Empire – König Lear im Gangsta-Style

Bombast-Soaps wie Dallas oder Der Denver-Clan waren nie mein Ding, auch wenn ich mich noch gut daran erinnere, dass diese Serien in den 80er Jahren jeweils am nächsten Tag auf dem Schulhof und am Arbeitsplatz leidenschaftlich diskutiert wurden. Aber damals war mir das herzlich egal – die Intrigen von irgendwelchen superreichen Amis interessierten mich nicht die Bohne. Offenbar hatte ich früher tatsächlich Besseres zu tun als fernzusehen. Aber nach jahrzehntelanger Mühsal in der Tretmühle der modernen Arbeitswelt schätze ich einfach verfügbare Zerstreuungen, weshalb ich mittlerweile Serien-Expertin bin.

Und obwohl ich noch immer nicht begreife, warum sich Menschen freiwillig das Dschungelcamp ansehen (oder irgendeine andere von Werbung zerhackte Sendung auf einen Privatsender) muss ich zugeben, dass mittlerweile eine Serie ähnlichen Kalibers wie Dallas/Denver-Clan entdeckt habe, die mir wirklich Spaß macht: Empire.

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard) Bild via fox.com

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard)
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Empire ist die Geschichte von Musik-Milliardär Lucious Lyon (Terrence Howard) bzw. die Geschichte des Kampfes innerhalb des Lyon-Clans um seine Nachfolge – im Grunde also eine weitere King-Lear-Variante. Der Ghetto-Musiker Dwight Walker hat sich von der Straße in die Chefetage seines eigenen Musik-Labels hochgearbeitet und sich dafür einen neuen Namen zugelegt – das war vermutlich vor allem nötig, damit man ihn nicht mehr mit seiner kriminellen Vergangenheit in Verbindung bringt. Lucious ist einer der wenigen Afroamerikaner in einer solchen Position, genau wie sein Kumpel Barack im Weißen Haus, der ihn gelegentlich anruft. Okay, Obama kam nicht direkt von der Straße, aber wir wollen nicht so kleinlich sein.

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson) Bild via fox.com

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson)
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Lucious hat alles, was sich ein Mann wünschen kann – Geld, Erfolg, Einfluss und natürlich schöne Frauen. Aber er hat eine unheilbare Krankheit: Ihm bleibt nach der ALS-Diagnose nicht mehr viel Zeit, einen würdigen Nachfolger zu finden. Lucious hat zwar drei Söhne, aber keiner davon ist perfekt. Andre (Trai Byers), der Älteste, hat an einer Elite-Uni studiert und ist ein Finanzgenie. Er ist ehrgeizig und ein Arbeitstier – Andre hat Empire zu dem gemacht, was es jetzt ist und auch den bevorstehenden Börsengang vorbereitet. Aber erstens hat er eine bipolare Störung und zweitens hat er es nicht so mit Musik. Und dann hat er auch noch eine berechnende weiße Schlampe geheiratet.

Der zweite Sohn Jamal (Jussie Smollet) ist hingegen ein unglaublich talentierter Musiker, aber er interessiert sich nicht fürs Geschäft. Er ist damit zufrieden, ein genialer Singer-Songwriter zu sein, den nur ein paar weiße Kids in Brooklyn kennen, wie seine Mutter ihm treffend vorwirft. Und noch schlimmer: Er ist schwul.

Empire: Jamal (Jussie Smollet) Bild via fox.com

Empire: Jamal (Jussie Smollet)
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Der dritte, Hakeem (Bryshere Y. Gray), ist Lucious Liebling und hat durchaus Talent, aber er ist ein verwöhntes, selbstbezogenes Arschloch und musste noch nie um Erfolg und Anerkennung kämpfen. Er pflegt zwar Gangsta-Attitüde und hängt mit üblen Jungs ab, aber letztlich verlässt er sich immer darauf, dass ihm einer seiner großen Brüder oder sein Papa den Arsch rettet.

Und dann gibt es da noch Cookie (Taraji P. Henson), die Mutter der drei, die nach 17 Jahren aus dem Knast kommt. Sie musste einsitzen, weil sie mit Drogen gedealt hat, um Lucious und ihren Traum vom eigenen Musiklabel zu erfüllen. Sie fordert nun, was ihr zusteht: Die Hälfte von Empire.

Empire: Jamal und Cookie Bild via fox.com

Empire: Jamal und Cookie
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Natürlich geht Lucious darauf nicht ein, aber er bietet ihr einen Job an. Das wiederum passt seiner aktuellen Verlobten Anika (Grace Gealey) überhaupt nicht, die nun nicht zu Unrecht befürchtet, dass ihr die vulgäre, aber höchst effektive Cookie die Zügel aus der Hand nehmen wird. Denn Cookie ist das eigentliche Genie hinter Empire gewesen – sie ist nicht nur eine begnadete Produzentin, sie weiß auch, wie man verhandelt und mit durchgeknallten Stars umgeht. Und jetzt, nach all den Jahren im Knast ist Cookie noch härter und hungriger geworden. Und natürlich kämpft sie wie eine Löwin für ihre Söhne – insbesondere für ihren Liebling Jamal, mit dem sie umgehend die Produktion eines neuen Albums startet, um Lucious zu zeigen, dass Jamal mehr drauf hat als sein Liebling Hakeem. Es macht einfach Spaß, Taraji P. Henson dabei zuzusehen, wie sie ihre Rolle als Cookie Lyon genießt – für die sie völlig verdient einen Golden Globe gewonnen hat und zweimal für den Critics Choice Award als beste Darstellerin in einer Dramaserie nominiert wurde.

Empire:  Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray) Bild via fox.com

Empire: Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray)
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Und natürlich gibt es viel Musik – den Soundtrack zur ersten Staffel hat die Produzenten-Legende Timbaland geliefert. Wenn man diese Musik mag, lohnt es sich, diese Serie allein deshalb anzusehen, auch wenn es wenig echten Hip-Hop gibt, dafür aber eine Menge interessanter Remixe von bekannten Songs. Es ist ein bisschen wie bei Treme, wo die Musik auch einen breiten Raum einnimmt, nur in dem Fall New-Orleans-Jazz, hier ist es halt R&B und massentauglicher Rap. Und wie bei Treme gibt es auch eine Reihe von Gastauftritten – so spielt Courtney Love den abgehalfterten Empire-Star Elle Dallas, der von Cookie nach Jahren wieder aus der Versenkung geholt und zu einem Comeback überredet wird. Naomi Campbell tritt als Designerin Camilla Marks auf, die sich an den kleinen Hakeem heranmacht, was weder Lucious noch Cookie gefällt. Aber es treten auch Snoop Dogg, Gladys Knight oder Patti LaBelle als sie selbst auf.

Empire:  Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday) Bild via fox.com

Empire: Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday)
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In den USA entwickelte sich Empire zu einem veritablen Straßenfeger, der mit jeder weiteren Folge mehr Zuschauer gewinnen konnte. In Deutschland lief Empire auf ProSieben, wo sich allerdings kaum jemand dafür interessierte. Was unter anderem daran liegen könnte, dass es hier halt nicht so viele Afroamerikaner gibt, die sich freuen, dass es endlich einmal eine Serie gibt, deren Protagonisten Afroamerikaner sind, die zu den oberen Zehntausend in den USA gehören. Und Black Musik ist hierzulande ja auch eher eine Spartenveranstaltung.

Vor allem aber sieht sich der wahre Serienjunkie heutzutage keine Serie mehr auf einem TV-Sender an, bei dem man jeweils eine Woche warten muss, um wieder ein von Werbeunterbrechungen durchsetztes Handlungshäppchen vorgesetzt bekommen. Die Zeiten sind vorbei – das hat auch das grandiose Quotendesaster mit Deutschland 83 gezeigt.

Empire:  Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell) Bild via fox.com

Empire: Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell)
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Rettet den Science-Fiction-Film!

Es ist einfach zu viel los. Diese ganzen Award-Shows in den USA, hier gab es endlich mal wieder einen erstaunlich guten Polizeiruf mit Matthias Brand und dann habe ich auch noch einige Serien entdeckt, von denen ich gleich viel zu viel ansehen musste, so dass ich mit dem Schreiben gar nicht hinterher komme. Wobei es bei den Critics Choice Awards ja lauter Auszeichnungen gab, mit denen ich total einverstanden bin – es ist ja nicht so, dass ich mich nur über Preise für Mr. Robot freue, auch wenn ich extrem gut finde, dass es dieses Mal nicht nur mit der besten Drama-Serie und dem Nebendarsteller-Preis für Christian Slater, sondern endlich auch mit der Auszeichnung für Rami Malek als besten Hauptdarsteller geklappt hat. Auch die Awards für Kirsten Dunst als beste Hauptdarstellerin und für Jesse Plemons als besten Nebendarsteller in Fargo oder für Master of None als beste Comedy sind total in Ordnung.

Aber trotzdem nun noch einmal zurück zu den Golden Globes: Der nachhaltigste Lacher bei dieser Veranstaltung war ja wohl die Einordnung von The Martian/Der Marsianer in der Rubrik Spielfilm Musical/Comedy. Aber offenbar war das Rennen um den besten Film in der Abteilung Drama schon zugunsten von The Revenant/Der Rückkehrer entschieden, so dass das Weltraum-Überlebens-Drama von Ridley Scott in einer anderen Kategorie starten musste, um eine ernstzunehmende Chance auf den Golden Globe als besten Film zu haben. Und natürlich auch für Matt Damon als besten Schauspieler.

Mark Watney (Matt Damon) allein auf dem Mars. Bild: foxmovies.com

Mark Watney (Matt Damon) allein auf dem Mars. Bild: foxmovies.com

Wobei, jetzt wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, muss ich zugeben, dass er dank Mark Watneys Galgenhumor streckenweise schon witzig ist. Aber natürlich ist dieser Film weder ein Musical, noch eine Comedy, er ist nicht einmal eine Satire. Also ich frage mich, warum dann beispielsweise Fargo dann nicht in der Kategorie Comedy angetreten ist – das ist als Serie doch noch deutlich lustiger als The Martian als Film?! Das mit Abstand Lustigste an The Martian ist definitiv der Honest Trailer von den Screen Junkies – wenn man den ansieht, könnte man The Martian wirklich für eine Komödie halten. Tatsächlich der Film es eher das, was im Honest Trailer auch gesagt wird: Ein zweieinhalbstündiger Werbespot für die NASA.

Wobei ich ja durchaus Fan von Weltraumfilmen bin – ich liebe Science Fiction. Auch wenn ich inzwischen die Ansicht teile, dass die Zukunft früher viel besser gewesen ist. In meiner Jugend gab es Sci-Fi-Streifen, bei denen man aus dem Kino gekommen ist und völlig platt war – wobei das natürlich auch daran gelegen haben mag, dass die Überwältigungsmaschinerie des modernen Kinos in anderen Bereichen noch nicht so universell eingesetzt wurde. Es gab auch ganz normale Filme ohne sauteure Stars, Special-Effects oder abgefahrene Locations, die einfach über eine gute Geschichte und solides Handwerk funktionierten.

Die NASA braucht einen Plan. Einen, der funktioniert. Bild: foxmovies.com

Die NASA braucht einen Plan. Einen, der funktioniert. Bild: foxmovies.com

Weshalb Filme wie 2001 – Odyssee im Weltraum, die erste Star-Wars-Trilogie, Blade Runner oder Alien dann eben wahnsinnig beeindruckend waren. Oder Stalker von Andrei Tarkowski – die Verfilmung des Romans Picknick am Wegesrand von Arkadi und Boris Strugazki. Denn eigentlich bin ich in Sachen SciFi eher auf der Schiene Lem/Strugatzkis. Wobei ich natürlich auch William Gibson, Neal Stephenson oder Walter Jon Williams gelesen habe – Cyberpunk fand ich cool. Und natürlich Douglas Adams. Aber in dem Bereich kenne ich keine vernünftigen Filme.

Die Osteuropäer haben nun mal mehr Tiefe. Zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehören von Stanislaus Lem Eden, Der Unbesiegbare, Die Stimme des Herrn, Solaris, Fiasko und natürlich Die Sterntagebücher des Weltraumfahrers Ion Tichy. Und eigentlich sollte man auch alles von den Strugatzkis gelesen haben. Zu Ion Tichy noch ein Tipp: Vor mittlerweile zehn Jahren wurden sie von den Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin Randa Chahoud, Dennis Jacobsen und Oliver Jahn in einer Mini-Serie in zwei Staffeln und dem herrlichem Retro-Charme einer Very-Low-Budget-Produktion verfilmt. Wobei die zweite Staffel mehr Budget, aber weniger Charme hatte. Die weibliche Hauptrolle spielt übrigens die bezaubernde Nora Tschirner als Analoge Halluzinelle.

Okay, inzwischen ist offensichtlich, dass ich zum Marsianer noch immer gar nicht so viel zu sagen habe. Dabei ist die Idee, dass eine Mars-Crew plötzlich evakuiert werden muss und einen vermeintlich tödlich verletzten Astronauten zurück lässt, der dann überraschenderweise doch überlebt und deshalb alle Beteiligten in ein moralisches Dilemma stürzt, gar nicht schlecht: Die Frage ob man ein Menschenleben abschreibt oder mehrere Menschenleben riskiert, um das eine zu retten, muss immer wieder neu beantwortet werden. Während der tapfere Mark Watney seinerseits alles tut, um sich selbst zu retten, müssen die anderen entscheiden, ob sie ihn retten wollen. Und kommen dabei zu sehr unterschiedlichen Schlüssen.

Mark und seine Mars-Kartoffeln. Bild: foxmovies.com

Mark und seine Mars-Kartoffeln. Bild: foxmovies.com

Im Grunde haben wir hier eine Mischung aus Gravity, Cast Away und Saving Private Ryan. Die Robinsonade im Weltall braucht erst noch ein bisschen Hilfestellung, um zur dramatischen Rettungsaktion zu werden, bei der am Ende die ganze Welt mitfiebern kann. Aber was soll dann noch schief gehen – immerhin wird auf einige bewährte Weltraum-Fachkräfte zurückgegriffen – Jessica Chastain hat als Murphy Cooper in Interstellar ja schon die ganze Welt gerettet, da ist sie Commander Lewis fast schon unterfordert, nur einen Mann vom Mars zurück zu holen.

Allerdings hat Matt Damon als Dr. Mann keine so gute Figur gemacht wie hier nun als Mark Watney. Der fängt als handfester Botaniker gleich damit an, auf dem Mars Kartoffeln anzupflanzen, um seine Vorräte zu strecken, die sonst keinesfalls die langen Jahre bis zur nächsten geplanten Mission ausreichen werden. Er erweist sich auch sonst als überaus erfindungsreich – und rechnen kann er auch. Blöd ist nur, dass der NASA-Chef Teddy Sanders (Jeff Daniels) eigentlich gar nicht vor hat, Watney retten zu lassen – er will lieber die Crew von Ares 3 sicher auf die Erde zurück bringen und verbietet deshalb auch, den Astronauten mitzuteilen, dass Watney noch lebt, nachdem dieses Missgeschick auf der Erde von der Satellitenspezialisten Mindy Park (Mackenzie Davis) entdeckt wird. Die kennen wir übrigens als geniale Programmiererin aus Halt and Catch Fire.

Aber auf Dauer lässt sich das nicht durchhalten, schon gar nicht, nachdem es Watney gelingt, eine Kommunikationsverbindung mit der Erde aufzubauen. Neben der Öffentlichkeit wird jetzt auch die Crew von Ares 3 informiert, dass Watney noch lebt. Jetzt beschließt die NASA, eine Versorgungssonde zum Mars zu schicken, damit Watney auf jeden Fall bis zur nächsten geplanten Mission überlebt – aber weil alles schnell gehen soll und auf Tests verzichtet wurde, explodiert die Trägerrakete beim Start, die Sonde wird zerstört. Und weil ein Unglück selten allein kommt (schon gar nicht im Film)  gibt es auf dem Mars auch einen fatalen Rückschlag – nachdem die Druckschleuse versagt, erfrieren Watneys Pflanzen.

Der Marsianer: Schicke Raumschiffe gibt es auch. Bild: foxmovies.com

Der Marsianer: Schicke Raumschiffe gibt es auch. Bild: foxmovies.com

Die Lage für Watney erscheint hoffnungslos – aber die Chinesen haben noch einen Trumpf im Ärmel: Sie bieten der NASA an, ihre neue Trägerrakete zu nutzen, um eine weitere Versorgungssonde ins All zu bringen. Ach ja, internationale Solidarität statt nationaler Konkurrenz – zu schön, um wahr zu sein, aber ich finds natürlich gut, dass die Chinesen in einem Hollywoodfilm den Amis auch mal den Arsch retten dürfen. Auch wenn es nur der Arsch von Mark Watney ist.

Derweil hat eine engagierter Astrophysiker schon ausgerechnet, dass die Ares-3-Crew die Erdanziehung bei einer Umrundung als Antrieb nutzen könnte, um vergleichsweise schnell zum Mars zurückzukehren und Watney einzusammeln. Und bei der Annäherung an die Erde gleich auch die Versorgungskapsel mitnehmen, damit die Vorräte für die längere Mission ausreichen. Sanders ist dagegen, aber der Crewleiter lässt der Crew den Plan heimlich zukommen. Die natürlich beschließt, Watney zu retten, selbst wenn sie dafür riskiert, später wegen Meuterei vor Gericht gestellt zu werden. Von den Strapazen weiterer langer Monate im All gar nicht zu reden.

Natürlich gibt es noch eine Menge weitere Komplikationen, aber man kann sich denken, dass am Ende alles irgendwie gut ausgeht. Ist schließlich kein Drama. Trotzdem alles in allem auch nicht so schlecht. Aber ich bleibe dabei: Der Marsianer wird keiner meiner Lieblingsfilme von Ridley Scott. Da sehe ich mir lieber nochmal Blade Runner an.

Mad Men: Gekonnt Schluss machen

Ergänzend zu meinen zehn oder elf Topserien 2015 gab es durchaus noch einige andere Highlights, die ich hier unbedingt erwähnen wollte. Und weil Jon Hamm den Golden Globe bekommen hat, den ich eigentlich Rami Malek gewünscht hätte, fange ich mit Mad Men an: Endlich bin ich dazu gekommen, mir die zweite Hälfte der 7. Staffel von Mad Men anzusehen – und diese sieben letzten Episoden sind natürlich so gut, wie man es vom Finale einer Serie erwarten kann, die in den Jahren zuvor mit Preisen überschüttet wurde. Die sie natürlich auch verdient hat. Inklusive dem aktuellen Golden Globe für Jon Hamm.

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Gerade weil Mad Men nicht von einer Handlung getrieben wird, die auf einen absehbaren Endpunkt  zusteuert, sondern von der Entwicklung der Charaktere lebt, war ich gespannt, was jetzt noch kommen würde – und es gibt noch einige bemerkenswerte Entwicklungen. So ist es mit SC&P jetzt endgültig vorbei – die Agentur wird von einem viel größeren Konkurrenten geschluckt. Besonders übel ist das für die beiden Frauen, die sich bei SC&P über die Jahre in Spitzenpositionen hochgearbeitet haben, Joan und Peggy.

Insbesondere Joan bekommt das zu spüren – bei McCann Erickson sind Sexisten alter Schule am Steuer. Weil Joan nun einmal wie Joan aussieht, wird sie weder als Kundenbetreuerin noch als Anteilseignerin ernst genommen – ihr neuer Vorgesetzter ist einfach nur scharf darauf, sie ins Bett zu kriegen. Aber Joan macht das nicht mehr mit: Lieber akzeptiert sie zähneknirschend einen schlechten Deal, als sich in dem neuen Laden hoch zu schlafen.

Screenshot Mad Men: Joan Harris (Christina Hendricks)

Screenshot Mad Men: Joan Harris (Christina Hendricks)

Peggy hingegen klopft ihre Chancen bei einem Headhunter ab – der ihr dringend empfiehlt, für McCann Erickson zu arbeiten, wenn sie ernsthaft Karriere machen wolle: Hier und jetzt könne sie ihre bisherige Position als Cheftexterin geltend machen – wo anders müsse sie gegen Konkurrenten mit Universitätsabschlüssen antreten. Und sie habe nun mal keinen Abschluss, ihre bisherige Berufserfahrung zähle wo anders leider nicht. Insofern ist die Sache klar, auch wenn Peggy es schwer verwinden kann, dass sie von ihren neuen Arbeitgebern erstmal für eine Sekretärin gehalten wird.

Für Don hingegen alles weniger klar – er realisiert, dass er für McCann Erickson lediglich eine Trophäe ist, die seine neuen Chefs vom Markt geholt haben. Mitten in einem Meeting steht er auf und verlässt die Firma – er tut das, was er immer getan hat, er fährt einfach davon. Aber wie immer findet er keine Antworten für die Zukunft, sondern wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Er ist wieder auf der Flucht vor sich selbst und findet am Ende – Don Draper. Zumindest legt der Coca-Cola-Werbespot das nahe, mit dem der letzte Teil zu Ende geht: Aus dem Selbstfindungstripp mit den kalifornischen Hippies wird am Ende eine ikonische Werbung für das amerikanischste Produkt schlechthin – das ist Ironie pur und gleichzeitig ein genialer Zirkelschluss.

Screenshot Mad Men: Peggy Olson (Elizabeth Moss) und Pete Campbell (Vincent Kartheiser)

Screenshot Mad Men: Peggy Olson (Elizabeth Moss) und Pete Campbell (Vincent Kartheiser)

Es gibt noch eine ganze Reihe mehr oder weniger glücklicher Enden – sogar der unheilbare Lungenkrebs von Dons Ex-Frau Betty ist in gewisser Weise ein Happyend: Betty ist endlich ganz bei sich, auch wenn es nun mit ihrem Psychologie-Studium nichts mehr wird. Sie bestimmt souverän, was sie mit ihren letzten Wochen und Monaten anfängt: Sie will keine qualvolle Behandlung, die ihr Leben verlängert, sondern trifft Vorbereitungen für einen würdigen Abschied. Und gibt das Rauchen nicht auf. Und auch als  passionierte Nichtraucherin ist mir klar, wie wichtig dieses Symbol der Selbstbestimmtheit nicht nur für diese Serie ist: Solange meine eigene Wohnung am nächsten Tag nicht nach kaltem Rauch stinkt, sehe ich anderen gern beim Rauchen zu.

Screenshot Mad Men: Betty Francis (January Jones) und Sally Draper (Kiernan Shipka)

Screenshot Mad Men: Betty Francis (January Jones) und Sally Draper (Kiernan Shipka)

Und Betty findet endlich einen Draht zu ihrer Tochter Sally, die nun schnell erwachsen werden muss: Sally kümmert sich um ihre kleinen Brüder und redet ihrem Vater aus, sich um das Sorgerecht zu streiten. Sowohl Betty als auch Sally wissen, dass Don einfach nicht dazu in der Lage ist, ein guter Vater zu sein.

Pete hingegen schafft es, seine Frau zurückzuerobern – er bekommt den super Job, auf den er schon lange gewartet hat, samt Privatjet, der ihm zur Verfügung steht, wann immer er das wünscht. Da macht auch der kümmerliche Abschied von seinen ehemaligen Kollegen nichts. Es ist nur konsequent, dass sich vor allem Peggy auf nichts mehr einlässt – sie hatte wegen Pete schließlich schon genug Probleme. Etwas schade finde ich, dass Peggy auch Joans Angebot ablehnt, als Partnerin in die Produktionsfirma einzusteigen, die Joan nun auf die Beine stellt. Aber okay, sie wird ihr Ding auch bei McCann Erickson machen, Peggy ist für alles stark genug. Es wäre schon interessant zu sehen, was die 70er Jahre bringen – aber man muss auch wissen, wann Schluss ist. Das ist am Ende, was eine wirklich gute Serie ausmacht.

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Golden Globes für Mr. Robot

Offenbar war Mr. Robot nicht nur meine Lieblingsserie des vergangenen Jahres – bei den Golden Globes räumte Mr. Robot heute Nacht ab: Einen Globe konnte Autor Sam Esmail für die beste Drama-Serie in Empfang nehmen, einen weiteren gab es für Christian Slater als besten Nebendarsteller in einer Drama-Serie. Das freut mich natürlich sehr. Etwas schade finde ich, dass der als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie ebenfalls nominierte Rami Malek leer ausging – denn der Golden Globe für den besten Hauptdarsteller in dieser Kategorie ging an Jon Hamm. Immerhin hat Sam Esmail in seinen Dankesworten auf die besondere Leistung seines Hauptdarstellers verwiesen und sich an bei allen und seiner ägyptischen Familie mit „Schukran“ bedankt – der arabischen Dankesformel.

Screenshot Golden-Globes-Livestream: Sam Esmail und Rami Malek

Screenshot Golden-Globes-Livestream: Sam Esmail und Rami Malek

Klar, Jon Hamm ist als Don Draper in Mad Men natürlich super, und ich finde die Retro-Kult-Serie sowieso schon lange ganz toll, ich werde sofort auch noch was zur letzten Staffel schreiben, die ich mir endlich angesehen habe. Aber Jon Hamm hat doch 2007 schon einmal einen Globe für diese Rolle bekommen. Insofern musste das nicht unbedingt sein. Anderseits war es dieses Mal die letzte Chance für Hamm, einen weiteren Don-Draper-Globe zu bekommen, während Rami Malek ja noch weitere Mr-Robot-Staffeln und noch weitere Nominierungen vor sich hat. Und dann hoffentlich auch mal einen Elliot-Alderson-Globe gewinnt.

Interessanterweise war die Golden-Globe-Verleihung keine stundenlange Werbesendung für Streaming-Dienste – so wurde keine einzige Netflix-Produktion mit einem Golden Globe bedacht, obwohl mit Narcos durchaus ein Hochkaräter im Rennen war. Allerdings hat Amazon mit Mozart in the Jungle wieder einen Treffer gelandet – als beste Serie im Bereich Comedy/Musical. Und auch die vom klassischen Kabelsender USA Network produzierte Serie Mr. Robot hat Amazon weltweit im Angebot.

Screenshot Golden-Globes-Livestream: Das Ensemble von Mr. Robot

Screenshot Golden-Globes-Livestream: Das Ensemble von Mr. Robot

Insgesamt gab es wenig Überraschungen, die meisten Preisträger sind alte Bekannte, wie Leonardo DiCaprio (Bester Schauspieler/The Revenant) oder Kate Winslet (Beste Nebendarstellerin/Steve Jobs). Okay, Brie Larson als beste Darstellerin in einem Spielfilm/Drama (Room) ist zumindest hierzulande bisher noch ein Geheimtipp gewesen, auch wenn sie meinetwegen auch für Short Term 12 schon einen Globe hätte bekommen können. Jennifer Lawrence hingegen ist inzwischen offenbar unvermeidbar, dieses Mal gewann sie als beste Schauspielerin Comedy/Musical. Obwohl, beim männlichen Nebendarsteller im Bereich Spielfilm/Drama hätte ich entweder Idris Elba für Beats of No Nation oder Marc Rylance für Bridge of Spies den Vorzug vor Sylvester Stallone (Creed) geben.

Richtig seltsam fand ich eigentlich nur, dass das Weltraum-Überlebensdrama The Martian als Comedy/Musical rubriziert wurde – es ist zwar streckenweise schon etwas lächerlich, aber eine Komödie ist der Marsianer ganz gewiss nicht. Aber Matt Damon hat sich als versehentlich auf dem Mars zurückgelassener Wissenschaftler letztlich nicht weniger Mühe geben, zu überleben als Leonardo im kalten wilden Westen, warum also keinen Globe für den Überlebenskünstler im All.

Aber der Globe für den schrecklichen Titelsong Writing’s on the Wall für Spectre war überflüssig.

Rectify – diesseits der Todeszelle

Über die Weihnachtsfeiertage habe ich mir ein Serien-Erlebnis der besonderen Art gegönnt – ich habe mir Rectify angesehen, die erste eigene Serie der AMC-Tochter Sundance TV. Wie man von einem Spartensender erwarten kann, der seine Zuschauer vor allem mit Dokumentationen, Independent-Filmen sowie Film- und Serienhighlights aus der ganzen weiten Welt versorgt, ist Rectify tatsächlich etwas Eigenes – sowohl, was die Geschichte selbst, als auch, was die Erzählweise betrifft. Über drei Staffeln hinweg geht es um einen einzigen Fall, nämlich den des Daniel Holden, der als 18jähriger Schüler die damals 16jährige Hanna vergewaltigt und ermordet haben soll.

Daniel (Aden Young) wurde aufgrund von Zeugenaussagen und eines (unter großem Druck abgelegten) Geständnisses zum Tode verurteilt und saß fast 20 Jahre in der Todeszelle – seine Hinrichtung wurde aber immer wieder aufgeschoben. Nach 19 Jahren kann Daniels engagierte Schwester Amantha (Abigail Spencer), die sich dem Kampf für ihren Bruder als Lebensaufgabe verschrieben hat, eine DNA-Analyse durchsetzen. Als Daniel verurteilt wurde, gab es ein solches Verfahren noch nicht. Und es stellt sich tatsächlich heraus, dass die Spermaspuren an Hannas Leiche nicht von Daniel Holden stammen. Daniel wird also in einem wichtigen Detail entlastet und kommt deshalb frei. Aber ein freier Mann ist er deshalb noch lange nicht – Daniel mag zwar kein Vergewaltiger sein, er gilt aber noch immer als verurteilter Mörder. Immerhin muss sein Fall nun neu aufgerollt werden.

Rectify von Sundance TV

Rectify von Sundance TV

So glücklich Daniels Familie über diese Entwicklungen ist, so ärgerlich wird die Sache für die damaligen Ankläger, die nun alles daran setzen, Daniel erneut zu verurteilen und möglicherweise sogar hinrichten zu lassen. Der damalige Staatsanwalt Roland Foulkes ist inzwischen Senator und noch immer felsenfest davon überzeugt, dass Daniel Holden der Täter ist. Doch die Front bröckelt – der inzwischen pensionierte Sheriff hat mit der Zeit tatsächlich Zweifel bekommen, ob man Holden damals vielleicht nicht doch zu hart angefasst hat. Und der neue Sheriff fängt sogar an, die Version, die Foulkes noch immer vehement vertritt, zu hinterfragen.

Vor allem geht es aber darum, wie Daniels Familie und natürlich Daniel selbst mit der unerwarteten Wendung der Dinge klar kommen. Daniel hat mehr Lebenszeit in einer Einzelzelle ohne Fenster verbracht als in Freiheit – in ständiger Erwartung, dass sein Leben bald vorbei sein würde. Er hat sich, um diesen Zustand überhaupt aushalten zu können, darauf konditioniert, keine Erwartungen und keine Hoffnungen zu haben. Während der vielen gleichförmigen Tage  in seiner Zelle hat er ein extrem fatalistisches Lebenskonzept entwickelt – und sich auf die wenigen Dinge konzentriert, die er in seiner extrem übersichtlichen, streng regulierten Welt überhaupt tun konnte: Bücher lesen, nachdenken, sich mit Zellennachbarn unterhalten. Bücher gehörten zu den wenigen Dingen, über die er in seiner Zelle verfügen durfte. Die Zellennachbarn konnte er sich nicht aussuchen, viele der Insassen im Todextrakt sind tatsächlich komplett gestörte Psychos. Aber mit einen von ihnen freundet er sich mit der Zeit an: Einem jungen Schwarzen, der bei einem Überfall versehentlich auch ein Kind getötet hat und der im Gegensatz zu Daniel auch tatsächlich hingerichtet wird. In Rückblenden wird immer wieder auf Daniels Zeit im Gefängnis verwiesen – es waren nun einmal die Lebensjahre, die ihn nachhaltig geprägt haben.

Rectify - die Familie Holden: Amantha, Daniel, Janet, Ted, Tawney, Teddy und davor Talbot

Rectify – die Familie Holden: Amantha, Daniel, Janet, Ted, Tawney, Teddy und davor Talbot (Bild Sundance.tv)

Daniel ist ohne Familie und Job, ohne Internet und Handy erwachsen geworden. Entsprechend erlebt er nach seiner Entlassung eine Serie spektakulärer, aber auch beängstigender Wunder: Unverschlossene Türen, essen und trinken, was und wann man will, auf einer Wiese stehen und den Sonnenaufgang erleben – lauter Dinge, von denen er geglaubt hat, dass es sie für ihn niemals wieder geben würde. Aber die Welt da draußen ist erschreckend und einschüchternd: Es gibt verwirrend viele Optionen und ständig muss man sich für eine davon entscheiden.

Und dann ist da natürlich auch der Südstaaten-Kleinstadt-Mob von Paulie, Georgia, der weiterhin davon überzeugt ist, dass Daniel ein Vergewaltiger und Mörder ist, auch wenn sein jüdischer Anwalt ihn jetzt aus dem Gefängnis getrickst hat. Jon Stern (Luke Kirby) ist tatsächlich ein guter Anwalt – aber er kann natürlich auch nur mit dem arbeiten, was die Beweismittel hergeben. Insofern muss er sich nun sehr anstrengen, um Daniel davor zu bewahren, wieder ins Gefängnis zu müssen. Und es gibt viele, die ihn wieder dort sehen wollen, nicht nur seine ehemaligen Ankläger, sondern auch seine damaligen Freunde, die ihrerseits entlastet wurden, weil Daniel den Mord an Hanna gestanden hat.

Denn, wie sich mit der Zeit herausstellen muss, war alles ganz anders: Natürlich war es nicht Daniel, der mit Hanna Sex hatte. Da gab es nämlich einige andere. Aber Daniel war in Hanna verliebt, und er gab ihr die Pilze, von denen sie beide high waren, als all die schrecklichen Dinge passierten. Im Laufe der Staffeln kommen eine Menge Dinge heraus, die weitere Existenzen ruinieren können und auch ruinieren – einer der damals beteiligten hält den Druck nicht mehr aus und bringt sich um. Ein anderer hält das für eine großartige Gelegenheit, dem im Alltagsleben untüchtigen Daniel die ganze Sache anzuhängen – das macht er aber so eifrig, dass der neue Sheriff Verdacht schöpft. Auch im Sumpf der Kleinstadt-Polizei vom Paulie findet sich immerhin einer, der einfach nur seinen Job machen will, auch wenn er keine besonderen Sympathien für Daniel oder dessen Familie hegt.

Rectify - Tawney und Daniel

Rectify – Tawney und Daniel

Dafür gibt es in der eigenen Familie neue Fronten – Daniels Mutter hat nach dem Tod seines Vaters wieder geheiratet und einen weiteren jetzt fast erwachsenen Sohn, Talbot. Und Daniels Stiefbruder Teddy fürchtet nun um sein sicher geglaubtes Erbe, das örtliche Autohaus. Und weil Teddy ein eifersüchtiger Idiot ist, ruiniert er auch noch die Beziehung zu seiner treuen, grundguten und gläubigen Frau Tawney. Nur weil sie in Daniel ebenfalls ein Geschöpf Gottes sieht, das sie retten will, indem sie Daniel dazu bringt, sich taufen zu lassen: Damit sind alle Sünden abgewaschen.

Wobei Daniel diesem Erweckungserlebnis wohl nicht die Bedeutung zumisst, die Tawney sich vorgestellt hat. Aber hey, warum nicht alles ausprobieren, wenn man den größten Teil seines Lebens in der Todeszelle verbracht hat. Die aus schwierigen Verhältnissen stammende Tawney ist tatsächlich eine der wenigen, die Daniel vorurteilsfrei begegnen – und Daniel achtet sie genau dafür. Das ist mehr, als der dämliche Teddy je begreifen kann – insofern kann man Tawney nur gratulieren, dass sie diesen Blödmann verlässt.

Trauriger ist da schon, dass es für Amantha auch nicht besser läuft – sie und Jon Stern sind sich über die Jahre des gemeinsamen Kampfes für Daniel näher gekommen. Was jetzt aber hinderlich ist – die Schwester und der Verteidiger von Daniel Holden ein Paar? Das geht natürlich gar nicht. Amantha versucht, ebenfalls ein neues Leben anzufangen und nimmt einem Job im örtlichen Supermarkt an. Im Grunde wird das von allen verlangt: Kein Leben kann so bleiben wie es war. Etablierte Lebenslügen fahren jetzt vor die Wand. Alle.

Vermutlich ist es das, was mir an dieser Serie so gefällt: Es braucht gar keine spektakulären, super dramatischen Plot-Twists. Man kann sich ungefähr zusammenreimen, was passiert sein muss, und welche Interessen die Beteiligten jeweils hatten. Man hat sich damals auf das vermeintlich schwächste Opfer geeinigt, das seine Opferrolle dann auch noch mehr oder weniger freiwillig angenommen hat: Daniel Holden hat gestanden, weil er sich tatsächlich schuldig fühlte.

Was dann technisch im Einzelnen passiert ist, ist schon fast wieder egal: Jeder hat sich seine eigene Wahrheit daraus gestrickt, an der er oder sie festhält – bis die Fakten, die dagegen sprechen, so übermächtig werden, dass Welten zusammenbrechen: Es gibt eben immer mehr als eine Wahrheit. Und man kann nicht nur zum Tod, sondern auch zum Leben verurteilt werden – das ist es, was Daniel Holden widerfährt. Das wird nicht leicht. Aber er nimmt das Urteil an. Ganz großartige Serie. Und ich mag die Musik.