Jessica Jones: Superheldin wider Willen

Das Marvel-Universum ist nicht gerade meine Heimat – überhaupt bin ich eine Comic-Banausin. Ich mag Bücher und ich mag Serien – aber diese gezeichneten Superheldengeschichten waren nie mein Ding. Ja ich weiß, es gibt ganz tolle Sachen in diesem Bereich und insbesondere die Belgier haben das Bande dessinée zu einer gehobenen Kunstform entwickelt – es ist keineswegs so, dass ich das komplette Genre nicht ernst nehmen würde. Aber ich habe halt andere Interessen und Prioritäten. Und die meisten Comic-Superhelden gehen mir einfach auf die Nerven – und vor allem nervt mich, dass diese ganzen Marvel-Superhelden-Filme diese öde Blockbuster-Monokultur zementieren, die seit Jahren dafür sorgt, dass man im Kino keine echten Überraschungen mehr erlebt.

Ja, man kann zwei Stunden Spaß haben und so teuer wie das alles ist, ist es natürlich auch gut gemacht – man hat auch keine negative Überraschung. Aber dieses Gefühl, gerade etwas Ungeheures erlebt zu haben, das die Sicht auf die Welt, wie man sie vorher hatte, irgendwie verändert – das hatte ich lange nicht mehr. Wobei na klar – früher war es einfach, die Leute zu beeindrucken, weil es ja vieles zuvor noch nicht gegeben hatte. Und dann ein Film wie Blade Runner. Oder wie Brazil. Womit ich nicht sagen will, dass es keine guten Filme mehr geben würde – in meinem Blog habe ich ja schon eine Menge davon besprochen. Aber ich schweife ab: Marvel. Netflix. Jessica Jones.

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Erstaunlich gut – meine mittlerweile erwachsenen Kinder haben mir diese Serie unabhängig voneinander empfohlen, nach dem Motto: „Ich weiß ja, dass du es nicht so mit Marvel hast, aber…“. Und ich dachte mir, wenn die beiden Jessica Jones gut finden – und sie finden keineswegs immer dasselbe gut – dann könnte es sich lohnen, hineinzusehen. Und es hat sich gelohnt, denn ich habe durchaus etwas übrig für Privatdetektive, insbesondere, wenn sie zum Frühstück schon billigen Bourbon trinken und auch sonst unleidlich sind. Und wenn sie dann auch noch so aussehen wie Krysten Ritter, die fatale Jane Margolis aus Breaking Bad. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, dass Frauen geniale, immer schlecht gelaunte Serien-Helden mit unterdurchschnittlicher Sozialkompetenz sein dürfen – insofern gibt es hierfür einen Extrabonus.

Jessica Jones ist verbissen wie Kommissarin Lund, stark wie Pippi Langstrumpf und cool wie Philip Marlowe. Und ein bisschen erinnert sie mich an meine Lieblingsheldin ever – die Eisexpertin Smilla Jaspersen aus Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg. Smilla ist keine Superheldin im marvelschen Sinne, aber sie hat, dank ihrer Mutter, die Inuit war, besondere Fähigkeiten: Sie kann Spuren im Schnee lesen, sie weiß, wie man im ewigen Eis überlebt und sie lässt sich von niemanden beeindrucken. Die Konventionen der dänischen Gesellschaft sind ihr herzlich egal – auch wenn sie die Position ihres Vaters, der ein angesehener Herzchirurg in Kopenhagen ist, durchaus für sich zu nutzen versteht.

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Bei Jessica ist das alles weniger subtil motiviert – das genau ist es, was ich an diesen Marvel-Stories ja kritisiere. Es gibt immer diese haarsträubenden pseudo-wissenschaftlichen Erklärungen, die alles noch viel schlimmer machen: Hier ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment und dort einen tragischen Unfall und plötzlich haben die Betroffen übermenschliche Fähigkeiten. Was für ein Blödsinn, aber egal, wir sind hier ja im Reich der Fiction, wieso also nicht. Auch wenn dieses ganze Superheldentum totaler Bullshit ist – Spaß macht es irgendwie doch. Und natürlich ist es schon irgendwie cool, dass Jessica Vorhängeschlösser einfach mit einem Ruck aufziehen kann wie andere ihre Schnürsenkel. Da stört es dann auch nicht, dass es auch noch andere Typen besonderen Begabungen gibt, Luke Cage (Mike Colter) etwa, der eine unkaputtbare Haut hat oder und dann natürlich Kilgrave (David Tennant), der bad guy der Serie, der die Fähigkeit hat, anderen seinen Willen aufzuzwingen.

Aber natürlich ist auch der fiese Kilgrave das Opfer eines zweifelhaften Experiments, das seine Eltern – beide besessene und ziemlich zwielichtige Wissenschaftler – an ihm vorgenommen haben. Wobei sich herausstellt, dass sie es alles gar nicht so böse gemeint haben, wie es erst aussah und sich für den kleinen Kevin anfühlen musste. Eltern sind hier überhaupt ziemlich böse – auch die Mutter von Jessicas Adoptivschwester Trish Walker (Rachael Taylor), die Jessica nach dem Unfalltod ihrer Eltern und ihres Bruders adoptiert hat. Die ehrgeize Dorothy hat ihre Tochter Trish durch harten Drill zu einem Kinderstar aufgebaut, aus dem später eine erfolgreiche Radiomoderatorin geworden ist.

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Jessica (Kristen Ritter) und Trish (Rachael Walker)

Trish ist der einzige Mensch, an dem Jessica wirklich etwas liegt und wie sich herausstellt, auch ohne Superkräfte ziemlich überlebenstüchtig – Tigermama sei dank. Und dann gibt es noch Jessicas drogensüchtigen Nachbarn Malcolm (Eva Darville), der eigentlich Sozialarbeiter werden wollte, aber selbst irgendwie auf die schiefe Bahn gerät, den guten Cop Will Simpson (Wil Traval), ebenfalls ein Opfer von Kilgrave, der sich in Trish verliebt und die abgefeimte Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss), über die Jessica zumindest einen Teil ihrer Aufträge bekommt.

Eines Tages soll Jessica für Barbara und Bob Shlottman ihre Tochter Hope finden. Hope ist nämlich ein gutes Mädchen – die verschwindet nicht einfach so. Natürlich nicht. Jessica findet heraus, dass Hope ein ähnliches Schicksal erleidet wie sie selbst – sie ist in die Fänge von Kilgrave geraten. Jessica war ebenfalls ein Opfer von Kilgrave – er hat sie dazu gebracht ihn zu lieben und sie für seine Machenschaften benutzt. Das ist ein wichtiges Thema der Serie: Missbrauch und wie die Opfer damit umgehen. Wie kommt man aus der Opferrolle wieder raus?

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Kilgrave (David Tennant)

Nachdem Kilgrave Jessica dazu gebracht hat, für ihn einen Mord zu begehen, ist ihr die Flucht gelungen – aber wie sich nun herausstellt, ist er noch immer hinter ihr her. Kilgrave benutzt Hope, um sich an Jessica zu rächen, so bringt er Hope dazu, ihre eigenen, ausnahmsweise mal gar nicht so üblen, Eltern zu ermorden. Und Jessica gibt sich tatsächlich die Schuld daran – auch wenn sie natürlich gar nichts dafür kann, denn es ist ja Kilgrave, der hinter allem steckt.

Aber genau das ist die Entwicklung, die Jessica durchmachen muss – sich eben nicht mehr für die Dinge, für die sie nun wirklich nichts kann, schuldig zu fühlen, sondern stattdessen die Dinge zu ändern, die sie  – und nur sie – ändern kann. Und weil es sehr schwer ist, jemanden zur Strecke zu bringen, der jeden in seinem Umfeld nach Belieben nach seiner Pfeife tanzen lassen kann, muss Jessica jetzt das werden, was sie eigentlich nie sein wollte – eine Superheldin.

Eine Superheldin wider Willen, die sich eigentlich lieber in ihrer schäbigen Detektei – praktischerweise ist ihr Büro zugleich auch ihre Wohnung oder umgekehrt – zu Tode saufen würde, wenn sie nicht gerade für Jeri Hogarth in der dreckigen Wäsche ihrer Mandanten wühlen muss, das ist dann doch nach meinem Geschmack. Und Jessica ist eine tolle Rolle für Krysten Ritter, die herrlich ruppig, wütend und dann auch wieder verzweifelt und verletzlich sein kann. Natürlich ist auch David Tennant als Kilgrave ein überzeugender Bösewicht – es lohnt sich schon allein wegen seines britischen Akzents die Originalversion anzusehen. Doch, ja, Jessica Jones hat mich überzeugt: Wenn schon eine Superhelden-Serie, dann diese.

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