brauchen auch Beistand und ein vernünftiges Testament. Und wie wir erfahren, war Jimmy schon immer ein bisschen kriminell – als Slipping Jim hat er in seiner Heimatstadt darauf gelauert, dass Menschen sich bei Glatteis die Knochen brechen und Jimmy dann an der Schadensersatzklage mitverdienen kann. Dieses Modell funktioniert im warmen Süden aber nicht, wie er schnell feststellen muss – denn er legt sich leider mit dem Falschen an. Dafür steigert sich Jimmy mit eigenwilligen Mitteln zum Geheimtipp für die ganz hoffnungslosen Fälle. Als Running Gag gerät Jimmy immer wieder in Konflikt mit dem mürrischen Parkplatzwärter Mike Ehrmantraut, der früher einmal Polizist war. Aber, wie man auch Breaking Bad ja schon weiß, führt das Schicksal diese beiden zusammen – und jetzt erfahren wir, wie. Doch, Better Call Saul ist nicht Breaking Bad, aber diese Serie hilft einem zu verkraften, dass es nach Breaking Bad kaum noch etwas besseres geben kann.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

4. Sense8

Das vermutlich größenwahnsinnigste Serien-Projekt des Jahres dürfte Sense8 gewesen sein, und mal abgesehen von Games of Thrones, das weiterhin ohne mich stattfindet, war es bestimmt auch eins der teuersten: Drehorte auf der ganzen Welt, von Island über London, Berlin, Mexico City, San Francisco, Chicago, bis hin zu Nairobi, Mumbai und Seoul, und acht Hauptcharaktere, deren Geschichten und Leben miteinander in Beziehung stehen, obwohl sie einander noch nie gesehen haben. Und obwohl ich eigentlich nicht so sehr auf Mysterien und Übernatürliches stehe, hat mir Sense8 alles in allem doch großen Spaß gemacht, weil die Helden letztlich dann doch normal genug waren, um als Zuschauer ihre Probleme noch ernst nehmen zu können. Mir hat auch gefallen, dass man etwa durch den Kenianer Capheus (Aml Ameen) auch etwas über den Alltag in Nairobi („Welcome to Nai-Robbery“ sagt der Gangster, der den Bus überfällt) erfährt oder die Inderin Kala über die gesellschaftlichen Spannungen auf dem indischen Subkontinent. Die Vielseitigkeit war eindeutig ein Plus, auch wenn hier natürlich auch viele eigenartige Klischees anzutreffen waren. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass in Berlin nur russische und jüdische Gangster leben und ganz San Francisco eine einzige Pride-Parade ist. Und auch wenn ich die Story ingesamt reichlich konfus und alles in allem doch etwas schwach finde, spielt das letztlich keine Rolle: Sense8 waren zwölf Stunden bildgewaltige Unterhaltung aus dem globalen Wachowski-Universum, das hat sich allein deshalb schon gelohnt.

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

5. Halt an Catch Fire

Die meiner Ansicht nach unterschätzteste Serie derzeit ist Halt and Catch Fire – ein wirklich sehenswertes Retro-Drama über die beginnende Computerisierung von Arbeitswelt und Alltag zu Beginn der 80er Jahre. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel, die in diesem Sommer heraus gekommen ist, stehen nun die noch sehr junge, aber sehr begabte Programmierin Cameron und die Technik-Expertin Donna, die beide gemeinsam ein Internet-Start-Up gegründet haben, wie man heute sagen würde: In einem mit Technik vollgestellten Haus werkeln sie gemeinsam mit einer Horde Nerds an der Zukunft der Online-Spiele. Und natürlich ist das alles nicht so einfach – es gab damals ja noch keine Infrastruktur, die für solche Anwendungen vorgesehen war. Außerdem tun sich die Männer mit den neuen Rollenbildern schwer – dass Frauen arbeiten gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist in den USA zwar normal, aber normal ist eben auch, dass sie sich nebenbei noch um Mann und Kinder kümmern – was Donna bei ihrem Arbeitspensum einfach nicht schafft. Es geht also nicht nur um neue Technik und wie man daraus ein Geschäftsmodell machen kann, sondern unter anderem auch um die bis heute nicht gelöste Frage, wie frau Arbeitsleben und Familie unter einen Hut bekommt.

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6. Narcos

Narcos ist die realistische Variante von Breaking Bad – die Geschichte des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar und dem Aufstieg seines Medellín-Kartells zu einer der mächtigsten Organisationen im internationalen Drogengeschäft. Auch diese Serie spielt in den späten 70er und den 80er Jahren und zeigt unter anderem, wie schwierig es damals ohne Internet und Handy war, Leute gezielt zu überwachen und abzuhören. Die Handlung wird aus der Sicht des DEA-Agenten Steve Murphy und dessen Partners Javier Pena erzählt, die mit der Zeit selbst mehr und mehr in den Sumpf aus Korruption und Gewalt gezogen werden, mit denen das Kartell das ganze Land überzieht. Die Serie ist gnadenlos, brutal und kein bisschen lustig – aber sie zeigt, wie das Drogengeschäft und das Geld, das sich damit verdienen lässt, eine komplette Gesellschaft unterminiert. Und das ist nicht mal die hässlichste Variante des Kapitalismus.

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

7. Master of None

Tatsächlich hat es mit Master of None eine echte Comedy in meine Bestenliste geschafft. Es ist ja nicht so, dass Fargo oder Better Call Saul nicht auch zum Teil sehr lustig wären, aber es gibt ja mittlerweile zumindest für die Emmy-Nominierungen inzwischen eine knallharte Definition, was bitte schön Drama- und was Comedy-Serie sei: Serien mit Teilen unter 30 Minuten sind Comedy, Serien mit 40-55 Minuten-Teilen sind Drama – egal ob lustig oder nicht. Master of None ist also Comedy und tatsächlich auch sehr lustig: Aziz Ansari ist ein Meister darin, die Absurditäten des New Yorker Alltags von nicht mehr ganz jungen Immigranten-Kindern auf den Punkt zu bringen, die es in jeder Beziehung besser haben als ihre Eltern, aber einfach keine Lust, daraus etwas zu machen, worauf ihre Eltern stolz sein könnten. Ihre größte Sorge ist, wie das nächste Date verläuft und dass es dann ein weiteres gibt. Klingt unspektakulär – aber genau das macht den Charme der Sache aus.

Master of None

Master of None

8. The Man in the High Castle

Doch, diese Retro-Sci-Fi-Serie aus dem Hause Amazon sollte man gesehen haben – so verstörend waren die 60er Jahre noch nie. New York im Look von Berlin 1936, japanische Straßenschilder in San Francisco und eine Gesellschaft, in der es normal ist, dass Menschen verschwinden, vergast werden und als Ascherregen auf blühende Wiesen niedergehen – es ist ja nicht so, dass es das nicht tatsächlich schon gegeben hätte. Genau das ist ja so erschreckend daran – und auch, wie bereitwillig sich die Menschen unter unmenschlichen Umständen anpassen, weil sie für sich hoffen, irgendwie davon zu kommen. Und wer dabei nicht mitmachen will, riskiert sein Leben – und das seiner Mitmenschen. Was also tun, wenn es keine Lösung gibt, bei der man sich gegen unerträgliche Zustände wehren und gleichzeitig mit dem Leben davon kommen kann?

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

9. Hand of God

Eine weitere Amazon-Serie, die ich in diesem Jahr sehenswert fand, ist Hand of God, ein Psychodrama über den einflussreichen Richter Parnell Harris, der durch den Selbstmord seines einzigen Sohnes Zuflucht in der Religion sucht und sich auf einen fatalen Rachefeldzug begibt. Es geht auch hier um Geld und Korruption, Macht und Intrigen. Und darum, ob es nun Gottes Wille ist, der Pernell dazu bringt, dass Recht in die eigenen Hände zu nehmen, oder nicht viel mehr sein eigener. Es gibt erstaunlich wenig Serien, die sich damit beschäftigen, was Menschen überhaupt motiviert, an Gott (in welcher Form auch immer) zu glauben – insofern ist Hand of God tatsächlich mal etwas anderes, auch wenn die Geschichte, die hinter dem Selbstmord des Sohnes dann auch wieder nicht dermaßen originell ist. Aber auf jeden Fall solide Serienkost mit interessanten Charakteren.

Hand of God - Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Hand of God – Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

10. Deutschland 83

Gut, als bei der einzigen deutsche Serie, die ich in diesem Jahr ganz interessant fand, spielt bei Deutschland 83 ein erheblicher Mitleidsbonus mit – bei den RTL-Zuschauern ist der Achtteiler über den Stasi-Spion wider Willen ja komplett durchgefallen. Aber ganz ehrlich: Das hat RTL sich nun wirklich selbst zuzuschreiben. Denn wer eine solche Serie sehen will, der wartet nicht, bis sie endlich mal im deutschen Fernsehen läuft. Und dann noch auf einem Sender, der einem nur von nerviger Werbung unterbrochene Handlungshäppchen anbietet. Also ehrlich: Ein echter Serien- oder Filmfan akzeptiert keine Werbeunterbrechungen. Früher half da nur die Aufzeichnung, aus der man die Werbung halt rausschneiden konnte, heute gibt es entsprechende Angebote im Internet.

Und noch was, RTL: Die Zielgruppe für eine halbwegs gute Serie über deutsch-deutsche Geschichte sieht sich am Donnerstagabend schon die Serie auf arte an – da kommen auch immer zwei Teile hintereinander und zwar ohne Werbung. Die Idee, einfach mal zu versuchen, Zuschauer, die man verloren hat, mit guten Inhalten zurückzugewinnen, ist prinzipiell eine gute. Aber in heutigen Zeiten reicht das halt nicht mehr – die Leute wollen ihre Serien dann ansehen, wenn sie Zeit und Lust dazu haben. Und nicht, wann ein Sender meint, sie senden zu müssen.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

11. Jessica Jones

So, und was wäre mein 10. Platz ohne Mitleidsbonus gewesen? Jessica Jones. Ich kann zwar sonst nicht viel mit Marvel anfangen, überhaupt bin ich eine Comic-Banausin – nicht aus einer prinzipiellen Missachtung des Genres heraus, aber ich lese trotzdem lieber Bücher ohne Bilder. Und wenn Bild, dann doch gleich Film. Aber das funktioniert für mich auch nicht immer: Daredevil beispielsweise war definitiv nicht mein Ding – aber die düstere Privatdetektivin aus New York hat mich jetzt doch überzeugt: Allein der Vorspann und die Musik dazu, und natürlich Krysten Ritter – die verhängnisvolle Jane Margolis aus Breaking Bad. Und dann die Idee, eine alkoholsüchtige Ex-Superheldin auf einen gewissenlosen Superfiesling loszulassen, der anderen Menschen seinen Willen aufzwingen und sie damit zu den Schrecklichsten Dingen bringen kann, das hat schon was. Es geht um Missbrauch und Schuld und die Frage, wie man sich aus Abhängigkeiten und der Opferrolle befreien kann. Das ist ein gutes und wichtiges Thema. Endlich eine Frauenserie, die mich nicht nervt!

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Natürlich gab es noch eine Reihe weiterer Höhepunkte im Serienjahr 2015 – zu denen komme ich noch in weiteren Blogeinträgen.

Jessica Jones: Superheldin wider Willen

Das Marvel-Universum ist nicht gerade meine Heimat – überhaupt bin ich eine Comic-Banausin. Ich mag Bücher und ich mag Serien – aber diese gezeichneten Superheldengeschichten waren nie mein Ding. Ja ich weiß, es gibt ganz tolle Sachen in diesem Bereich und insbesondere die Belgier haben das Bande dessinée zu einer gehobenen Kunstform entwickelt – es ist keineswegs so, dass ich das komplette Genre nicht ernst nehmen würde. Aber ich habe halt andere Interessen und Prioritäten. Und die meisten Comic-Superhelden gehen mir einfach auf die Nerven – und vor allem nervt mich, dass diese ganzen Marvel-Superhelden-Filme diese öde Blockbuster-Monokultur zementieren, die seit Jahren dafür sorgt, dass man im Kino keine echten Überraschungen mehr erlebt.

Ja, man kann zwei Stunden Spaß haben und so teuer wie das alles ist, ist es natürlich auch gut gemacht – man hat auch keine negative Überraschung. Aber dieses Gefühl, gerade etwas Ungeheures erlebt zu haben, das die Sicht auf die Welt, wie man sie vorher hatte, irgendwie verändert – das hatte ich lange nicht mehr. Wobei na klar – früher war es einfach, die Leute zu beeindrucken, weil es ja vieles zuvor noch nicht gegeben hatte. Und dann ein Film wie Blade Runner. Oder wie Brazil. Womit ich nicht sagen will, dass es keine guten Filme mehr geben würde – in meinem Blog habe ich ja schon eine Menge davon besprochen. Aber ich schweife ab: Marvel. Netflix. Jessica Jones.

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Erstaunlich gut – meine mittlerweile erwachsenen Kinder haben mir diese Serie unabhängig voneinander empfohlen, nach dem Motto: „Ich weiß ja, dass du es nicht so mit Marvel hast, aber…“. Und ich dachte mir, wenn die beiden Jessica Jones gut finden – und sie finden keineswegs immer dasselbe gut – dann könnte es sich lohnen, hineinzusehen. Und es hat sich gelohnt, denn ich habe durchaus etwas übrig für Privatdetektive, insbesondere, wenn sie zum Frühstück schon billigen Bourbon trinken und auch sonst unleidlich sind. Und wenn sie dann auch noch so aussehen wie Krysten Ritter, die fatale Jane Margolis aus Breaking Bad. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, dass Frauen geniale, immer schlecht gelaunte Serien-Helden mit unterdurchschnittlicher Sozialkompetenz sein dürfen – insofern gibt es hierfür einen Extrabonus.

Jessica Jones ist verbissen wie Kommissarin Lund, stark wie Pippi Langstrumpf und cool wie Philip Marlowe. Und ein bisschen erinnert sie mich an meine Lieblingsheldin ever – die Eisexpertin Smilla Jaspersen aus Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg. Smilla ist keine Superheldin im marvelschen Sinne, aber sie hat, dank ihrer Mutter, die Inuit war, besondere Fähigkeiten: Sie kann Spuren im Schnee lesen, sie weiß, wie man im ewigen Eis überlebt und sie lässt sich von niemanden beeindrucken. Die Konventionen der dänischen Gesellschaft sind ihr herzlich egal – auch wenn sie die Position ihres Vaters, der ein angesehener Herzchirurg in Kopenhagen ist, durchaus für sich zu nutzen versteht.

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Bei Jessica ist das alles weniger subtil motiviert – das genau ist es, was ich an diesen Marvel-Stories ja kritisiere. Es gibt immer diese haarsträubenden pseudo-wissenschaftlichen Erklärungen, die alles noch viel schlimmer machen: Hier ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment und dort einen tragischen Unfall und plötzlich haben die Betroffen übermenschliche Fähigkeiten. Was für ein Blödsinn, aber egal, wir sind hier ja im Reich der Fiction, wieso also nicht. Auch wenn dieses ganze Superheldentum totaler Bullshit ist – Spaß macht es irgendwie doch. Und natürlich ist es schon irgendwie cool, dass Jessica Vorhängeschlösser einfach mit einem Ruck aufziehen kann wie andere ihre Schnürsenkel. Da stört es dann auch nicht, dass es auch noch andere Typen besonderen Begabungen gibt, Luke Cage (Mike Colter) etwa, der eine unkaputtbare Haut hat oder und dann natürlich Kilgrave (David Tennant), der bad guy der Serie, der die Fähigkeit hat, anderen seinen Willen aufzuzwingen.

Aber natürlich ist auch der fiese Kilgrave das Opfer eines zweifelhaften Experiments, das seine Eltern – beide besessene und ziemlich zwielichtige Wissenschaftler – an ihm vorgenommen haben. Wobei sich herausstellt, dass sie es alles gar nicht so böse gemeint haben, wie es erst aussah und sich für den kleinen Kevin anfühlen musste. Eltern sind hier überhaupt ziemlich böse – auch die Mutter von Jessicas Adoptivschwester Trish Walker (Rachael Taylor), die Jessica nach dem Unfalltod ihrer Eltern und ihres Bruders adoptiert hat. Die ehrgeize Dorothy hat ihre Tochter Trish durch harten Drill zu einem Kinderstar aufgebaut, aus dem später eine erfolgreiche Radiomoderatorin geworden ist.

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Jessica (Kristen Ritter) und Trish (Rachael Walker)

Trish ist der einzige Mensch, an dem Jessica wirklich etwas liegt und wie sich herausstellt, auch ohne Superkräfte ziemlich überlebenstüchtig – Tigermama sei dank. Und dann gibt es noch Jessicas drogensüchtigen Nachbarn Malcolm (Eva Darville), der eigentlich Sozialarbeiter werden wollte, aber selbst irgendwie auf die schiefe Bahn gerät, den guten Cop Will Simpson (Wil Traval), ebenfalls ein Opfer von Kilgrave, der sich in Trish verliebt und die abgefeimte Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss), über die Jessica zumindest einen Teil ihrer Aufträge bekommt.

Eines Tages soll Jessica für Barbara und Bob Shlottman ihre Tochter Hope finden. Hope ist nämlich ein gutes Mädchen – die verschwindet nicht einfach so. Natürlich nicht. Jessica findet heraus, dass Hope ein ähnliches Schicksal erleidet wie sie selbst – sie ist in die Fänge von Kilgrave geraten. Jessica war ebenfalls ein Opfer von Kilgrave – er hat sie dazu gebracht ihn zu lieben und sie für seine Machenschaften benutzt. Das ist ein wichtiges Thema der Serie: Missbrauch und wie die Opfer damit umgehen. Wie kommt man aus der Opferrolle wieder raus?

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Kilgrave (David Tennant)

Nachdem Kilgrave Jessica dazu gebracht hat, für ihn einen Mord zu begehen, ist ihr die Flucht gelungen – aber wie sich nun herausstellt, ist er noch immer hinter ihr her. Kilgrave benutzt Hope, um sich an Jessica zu rächen, so bringt er Hope dazu, ihre eigenen, ausnahmsweise mal gar nicht so üblen, Eltern zu ermorden. Und Jessica gibt sich tatsächlich die Schuld daran – auch wenn sie natürlich gar nichts dafür kann, denn es ist ja Kilgrave, der hinter allem steckt.

Aber genau das ist die Entwicklung, die Jessica durchmachen muss – sich eben nicht mehr für die Dinge, für die sie nun wirklich nichts kann, schuldig zu fühlen, sondern stattdessen die Dinge zu ändern, die sie  – und nur sie – ändern kann. Und weil es sehr schwer ist, jemanden zur Strecke zu bringen, der jeden in seinem Umfeld nach Belieben nach seiner Pfeife tanzen lassen kann, muss Jessica jetzt das werden, was sie eigentlich nie sein wollte – eine Superheldin.

Eine Superheldin wider Willen, die sich eigentlich lieber in ihrer schäbigen Detektei – praktischerweise ist ihr Büro zugleich auch ihre Wohnung oder umgekehrt – zu Tode saufen würde, wenn sie nicht gerade für Jeri Hogarth in der dreckigen Wäsche ihrer Mandanten wühlen muss, das ist dann doch nach meinem Geschmack. Und Jessica ist eine tolle Rolle für Krysten Ritter, die herrlich ruppig, wütend und dann auch wieder verzweifelt und verletzlich sein kann. Natürlich ist auch David Tennant als Kilgrave ein überzeugender Bösewicht – es lohnt sich schon allein wegen seines britischen Akzents die Originalversion anzusehen. Doch, ja, Jessica Jones hat mich überzeugt: Wenn schon eine Superhelden-Serie, dann diese.

Nazis in New York: The Man in the High Castle

Auf The Man in The High Castle war ich sehr gespannt, schon weil Blade Runner einer meiner absoluten Lieblings-Science-Fiction-Filme ist. Und Blade Runner ist eine Verfilmung des Romans Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von Philip K. Dick. Vom selben Autor stammt auch die Vorlage für die Fernsehserie The Man in The High Castle, die von Frank Spotnitz und Ridley Scott für Amazon produziert wurde.

Der 10-Teiler spielt in einer fiktiven Vergangenheit, in der die Achsenmächte Deutschland und Japan den zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA unter sich aufgeteilt haben: Der Westen bis zu den Rocky Mountains sind nun die Japanese Pacific States, der Osten gehört zum Greater Nazi Reich. Dazwischen gibt es eine neutrale Zone, in der allerlei windige Gestalten Zuflucht suchen – die restriktiven Gesetze der beiden faschistischen Weltreiche gelten hier nicht, aber wirklich sicher ist hier auch niemand.

Screenshot: The Man in the High Castle: Times Square NY

Screenshot: The Man in the High Castle: Times Square NY

Die Handlung setzt im Jahr 1962 ein, also in der Zeit, in der der Roman geschrieben wurde, der 1964 erschien. Der Führer ist noch am Leben, aber Adolf Hitler ist inzwischen alt und krank. Um seine Nachfolge ist bereits ein Machtkampf im Gange – und die Japaner befürchten nicht zu Unrecht, dass Hitlers Nachfolger die derzeitige Politik des Teile und Herrsche gegenüber den Japanern aufkündigen wird. In New York – das auch unter den ganzen Nazi-Fahnen eindeutig zu erkennen ist – meldet sich der junge Joe Blake (Luke Kleintank) für eine Mission einer Widerstandsbewegung, die vor allem aus US-Veteranen besteht, die im Krieg gekämpft haben und sich nun mit der Nazi-Herrschaft nicht abfinden wollen. Der Junge kann die alten Füchse davon überzeugen, dass er das Richtige tun will, und sie schicken ihn mit einem Lastwagen voll Kaffeemaschinen auf den langen, gefährlichen Weg in die neutrale Zone. Was er eigentlich transportieren soll, verraten sie ihm aber nicht.

Zur gleichen Zeit wird Juliana Crain (Alexa Davalos)  in die Aktivitäten einer westlichen Widerstandsgruppe verwickelt, die in San Francisco agiert. Genau wie New York ist San Francisco ganz im Stil der Besatzungsmacht „verkleidet“, man erkennt die wichtigen Sights, aber alles ist mit japanischen Symbolen geschmückt – und eine Nummer kleiner als im Greater Nazi Reich. Die Deutschen sind den Japanern in Sachen Wirtschaftskraft und Technologie überlegen – das wird von den Japanern selbst sogar immer wieder erwähnt.

Screenshot: The Man in the High Castle

Screenshot: The Man in the High Castle

In New York fährt die U-Bahn – moderne Monorail-Züge mit Hakenkreuzen und entsprechender Beschriftung natürlich und es gibt auch ein paar Szenen, die in Berlin spielen, das ganz im Welt-Hauptstadt-Germania-Stil präsentiert wird, ebenfalls mit einer schicken neuen Hochbahn, die vom Brandenburger Tor zu Siegessäule donnert. Ansonsten erkennt man auch Berlin problemlos wieder – es sieht halt aus wie 1936 plus der gigantischen Kuppel der Ruhmeshalle.

Die Nazis haben auch Überschall-Flugzeuge im Einsatz, die wie reichlich überdimensionierte Concordes aussehen, sie haben die H-Bombe und jede Menge modernes Überwachungsgerät – und natürlich sind sie knallhart gegen ihre Feinde, aber auch gegen sich selbst: Wer schwach ist und versagt, wird eliminiert. Da sind sie genauso gnadenlos und konsequent wie die Japaner mit ihrer Samurai-Tradition.

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Nazi-Botschaft in San Franzisco

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Nazi-Botschaft in San Franzisco

Es lohnt sich schon, die Serie allein wegen des ausgeklügelten Designs anzusehen: Die 60er Jahre einmal ganz anders – eben nicht cool und dekadent wie in Mad Men, sondern verstörend überlagert von 1984-Elementen und den allgegenwärtigen Nazi-Symbolen. Diese ganzen grandiosen Wolkenkratzer von Manhattan sind gigantische Fahnenständer für die Nazis, und natürlich funktionieren solche Gebäude im faschistischen Staat genauso gut für die Demonstration von Überlegenheit und Macht wie im kapitalistischen, äh, freiheitlich-demokratischen.

Nur dass die Interieurs der Nazis durchweg deutlich geschmackloser sind als die der Japaner – das Büro von Handelsminister Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa) ist ähnlich stilvoll eingerichtet wie das von Bert Cooper in Mad Men, der ja auch einen Faible für Fernöstliche Kultur hatte. Nur dass Tagomi kein Fan dieser Kultur ist, sondern sie wahrhaft verkörpert. Wie auch andere der reichen Japaner, die in geschmackvoll eingerichteten Villen inmitten von liebevoll gepflegten japanischen Gärten in den Vororten von San Francisco leben – und einerseits begierig darauf sind, von den einheimischen Bewohnern zu lernen und dann mit Befremden feststellen, dass diese nicht unbedingt auf schräge Negermusik stehen, wenn sie ihre erlesenen Jazz-Platten auflegen und auch nichts für entartete Kunst übrig haben.

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Unter vielen rätselhaften Figuren in dieser Geschichte ist Nobusuke Tagomi eine der rätselhaftesten – er lebt nach den 5000 Jahre alten Gesetzen des I Ging, das er regelmäßig befragt und zeigt immer wieder tiefe menschliche Weisheit und Anteilnahme, ganz anders als sein Gegenspieler Inspektor Kido (Joel de la Fuente) von der japanischen Geheimpolizei. Die Kempeitai steht der Gestapo in nichts nach – wie zu erwarten ist, wird willkürlich verhaftet, gefoltert, Menschen werden eingeschüchtert, gebrochen und zur Kollaboration gezwungen, Menschen verschwinden und werden umgebracht, und wer das Pech hat, jüdische Vorfahren zu haben oder unheilbar krank zu sein, wird in hübsch möblierten und mit einem Fernseher ausgestatteten Gaskammern schmerzlos eingeschläfert – da sage doch keiner, dass es keinen Fortschritt gebe.

Screenshot: The Man in the High Castle: Rudolf Wegener und Handelsminister Tagomi

Screenshot: The Man in the High Castle: Rudolf Wegener und Handelsminister Tagomi

Tagomi versucht, die Welt zu retten, oder wenigstens das Japanische Reich, dazu trifft er sich mit dem hochrangigen Nazi Rudolf Wegener (Carsten Norgaard), der mit einem gefälschten schwedischen Diplomatenpass in die Pacific States reist, um Tagomi inoffiziell über die brisante Lage in Berlin zu informieren – und den Japanern die Formel für die H-Bombe zu übergeben, über die bislang nur die Nazis verfügen. Wegener will damit ein Gleichgewicht des Schreckens etablieren, das die Nazis von einem atomaren Erstschlag abhält – die Idee kommt einem bekannt vor. Natürlich wird Wegener noch für diesen Verrat bezahlen müssen. Aber er tut das alles, um einen weiteren Weltkrieg mit vielen Opfern durch den Einsatz von Atombomben zu verhindern.

Währenddessen kursieren im Untergrund Filme, die von jenem geheimnisvollen Man in the High Castle produziert werden – sie zeigen alternative Realitäten. Einer von ihnen mit dem Titel The Grashopper Lies Heavy fällt Juliana in die Hände – ihre Schwester Trudy drückt ihr die Filmrolle in die Hand, kurz bevor sie von der japanischen Geheimpolizei gestellt und erschossen wird. Juliana ist entsetzt und natürlich auch neugierig, wofür ihre Schwester ihr Leben riskiert hat und sieht sich den Film immer wieder an: Er zeigt, wie die japanischen und deutschen Truppen von den Alliierten besiegt und Nazisymbole zerstört werden: Eine andere Welt ist möglich!

Screenshot: The Man in the High Castle: Juliana beim Aikido-Training

Screenshot: The Man in the High Castle: Juliana beim Aikido-Training

Julianas Freund Frank Frink (Rupert Evans) will, dass Juliana den Film der Polizei übergibt. Er hat seine Gründe, vorsichtig zu sein – nicht nur, dass er Künstler ist und seine Kunst als entartet gilt, er hat auch jüdische Vorfahren. Deshalb lebt er nun ein bescheidenes und angepasstes Leben mit einem Job in einer Waffenschmiede, in der Revolver hergestellt werden, die nicht schießen. Denn privater Waffenbesitz ist natürlich verboten – es sei denn, es geht um historische Waffen, die zu hohen Preisen beim Antiquitätenhändler gekauft werden können. Aber Juliana weigert sich – dann wäre der Tod ihrer Schwester ja vergeblich gewesen. Als sie von weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe kontaktiert wird, beschließt sie, den Film wie von ihren gefordert in die neutrale Zone zu schmuggeln. Als Frank am nächsten Tag bei der Arbeit ist, fährt sie los – und lässt ihre Halskette mit dem Herz zurück, das Frank für sie geschmiedet hat.

Natürlich hat diese Entscheidung weitreichende Konsequenzen – insbesondere für Frank und seine Familie, aber auch für Juliana. In der neutralen Zone trifft sie auf Joe, der vergeblich auf seinen Kontakt wartet. Joe hat inzwischen heraus gefunden, was er eigentlich transportiert – eine Filmrolle. Dreimal darf man raten, was drauf steht. Juliana ist unterwegs bestohlen worden – sie besitzt nur noch, was sie auf dem Leib hat – zum Glück hatte sie den Film im Futter ihres Mantels versteckt. Und Ironie des Schicksals – die Diebin wird später als Juliana Crain verhaftet, schließlich hatte sie Julianas Papiere und ihre Sachen bei sich. Juliana sucht und findet einen Job in einem Café und wartet ebenfalls auf ihre Kontakt – doch sie ist damit ähnlich erfolglos wie Joe. Der, wie sich bald herausstellt, ein Spitzel der Nazis ist, der die Widerstandsbewegung unterwandern soll.

Screenshot: The Man in the High Castle: Frank bei der Arbeit

Screenshot: The Man in the High Castle: Frank bei der Arbeit

Joe berichtet direkt an Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell), der gebürtiger Amerikaner, aber hundertprozentiger Nazi ist. Smith ist in New York gerade knapp einem Anschlag entkommen, was ihn in seinem Verdacht bestärkt, dass es in seinem Apparat einen Maulwurf geben muss. Natürlich ist er bei der Suche nach dem Verräter sehr effektiv und skrupellos. Und er ist enttäuscht, dass die Mission von Joe offenbar ein Fehlschlag ist. Er beordert seinen Spitzel zurück nach New York, wo er ihn zu sich nach Hause einlädt – denn wie viele ordentliche Nazis ist Smith ein Familienmensch, er hat eine prächtige Hausfrau, einen tüchtigen Sohn und zwei süße Töchter. Und er ahnt, das Joe ihm nicht alles erzählt hat, was in der neutralen Zone vorgefallen ist und stellt ihm eine Falle. Und Joe, der inzwischen Juliana kennengelernt und den Film gesehen hat, ist sich nicht mehr so sicher, was das Richtige, das er tun will, denn eigentlich ist. Smith gibt Joe eine letzte Chance und schickt ihn an die Westküste – dort ist ein neuer Film aufgetaucht. Joe soll die dortigen Widerständler kontaktieren und den Film besorgen.

Screenshot: The Man in the High Castle: Joe Blake und die Kollegen vom Widerstand

Screenshot: The Man in the High Castle: Joe Blake und die Kollegen vom Widerstand

Zurück in San Francisco erfährt Juliana, dass Frank in der Zwischenzeit noch einiges mehr durchgemacht hat, als sie selbst – wobei sie immerhin mehrfach in großer Gefahr war und in Notwehr einen Mann getötet hat, den sie erst für ihren Kontakt hielt. Joe hat ihr entgegen seines Auftrags bei der Flucht aus der neutralen Zone geholfen. Franks Schwester und ihre Kinder wurden von der Kempeitai ermordet, weil Frank Juliana nicht verraten wollte. Frank selbst wurde verhaftet und misshandelt – in der Nachbarzelle saß ein besonders renitenter Gefangener, der Frank klar gemacht hat, dass es manchmal eben um den Widerstand an sich geht, und nicht darum, einfach nur seine Haut (oder in dem Fall die Haut anderer) zu retten. Genau diese Haltung würde ja dazu führen, dass die Gewaltherrschaft immer weiter funktioniere. Und obwohl Frank dieses Stillhalten und Wegducken bisher ja als seine Überlebensstrategie vertreten hat, lässt er sich das irgendwie einleuchten – er verweigert sich solange, bis zu spät ist. Als sich dann herausstellt, dass eine Juliana Crain verhaftet wurde, lässt Inspektor Kido Frank laufen: „Sie haben genug gelitten. Ich bin ja kein Monster.“

Screenshot: The Man in the High Castle: Odergruppenführer John Smith verhört einen Gefangenen

Screenshot: The Man in the High Castle: Odergruppenführer John Smith verhört einen Gefangenen

Natürlich führt das alles bei Frank zu einer gewissen Radikalisierung. Es passiert in den noch kommenden Teilen noch allerlei – wobei mir das ganze Hin-und-her am Ende doch etwas zu viel wird: Kaum jemand ist tatsächlich der, der er zu sein vorgibt – in einem System der ständigen Überwachung ist man in der Regel auch gut beraten, das zu tun, was von einem verlangt wird. Das ist andererseits auch wieder, was ich an dieser Serie gut finde: Dieses Klima der Angst und des allgegenwärtigen Misstrauens. Es wird gezeigt, was es mit den Menschen macht, die in einem Überwachungsstaat leben müssen, der fundamentalste Menschenrechte nicht anerkennt: Die Leute resignieren, passen sich an, halten den Kopf unten, machen irgendwann mit oder werden verrückt. Einige wehren sich – und bringen  sich selbst und andere in Schwierigkeiten.

Die Moral von der Geschichte wird auch am Ende nicht wirklich klar – was für mich aber ein Plus ist. Der Widerstand wird nicht glorifiziert, sondern es wird immer wieder die Frage gestellt, ob es das alles am Ende wert ist: Die vielen Opfer, das ganze Leid. Durch Julianas Impuls, nach dem gewaltsamen Tod ihrer Schwester das Richtige zu tun, kommen eine ganze Menge Menschen zu Schaden.

Screenshot: The Man in the High Castle: In den Straßen von San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In den Straßen von San Francisco

Andererseits ist aber auch klar: Wer sich nicht gegen diese unzumutbaren Zustände wehrt, macht sich ebenfalls mitschuldig am Leid und Tod von Menschen. Ohne die vielen kleine Räder im Getriebe funktioniert der ganze Laden nicht.

Juliana und Frank haben so oder so Blut an ihren Händen, sie haben Menschen umgebracht oder zugelassen, dass sie umgebracht werden. Und am Ende tricksen sie sogar ihre Mitverschwörer vom Widerstand aus, um den Nazispitzel Joe zu retten, damit der sich mit dem gesuchten Film, für den inzwischen eine ganze Menge Menschen dran glauben mussten, nach Mexiko absetzen kann. Aber es gibt eben auch unter den Nazis bessere und schlechtere Menschen, genau wie unter den Japanern und den Amerikanern. Und es gibt offenbar auch bessere und schlechtere alternative Realitäten. Wir haben hier eine der ganz üblen gesehen, aber ich kann mir ehrlich gesagt auch deutlich bessere vorstellen, als die, die wir gerade live erleben.

Um zu erfahren, was das alles jetzt sollte und was es mit den Filmen und dem Man in the High Castle nun tatsächlich auf sich hat, braucht es wohl noch mindestens eine weitere Staffel. Wobei derzeit noch nicht klar ist, ob es die geben wird.

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Siegermächte unter sich

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Siegermächte unter sich

Kleines Detail am Rande – obwohl im westlichen Teil der USA die Japaner und im östlichen die Nazis das Sagen haben, wird natürlich meistens Englisch gesprochen, zum Teil natürlich mit asiatischem oder mit nordischem Akzent, was schon ziemlich lächerlich ist. Genau wie die Bezeichnung Greater Nazi Reich – die Nazis hätten das vermutlich eher Reichsgebiet West-Atlantik Übersee oder Deutsch-Amerika Nord-Ost genannt. Und eigentlich müssten die Nazis natürlich immer Deutsch und die Japaner miteinander Japanisch sprechen. Das tun sie aber nur gelegentlich – und ich vermute, dass das Japanisch in dem Fall auch nicht besser ist als das Deutsch, das gesprochen wird. Das wurde bei Homeland oder Narcos (in dem Fall natürlich mit Spanisch) besser gelöst. Aber verbuchen wir das einfach unter Verfremdungseffekt.

Transparent: Alles nicht so einfach

Vor einigen Tagen bin ich einmal wieder schwach geworden und habe mich zu einer Prime-Probezeit hinreißen lassen – das ist ja gerade vor Weihnachten  auch praktisch, wenn die Kinder täglich mit neuen Wunschlisten kommen und man sich vor nimmt, endlich auch mal den Eltern etwas abseits der üblichen Eltern-Geschenke schenken zu wollen. Ob das gut ausgeht?

Und dann gibt es ja auch noch das Film- und Serienangebot, was das eigentliche Motiv des Serienjunkies ist. Und ja, seien gibt es auch bei Amazon einige, die wirklich interessant sind. Der Wettstreit zwischen Amazon und Netflix hat in dieser Beziehung wirklich etwas Gutes – so finde ich sehr löblich, dass Amazon die Serie des Sommers 2015 – Mr. Robot – allen Prime-Kunden zur Verfügung stellt. Ich hätte es natürlich auch okay gefunden, wenn Netflix das getan hätte – aber diesen Stich hat eben Amazon gelandet. Ich hoffe, dass die Amazon-Nutzer das auch kapieren und die Serie ansehen, denn die ist wirklich toll – dazu habe ich aber schon genug geschrieben. Aber man kann es ja nicht oft genug sagen, wenn etwas wirklich gut ist.

Transparent-Serie

Nun gibt es aber auch Amazon-Original-Serien, die ziemlich gut sind, Hand of God habe ich ja schon vorgestellt, aber da wären ja beispielsweise auch noch Transparent oder The Man in The High Castle. Beides nicht so ganz leicht verdauliche Kost, aber deshalb um so bemerkenswerter. Doch, das muss ich Amazon lassen, die versuchen wirklich, aus dem Serien-Einheitsbrei hervorzustechen. Und das allein ist schon verdienstvoll. So bin ich im Rahmen meines Amazon-Prime-Probemonats über eben jene beiden Serie gestolpert. Die man nun wirklich nicht vergleichen kann – aber beide haben was.

Doch zuerst zu Transparent.  Transparent – guter Wortwitz übrigens: trans parent – hat schon zwei Golden Globes gewonnen. Was durchaus okay ist.  Die Serie erzählt die Geschichte eines 68 Jahre alten jüdischen Intellektuellen – des ehemaligen Politologie-Professors Mort Pfefferman (Jeffrey Tambor), der auf seine alten Tage beschließt, endlich als Frau zu leben. Er nennt sich jetzt Maura, trägt Frauenkleider und lässt sich seine grauen Haare wachsen.

Eigentlich gar nicht so spektakulär heutzutage möchte man meinen – aber das Coming out des Familienoberhauptes führt dazu, dass sich alle drei erwachsenen Kinder fragen, ob sie nicht auch in einem falschen Leben festhängen, was sie schleunigst ändern wollen. Ja, diese Serie ist eindeutig eine Satire auf den seit einiger Zeit üblichen Selbstfindungswahn: Dieses ganze sich finden, sich neu erfinden und vor allem ganz genau wissen müssen, wer man ist und warum und überhaupt – das macht ja niemanden glücklicher.

Es hat gewiss seinen Grund, warum man sich in dem Leben, das einem normalen Menschen heutzutage zugemutet wird, nicht gut fühlt – das liegt aber nicht daran, dass man nicht weiß, wer man ist, und wie man leben soll, sondern daran, dass einem die Umstände halt ein Leben aufzwingen, das man nicht leben will – immer dieses lästige Geldverdienen müssen beispielsweise.

Es leider nun nicht so, dass es bei der ganzen Veranstaltung, die sich Leben nennt, auch nur im Ansatz darum ginge, dass der Mensch ein schönes Leben hat – der moderne Mensch in unserer modernen Gesellschaft hat einen Haufen Funktionen und die wichtigste davon ist, ein guter Konsument und Staatsbürger zu sein, der den ganzen Laden am Laufen hält und dank seines freien Willens seinen mehr oder weniger bescheidenen Beitrag leistet, damit die Reichen dieser Welt auch morgen noch ein bisschen reicher werden können – und sich selbst dabei vormacht, dass es doch vor allem darum ginge, das eigene Glück zu schmieden. Doch bei all der Scheiße, die man dafür fressen muss, fühlt es sich einfach nicht richtig an. Aber das ist nun leider gar nicht Thema dieser Serie.

Denn hier scheinen alle ohne Anstrengung genug Geld zu haben und leben in diesen verwirrend großzügigen Südkalifornischen Anwesen, in denen allein der Kühlschrank schon größer ist, als eine durchschnittlich Berliner Plattenbau-Küche. Und trotzdem fühlt sich auch hier keiner mit seinem Leben wohl, sondern bemüht sich, die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Und ist entsprechen unglücklich, weil das, was die anderen erwarten, in der Regel nicht den eigenen Wünschen entspricht und man sich einfach nicht traut, entgegen der Erwartungen der anderen sein eigenes Ding zu machen.

Wobei das mit den eigenen Wünschen auch so eine Sache ist: Die älteste Tochter Sarah (Amy Landecker) entdeckt die Liebe ihres Lebens neu: Ihre lesbische Zimmergefährtin aus College-Tagen Tammy (Melora Hardin). Kurz nach dem Coming out ihres Vaters verlässt Sarah ihren Mann und zieht mit den beiden Kindern zu Tammy – die erstmal gar nicht so begeistert davon ist. Sohn Josh (Jay Duplass) ist so etwas wie Berufsjugendlicher und ein echter Auskenner im Musikbusiness, sein Job ist es, angesagte neue Bands zu entdecken. Er  fragt sich erst mit über dreißig, ob er als Jugendlicher nicht vielleicht von seiner Kinderfrau missbraucht wurde, mit der er noch immer gelegentlich ins Bett geht – wie auch mit den Sternchen jener Bands, die er promoted. Nachdem Josh sich mit seinen Musik-Partnern überwirft, will er ans Erbe seines Vaters, um endlich etwas eigenes zu machen, wie er das nennt. Und dann lernt er die attraktive Rabbinerin kennen, die unter anderem den alzheimerkranken Opa betreut.

Das hochbegabte Nesthäkchen Ali (Gaby Hoffman) hingegen ist mit ihrem eigenen Selbstfindungtrip völlig überfordert – weil ihr sämtliche Möglichkeiten offen stehen, kann sie sich überhaupt nicht entscheiden. Sie fängt immer wieder neue Studiengänge und verbringt die restliche Zeit mit Porno-Phantasien und Drogenexperimenten – nicht immer mit den Ergebnissen, die sie sich vorgestellt hat. Es gibt also eine Menge Sex, Drugs and Rock’n’Roll, was mir gut gefällt – trotzdem weiß ich noch nicht, was ich wirklich von Transparent halte.

Zweifelsohne ist die Serie originell und unterhaltsam und es werden überholte aber noch immer übermächtige Tabus und Konventionen infrage gestellt – aber mir geht das längst nicht weit genug. Die Probleme der Menschheit werden nicht dadurch gelöst, dass sich Männer endlich wie Frauen fühlen dürfen und umgekehrt. Im Gegenteil werden hier die Luxusprobleme einer Gesellschaft viel zu ernst genommen, die vor lauter Sattheit und Überfluss nicht mehr ein noch aus weiß – was mir dann doch ganz schön auf die Nerven geht. Aber es ist ja bei den allermeisten Serien so, dass ich Leuten dabei zusehe, wie sie mit Problemen umgehen, die ich in meinem Leben niemals haben werde. In der kalifornischen Traumwelt einer gehobenen weißen Mittelschicht ist es mit der sexuellen Orientierung inzwischen ganz schön kompliziert geworden. Nein sowas aber auch.

Ich glaube, ich mache jetzt mit The Man in The High Castle weiter.

Männer und Hühner: Gnadenlose Dänen

Die Dänen sind Spezialisten für tiefschwarzen und sehr schrägen Humor – ich sage nur Adams Äpfel oder Alien Teatcher. Das sind Wahnsinnsfilme, die dumme Eigenschaften, Lebenslügen und alles, was damit zusammen hängt, so gnadenlos auf den Punkt bringen, das man einfach lachen muss. Gleichzeitig bleibt einem das Lachen aber im Hals stecken, weil alles so schrecklich ist. Und die Dummheit wird auf intelligente Weise so konsequent durchexerziert, dass man am Ende Seitenstechen vor Lachen hat – oder, wenn man zarter besaitet ist, den Film abbricht. Und sie können auch richtig schlimme Verbrecher-Filme – so wie die gnadenlose Pusher-Trilogie – für die im Grunde dasselbe gilt.

Men & Chicken ist sozusagen die Pusher-Variante der schwarzen Komödie – ein herrlich heftiger Film, der tatsächlich nur Menschen zu empfehlen ist, die genau auf diese Art des abgründigen Humors stehen. Aber wenn man darauf steht, kann man eine Menge Spaß haben: Men & Chicken ist ein echter Rüpelfilm, der gleichzeitig aber auch eine erstaunlich subtile Philosophie- und Wissenschaftskritik transportiert, wenn man ihn denn so zu lesen vermag. Immerhin spielt die erste Riege der dänischen Charakter-Darsteller mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, David Dencik, Nicolas Bro und Søren Malling. Auch wenn man den einen oder anderen vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennt.

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Haas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Seren Mallind), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Kaas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Sören Malling), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Und darum geht es: Der gebildete und freundliche Evolutionspsychologe Gabriel (David Dencik) und sein zwangsgestörter Bruder Elias (Mads Mikkelsen) erfahren durch ein Video ihres gerade verstorbenen Vaters, dass ihre vermeintlichen Eltern gar nicht ihre biologischen Eltern waren: Die beiden Brüder wurden adoptiert. Leider bricht das Video ab, bevor der alte Vater die Namen der biologischen Eltern preis geben kann. Doch Gabriel gelingt es, den echten Erzeuger zu finden, der inzwischen im fortgeschrittenen Alter auf der fast entvölkerten dänischen Insel Ork lebt.

Die beiden unterschiedlichen Brüder machen sich gemeinsam auf den Weg. Auf der Insel begegnen sie ihren Halbbrüdern, die auf einem einstmals hochherrschaftlichen, aber nun ganz schön heruntergekommenen Anwesen leben – gemeinsam mit zahlreichen Tieren. Die Jungs sind eine ziemlich gewaltbereite Bande, die nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch sich gegenseitig gern mit allen möglichen Gegenstände verprügeln – Bretter, Zinkwannen, ausgestopften Tiere, Käselaibe, was immer ihnen gerade in die Finger kommt. Andererseits sind sie durchaus in der Lage, miteinander höchst ernsthaft über anspruchsvolle Fachliteratur zu disputieren.

Der dänische Drehbuchautor Anders Thomas Jensen, der unter anderem für Susanne Bier das Drehbuch an Oscarerfolgen wie In einer besseren Welt geschrieben hat, lässt hier als Regisseur seiner Vorliebe für grenzwertige Komödien freien Lauf: In Men & Chicken wird alles auf die Spitze getrieben – Genetik und Evolution, Mutationen und die menschliche Hybris.

Die Brüder sind alle gezeichnet davon – durch sichtbare Gendefekte und die Unfruchtbarkeit von Hybriden. Denn, wie sich später herausstellen wird, sind sie alle Kreuzungen aus Mensch und Tier. Die ihr unfruchtbarer, aber leider genialer Vater geschaffen hat, um seine eigene Zeugungsunfähigkeit zu überwinden: In jedem einzelnen der Brüder steckt ein Tier – eine Maus, ein Huhn, ein Hund, ein Stier und eine Eule. Was dann natürlich auch ihre jeweiligen Absonderlichkeiten erklärt – Josef (Nicolas Bro) hat eine Vorliebe für Käse, Franz  (Søren Malling) schlägt gern mit ausgestopften Vögeln um sich, Gregor (Nikolaj Lie Kaas) beißt immer wieder andere Menschen, Elias ist stur und masturbiert wie besessen und Gabriel – nun ja, er hat die Weisheit, die den Eulen zugeschrieben wird.

Jensen exekutiert seine himmelschreiende Satire ohne mit der Wimper zu zucken – mit den Bildern einer untergegangenen Zeit. Das ehemalige Sanatorium mit der abblätternden Wandfarbe, die an Pockennarben erinnert und den zugenagelten Fenstern und Türen könnte sich in der ehemaligen DDR, in Detroit oder in Tschernobyl befinden – aber genauso gut kann es eine aus der Zeit gefallene dänische Insel in der Ostsee sein.

Interessant, dass es in Dänemark ebenfalls solche Orte geben soll. Ich dachte, dass sei ein Privileg gescheiterter Gesellschaftsmodelle wie dem sozialistischen der DDR oder der Sowjetunion oder dem angeblichen „guten Kapitalismus“, in dem die Arbeiter einst etwas zu melden gehabt haben sollen, weil ihre Arbeitskraft tatsächlich benötigt wurde (die Ford-Stadt Detroit, bekanntlich bereits seit den 60er Jahren im unaufhaltsamen Niedergang). Aber Dänemark als eins der reichsten und glückliches Länder der Welt hat offenbar ebenfalls Verlierer aufzuweisen, die nur schwer bis gar nicht zu integrieren sind.

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Wie eben jene degenerierte Bande von Halbbrüdern, die sich gegenseitig aus nichtigsten Anlässen die Köpfe einschlagen, sich aber abends gegenseitig als Gute-Nacht-Geschichte Fachliteratur vorlesen und gleich ausgefeilte Interpretationen dazu liefern. Aber letztlich geht es ihnen wie allen anderen Jungs: Sie wollen eigentlich nur Sex und ein passendes Mädchen dafür – aber weil es die Natur, oder eigentlich ihr Vater, nicht dermaßen gut mit ihnen gemeint hat, ist das eine echte Herausforderung: „Hast du schon mal in den Spiegel gesehen?!“ fragt Elias Gregor entnervt, als der ihn wieder fragt, wie das denn nun mit den Mädchen anzustellen sei.

Aber dank der alternden Gesellschaft auch in Dänemark findet sich auch für dieses Problem sogar auf dieser Insel eine Lösung – zwar weigert sich der Integrationskindergarten mit den letzten beiden verbliebenen Kindern völlig zu recht, dem mit ausgestopften Tieren um sich schlagenden Franz eine zweite Chance zu geben – aber die alten Damen im Altersheim der Insel sind gar nicht so unglücklich über den Besuch der vergleichsweisen frischen Jungs. Endlich kehrt mal wieder ein bisschen Leben ein – nur der Stier Elias kann kein Treffer landen, was für die Tierwelt im heimischen Anwesen nicht so richtig gut ausgeht. Aber am Ende gibt es eine Menge halbwegs glücklicher Menschen – auch wenn man sich die Fortsetzung nicht wirklich vorstellen will.

Aber wenn sie denn kommt, sehe ich mir sie natürlich an.

A Most Wanted Man

Allmählich könnte ich eine neue Rubrik „Lieblingsfilme mit Philip Seymour Hoffman“ einführen – aber leider ist die Anzahl dieser Filme ja endlich, weil Philip Seymour Hoffman definitiv keinen Film mehr machen wird, was extrem schade ist. Nach Capote, Before the Devil Knows You’re Dead oder The Master, die ich alle ziemlich gut fand habe ich nun auch A Most Wanted Man gesehen, den letzten Film mit Hoffman – und der hat mir besonders gut gefallen. Obwohl ich gar kein ausdrücklicher Fan von John-le-Carré-Verfilmungen bin. Dame, König As, Spion (von 2011) zum Beispiel fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig, obwohl ich Gary Oldman, Colin Firth und Tom Hardy sehr mag.

Ganz anders aber A Most Wanted Man – der zwar auch weitgehend auf sinnlose Action verzichtet, was für mich durchaus ein Plus ist, aber trotzdem überaus fesselnd ist. Was vor allem Philip Seymour Hoffman alias Günther Bachmann zu verdanken ist. Bachmann ist der Leiter einer kleinen und sehr geheimen deutschen Anti-Terror-Einheit, die in Hamburg operiert. Aus der hamburgischen Islamisten-Szene kamen bekanntlich einige der Attentäter und Unterstützer der Attentate vom 11. September 2001, insofern ist der Standort Hamburg durchaus plausibel.

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Meiner Ansicht nach spielt Hamburg seine Rolle als Stadt der Gestrandeten und Hoffnungslosen so gut wie Philip Seymour Hoffman jenen routinierten, weitgehend desillusionierten, aber dennoch sehr effektiven Spion, der sich hauptsächlich von Schnaps, Kaffee und Zigaretten ernährt und durch jahrelange Wühl- und Überzeugungsarbeit ein kleines Netzwerk an Informanten aufgebaut hat, über die er hofft, an die großen Fische in der internationalen Islamisten-Szene zu kommen, vor allem an diejenigen, die den Terror finanzieren. Dieses Hamburg ist düster, dreckig und trotzdem erstaunlich fotogen – was natürlich auch an dem ganz speziellen Kamerablick von Benoît Delhomme liegt. Ja, und die reichen Hamburger Pfeffersäcke haben natürlich auch eine ganze Reihe schicker Gebäude zustande gekriegt, damit man nicht vergisst, dass es in Hamburg auch eine Menge Geld gibt.

Unterstützt wird Bachmann bei seiner klandestinen Arbeit von Erna Frey (Nina Hoss), Maximilian (Daniel Brühl), Racheed (Kostja Ullmann) und Jamal (Mehdi Dehbi), der, wie sich herausstellt, auch noch der Sohn von Dr. Faisal Abdullah ist, von dem Bachmann annimmt, dass er zu dem Netzwerk gehört, das den IS finanziell unterstützt. Bachmann ist bei seinen Recherchen auf ein Logistik-Unternehmen mit Sitz in Zypern gestoßen, über das ein Teil der Spenden für anerkannte arabische Hilfsorganisationen abgezweigt und in dunkle Kanäle geleitet werden.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Als eines Tages der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Gregori Dobrygin) in Hamburg auftaucht, wittert Bachmann seine große Chance. Karpov wird verdächtigt, ein radikaler, gewaltbereiter Islamist zu sein – und deshalb sind auch gleich eine Menge konkurrierender Dienste hinter dem Mann her, der Verfassungsschutz etwa und natürlich auch die CIA. Karpov versucht, den Bankier Tommy Brue (Willem Dafoe) zu kontaktieren. Das macht ihn für Bachmann und sein Team interessant: Möglicherweise ist er tatsächlich der Sohn eines russischen Militärs und Geschäftsmanns namens Karpov, der ein beträchtliches Vermögen bei eben jener Bank deponiert hat.

Issa kommt bei einer gläubigen türkischen Witwe unter, die mit ihrem Sohn in einer schäbigen Wohnung lebt, aber bereit ist, dem mittellosen Glaubensbruder zu helfen. Ihr Sohn stellt den Kontakt zu der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) her – sie arbeitet für eine Initiative, die Flüchtlinge bei ihren Asylanträgen unterstützt. Und Issa ist eindeutig gefoltert worden, Annabel ist schockiert, als er ihr seine Narben zeigt und verspricht, ihm zu helfen.

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

Issa hat keine Papiere bei sich, aber er ist im Besitz eines Briefs seines Vaters, den er an einen Freund geschrieben hat – den Vater von Tommy Brue. Und er hat den passenden Tresorschlüssel. Annabel überzeugt den Bankier, sich mit Issa zu treffen. Issa hingeben will das blutige Geld seines Vaters gar nicht. Er will in Deutschland ein ehrbares Leben führen, wie er Annabel erklärt.

Das wiederum passt auch nicht gut zu dem, was Bachmann und seinem Team vorhaben: Der Plan ist es, mit Hilfe des Geldes – es handelt sich immerhin um 10 Millionen Euro – die Aufmerksamkeit von Dr. Faisal Abdullah zu erregen, damit Bachmann ihn endlich überführen kann. Dazu ist einiges an Überzeugungsarbeit nötig – zuerst müssen Bachmann und sein Team die störrische Annabel Richter überzeugen, dass sie Issa dazu bringen muss, dass Erbe einzufordern, damit Issa es dann großmütig an islamische Wohltätigkeitsorganisationen abgeben kann.

Annabel gibt unter dem Druck des erfahrenen Manipulators ziemlich schnell auf – immerhin ist ihr klar, dass sie allein Issa nicht retten kann. Und dann müssen die Jungs vom Verfassungsschutz ruhig gestellt werden, genau wie auch die Amerikaner, die in Form der CIA-Residentin Martha Sullivan (Robin Wright) auftreten. Sie alle finden sehr eigenartig, dass Bachmann den mutmaßlichen Terroristen erstmal in Ruhe lassen will.

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Es stellt sich heraus, dass Bachmann und Sullivan zuvor schon aneinandergeraten sind – die CIA hat schon einmal eine von Bachmanns Missionen in Beirut vermasselt, bei der er wichtige Quellen verloren hat – was Sullivan später sogar zugibt, um Bachmann versöhnlich zu stimmen, denn sie ist schließlich auch auf gute Zusammenarbeit angewiesen. Und so verspricht sie, still zu halten, damit Bachmann seinen Plan durchziehen kann. Der hat inzwischen auch Tommy Brue überzeugt, bei der ganzen Sache mitzumachen. Letztlich funktioniert der auch, wie Bachmann das geplant hat – Issa spendet das Geld und Dr. Abdullah wird quasi als Treuhänder eingesetzt, der das Geld an die zuvor überprüften unverdächtigen Wohltätigkeitsorganisationen überweist. Im letzten Augenblick ändert Dr. Abdullah eine der Anweisungen und lässt statt dessen eben jene Reederei als Empfänger einsetzen – Bachmann hat jetzt den Beweis, auf den er solange hin gearbeitet hat.

Doch er kann seinen Triumph nicht auskosten, als er als Taxifahrer getarnt Issa und Dr. Abdullah vor der Brue-Bank abholen will, werden die beiden von einem CIA-Team entführt – und die Leute vom Verfassungsschutz schauen seelenruhig dabei zu. Resigniert fährt Bachmann davon – in seinem beige-braunen Schrammelbenz. Das ist alles frustrierend unspektakulär, genau wie Bachmanns ganzer Job, der nun durch das Eingreifen der Amis an die Wand gefahren wurde – aber genau das gefällt mir so gut.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man ist ein subtil in Szene gesetzter Spionagefilm über einen Spion alter Schule, der kein bisschen an James Bond erinnert, aber mindestens genauso viel drauf hat. Gut hat mir auch Grigori Dobrygin als Issa Karpov gefallen, Daniel Brühl als Maximilian ist dagegen etwas untergegangen – aber das lag natürlich auch an seiner Rolle als braver Teamplayer. Natürlich freue ich mich auch immer Nina Hoss zu sehen, aber es ist ein bisschen schade, dass sie für die internationalen Casting-Agenturen offenbar die perfekte deutsche Agentin ist – in Homeland spioniert sie für den BND, jetzt halt für ein anderes deutsches Team. Genau wie wir Robin Wright aus House of Cards als durchsetzungsstarke First Lady kennen – jetzt setzt sie halt für die CIA US-Interessen durch. Tja und Rachel MacAdams – die fand ich in der zweiten Staffel von True Detective eigentlich ganz gut, aber als deutsche Menschenrechtsaktivistin? Okay, hier muss ich auch gerecht sein, genau wie Daniel Brühl farblos blieb, fand ich Rachel McAdams etwas schwach – aber die Figur war halt auch so angelegt.

A Most Wanted Man - Hamburg

A Most Wanted Man – Hamburg

Was ich aus plottechnischen Gründen zwar nachvollziehen kann, aber nicht sehr überzeugend finde – so eine echte überzeugte deutsche Menschenrechtsfanatikerin lässt sich nicht so schnell brechen. Nie und nimmer. Aber was solls – Willem Dafoe ist als Tommy Brue ja auch nicht so richtig zum Zuge gekommen, aber hat seinen Part ordentlich abgeliefert. Niedlich fand ich auch Kostja Ullmann als Rasheed – dadurch war zu verkraften, dass Rami Malek gar nicht mitgespielt hat. Ach ja, für Herbert Grönemeyer gab es auch eine kleine Rolle und er hat die Musik für den Film geliefert, die mich streckenweise ziemlich an House of Cards erinnert hat. Aber das passte ja auch besser als das, was Grönemeyer sonst macht.