Bridge of Spies

Das Beste an Steven-Spielberg-Filmen ist in der Regel der Anfang – und das gilt auch für Bridge of Spies, zu deutsch Der Unterhändler. Der sowjetische Meisterspion Rudolf Abel (Mark Rylance), der demnächst verhaftet werden muss, damit die Handlung ihren durch die Geschichtsschreibung vorgezeichneten Verlauf nehmen kann, wird als etwas pedantischer Maler eingeführt, der um den Zustand seiner Palette besorgter zu sein scheint als um seine eigene Zukunft. Womit auch ein Running Gag des Films etabliert ist: Der Versicherungsanwalt James Donovan (Tom Hanks) wird Abel künftig immer wieder fragen, ob er nicht besorgt sei. Und der stoische Abel wird jedes Mal zurückfragen, ob das denn helfen würde. Was selbstverständlich nicht der Fall ist.

Und, das kann schon mal verraten werden, weil der Fall im Film nicht anders ausgehen kann, als er vor Jahrzehnten tatsächlich ausgegangen ist: James Donovan schafft es als inoffizieller Unterhändler in Ostberlin tatsächlich, einen Gefangenenaustausch einzufädeln, bei dem Abel gegen den US-Piloten und CIA-Agenten Francis Gary Powers ausgetauscht wird. Der geschickte Donovan erreicht gleichzeitig auch, dass der von der Stasi als angeblicher Republikflüchtling verhaftete Wirtschaftsstudent Frederic Pryor ebenfalls freigelassen wird. Doch bis dahin gibt es ein nervenzermürbendes Tauziehen zwischen den beiden Supermächten, in das sich die um internationale Anerkennung ringende DDR auch immer wieder einmischen will.

Bridge of Spies - Bild: fox.de

Bridge of Spies – Bild: fox.de

Es ist nicht ganz einfach, den Film einem Genre zuzuordnen, er ist Gerichtsdrama (auch ein Verräter verdient einen fairen Prozess), Spionagethriller (Agentenaustausch in Ostberlin), Historienschinken (Kalter Krieg) und Charakterstudie (der standhafte Mr. Donovan) zugleich. Was in meinen Augen nicht unbedingt ein Vorteil ist – wobei natürlich auch extrem schwierig wäre, aus einer Geschichte, deren Ende bekannt ist, einen spannenden Thriller zu machen. Insofern ist halt ein typischer Spielberg dabei herausgekommen: Eine Hommage an den standhaften Mann, der auch unter widrigsten Umständen seinen edlen Prinzipien treu bleibt und damit am Ende einen Sieg erringen kann – auch wenn nicht ganz klar ist, ob das wirklich für alle gut ausgeht.

Das ist natürlich eine weitere Paraderolle für Tom Hanks, der zweifelsohne wahnsinnig gut darin ist, diese bodenständigen Allerweltshelden zu spielen. Nichts wird dem Anwalt Donovan leicht gemacht, für die öffentliche Meinung ist er gestorben, schon weil er sich überhaupt bereit erklärt, den Vaterlandsverräter Abel zu verteidigen. Aber Donovan macht immer alles so gut wie er eben kann – und weil er ein guter Anwalt ist, schafft er es, seinen Mandanten vor der fast sicheren Todesstrafe zu bewahren. Er kann den Richter überzeugen, dass ein lebender Spitzenspion der Feindseite unter Umständen hilfreich sein kann, falls ein US-Spion einmal in eine ähnliche Situation geraten sollte. Schon bald stellt sich heraus, dass Donovan damit recht behalten wird.

Bridge of Spies - Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Nachdem der Pilot Gary Powers mit seinem Super-Spionage-Flugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde, wird Donovan von CIA-Chef Allan Dulles mit einem Geheimauftrag nach Ostberlin geschickt, um den Austausch Abel gegen Powers zu verhandeln. Natürlich nicht als offizieller Vertreter der Vereinigen Staaten, sondern total inoffiziell. Denn offiziell würden beide Supermächte niemals über solche Dinge reden. Und schon gar nicht miteinander.

Donovans Reise ins Herz der Finsternis, durch das gerade eine Mauer gebaut wird, gleitet daraufhin stark in Richtung Farce ab: Im vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Berlin erlebt Donovan allerlei haarsträubende Absurditäten. Das beginnt damit, dass er von der CIA in einem ungeheizten, heruntergekommenen, aber total geheimen Loch in Westberlin einquartiert wird, das man eher in Ostberlin erwarten würde, um dann mit einem Stadtplan in den Osten geschickt zu werden: „Sie sind auf sich gestellt. Von uns geht keiner mehr in den Osten. Viel zu gefährlich!“ erklären die wackeren CIA-Leute.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Aber Donovan tut natürlich, was er tun muss. Er macht sich im Schneegestöber auf dem Weg in den Osten, zur sowjetischen Botschaft, bei der er schließlich auch ankommt, nachdem ihn ein paar Berliner Jungs abgezogen haben, wie man das heute nennen würde: Sie waren scharf auf seinen schönen warmen Mantel. In der Botschaft wartet schon Abels deutsche Familie auf den Anwalt aus Amerika – irritierend genug: War Abel nicht mit einer Musikerin aus Moskau verheiratet?

Aber Donovan behält die Nerven, auch wenn er sich eine solide Erkältung geholt hat. Mit den Sowjets ist er vergleichsweise schnell einig. Aber da ist ja noch das Problem mit diesem Studenten – für das er mit einem  Vertreter der DDR verhandeln muss. Und diesem Anwalt Vogel (Sebastian Koch) ist mehr an der Anerkennung für seine Deutsche Demokratische Republik gelegen als an irgendwelchen humanitären Lösungen für dumme Jungs, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Außerdem hat Donovan ein Problem mit der korrekten, aber viel zu langen Bezeichnung für die UdSSR. Ständig „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ wiederholen zu müssen ist ihm zu kompliziert: „Können wir nicht einfach die Russen sagen?“ Ab und an schillert tatsächlich die Beteiligung der Coen-Brüder durch – für meinen Geschmack aber viel zu selten.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan und die neu gebaute Mauer (Tom Hanks) Bild: fox.de

Dafür wurden keine Mühen gescheut, das Berlin der frühen 60er Jahre so trostlos aussehen zu lassen, wie es gewiss auch ausgesehen hat – zwar sieht die echte Sowjetbotschaft ganz anders aus, aber geschenkt, es gibt genügend echte S-Bahnbögen, alte S-Bahnwaggons und so weiter, auch der hässliche Mauerstreifen ist leider kein bisschen übertrieben und die herzzerreißenden Szenen, wie die Menschen aus den Fenstern in den Westen springen, bevor diese vermauert werden, gab es damals tatsächlich.

Von der S-Bahn aus sieht Donovan auch, wie Menschen bei dem Versuch, den Todesstreifen zu überwinden, erschossen werden – natürlich ist er angemessen entsetzt. Später wird diese Szene spielberg-typisch noch einmal wiederholt – aber die Jugendlichen, die im sonnigen Brooklyn über die Zäune klettern, werden natürlich nicht erschossen, denn man befindet sich ja im goldenen Westen, in dem Freiheit, Freiheit und Doppelfreiheit über alles geht.

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Das ist einer dieser Missgriffe, die mich mittlerweile wirklich ärgern – mag sein, dass weiße Jugendliche in den 60er Jahren so etwas unbehelligt tun durften. Aber mittlerweile sollte auch ein Spielberg wissen, dass man in seinem Land durchaus erschossen werden kann, wenn man sich als Teenager in Nachbars Garage am Bier vergreift. Denn bedeutet Freiheit nämlich eigentlich: Dass jeder mit seinem Hab und Gut machen kann, was er will und dass die Menschenwürde eines jeden dabei scheißegal ist.

Aber darum geht es in dem Film gar nicht, hier geht es um Prinzipientreue und Aufrichtigkeit, was, das muss der Fairness halber gesagt werden, auch für den Antihelden Rudolf Abel gilt. Abel bleibt ebenfalls seinen Prinzipien treu und lässt sich trotz harter Verhöre und verlockender Angebote nicht dazu verleiten, sein Land zu verraten, nämlich die Sowjetunion. Insofern wird es Donovan trotz aller nachvollziehbaren Professionalität auch zu einem persönlichen Anliegen, diesen aufrechten Kerl Rudolf Abel zu retten. Ihm imponiert die Unerschütterlichkeit, mit der Abel sein Schicksal trägt – letztlich sind die beiden sich ziemlich ähnlich. Aber auch das ist typisch Spielberg: Das Lob des bescheidenen Helden, dessen Größe sich gerade darin zeigt, dass seine heroische Grundhaltung von jeweiligen Umfeld nicht gewürdigt (oder ihm gar zum Verhängnis) wird.

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Und das gleich auf verschiedenen Ebenen – als Donovan am Ende zu Frau und Kind zurückkehrt, hat er sogar die versprochene Marmelade dabei: Er hat seiner Frau nämlich gesagt, er sei zu einem Angelausflug in England, damit sie sich keine Sorgen macht. Aber so spielverderberisch wie Ehefrauen nun mal sind, sieht sie am Preisschild, dass die Marmelade aus dem Laden an der Ecke und nicht aus London kommt. Aber dank der Nachrichten, die bald darauf im Fernsehen zu sehen sind, erahnt sie, was ihr Mann tatsächlich getan hat, der oben vollständig angezogen aufs Bett gesunken ist. Natürlich verzeiht sie nun und ist, wie der Rest der Nation, die Donovan zuvor zu gern als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, nun mächtig stolz auf ihren Helden.

Wenn man auf so etwas steht, ist Bridge of Spies ein sehr gelungener Film.

Fun Fact: In diesem Film darf die Glienicker Brücke tatsächlich sich selbst spielen und wird nicht etwa von der Swinemünder Brücke dargestellt, wie das sonst oft der Fall ist. Aber für Steven Spielberg kann man das schon mal machen – kommt ja auch besser mit dem echten Wasser unter der echten Brücke statt der Bahngleise, die unter der Swinemünder verlaufen.

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