Transparent: Alles nicht so einfach

Vor einigen Tagen bin ich einmal wieder schwach geworden und habe mich zu einer Prime-Probezeit hinreißen lassen – das ist ja gerade vor Weihnachten  auch praktisch, wenn die Kinder täglich mit neuen Wunschlisten kommen und man sich vor nimmt, endlich auch mal den Eltern etwas abseits der üblichen Eltern-Geschenke schenken zu wollen. Ob das gut ausgeht?

Und dann gibt es ja auch noch das Film- und Serienangebot, was das eigentliche Motiv des Serienjunkies ist. Und ja, seien gibt es auch bei Amazon einige, die wirklich interessant sind. Der Wettstreit zwischen Amazon und Netflix hat in dieser Beziehung wirklich etwas Gutes – so finde ich sehr löblich, dass Amazon die Serie des Sommers 2015 – Mr. Robot – allen Prime-Kunden zur Verfügung stellt. Ich hätte es natürlich auch okay gefunden, wenn Netflix das getan hätte – aber diesen Stich hat eben Amazon gelandet. Ich hoffe, dass die Amazon-Nutzer das auch kapieren und die Serie ansehen, denn die ist wirklich toll – dazu habe ich aber schon genug geschrieben. Aber man kann es ja nicht oft genug sagen, wenn etwas wirklich gut ist.

Transparent-Serie

Nun gibt es aber auch Amazon-Original-Serien, die ziemlich gut sind, Hand of God habe ich ja schon vorgestellt, aber da wären ja beispielsweise auch noch Transparent oder The Man in The High Castle. Beides nicht so ganz leicht verdauliche Kost, aber deshalb um so bemerkenswerter. Doch, das muss ich Amazon lassen, die versuchen wirklich, aus dem Serien-Einheitsbrei hervorzustechen. Und das allein ist schon verdienstvoll. So bin ich im Rahmen meines Amazon-Prime-Probemonats über eben jene beiden Serie gestolpert. Die man nun wirklich nicht vergleichen kann – aber beide haben was.

Doch zuerst zu Transparent.  Transparent – guter Wortwitz übrigens: trans parent – hat schon zwei Golden Globes gewonnen. Was durchaus okay ist.  Die Serie erzählt die Geschichte eines 68 Jahre alten jüdischen Intellektuellen – des ehemaligen Politologie-Professors Mort Pfefferman (Jeffrey Tambor), der auf seine alten Tage beschließt, endlich als Frau zu leben. Er nennt sich jetzt Maura, trägt Frauenkleider und lässt sich seine grauen Haare wachsen.

Eigentlich gar nicht so spektakulär heutzutage möchte man meinen – aber das Coming out des Familienoberhauptes führt dazu, dass sich alle drei erwachsenen Kinder fragen, ob sie nicht auch in einem falschen Leben festhängen, was sie schleunigst ändern wollen. Ja, diese Serie ist eindeutig eine Satire auf den seit einiger Zeit üblichen Selbstfindungswahn: Dieses ganze sich finden, sich neu erfinden und vor allem ganz genau wissen müssen, wer man ist und warum und überhaupt – das macht ja niemanden glücklicher.

Es hat gewiss seinen Grund, warum man sich in dem Leben, das einem normalen Menschen heutzutage zugemutet wird, nicht gut fühlt – das liegt aber nicht daran, dass man nicht weiß, wer man ist, und wie man leben soll, sondern daran, dass einem die Umstände halt ein Leben aufzwingen, das man nicht leben will – immer dieses lästige Geldverdienen müssen beispielsweise.

Es leider nun nicht so, dass es bei der ganzen Veranstaltung, die sich Leben nennt, auch nur im Ansatz darum ginge, dass der Mensch ein schönes Leben hat – der moderne Mensch in unserer modernen Gesellschaft hat einen Haufen Funktionen und die wichtigste davon ist, ein guter Konsument und Staatsbürger zu sein, der den ganzen Laden am Laufen hält und dank seines freien Willens seinen mehr oder weniger bescheidenen Beitrag leistet, damit die Reichen dieser Welt auch morgen noch ein bisschen reicher werden können – und sich selbst dabei vormacht, dass es doch vor allem darum ginge, das eigene Glück zu schmieden. Doch bei all der Scheiße, die man dafür fressen muss, fühlt es sich einfach nicht richtig an. Aber das ist nun leider gar nicht Thema dieser Serie.

Denn hier scheinen alle ohne Anstrengung genug Geld zu haben und leben in diesen verwirrend großzügigen Südkalifornischen Anwesen, in denen allein der Kühlschrank schon größer ist, als eine durchschnittlich Berliner Plattenbau-Küche. Und trotzdem fühlt sich auch hier keiner mit seinem Leben wohl, sondern bemüht sich, die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Und ist entsprechen unglücklich, weil das, was die anderen erwarten, in der Regel nicht den eigenen Wünschen entspricht und man sich einfach nicht traut, entgegen der Erwartungen der anderen sein eigenes Ding zu machen.

Wobei das mit den eigenen Wünschen auch so eine Sache ist: Die älteste Tochter Sarah (Amy Landecker) entdeckt die Liebe ihres Lebens neu: Ihre lesbische Zimmergefährtin aus College-Tagen Tammy (Melora Hardin). Kurz nach dem Coming out ihres Vaters verlässt Sarah ihren Mann und zieht mit den beiden Kindern zu Tammy – die erstmal gar nicht so begeistert davon ist. Sohn Josh (Jay Duplass) ist so etwas wie Berufsjugendlicher und ein echter Auskenner im Musikbusiness, sein Job ist es, angesagte neue Bands zu entdecken. Er  fragt sich erst mit über dreißig, ob er als Jugendlicher nicht vielleicht von seiner Kinderfrau missbraucht wurde, mit der er noch immer gelegentlich ins Bett geht – wie auch mit den Sternchen jener Bands, die er promoted. Nachdem Josh sich mit seinen Musik-Partnern überwirft, will er ans Erbe seines Vaters, um endlich etwas eigenes zu machen, wie er das nennt. Und dann lernt er die attraktive Rabbinerin kennen, die unter anderem den alzheimerkranken Opa betreut.

Das hochbegabte Nesthäkchen Ali (Gaby Hoffman) hingegen ist mit ihrem eigenen Selbstfindungtrip völlig überfordert – weil ihr sämtliche Möglichkeiten offen stehen, kann sie sich überhaupt nicht entscheiden. Sie fängt immer wieder neue Studiengänge und verbringt die restliche Zeit mit Porno-Phantasien und Drogenexperimenten – nicht immer mit den Ergebnissen, die sie sich vorgestellt hat. Es gibt also eine Menge Sex, Drugs and Rock’n’Roll, was mir gut gefällt – trotzdem weiß ich noch nicht, was ich wirklich von Transparent halte.

Zweifelsohne ist die Serie originell und unterhaltsam und es werden überholte aber noch immer übermächtige Tabus und Konventionen infrage gestellt – aber mir geht das längst nicht weit genug. Die Probleme der Menschheit werden nicht dadurch gelöst, dass sich Männer endlich wie Frauen fühlen dürfen und umgekehrt. Im Gegenteil werden hier die Luxusprobleme einer Gesellschaft viel zu ernst genommen, die vor lauter Sattheit und Überfluss nicht mehr ein noch aus weiß – was mir dann doch ganz schön auf die Nerven geht. Aber es ist ja bei den allermeisten Serien so, dass ich Leuten dabei zusehe, wie sie mit Problemen umgehen, die ich in meinem Leben niemals haben werde. In der kalifornischen Traumwelt einer gehobenen weißen Mittelschicht ist es mit der sexuellen Orientierung inzwischen ganz schön kompliziert geworden. Nein sowas aber auch.

Ich glaube, ich mache jetzt mit The Man in The High Castle weiter.

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