Terror und Paranoia in Berlin

Inzwischen schaue ich mir Homeland wirklich nur noch an, weil ich es interessant finde, Berlin in einer US-Serie zu sehen. Und in The Litvinov Ruse gab es wieder eine ganze Menge Berlin samt Umland zu sehen. Aber seit der Folge Better Call Saul ging es bergab, wobei natürlich nicht alles schlecht ist. Aber leider ist auch sehr wenig richtig gut – doch das ist ja ein altbekanntes Homeland-Problem.

In Parabiosis fängt Saul an, ziemlich paranoid zu werden – und das völlig zu recht, wie sich später noch herausstellen wird. Und es bestätigt sich auch, dass Quinn nicht wirklich zufällig in jene islamistische Terrorzelle geraten ist, die in einem typischen Berliner Altbauloft ihr Unwesen treibt. Lustig finde ich, dass die Islamisten miteinander deutsch und nicht arabisch sprechen, aber das macht die Sache natürlich erheblich leichter, weil man beim pflichtgemäßen Weiterkucken nebenbei Gemüse schnippeln kann und keine Untertitel lesen muss.

Screenshot Homeland: Herr Adler (Martin Wuttke), Astrid (Nina Hoss), Allison Carr (Miranda Otto) und Dar Adal (F. Murry Abraham)

Screenshot Homeland: Herr Adler (Martin Wuttke), Astrid (Nina Hoss), Allison Carr (Miranda Otto) und Dar Adal (F. Murry Abraham)

In Oriole wird weitergesponnen, was sich in Parabiosis anbahnt – Carrie bekommt von Saul über Otto Düring tatsächlich jene hochbrisanten Dokumente, die Hacker Numan vom CIA-Server geklaut, aber blöderweise wieder verloren hat. Und auf denen möglicherweise Hinweise darauf zu finden sind, wer für den Anschlag auf den syrischen Hoffnungsträger der Amis verantwortlich ist.

Auch wenn Carrie gar nicht weiß, wonach sie überhaupt suchen soll, stellt sich schließlich heraus, dass Allison Carr eine Doppelagentin ist, die mit den Russen unter einer Decke steckt und Carrie tot sehen will. Insofern ist dann aber etwas uneinsichtig, dass sich Carrie ausgerechnet bei Allison meldet, als sie mit ihren Recherchen etwas Unerwartetes herausfindet: Ein irakischer Informant aus Bagdad, der laut CIA eigentlich als tot gilt, erfreut sich in Amsterdam noch bester Gesundheit.

Screenshot Homeland:  Allison (Miranda Otto) und Saul (Mandy Patinkin)

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto) und Saul (Mandy Patinkin)

Warum geht sie damit zu Allison, von der Carrie doch inzwischen eigentlich weiß, dass die ihr nach dem Leben trachtet?! Nun ja, vermutlich hat Carrie etwas vor. Quinn hingegen wird in eine Operation der Islamisten hineingezogen, für die er wegen seines Spezialwissens über Syrien – schließlich war er lange genug vor Ort – offenbar interessant ist.

Und irgendwas läuft da auch mit den Israelis. In All About Allison erfahren wir, dass Allison eigentlich mit jener mysteriösen iraksischen Quelle Ahmed Nazari in die Karibik abtauchen wollte – was übrigens nicht auch besonders plausibel motiviert ist, aber egal. Sie hat immerhin einen richtig guten Satz in dieser Folge: „You can’t shove democracy down people’s throats.“ Und natürlich ist richtig, dass die Leute in Bagdad oder vielmehr im ganzen Irak nun wirklich ganz andere Dinge dringender brauchen als jene zweifelhafte Demokratie, die die Amis ihnen beibringen wollen. Was übrigens für alle Länder gilt, denen die USA und ihre mehr oder weniger willigen Verbündeten in Europa Freiheit und Marktwirtschaft beibringen wollten – die Libyer hatten vielleicht keine demokratischen Wahlen, aber ein sehr gut funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem und den höchsten Lebensstandard in ganz Afrika – und jetzt  haben sie davon nichts mehr, sondern einen failed state.

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto)

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto)

Und ich will nicht behaupten, dass Saddam Hussein ein netter Kerl gewesen wäre – aber den Leuten im Irak ging es vor 2003 garantiert besser als heute. Und man kann die Prognose wagen, dass Syrien seine besten Zeiten für die nähere Zukunft auch hinter sich hat – vermutlich ist Assad tatsächlich ein Arschloch, genau wie jeder Staatschef. Aber wie schlau es war, irgendwelche Islamisten hoch zu rüsten, um ihn abzuservieren, sieht man ja daran, was sonst noch so in der Welt passiert. Eine totale Scheißidee war das – wobei Homeland die ja nicht mal infrage stellt. Es wird nur einmal mehr festgestellt, dass es halt nicht so funktioniert wie gedacht.

Screenshot Homeland:  Allison (Miranda Otto) wird beobachtet

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto) wird beobachtet

Okay, zurück zu Allison, die während einer Rückblende ihrer Ablösung in Bagdad eben erklärt, wie es läuft und wie nicht. Und, Überraschung – es handelt sich dabei um niemand anderes als die hoffnungsvolle CIA-Superagentin Carrie Mathison. Aber dermaßen super kann Carrie ja nicht sein, wenn sie noch nicht kapiert hat, was jetzt in Berlin läuft. Wobei ihr es da nicht anders geht als Saul. Aber der spielt mit seinem Kumpel Etai vom Mossad Schach und handelt für seine ungenannte Agentin Carrie noch ein paar Stunden aus, um zu beweisen, dass die Russen hinter allem stecken. Oder wer auch immer.

Das genau ist ist der Punkt – vermutlich soll das alles super spannend sein, aber irgendwie finde ich es ziemlich ermüdend: Jeder macht sein Ding und irgendwie fühlt sich alles beliebig an. Ist mir doch egal, wer hinter welcher Schandtat steckt – es ist ohnehin schon lange nicht mehr klar, wer was warum tut. Das genau ist das Problem von Homeland überhaupt: Es ist einfach nicht mehr nachvollziehbar, warum die jeweiligen Figuren tun, was sie tun. Sie empfinden ja alle selbst, dass es letztlich für nichts gut ist. Außer um die eigene Haut zu retten – das immerhin ist zu verstehen.

Screenshot Homeland: Geheimdienstler bei der Arbeit

Screenshot Homeland: Geheimdienstler bei der Arbeit

Und die neue Folge The Litvinov Ruse treibt das auf die Spitze – immerhin gibt es wieder ein rekordverdächtiges Carrie-Cry-Face zu sehen, als Carrie ihren Ersatzvater Saul wieder trifft. Der nicht so richtig glauben will, dass seine ehemalige Geliebte Allison eine Doppelagentin ist. Andererseits weiß er auch, dass Carrie quasi übernatürliche Instinkte hat – wenn sie das sagt, dann muss da etwas dran sein. Also wird eine Operation mit dem BND organisiert – Herr Adler und Agentin Astrid sind zwar nicht begeistert, aber weil es auch ziemlich unangehm für den BND würde, wenn die Berliner CIA-Chefin tatsächlich mit den Russen ins Bett geht, machen sie mit. Saul ist schließlich sogar bereit, sich mit Allison zu treffen, um ihr Handy und ihre Handtasche zu verwanzen, was ihm als erfahrenen Spion alter Schule natürlich auch gelingt.

Und die BND-Agentin Astrid hat schließlich auch eine Idee, wie sie die abgebrühte Allison aus der Reserve locken kann – sie teilt ihr mit, dass es einen russischen Überläufer im Berliner CIA-Hauptquartier gibt. Der Mann wolle auspacken, nur eben nicht in Berlin. Allison geht tatsächlich in den Fluchtmodus über – sie lässt über ihr verwanztes Handy ein Zugticket erster Klasse nach Kopenhagen buchen, veranstaltet allerlei Umsteigereien mit der S-Bahn, entledigt sich schließlich ihrer SIM-Karte und ihres Handys und sucht ein Safe House der Russen auf.

Screenshot Homeland: Allison nutzt die S-Bahn als Fluchtfahrzeug

Screenshot Homeland: Allison nutzt die S-Bahn als Fluchtfahrzeug

Diese S-Bahn-Fahrerei war der Teil, der mir am besten gefallen hat: Wie haben die bloß diese Szenen am Hauptbahnhof gedreht? Es wirkt alles so normal und ungestellt, die vielen Menschen auf den Rolltreppen, auf den Bahnsteigen, in der S-Bahn selbst – das ist schon ziemlich gut. Ein bekanntes Alltagsbild für mich, ein Lebensgefühl: Man wartet auf die S-Bahn, steigt ein, steigt aus – und jetzt wissen wir auch, wie gut das alles überwacht wird. Homeland ist ein gefundenes Fressen für Paranoiker – Kameras und Drohnen überall.

By the way: In Mr. Robot  wird auch viel Bahn gefahren und in der synchronisierten Fassung von Mr. Robot haben sie sich richtig Mühe gegeben; die Durchsagen auf den Bahnsteigen hören sich original so an, als ob man in einem deutschen Bahnhof stünde und auf die Bahn wartet, die natürlich Verspätung hat. Insbesondere in der Folge 9 eps1.8_m1rr0r1ng.qt  wartet Elliot mit unterschiedlicher Begleitung ja ständig auf irgendeine Bahn. Und immer kommen Ansagen „Ihre Bahn hat fünf Minuten Verspätung – wir bitten um Entschuldigung“ oder „Ihre Bahn hat 30 Minuten Verspätung – wir bitten um ihr Verständnis“ – einfach, aber gut: So hat man auch an der synchronisierten Fassung noch Spaß, wenn man das Original schon gesehen hat.

Screenshot Homeland: Quinn (Rupert Friend) in der Hand der Islamisten

Screenshot Homeland: Quinn (Rupert Friend) in der Hand der Islamisten

Zurück zu Homeland – hier bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das alles noch einmal ansehen möchte, insbesondere diese letzte Szene, in der die fiesen Terroristen ihr Sarin an Quinn ausprobieren. Man kann zwar ahnen, dass Quinn das überleben wird, weil sein Retter ein Islamist mit so etwas wie einem Gewissen ist, aber man weiß gar nicht, ob man ihm das wünschen soll. Dann wird es demnächst wohl darum gehen, einen Giftgasanschlag in Berlin zu verhindern. Denn wie Quinn schon sagte, die USA und deren Verbündete werden sich gewiss nicht dazu bringen lassen, den Islamischen Staat in irgendeiner Form anzuerkennen. Ja, irgendwie ist Homeland trotz aller Schwächen dann doch wieder ärgerlich realistisch.

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