Rettet den Science-Fiction-Film!

Es ist einfach zu viel los. Diese ganzen Award-Shows in den USA, hier gab es endlich mal wieder einen erstaunlich guten Polizeiruf mit Matthias Brand und dann habe ich auch noch einige Serien entdeckt, von denen ich gleich viel zu viel ansehen musste, so dass ich mit dem Schreiben gar nicht hinterher komme. Wobei es bei den Critics Choice Awards ja lauter Auszeichnungen gab, mit denen ich total einverstanden bin – es ist ja nicht so, dass ich mich nur über Preise für Mr. Robot freue, auch wenn ich extrem gut finde, dass es dieses Mal nicht nur mit der besten Drama-Serie und dem Nebendarsteller-Preis für Christian Slater, sondern endlich auch mit der Auszeichnung für Rami Malek als besten Hauptdarsteller geklappt hat. Auch die Awards für Kirsten Dunst als beste Hauptdarstellerin und für Jesse Plemons als besten Nebendarsteller in Fargo oder für Master of None als beste Comedy sind total in Ordnung.

Aber trotzdem nun noch einmal zurück zu den Golden Globes: Der nachhaltigste Lacher bei dieser Veranstaltung war ja wohl die Einordnung von The Martian/Der Marsianer in der Rubrik Spielfilm Musical/Comedy. Aber offenbar war das Rennen um den besten Film in der Abteilung Drama schon zugunsten von The Revenant/Der Rückkehrer entschieden, so dass das Weltraum-Überlebens-Drama von Ridley Scott in einer anderen Kategorie starten musste, um eine ernstzunehmende Chance auf den Golden Globe als besten Film zu haben. Und natürlich auch für Matt Damon als besten Schauspieler.

Mark Watney (Matt Damon) allein auf dem Mars. Bild: foxmovies.com

Mark Watney (Matt Damon) allein auf dem Mars. Bild: foxmovies.com

Wobei, jetzt wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, muss ich zugeben, dass er dank Mark Watneys Galgenhumor streckenweise schon witzig ist. Aber natürlich ist dieser Film weder ein Musical, noch eine Comedy, er ist nicht einmal eine Satire. Also ich frage mich, warum dann beispielsweise Fargo dann nicht in der Kategorie Comedy angetreten ist – das ist als Serie doch noch deutlich lustiger als The Martian als Film?! Das mit Abstand Lustigste an The Martian ist definitiv der Honest Trailer von den Screen Junkies – wenn man den ansieht, könnte man The Martian wirklich für eine Komödie halten. Tatsächlich der Film es eher das, was im Honest Trailer auch gesagt wird: Ein zweieinhalbstündiger Werbespot für die NASA.

Wobei ich ja durchaus Fan von Weltraumfilmen bin – ich liebe Science Fiction. Auch wenn ich inzwischen die Ansicht teile, dass die Zukunft früher viel besser gewesen ist. In meiner Jugend gab es Sci-Fi-Streifen, bei denen man aus dem Kino gekommen ist und völlig platt war – wobei das natürlich auch daran gelegen haben mag, dass die Überwältigungsmaschinerie des modernen Kinos in anderen Bereichen noch nicht so universell eingesetzt wurde. Es gab auch ganz normale Filme ohne sauteure Stars, Special-Effects oder abgefahrene Locations, die einfach über eine gute Geschichte und solides Handwerk funktionierten.

Die NASA braucht einen Plan. Einen, der funktioniert. Bild: foxmovies.com

Die NASA braucht einen Plan. Einen, der funktioniert. Bild: foxmovies.com

Weshalb Filme wie 2001 – Odyssee im Weltraum, die erste Star-Wars-Trilogie, Blade Runner oder Alien dann eben wahnsinnig beeindruckend waren. Oder Stalker von Andrei Tarkowski – die Verfilmung des Romans Picknick am Wegesrand von Arkadi und Boris Strugazki. Denn eigentlich bin ich in Sachen SciFi eher auf der Schiene Lem/Strugatzkis. Wobei ich natürlich auch William Gibson, Neal Stephenson oder Walter Jon Williams gelesen habe – Cyberpunk fand ich cool. Und natürlich Douglas Adams. Aber in dem Bereich kenne ich keine vernünftigen Filme.

Die Osteuropäer haben nun mal mehr Tiefe. Zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehören von Stanislaus Lem Eden, Der Unbesiegbare, Die Stimme des Herrn, Solaris, Fiasko und natürlich Die Sterntagebücher des Weltraumfahrers Ion Tichy. Und eigentlich sollte man auch alles von den Strugatzkis gelesen haben. Zu Ion Tichy noch ein Tipp: Vor mittlerweile zehn Jahren wurden sie von den Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin Randa Chahoud, Dennis Jacobsen und Oliver Jahn in einer Mini-Serie in zwei Staffeln und dem herrlichem Retro-Charme einer Very-Low-Budget-Produktion verfilmt. Wobei die zweite Staffel mehr Budget, aber weniger Charme hatte. Die weibliche Hauptrolle spielt übrigens die bezaubernde Nora Tschirner als Analoge Halluzinelle.

Okay, inzwischen ist offensichtlich, dass ich zum Marsianer noch immer gar nicht so viel zu sagen habe. Dabei ist die Idee, dass eine Mars-Crew plötzlich evakuiert werden muss und einen vermeintlich tödlich verletzten Astronauten zurück lässt, der dann überraschenderweise doch überlebt und deshalb alle Beteiligten in ein moralisches Dilemma stürzt, gar nicht schlecht: Die Frage ob man ein Menschenleben abschreibt oder mehrere Menschenleben riskiert, um das eine zu retten, muss immer wieder neu beantwortet werden. Während der tapfere Mark Watney seinerseits alles tut, um sich selbst zu retten, müssen die anderen entscheiden, ob sie ihn retten wollen. Und kommen dabei zu sehr unterschiedlichen Schlüssen.

Mark und seine Mars-Kartoffeln. Bild: foxmovies.com

Mark und seine Mars-Kartoffeln. Bild: foxmovies.com

Im Grunde haben wir hier eine Mischung aus Gravity, Cast Away und Saving Private Ryan. Die Robinsonade im Weltall braucht erst noch ein bisschen Hilfestellung, um zur dramatischen Rettungsaktion zu werden, bei der am Ende die ganze Welt mitfiebern kann. Aber was soll dann noch schief gehen – immerhin wird auf einige bewährte Weltraum-Fachkräfte zurückgegriffen – Jessica Chastain hat als Murphy Cooper in Interstellar ja schon die ganze Welt gerettet, da ist sie Commander Lewis fast schon unterfordert, nur einen Mann vom Mars zurück zu holen.

Allerdings hat Matt Damon als Dr. Mann keine so gute Figur gemacht wie hier nun als Mark Watney. Der fängt als handfester Botaniker gleich damit an, auf dem Mars Kartoffeln anzupflanzen, um seine Vorräte zu strecken, die sonst keinesfalls die langen Jahre bis zur nächsten geplanten Mission ausreichen werden. Er erweist sich auch sonst als überaus erfindungsreich – und rechnen kann er auch. Blöd ist nur, dass der NASA-Chef Teddy Sanders (Jeff Daniels) eigentlich gar nicht vor hat, Watney retten zu lassen – er will lieber die Crew von Ares 3 sicher auf die Erde zurück bringen und verbietet deshalb auch, den Astronauten mitzuteilen, dass Watney noch lebt, nachdem dieses Missgeschick auf der Erde von der Satellitenspezialisten Mindy Park (Mackenzie Davis) entdeckt wird. Die kennen wir übrigens als geniale Programmiererin aus Halt and Catch Fire.

Aber auf Dauer lässt sich das nicht durchhalten, schon gar nicht, nachdem es Watney gelingt, eine Kommunikationsverbindung mit der Erde aufzubauen. Neben der Öffentlichkeit wird jetzt auch die Crew von Ares 3 informiert, dass Watney noch lebt. Jetzt beschließt die NASA, eine Versorgungssonde zum Mars zu schicken, damit Watney auf jeden Fall bis zur nächsten geplanten Mission überlebt – aber weil alles schnell gehen soll und auf Tests verzichtet wurde, explodiert die Trägerrakete beim Start, die Sonde wird zerstört. Und weil ein Unglück selten allein kommt (schon gar nicht im Film)  gibt es auf dem Mars auch einen fatalen Rückschlag – nachdem die Druckschleuse versagt, erfrieren Watneys Pflanzen.

Der Marsianer: Schicke Raumschiffe gibt es auch. Bild: foxmovies.com

Der Marsianer: Schicke Raumschiffe gibt es auch. Bild: foxmovies.com

Die Lage für Watney erscheint hoffnungslos – aber die Chinesen haben noch einen Trumpf im Ärmel: Sie bieten der NASA an, ihre neue Trägerrakete zu nutzen, um eine weitere Versorgungssonde ins All zu bringen. Ach ja, internationale Solidarität statt nationaler Konkurrenz – zu schön, um wahr zu sein, aber ich finds natürlich gut, dass die Chinesen in einem Hollywoodfilm den Amis auch mal den Arsch retten dürfen. Auch wenn es nur der Arsch von Mark Watney ist.

Derweil hat eine engagierter Astrophysiker schon ausgerechnet, dass die Ares-3-Crew die Erdanziehung bei einer Umrundung als Antrieb nutzen könnte, um vergleichsweise schnell zum Mars zurückzukehren und Watney einzusammeln. Und bei der Annäherung an die Erde gleich auch die Versorgungskapsel mitnehmen, damit die Vorräte für die längere Mission ausreichen. Sanders ist dagegen, aber der Crewleiter lässt der Crew den Plan heimlich zukommen. Die natürlich beschließt, Watney zu retten, selbst wenn sie dafür riskiert, später wegen Meuterei vor Gericht gestellt zu werden. Von den Strapazen weiterer langer Monate im All gar nicht zu reden.

Natürlich gibt es noch eine Menge weitere Komplikationen, aber man kann sich denken, dass am Ende alles irgendwie gut ausgeht. Ist schließlich kein Drama. Trotzdem alles in allem auch nicht so schlecht. Aber ich bleibe dabei: Der Marsianer wird keiner meiner Lieblingsfilme von Ridley Scott. Da sehe ich mir lieber nochmal Blade Runner an.

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