Die 10 besten Serien 2015

1. Mr. Robot

Hier mögen die Meinungen auseinander gehen – ja, und ich bin auch nicht damit einverstanden, dass alles am Ende so ins Psychologische abgekippt ist – aber trotzdem ist diese Serie diejenige, die ich für die in vielerlei Hinsicht für die relevanteste Neuerscheinung des ganzen Jahres halte. Sowohl, was die Relevanz der behandelten Themen angeht, als auch, was die Erzählweise und die Ästhetik betrifft: Mr. Robot ist einfach auf der Höhe der Zeit.

Ein psychisch instabiler Held, der mit der Gesellschaft unzufrieden ist, und die neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche nutzt, um Dinge, an denen er sich stört, irgendwie in Ordnung zu bringen – was letztlich aber auch nicht so funktioniert, wie er sich gedacht hat: Das ist an sich schon eine ziemlich gute Idee. Und über die ganze Palette möglicher Bedrohungen im und durch das Internet von Stalking, herkömmlicher Cyberkriminalität, Identitätsdiebstahl, über Ashley Madison, den Sony Hacks und Anonymous bis hin zur ganz normalen Überwachung durch Google, Facebook, Amazon, Netflix oder den eigenen Arbeitgeber werden viele negative Aspekte der wunderbaren Vollvernetzung aufgegriffen.

Sam Esmail hat ein tolles Drehbuch abgeliefert, aus dem USA Network etwas Besonderes gemacht hat. Und natürlich ist Rami Malek super – aber auch alle anderen im Cast. Jeder Preis und jede Auszeichnung dafür ist mehr als angemessen. Insofern freut mich natürlich, dass es nun eine Menge Nominierungen für Mr. Robot hagelt – den Audience Award vom SXSW Film Festival hatte die Pilot-Folge ja schon gewonnen und Sam Esmail den Gotham Independent Film Award für die Breaktrough Serie 2015.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

2. Fargo

Die erste Staffel von Fargo war einfach der Hammer, aber auch die zweite bewährt sich – obwohl ich zugeben muss, dass ich mir nach einigen Teilen nicht mehr so sicher war: Jede Menge Leichen, aber ziemlich wenig roter Faden. Aber zum Staffelende nahm die Geschichte wieder deutlich an Fahrt auf und alles war wie erwartet wunderbar – und zwar nicht nur das bonbonbunte 70er-Jahre-Ambiente. Selten hat man so grandios aneinander vorbei geredete Dialoge erlebt wie die von Peggy und Ed. Und überhaupt die ganze Ausweglosigkeit dieser beiden Helden, die eigentlich ja einfach nur Verlierer sind, aber sich weigern, das einzusehen – das ist große Klasse. Aber auch Sheriff Larsson und State Trooper Lou Solverson werden durch die Auseinandersetzung mit dem hochkriminellen Gerhardt-Clan und seiner Konkurrenten schwer geprüft. Und dann ist da noch Lous krebskranke Frau Betsy, die ihr Schicksal tapfer trägt. Doch Coen-typisch gerät jeder noch so tiefe Griff in die Klischee-Kiste hier nicht zum Kitsch, sondern zu einer absurd komischen oder eben auch absurd tragischen Zuspitzung dieser ohnehin schon reichlich eigenwilligen Geschichte – was eben das Besondere dieser Serie ausmacht.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

3. Better Call Saul

Nicht ganz so haarsträubend wie die Ursprungsserie Breaking Bad, aber auch schlimm genug: Jimmy McGill, der schlecht bezahlte Pflichtverteidiger, der dumme Jungs aus dummen Situationen retten muss, in die sie sich selbst hineinmanövriert haben, entdeckt als Geschäftsmodell die Alten und Kranken. Die brauchen auch Beistand und ein vernünftiges Testament. Und wie wir erfahren, war Jimmy schon immer ein bisschen kriminell – als Slipping Jim hat er in seiner Heimatstadt darauf gelauert, dass Menschen sich bei Glatteis die Knochen brechen und Jimmy dann an der Schadensersatzklage mitverdienen kann. Dieses Modell funktioniert im warmen Süden aber nicht, wie er schnell feststellen muss – denn er legt sich leider mit dem Falschen an. Dafür steigert sich Jimmy mit eigenwilligen Mitteln zum Geheimtipp für die ganz hoffnungslosen Fälle. Als Running Gag gerät Jimmy immer wieder in Konflikt mit dem mürrischen Parkplatzwärter Mike Ehrmantraut, der früher einmal Polizist war. Aber, wie man auch Breaking Bad ja schon weiß, führt das Schicksal diese beiden zusammen – und jetzt erfahren wir, wie. Doch, Better Call Saul ist nicht Breaking Bad, aber diese Serie hilft einem zu verkraften, dass es nach Breaking Bad kaum noch etwas besseres geben kann.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

4. Sense8

Das vermutlich größenwahnsinnigste Serien-Projekt des Jahres dürfte Sense8 gewesen sein, und mal abgesehen von Games of Thrones, das weiterhin ohne mich stattfindet, war es bestimmt auch eins der teuersten: Drehorte auf der ganzen Welt, von Island über London, Berlin, Mexico City, San Francisco, Chicago, bis hin zu Nairobi, Mumbai und Seoul, und acht Hauptcharaktere, deren Geschichten und Leben miteinander in Beziehung stehen, obwohl sie einander noch nie gesehen haben. Und obwohl ich eigentlich nicht so sehr auf Mysterien und Übernatürliches stehe, hat mir Sense8 alles in allem doch großen Spaß gemacht, weil die Helden letztlich dann doch normal genug waren, um als Zuschauer ihre Probleme noch ernst nehmen zu können. Mir hat auch gefallen, dass man etwa durch den Kenianer Capheus (Aml Ameen) auch etwas über den Alltag in Nairobi („Welcome to Nai-Robbery“ sagt der Gangster, der den Bus überfällt) erfährt oder die Inderin Kala über die gesellschaftlichen Spannungen auf dem indischen Subkontinent. Die Vielseitigkeit war eindeutig ein Plus, auch wenn hier natürlich auch viele eigenartige Klischees anzutreffen waren. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass in Berlin nur russische und jüdische Gangster leben und ganz San Francisco eine einzige Pride-Parade ist. Und auch wenn ich die Story ingesamt reichlich konfus und alles in allem doch etwas schwach finde, spielt das letztlich keine Rolle: Sense8 waren zwölf Stunden bildgewaltige Unterhaltung aus dem globalen Wachowski-Universum, das hat sich allein deshalb schon gelohnt.

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

5. Halt an Catch Fire

Die meiner Ansicht nach unterschätzteste Serie derzeit ist Halt and Catch Fire – ein wirklich sehenswertes Retro-Drama über die beginnende Computerisierung von Arbeitswelt und Alltag zu Beginn der 80er Jahre. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel, die in diesem Sommer heraus gekommen ist, stehen nun die noch sehr junge, aber sehr begabte Programmierin Cameron und die Technik-Expertin Donna, die beide gemeinsam ein Internet-Start-Up gegründet haben, wie man heute sagen würde: In einem mit Technik vollgestellten Haus werkeln sie gemeinsam mit einer Horde Nerds an der Zukunft der Online-Spiele. Und natürlich ist das alles nicht so einfach – es gab damals ja noch keine Infrastruktur, die für solche Anwendungen vorgesehen war. Außerdem tun sich die Männer mit den neuen Rollenbildern schwer – dass Frauen arbeiten gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist in den USA zwar normal, aber normal ist eben auch, dass sie sich nebenbei noch um Mann und Kinder kümmern – was Donna bei ihrem Arbeitspensum einfach nicht schafft. Es geht also nicht nur um neue Technik und wie man daraus ein Geschäftsmodell machen kann, sondern unter anderem auch um die bis heute nicht gelöste Frage, wie frau Arbeitsleben und Familie unter einen Hut bekommt.

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6. Narcos

Narcos ist die realistische Variante von Breaking Bad – die Geschichte des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar und dem Aufstieg seines Medellín-Kartells zu einer der mächtigsten Organisationen im internationalen Drogengeschäft. Auch diese Serie spielt in den späten 70er und den 80er Jahren und zeigt unter anderem, wie schwierig es damals ohne Internet und Handy war, Leute gezielt zu überwachen und abzuhören. Die Handlung wird aus der Sicht des DEA-Agenten Steve Murphy und dessen Partners Javier Pena erzählt, die mit der Zeit selbst mehr und mehr in den Sumpf aus Korruption und Gewalt gezogen werden, mit denen das Kartell das ganze Land überzieht. Die Serie ist gnadenlos, brutal und kein bisschen lustig – aber sie zeigt, wie das Drogengeschäft und das Geld, das sich damit verdienen lässt, eine komplette Gesellschaft unterminiert. Und das ist nicht mal die hässlichste Variante des Kapitalismus.

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

7. Master of None

Tatsächlich hat es mit Master of None eine echte Comedy in meine Bestenliste geschafft. Es ist ja nicht so, dass Fargo oder Better Call Saul nicht auch zum Teil sehr lustig wären, aber es gibt ja mittlerweile zumindest für die Emmy-Nominierungen inzwischen eine knallharte Definition, was bitte schön Drama- und was Comedy-Serie sei: Serien mit Teilen unter 30 Minuten sind Comedy, Serien mit 40-55 Minuten-Teilen sind Drama – egal ob lustig oder nicht. Master of None ist also Comedy und tatsächlich auch sehr lustig: Aziz Ansari ist ein Meister darin, die Absurditäten des New Yorker Alltags von nicht mehr ganz jungen Immigranten-Kindern auf den Punkt zu bringen, die es in jeder Beziehung besser haben als ihre Eltern, aber einfach keine Lust, daraus etwas zu machen, worauf ihre Eltern stolz sein könnten. Ihre größte Sorge ist, wie das nächste Date verläuft und dass es dann ein weiteres gibt. Klingt unspektakulär – aber genau das macht den Charme der Sache aus.

Master of None

Master of None

8. The Man in the High Castle

Doch, diese Retro-Sci-Fi-Serie aus dem Hause Amazon sollte man gesehen haben – so verstörend waren die 60er Jahre noch nie. New York im Look von Berlin 1936, japanische Straßenschilder in San Francisco und eine Gesellschaft, in der es normal ist, dass Menschen verschwinden, vergast werden und als Ascherregen auf blühende Wiesen niedergehen – es ist ja nicht so, dass es das nicht tatsächlich schon gegeben hätte. Genau das ist ja so erschreckend daran – und auch, wie bereitwillig sich die Menschen unter unmenschlichen Umständen anpassen, weil sie für sich hoffen, irgendwie davon zu kommen. Und wer dabei nicht mitmachen will, riskiert sein Leben – und das seiner Mitmenschen. Was also tun, wenn es keine Lösung gibt, bei der man sich gegen unerträgliche Zustände wehren und gleichzeitig mit dem Leben davon kommen kann?

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

9. Hand of God

Eine weitere Amazon-Serie, die ich in diesem Jahr sehenswert fand, ist Hand of God, ein Psychodrama über den einflussreichen Richter Parnell Harris, der durch den Selbstmord seines einzigen Sohnes Zuflucht in der Religion sucht und sich auf einen fatalen Rachefeldzug begibt. Es geht auch hier um Geld und Korruption, Macht und Intrigen. Und darum, ob es nun Gottes Wille ist, der Pernell dazu bringt, dass Recht in die eigenen Hände zu nehmen, oder nicht viel mehr sein eigener. Es gibt erstaunlich wenig Serien, die sich damit beschäftigen, was Menschen überhaupt motiviert, an Gott (in welcher Form auch immer) zu glauben – insofern ist Hand of God tatsächlich mal etwas anderes, auch wenn die Geschichte, die hinter dem Selbstmord des Sohnes dann auch wieder nicht dermaßen originell ist. Aber auf jeden Fall solide Serienkost mit interessanten Charakteren.

Hand of God - Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Hand of God – Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

10. Deutschland 83

Gut, als bei der einzigen deutsche Serie, die ich in diesem Jahr ganz interessant fand, spielt bei Deutschland 83 ein erheblicher Mitleidsbonus mit – bei den RTL-Zuschauern ist der Achtteiler über den Stasi-Spion wider Willen ja komplett durchgefallen. Aber ganz ehrlich: Das hat RTL sich nun wirklich selbst zuzuschreiben. Denn wer eine solche Serie sehen will, der wartet nicht, bis sie endlich mal im deutschen Fernsehen läuft. Und dann noch auf einem Sender, der einem nur von nerviger Werbung unterbrochene Handlungshäppchen anbietet. Also ehrlich: Ein echter Serien- oder Filmfan akzeptiert keine Werbeunterbrechungen. Früher half da nur die Aufzeichnung, aus der man die Werbung halt rausschneiden konnte, heute gibt es entsprechende Angebote im Internet.

Und noch was, RTL: Die Zielgruppe für eine halbwegs gute Serie über deutsch-deutsche Geschichte sieht sich am Donnerstagabend schon die Serie auf arte an – da kommen auch immer zwei Teile hintereinander und zwar ohne Werbung. Die Idee, einfach mal zu versuchen, Zuschauer, die man verloren hat, mit guten Inhalten zurückzugewinnen, ist prinzipiell eine gute. Aber in heutigen Zeiten reicht das halt nicht mehr – die Leute wollen ihre Serien dann ansehen, wenn sie Zeit und Lust dazu haben. Und nicht, wann ein Sender meint, sie senden zu müssen.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

11. Jessica Jones

So, und was wäre mein 10. Platz ohne Mitleidsbonus gewesen? Jessica Jones. Ich kann zwar sonst nicht viel mit Marvel anfangen, überhaupt bin ich eine Comic-Banausin – nicht aus einer prinzipiellen Missachtung des Genres heraus, aber ich lese trotzdem lieber Bücher ohne Bilder. Und wenn Bild, dann doch gleich Film. Aber das funktioniert für mich auch nicht immer: Daredevil beispielsweise war definitiv nicht mein Ding – aber die düstere Privatdetektivin aus New York hat mich jetzt doch überzeugt: Allein der Vorspann und die Musik dazu, und natürlich Krysten Ritter – die verhängnisvolle Jane Margolis aus Breaking Bad. Und dann die Idee, eine alkoholsüchtige Ex-Superheldin auf einen gewissenlosen Superfiesling loszulassen, der anderen Menschen seinen Willen aufzwingen und sie damit zu den Schrecklichsten Dingen bringen kann, das hat schon was. Es geht um Missbrauch und Schuld und die Frage, wie man sich aus Abhängigkeiten und der Opferrolle befreien kann. Das ist ein gutes und wichtiges Thema. Endlich eine Frauenserie, die mich nicht nervt!

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Natürlich gab es noch eine Reihe weiterer Höhepunkte im Serienjahr 2015 – zu denen komme ich noch in weiteren Blogeinträgen.

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