Empire – König Lear im Gangsta-Style

Bombast-Soaps wie Dallas oder Der Denver-Clan waren nie mein Ding, auch wenn ich mich noch gut daran erinnere, dass diese Serien in den 80er Jahren jeweils am nächsten Tag auf dem Schulhof und am Arbeitsplatz leidenschaftlich diskutiert wurden. Aber damals war mir das herzlich egal – die Intrigen von irgendwelchen superreichen Amis interessierten mich nicht die Bohne. Offenbar hatte ich früher tatsächlich Besseres zu tun als fernzusehen. Aber nach jahrzehntelanger Mühsal in der Tretmühle der modernen Arbeitswelt schätze ich einfach verfügbare Zerstreuungen, weshalb ich mittlerweile Serien-Expertin bin.

Und obwohl ich noch immer nicht begreife, warum sich Menschen freiwillig das Dschungelcamp ansehen (oder irgendeine andere von Werbung zerhackte Sendung auf einen Privatsender) muss ich zugeben, dass mittlerweile eine Serie ähnlichen Kalibers wie Dallas/Denver-Clan entdeckt habe, die mir wirklich Spaß macht: Empire.

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard) Bild via fox.com

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard)
Bild via fox.com

Empire ist die Geschichte von Musik-Milliardär Lucious Lyon (Terrence Howard) bzw. die Geschichte des Kampfes innerhalb des Lyon-Clans um seine Nachfolge – im Grunde also eine weitere King-Lear-Variante. Der Ghetto-Musiker Dwight Walker hat sich von der Straße in die Chefetage seines eigenen Musik-Labels hochgearbeitet und sich dafür einen neuen Namen zugelegt – das war vermutlich vor allem nötig, damit man ihn nicht mehr mit seiner kriminellen Vergangenheit in Verbindung bringt. Lucious ist einer der wenigen Afroamerikaner in einer solchen Position, genau wie sein Kumpel Barack im Weißen Haus, der ihn gelegentlich anruft. Okay, Obama kam nicht direkt von der Straße, aber wir wollen nicht so kleinlich sein.

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson) Bild via fox.com

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson)
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Lucious hat alles, was sich ein Mann wünschen kann – Geld, Erfolg, Einfluss und natürlich schöne Frauen. Aber er hat eine unheilbare Krankheit: Ihm bleibt nach der ALS-Diagnose nicht mehr viel Zeit, einen würdigen Nachfolger zu finden. Lucious hat zwar drei Söhne, aber keiner davon ist perfekt. Andre (Trai Byers), der Älteste, hat an einer Elite-Uni studiert und ist ein Finanzgenie. Er ist ehrgeizig und ein Arbeitstier – Andre hat Empire zu dem gemacht, was es jetzt ist und auch den bevorstehenden Börsengang vorbereitet. Aber erstens hat er eine bipolare Störung und zweitens hat er es nicht so mit Musik. Und dann hat er auch noch eine berechnende weiße Schlampe geheiratet.

Der zweite Sohn Jamal (Jussie Smollet) ist hingegen ein unglaublich talentierter Musiker, aber er interessiert sich nicht fürs Geschäft. Er ist damit zufrieden, ein genialer Singer-Songwriter zu sein, den nur ein paar weiße Kids in Brooklyn kennen, wie seine Mutter ihm treffend vorwirft. Und noch schlimmer: Er ist schwul.

Empire: Jamal (Jussie Smollet) Bild via fox.com

Empire: Jamal (Jussie Smollet)
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Der dritte, Hakeem (Bryshere Y. Gray), ist Lucious Liebling und hat durchaus Talent, aber er ist ein verwöhntes, selbstbezogenes Arschloch und musste noch nie um Erfolg und Anerkennung kämpfen. Er pflegt zwar Gangsta-Attitüde und hängt mit üblen Jungs ab, aber letztlich verlässt er sich immer darauf, dass ihm einer seiner großen Brüder oder sein Papa den Arsch rettet.

Und dann gibt es da noch Cookie (Taraji P. Henson), die Mutter der drei, die nach 17 Jahren aus dem Knast kommt. Sie musste einsitzen, weil sie mit Drogen gedealt hat, um Lucious und ihren Traum vom eigenen Musiklabel zu erfüllen. Sie fordert nun, was ihr zusteht: Die Hälfte von Empire.

Empire: Jamal und Cookie Bild via fox.com

Empire: Jamal und Cookie
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Natürlich geht Lucious darauf nicht ein, aber er bietet ihr einen Job an. Das wiederum passt seiner aktuellen Verlobten Anika (Grace Gealey) überhaupt nicht, die nun nicht zu Unrecht befürchtet, dass ihr die vulgäre, aber höchst effektive Cookie die Zügel aus der Hand nehmen wird. Denn Cookie ist das eigentliche Genie hinter Empire gewesen – sie ist nicht nur eine begnadete Produzentin, sie weiß auch, wie man verhandelt und mit durchgeknallten Stars umgeht. Und jetzt, nach all den Jahren im Knast ist Cookie noch härter und hungriger geworden. Und natürlich kämpft sie wie eine Löwin für ihre Söhne – insbesondere für ihren Liebling Jamal, mit dem sie umgehend die Produktion eines neuen Albums startet, um Lucious zu zeigen, dass Jamal mehr drauf hat als sein Liebling Hakeem. Es macht einfach Spaß, Taraji P. Henson dabei zuzusehen, wie sie ihre Rolle als Cookie Lyon genießt – für die sie völlig verdient einen Golden Globe gewonnen hat und zweimal für den Critics Choice Award als beste Darstellerin in einer Dramaserie nominiert wurde.

Empire:  Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray) Bild via fox.com

Empire: Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray)
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Und natürlich gibt es viel Musik – den Soundtrack zur ersten Staffel hat die Produzenten-Legende Timbaland geliefert. Wenn man diese Musik mag, lohnt es sich, diese Serie allein deshalb anzusehen, auch wenn es wenig echten Hip-Hop gibt, dafür aber eine Menge interessanter Remixe von bekannten Songs. Es ist ein bisschen wie bei Treme, wo die Musik auch einen breiten Raum einnimmt, nur in dem Fall New-Orleans-Jazz, hier ist es halt R&B und massentauglicher Rap. Und wie bei Treme gibt es auch eine Reihe von Gastauftritten – so spielt Courtney Love den abgehalfterten Empire-Star Elle Dallas, der von Cookie nach Jahren wieder aus der Versenkung geholt und zu einem Comeback überredet wird. Naomi Campbell tritt als Designerin Camilla Marks auf, die sich an den kleinen Hakeem heranmacht, was weder Lucious noch Cookie gefällt. Aber es treten auch Snoop Dogg, Gladys Knight oder Patti LaBelle als sie selbst auf.

Empire:  Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday) Bild via fox.com

Empire: Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday)
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In den USA entwickelte sich Empire zu einem veritablen Straßenfeger, der mit jeder weiteren Folge mehr Zuschauer gewinnen konnte. In Deutschland lief Empire auf ProSieben, wo sich allerdings kaum jemand dafür interessierte. Was unter anderem daran liegen könnte, dass es hier halt nicht so viele Afroamerikaner gibt, die sich freuen, dass es endlich einmal eine Serie gibt, deren Protagonisten Afroamerikaner sind, die zu den oberen Zehntausend in den USA gehören. Und Black Musik ist hierzulande ja auch eher eine Spartenveranstaltung.

Vor allem aber sieht sich der wahre Serienjunkie heutzutage keine Serie mehr auf einem TV-Sender an, bei dem man jeweils eine Woche warten muss, um wieder ein von Werbeunterbrechungen durchsetztes Handlungshäppchen vorgesetzt bekommen. Die Zeiten sind vorbei – das hat auch das grandiose Quotendesaster mit Deutschland 83 gezeigt.

Empire:  Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell) Bild via fox.com

Empire: Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell)
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