Männer und Hühner: Gnadenlose Dänen

Die Dänen sind Spezialisten für tiefschwarzen und sehr schrägen Humor – ich sage nur Adams Äpfel oder Alien Teatcher. Das sind Wahnsinnsfilme, die dumme Eigenschaften, Lebenslügen und alles, was damit zusammen hängt, so gnadenlos auf den Punkt bringen, das man einfach lachen muss. Gleichzeitig bleibt einem das Lachen aber im Hals stecken, weil alles so schrecklich ist. Und die Dummheit wird auf intelligente Weise so konsequent durchexerziert, dass man am Ende Seitenstechen vor Lachen hat – oder, wenn man zarter besaitet ist, den Film abbricht. Und sie können auch richtig schlimme Verbrecher-Filme – so wie die gnadenlose Pusher-Trilogie – für die im Grunde dasselbe gilt.

Men & Chicken ist sozusagen die Pusher-Variante der schwarzen Komödie – ein herrlich heftiger Film, der tatsächlich nur Menschen zu empfehlen ist, die genau auf diese Art des abgründigen Humors stehen. Aber wenn man darauf steht, kann man eine Menge Spaß haben: Men & Chicken ist ein echter Rüpelfilm, der gleichzeitig aber auch eine erstaunlich subtile Philosophie- und Wissenschaftskritik transportiert, wenn man ihn denn so zu lesen vermag. Immerhin spielt die erste Riege der dänischen Charakter-Darsteller mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, David Dencik, Nicolas Bro und Søren Malling. Auch wenn man den einen oder anderen vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennt.

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Haas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Seren Mallind), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Kaas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Sören Malling), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Und darum geht es: Der gebildete und freundliche Evolutionspsychologe Gabriel (David Dencik) und sein zwangsgestörter Bruder Elias (Mads Mikkelsen) erfahren durch ein Video ihres gerade verstorbenen Vaters, dass ihre vermeintlichen Eltern gar nicht ihre biologischen Eltern waren: Die beiden Brüder wurden adoptiert. Leider bricht das Video ab, bevor der alte Vater die Namen der biologischen Eltern preis geben kann. Doch Gabriel gelingt es, den echten Erzeuger zu finden, der inzwischen im fortgeschrittenen Alter auf der fast entvölkerten dänischen Insel Ork lebt.

Die beiden unterschiedlichen Brüder machen sich gemeinsam auf den Weg. Auf der Insel begegnen sie ihren Halbbrüdern, die auf einem einstmals hochherrschaftlichen, aber nun ganz schön heruntergekommenen Anwesen leben – gemeinsam mit zahlreichen Tieren. Die Jungs sind eine ziemlich gewaltbereite Bande, die nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch sich gegenseitig gern mit allen möglichen Gegenstände verprügeln – Bretter, Zinkwannen, ausgestopften Tiere, Käselaibe, was immer ihnen gerade in die Finger kommt. Andererseits sind sie durchaus in der Lage, miteinander höchst ernsthaft über anspruchsvolle Fachliteratur zu disputieren.

Der dänische Drehbuchautor Anders Thomas Jensen, der unter anderem für Susanne Bier das Drehbuch an Oscarerfolgen wie In einer besseren Welt geschrieben hat, lässt hier als Regisseur seiner Vorliebe für grenzwertige Komödien freien Lauf: In Men & Chicken wird alles auf die Spitze getrieben – Genetik und Evolution, Mutationen und die menschliche Hybris.

Die Brüder sind alle gezeichnet davon – durch sichtbare Gendefekte und die Unfruchtbarkeit von Hybriden. Denn, wie sich später herausstellen wird, sind sie alle Kreuzungen aus Mensch und Tier. Die ihr unfruchtbarer, aber leider genialer Vater geschaffen hat, um seine eigene Zeugungsunfähigkeit zu überwinden: In jedem einzelnen der Brüder steckt ein Tier – eine Maus, ein Huhn, ein Hund, ein Stier und eine Eule. Was dann natürlich auch ihre jeweiligen Absonderlichkeiten erklärt – Josef (Nicolas Bro) hat eine Vorliebe für Käse, Franz  (Søren Malling) schlägt gern mit ausgestopften Vögeln um sich, Gregor (Nikolaj Lie Kaas) beißt immer wieder andere Menschen, Elias ist stur und masturbiert wie besessen und Gabriel – nun ja, er hat die Weisheit, die den Eulen zugeschrieben wird.

Jensen exekutiert seine himmelschreiende Satire ohne mit der Wimper zu zucken – mit den Bildern einer untergegangenen Zeit. Das ehemalige Sanatorium mit der abblätternden Wandfarbe, die an Pockennarben erinnert und den zugenagelten Fenstern und Türen könnte sich in der ehemaligen DDR, in Detroit oder in Tschernobyl befinden – aber genauso gut kann es eine aus der Zeit gefallene dänische Insel in der Ostsee sein.

Interessant, dass es in Dänemark ebenfalls solche Orte geben soll. Ich dachte, dass sei ein Privileg gescheiterter Gesellschaftsmodelle wie dem sozialistischen der DDR oder der Sowjetunion oder dem angeblichen „guten Kapitalismus“, in dem die Arbeiter einst etwas zu melden gehabt haben sollen, weil ihre Arbeitskraft tatsächlich benötigt wurde (die Ford-Stadt Detroit, bekanntlich bereits seit den 60er Jahren im unaufhaltsamen Niedergang). Aber Dänemark als eins der reichsten und glückliches Länder der Welt hat offenbar ebenfalls Verlierer aufzuweisen, die nur schwer bis gar nicht zu integrieren sind.

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Wie eben jene degenerierte Bande von Halbbrüdern, die sich gegenseitig aus nichtigsten Anlässen die Köpfe einschlagen, sich aber abends gegenseitig als Gute-Nacht-Geschichte Fachliteratur vorlesen und gleich ausgefeilte Interpretationen dazu liefern. Aber letztlich geht es ihnen wie allen anderen Jungs: Sie wollen eigentlich nur Sex und ein passendes Mädchen dafür – aber weil es die Natur, oder eigentlich ihr Vater, nicht dermaßen gut mit ihnen gemeint hat, ist das eine echte Herausforderung: „Hast du schon mal in den Spiegel gesehen?!“ fragt Elias Gregor entnervt, als der ihn wieder fragt, wie das denn nun mit den Mädchen anzustellen sei.

Aber dank der alternden Gesellschaft auch in Dänemark findet sich auch für dieses Problem sogar auf dieser Insel eine Lösung – zwar weigert sich der Integrationskindergarten mit den letzten beiden verbliebenen Kindern völlig zu recht, dem mit ausgestopften Tieren um sich schlagenden Franz eine zweite Chance zu geben – aber die alten Damen im Altersheim der Insel sind gar nicht so unglücklich über den Besuch der vergleichsweisen frischen Jungs. Endlich kehrt mal wieder ein bisschen Leben ein – nur der Stier Elias kann kein Treffer landen, was für die Tierwelt im heimischen Anwesen nicht so richtig gut ausgeht. Aber am Ende gibt es eine Menge halbwegs glücklicher Menschen – auch wenn man sich die Fortsetzung nicht wirklich vorstellen will.

Aber wenn sie denn kommt, sehe ich mir sie natürlich an.

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