Nazis in New York: The Man in the High Castle

Auf The Man in The High Castle war ich sehr gespannt, schon weil Blade Runner einer meiner absoluten Lieblings-Science-Fiction-Filme ist. Und Blade Runner ist eine Verfilmung des Romans Träumen Androiden von elektrischen Schafen? von Philip K. Dick. Vom selben Autor stammt auch die Vorlage für die Fernsehserie The Man in The High Castle, die von Frank Spotnitz und Ridley Scott für Amazon produziert wurde.

Der 10-Teiler spielt in einer fiktiven Vergangenheit, in der die Achsenmächte Deutschland und Japan den zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA unter sich aufgeteilt haben: Der Westen bis zu den Rocky Mountains sind nun die Japanese Pacific States, der Osten gehört zum Greater Nazi Reich. Dazwischen gibt es eine neutrale Zone, in der allerlei windige Gestalten Zuflucht suchen – die restriktiven Gesetze der beiden faschistischen Weltreiche gelten hier nicht, aber wirklich sicher ist hier auch niemand.

Screenshot: The Man in the High Castle: Times Square NY

Screenshot: The Man in the High Castle: Times Square NY

Die Handlung setzt im Jahr 1962 ein, also in der Zeit, in der der Roman geschrieben wurde, der 1964 erschien. Der Führer ist noch am Leben, aber Adolf Hitler ist inzwischen alt und krank. Um seine Nachfolge ist bereits ein Machtkampf im Gange – und die Japaner befürchten nicht zu Unrecht, dass Hitlers Nachfolger die derzeitige Politik des Teile und Herrsche gegenüber den Japanern aufkündigen wird. In New York – das auch unter den ganzen Nazi-Fahnen eindeutig zu erkennen ist – meldet sich der junge Joe Blake (Luke Kleintank) für eine Mission einer Widerstandsbewegung, die vor allem aus US-Veteranen besteht, die im Krieg gekämpft haben und sich nun mit der Nazi-Herrschaft nicht abfinden wollen. Der Junge kann die alten Füchse davon überzeugen, dass er das Richtige tun will, und sie schicken ihn mit einem Lastwagen voll Kaffeemaschinen auf den langen, gefährlichen Weg in die neutrale Zone. Was er eigentlich transportieren soll, verraten sie ihm aber nicht.

Zur gleichen Zeit wird Juliana Crain (Alexa Davalos)  in die Aktivitäten einer westlichen Widerstandsgruppe verwickelt, die in San Francisco agiert. Genau wie New York ist San Francisco ganz im Stil der Besatzungsmacht „verkleidet“, man erkennt die wichtigen Sights, aber alles ist mit japanischen Symbolen geschmückt – und eine Nummer kleiner als im Greater Nazi Reich. Die Deutschen sind den Japanern in Sachen Wirtschaftskraft und Technologie überlegen – das wird von den Japanern selbst sogar immer wieder erwähnt.

Screenshot: The Man in the High Castle

Screenshot: The Man in the High Castle

In New York fährt die U-Bahn – moderne Monorail-Züge mit Hakenkreuzen und entsprechender Beschriftung natürlich und es gibt auch ein paar Szenen, die in Berlin spielen, das ganz im Welt-Hauptstadt-Germania-Stil präsentiert wird, ebenfalls mit einer schicken neuen Hochbahn, die vom Brandenburger Tor zu Siegessäule donnert. Ansonsten erkennt man auch Berlin problemlos wieder – es sieht halt aus wie 1936 plus der gigantischen Kuppel der Ruhmeshalle.

Die Nazis haben auch Überschall-Flugzeuge im Einsatz, die wie reichlich überdimensionierte Concordes aussehen, sie haben die H-Bombe und jede Menge modernes Überwachungsgerät – und natürlich sind sie knallhart gegen ihre Feinde, aber auch gegen sich selbst: Wer schwach ist und versagt, wird eliminiert. Da sind sie genauso gnadenlos und konsequent wie die Japaner mit ihrer Samurai-Tradition.

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Nazi-Botschaft in San Franzisco

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Nazi-Botschaft in San Franzisco

Es lohnt sich schon, die Serie allein wegen des ausgeklügelten Designs anzusehen: Die 60er Jahre einmal ganz anders – eben nicht cool und dekadent wie in Mad Men, sondern verstörend überlagert von 1984-Elementen und den allgegenwärtigen Nazi-Symbolen. Diese ganzen grandiosen Wolkenkratzer von Manhattan sind gigantische Fahnenständer für die Nazis, und natürlich funktionieren solche Gebäude im faschistischen Staat genauso gut für die Demonstration von Überlegenheit und Macht wie im kapitalistischen, äh, freiheitlich-demokratischen.

Nur dass die Interieurs der Nazis durchweg deutlich geschmackloser sind als die der Japaner – das Büro von Handelsminister Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa) ist ähnlich stilvoll eingerichtet wie das von Bert Cooper in Mad Men, der ja auch einen Faible für Fernöstliche Kultur hatte. Nur dass Tagomi kein Fan dieser Kultur ist, sondern sie wahrhaft verkörpert. Wie auch andere der reichen Japaner, die in geschmackvoll eingerichteten Villen inmitten von liebevoll gepflegten japanischen Gärten in den Vororten von San Francisco leben – und einerseits begierig darauf sind, von den einheimischen Bewohnern zu lernen und dann mit Befremden feststellen, dass diese nicht unbedingt auf schräge Negermusik stehen, wenn sie ihre erlesenen Jazz-Platten auflegen und auch nichts für entartete Kunst übrig haben.

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Unter vielen rätselhaften Figuren in dieser Geschichte ist Nobusuke Tagomi eine der rätselhaftesten – er lebt nach den 5000 Jahre alten Gesetzen des I Ging, das er regelmäßig befragt und zeigt immer wieder tiefe menschliche Weisheit und Anteilnahme, ganz anders als sein Gegenspieler Inspektor Kido (Joel de la Fuente) von der japanischen Geheimpolizei. Die Kempeitai steht der Gestapo in nichts nach – wie zu erwarten ist, wird willkürlich verhaftet, gefoltert, Menschen werden eingeschüchtert, gebrochen und zur Kollaboration gezwungen, Menschen verschwinden und werden umgebracht, und wer das Pech hat, jüdische Vorfahren zu haben oder unheilbar krank zu sein, wird in hübsch möblierten und mit einem Fernseher ausgestatteten Gaskammern schmerzlos eingeschläfert – da sage doch keiner, dass es keinen Fortschritt gebe.

Screenshot: The Man in the High Castle: Rudolf Wegener und Handelsminister Tagomi

Screenshot: The Man in the High Castle: Rudolf Wegener und Handelsminister Tagomi

Tagomi versucht, die Welt zu retten, oder wenigstens das Japanische Reich, dazu trifft er sich mit dem hochrangigen Nazi Rudolf Wegener (Carsten Norgaard), der mit einem gefälschten schwedischen Diplomatenpass in die Pacific States reist, um Tagomi inoffiziell über die brisante Lage in Berlin zu informieren – und den Japanern die Formel für die H-Bombe zu übergeben, über die bislang nur die Nazis verfügen. Wegener will damit ein Gleichgewicht des Schreckens etablieren, das die Nazis von einem atomaren Erstschlag abhält – die Idee kommt einem bekannt vor. Natürlich wird Wegener noch für diesen Verrat bezahlen müssen. Aber er tut das alles, um einen weiteren Weltkrieg mit vielen Opfern durch den Einsatz von Atombomben zu verhindern.

Währenddessen kursieren im Untergrund Filme, die von jenem geheimnisvollen Man in the High Castle produziert werden – sie zeigen alternative Realitäten. Einer von ihnen mit dem Titel The Grashopper Lies Heavy fällt Juliana in die Hände – ihre Schwester Trudy drückt ihr die Filmrolle in die Hand, kurz bevor sie von der japanischen Geheimpolizei gestellt und erschossen wird. Juliana ist entsetzt und natürlich auch neugierig, wofür ihre Schwester ihr Leben riskiert hat und sieht sich den Film immer wieder an: Er zeigt, wie die japanischen und deutschen Truppen von den Alliierten besiegt und Nazisymbole zerstört werden: Eine andere Welt ist möglich!

Screenshot: The Man in the High Castle: Juliana beim Aikido-Training

Screenshot: The Man in the High Castle: Juliana beim Aikido-Training

Julianas Freund Frank Frink (Rupert Evans) will, dass Juliana den Film der Polizei übergibt. Er hat seine Gründe, vorsichtig zu sein – nicht nur, dass er Künstler ist und seine Kunst als entartet gilt, er hat auch jüdische Vorfahren. Deshalb lebt er nun ein bescheidenes und angepasstes Leben mit einem Job in einer Waffenschmiede, in der Revolver hergestellt werden, die nicht schießen. Denn privater Waffenbesitz ist natürlich verboten – es sei denn, es geht um historische Waffen, die zu hohen Preisen beim Antiquitätenhändler gekauft werden können. Aber Juliana weigert sich – dann wäre der Tod ihrer Schwester ja vergeblich gewesen. Als sie von weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe kontaktiert wird, beschließt sie, den Film wie von ihren gefordert in die neutrale Zone zu schmuggeln. Als Frank am nächsten Tag bei der Arbeit ist, fährt sie los – und lässt ihre Halskette mit dem Herz zurück, das Frank für sie geschmiedet hat.

Natürlich hat diese Entscheidung weitreichende Konsequenzen – insbesondere für Frank und seine Familie, aber auch für Juliana. In der neutralen Zone trifft sie auf Joe, der vergeblich auf seinen Kontakt wartet. Joe hat inzwischen heraus gefunden, was er eigentlich transportiert – eine Filmrolle. Dreimal darf man raten, was drauf steht. Juliana ist unterwegs bestohlen worden – sie besitzt nur noch, was sie auf dem Leib hat – zum Glück hatte sie den Film im Futter ihres Mantels versteckt. Und Ironie des Schicksals – die Diebin wird später als Juliana Crain verhaftet, schließlich hatte sie Julianas Papiere und ihre Sachen bei sich. Juliana sucht und findet einen Job in einem Café und wartet ebenfalls auf ihre Kontakt – doch sie ist damit ähnlich erfolglos wie Joe. Der, wie sich bald herausstellt, ein Spitzel der Nazis ist, der die Widerstandsbewegung unterwandern soll.

Screenshot: The Man in the High Castle: Frank bei der Arbeit

Screenshot: The Man in the High Castle: Frank bei der Arbeit

Joe berichtet direkt an Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell), der gebürtiger Amerikaner, aber hundertprozentiger Nazi ist. Smith ist in New York gerade knapp einem Anschlag entkommen, was ihn in seinem Verdacht bestärkt, dass es in seinem Apparat einen Maulwurf geben muss. Natürlich ist er bei der Suche nach dem Verräter sehr effektiv und skrupellos. Und er ist enttäuscht, dass die Mission von Joe offenbar ein Fehlschlag ist. Er beordert seinen Spitzel zurück nach New York, wo er ihn zu sich nach Hause einlädt – denn wie viele ordentliche Nazis ist Smith ein Familienmensch, er hat eine prächtige Hausfrau, einen tüchtigen Sohn und zwei süße Töchter. Und er ahnt, das Joe ihm nicht alles erzählt hat, was in der neutralen Zone vorgefallen ist und stellt ihm eine Falle. Und Joe, der inzwischen Juliana kennengelernt und den Film gesehen hat, ist sich nicht mehr so sicher, was das Richtige, das er tun will, denn eigentlich ist. Smith gibt Joe eine letzte Chance und schickt ihn an die Westküste – dort ist ein neuer Film aufgetaucht. Joe soll die dortigen Widerständler kontaktieren und den Film besorgen.

Screenshot: The Man in the High Castle: Joe Blake und die Kollegen vom Widerstand

Screenshot: The Man in the High Castle: Joe Blake und die Kollegen vom Widerstand

Zurück in San Francisco erfährt Juliana, dass Frank in der Zwischenzeit noch einiges mehr durchgemacht hat, als sie selbst – wobei sie immerhin mehrfach in großer Gefahr war und in Notwehr einen Mann getötet hat, den sie erst für ihren Kontakt hielt. Joe hat ihr entgegen seines Auftrags bei der Flucht aus der neutralen Zone geholfen. Franks Schwester und ihre Kinder wurden von der Kempeitai ermordet, weil Frank Juliana nicht verraten wollte. Frank selbst wurde verhaftet und misshandelt – in der Nachbarzelle saß ein besonders renitenter Gefangener, der Frank klar gemacht hat, dass es manchmal eben um den Widerstand an sich geht, und nicht darum, einfach nur seine Haut (oder in dem Fall die Haut anderer) zu retten. Genau diese Haltung würde ja dazu führen, dass die Gewaltherrschaft immer weiter funktioniere. Und obwohl Frank dieses Stillhalten und Wegducken bisher ja als seine Überlebensstrategie vertreten hat, lässt er sich das irgendwie einleuchten – er verweigert sich solange, bis zu spät ist. Als sich dann herausstellt, dass eine Juliana Crain verhaftet wurde, lässt Inspektor Kido Frank laufen: „Sie haben genug gelitten. Ich bin ja kein Monster.“

Screenshot: The Man in the High Castle: Odergruppenführer John Smith verhört einen Gefangenen

Screenshot: The Man in the High Castle: Odergruppenführer John Smith verhört einen Gefangenen

Natürlich führt das alles bei Frank zu einer gewissen Radikalisierung. Es passiert in den noch kommenden Teilen noch allerlei – wobei mir das ganze Hin-und-her am Ende doch etwas zu viel wird: Kaum jemand ist tatsächlich der, der er zu sein vorgibt – in einem System der ständigen Überwachung ist man in der Regel auch gut beraten, das zu tun, was von einem verlangt wird. Das ist andererseits auch wieder, was ich an dieser Serie gut finde: Dieses Klima der Angst und des allgegenwärtigen Misstrauens. Es wird gezeigt, was es mit den Menschen macht, die in einem Überwachungsstaat leben müssen, der fundamentalste Menschenrechte nicht anerkennt: Die Leute resignieren, passen sich an, halten den Kopf unten, machen irgendwann mit oder werden verrückt. Einige wehren sich – und bringen  sich selbst und andere in Schwierigkeiten.

Die Moral von der Geschichte wird auch am Ende nicht wirklich klar – was für mich aber ein Plus ist. Der Widerstand wird nicht glorifiziert, sondern es wird immer wieder die Frage gestellt, ob es das alles am Ende wert ist: Die vielen Opfer, das ganze Leid. Durch Julianas Impuls, nach dem gewaltsamen Tod ihrer Schwester das Richtige zu tun, kommen eine ganze Menge Menschen zu Schaden.

Screenshot: The Man in the High Castle: In den Straßen von San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In den Straßen von San Francisco

Andererseits ist aber auch klar: Wer sich nicht gegen diese unzumutbaren Zustände wehrt, macht sich ebenfalls mitschuldig am Leid und Tod von Menschen. Ohne die vielen kleine Räder im Getriebe funktioniert der ganze Laden nicht.

Juliana und Frank haben so oder so Blut an ihren Händen, sie haben Menschen umgebracht oder zugelassen, dass sie umgebracht werden. Und am Ende tricksen sie sogar ihre Mitverschwörer vom Widerstand aus, um den Nazispitzel Joe zu retten, damit der sich mit dem gesuchten Film, für den inzwischen eine ganze Menge Menschen dran glauben mussten, nach Mexiko absetzen kann. Aber es gibt eben auch unter den Nazis bessere und schlechtere Menschen, genau wie unter den Japanern und den Amerikanern. Und es gibt offenbar auch bessere und schlechtere alternative Realitäten. Wir haben hier eine der ganz üblen gesehen, aber ich kann mir ehrlich gesagt auch deutlich bessere vorstellen, als die, die wir gerade live erleben.

Um zu erfahren, was das alles jetzt sollte und was es mit den Filmen und dem Man in the High Castle nun tatsächlich auf sich hat, braucht es wohl noch mindestens eine weitere Staffel. Wobei derzeit noch nicht klar ist, ob es die geben wird.

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Siegermächte unter sich

Screenshot: The Man in the High Castle: Die Siegermächte unter sich

Kleines Detail am Rande – obwohl im westlichen Teil der USA die Japaner und im östlichen die Nazis das Sagen haben, wird natürlich meistens Englisch gesprochen, zum Teil natürlich mit asiatischem oder mit nordischem Akzent, was schon ziemlich lächerlich ist. Genau wie die Bezeichnung Greater Nazi Reich – die Nazis hätten das vermutlich eher Reichsgebiet West-Atlantik Übersee oder Deutsch-Amerika Nord-Ost genannt. Und eigentlich müssten die Nazis natürlich immer Deutsch und die Japaner miteinander Japanisch sprechen. Das tun sie aber nur gelegentlich – und ich vermute, dass das Japanisch in dem Fall auch nicht besser ist als das Deutsch, das gesprochen wird. Das wurde bei Homeland oder Narcos (in dem Fall natürlich mit Spanisch) besser gelöst. Aber verbuchen wir das einfach unter Verfremdungseffekt.

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