Rectify – diesseits der Todeszelle

Über die Weihnachtsfeiertage habe ich mir ein Serien-Erlebnis der besonderen Art gegönnt – ich habe mir Rectify angesehen, die erste eigene Serie der AMC-Tochter Sundance TV. Wie man von einem Spartensender erwarten kann, der seine Zuschauer vor allem mit Dokumentationen, Independent-Filmen sowie Film- und Serienhighlights aus der ganzen weiten Welt versorgt, ist Rectify tatsächlich etwas Eigenes – sowohl, was die Geschichte selbst, als auch, was die Erzählweise betrifft. Über drei Staffeln hinweg geht es um einen einzigen Fall, nämlich den des Daniel Holden, der als 18jähriger Schüler die damals 16jährige Hanna vergewaltigt und ermordet haben soll.

Daniel (Aden Young) wurde aufgrund von Zeugenaussagen und eines (unter großem Druck abgelegten) Geständnisses zum Tode verurteilt und saß fast 20 Jahre in der Todeszelle – seine Hinrichtung wurde aber immer wieder aufgeschoben. Nach 19 Jahren kann Daniels engagierte Schwester Amantha (Abigail Spencer), die sich dem Kampf für ihren Bruder als Lebensaufgabe verschrieben hat, eine DNA-Analyse durchsetzen. Als Daniel verurteilt wurde, gab es ein solches Verfahren noch nicht. Und es stellt sich tatsächlich heraus, dass die Spermaspuren an Hannas Leiche nicht von Daniel Holden stammen. Daniel wird also in einem wichtigen Detail entlastet und kommt deshalb frei. Aber ein freier Mann ist er deshalb noch lange nicht – Daniel mag zwar kein Vergewaltiger sein, er gilt aber noch immer als verurteilter Mörder. Immerhin muss sein Fall nun neu aufgerollt werden.

Rectify von Sundance TV

Rectify von Sundance TV

So glücklich Daniels Familie über diese Entwicklungen ist, so ärgerlich wird die Sache für die damaligen Ankläger, die nun alles daran setzen, Daniel erneut zu verurteilen und möglicherweise sogar hinrichten zu lassen. Der damalige Staatsanwalt Roland Foulkes ist inzwischen Senator und noch immer felsenfest davon überzeugt, dass Daniel Holden der Täter ist. Doch die Front bröckelt – der inzwischen pensionierte Sheriff hat mit der Zeit tatsächlich Zweifel bekommen, ob man Holden damals vielleicht nicht doch zu hart angefasst hat. Und der neue Sheriff fängt sogar an, die Version, die Foulkes noch immer vehement vertritt, zu hinterfragen.

Vor allem geht es aber darum, wie Daniels Familie und natürlich Daniel selbst mit der unerwarteten Wendung der Dinge klar kommen. Daniel hat mehr Lebenszeit in einer Einzelzelle ohne Fenster verbracht als in Freiheit – in ständiger Erwartung, dass sein Leben bald vorbei sein würde. Er hat sich, um diesen Zustand überhaupt aushalten zu können, darauf konditioniert, keine Erwartungen und keine Hoffnungen zu haben. Während der vielen gleichförmigen Tage  in seiner Zelle hat er ein extrem fatalistisches Lebenskonzept entwickelt – und sich auf die wenigen Dinge konzentriert, die er in seiner extrem übersichtlichen, streng regulierten Welt überhaupt tun konnte: Bücher lesen, nachdenken, sich mit Zellennachbarn unterhalten. Bücher gehörten zu den wenigen Dingen, über die er in seiner Zelle verfügen durfte. Die Zellennachbarn konnte er sich nicht aussuchen, viele der Insassen im Todextrakt sind tatsächlich komplett gestörte Psychos. Aber mit einen von ihnen freundet er sich mit der Zeit an: Einem jungen Schwarzen, der bei einem Überfall versehentlich auch ein Kind getötet hat und der im Gegensatz zu Daniel auch tatsächlich hingerichtet wird. In Rückblenden wird immer wieder auf Daniels Zeit im Gefängnis verwiesen – es waren nun einmal die Lebensjahre, die ihn nachhaltig geprägt haben.

Rectify - die Familie Holden: Amantha, Daniel, Janet, Ted, Tawney, Teddy und davor Talbot

Rectify – die Familie Holden: Amantha, Daniel, Janet, Ted, Tawney, Teddy und davor Talbot (Bild Sundance.tv)

Daniel ist ohne Familie und Job, ohne Internet und Handy erwachsen geworden. Entsprechend erlebt er nach seiner Entlassung eine Serie spektakulärer, aber auch beängstigender Wunder: Unverschlossene Türen, essen und trinken, was und wann man will, auf einer Wiese stehen und den Sonnenaufgang erleben – lauter Dinge, von denen er geglaubt hat, dass es sie für ihn niemals wieder geben würde. Aber die Welt da draußen ist erschreckend und einschüchternd: Es gibt verwirrend viele Optionen und ständig muss man sich für eine davon entscheiden.

Und dann ist da natürlich auch der Südstaaten-Kleinstadt-Mob von Paulie, Georgia, der weiterhin davon überzeugt ist, dass Daniel ein Vergewaltiger und Mörder ist, auch wenn sein jüdischer Anwalt ihn jetzt aus dem Gefängnis getrickst hat. Jon Stern (Luke Kirby) ist tatsächlich ein guter Anwalt – aber er kann natürlich auch nur mit dem arbeiten, was die Beweismittel hergeben. Insofern muss er sich nun sehr anstrengen, um Daniel davor zu bewahren, wieder ins Gefängnis zu müssen. Und es gibt viele, die ihn wieder dort sehen wollen, nicht nur seine ehemaligen Ankläger, sondern auch seine damaligen Freunde, die ihrerseits entlastet wurden, weil Daniel den Mord an Hanna gestanden hat.

Denn, wie sich mit der Zeit herausstellen muss, war alles ganz anders: Natürlich war es nicht Daniel, der mit Hanna Sex hatte. Da gab es nämlich einige andere. Aber Daniel war in Hanna verliebt, und er gab ihr die Pilze, von denen sie beide high waren, als all die schrecklichen Dinge passierten. Im Laufe der Staffeln kommen eine Menge Dinge heraus, die weitere Existenzen ruinieren können und auch ruinieren – einer der damals beteiligten hält den Druck nicht mehr aus und bringt sich um. Ein anderer hält das für eine großartige Gelegenheit, dem im Alltagsleben untüchtigen Daniel die ganze Sache anzuhängen – das macht er aber so eifrig, dass der neue Sheriff Verdacht schöpft. Auch im Sumpf der Kleinstadt-Polizei vom Paulie findet sich immerhin einer, der einfach nur seinen Job machen will, auch wenn er keine besonderen Sympathien für Daniel oder dessen Familie hegt.

Rectify - Tawney und Daniel

Rectify – Tawney und Daniel

Dafür gibt es in der eigenen Familie neue Fronten – Daniels Mutter hat nach dem Tod seines Vaters wieder geheiratet und einen weiteren jetzt fast erwachsenen Sohn, Talbot. Und Daniels Stiefbruder Teddy fürchtet nun um sein sicher geglaubtes Erbe, das örtliche Autohaus. Und weil Teddy ein eifersüchtiger Idiot ist, ruiniert er auch noch die Beziehung zu seiner treuen, grundguten und gläubigen Frau Tawney. Nur weil sie in Daniel ebenfalls ein Geschöpf Gottes sieht, das sie retten will, indem sie Daniel dazu bringt, sich taufen zu lassen: Damit sind alle Sünden abgewaschen.

Wobei Daniel diesem Erweckungserlebnis wohl nicht die Bedeutung zumisst, die Tawney sich vorgestellt hat. Aber hey, warum nicht alles ausprobieren, wenn man den größten Teil seines Lebens in der Todeszelle verbracht hat. Die aus schwierigen Verhältnissen stammende Tawney ist tatsächlich eine der wenigen, die Daniel vorurteilsfrei begegnen – und Daniel achtet sie genau dafür. Das ist mehr, als der dämliche Teddy je begreifen kann – insofern kann man Tawney nur gratulieren, dass sie diesen Blödmann verlässt.

Trauriger ist da schon, dass es für Amantha auch nicht besser läuft – sie und Jon Stern sind sich über die Jahre des gemeinsamen Kampfes für Daniel näher gekommen. Was jetzt aber hinderlich ist – die Schwester und der Verteidiger von Daniel Holden ein Paar? Das geht natürlich gar nicht. Amantha versucht, ebenfalls ein neues Leben anzufangen und nimmt einem Job im örtlichen Supermarkt an. Im Grunde wird das von allen verlangt: Kein Leben kann so bleiben wie es war. Etablierte Lebenslügen fahren jetzt vor die Wand. Alle.

Vermutlich ist es das, was mir an dieser Serie so gefällt: Es braucht gar keine spektakulären, super dramatischen Plot-Twists. Man kann sich ungefähr zusammenreimen, was passiert sein muss, und welche Interessen die Beteiligten jeweils hatten. Man hat sich damals auf das vermeintlich schwächste Opfer geeinigt, das seine Opferrolle dann auch noch mehr oder weniger freiwillig angenommen hat: Daniel Holden hat gestanden, weil er sich tatsächlich schuldig fühlte.

Was dann technisch im Einzelnen passiert ist, ist schon fast wieder egal: Jeder hat sich seine eigene Wahrheit daraus gestrickt, an der er oder sie festhält – bis die Fakten, die dagegen sprechen, so übermächtig werden, dass Welten zusammenbrechen: Es gibt eben immer mehr als eine Wahrheit. Und man kann nicht nur zum Tod, sondern auch zum Leben verurteilt werden – das ist es, was Daniel Holden widerfährt. Das wird nicht leicht. Aber er nimmt das Urteil an. Ganz großartige Serie. Und ich mag die Musik.

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