Grüße aus Fukushima

Noch bin ich mit meinen Berlinale-Fazit-Texten im Rückstand – es gab außer den hier bereits besprochenen für mich noch einige interessante Filme zu sehen. Den Wettbewerbsgewinner Fuocoammare von Gianfranco Rosi habe ich leider nicht gesehen – was ich aber so bald ich die Gelegenheit habe, nachholen werde.

Ich finde es gut, dass die Berlinale-Jury erstmals seit 60 Jahren einen Dokumentar-Film mit dem goldenen Bären auszeichnet – auch wenn ich den Film nicht gesehen habe, legen die Kritiken zu diesem Film nahe, dass dieser Film völlig zu recht ausgezeichnet wurde und damit natürlich auch eine entsprechende (Medien-)Aufmerksamkeit bekommt. Leider ist zu befürchten, dass auch dieser Film kein bisschen an dem Elend der Flüchtlinge ändert, die ihr Leben riskieren, um eventuell ein etwas besseres Leben zu haben als ihre prekäre Existenz in den Krisengebieten in Afrika oder im nahen und mittleren Osten.

Aber es kann heutzutage keiner mehr sagen, er habe es nicht gewusst. Das war ja eine der Standardaussagen nach dem zweiten Weltkrieg, als das tatsächliche Ausmaß des Holocaust bekannt wurde. Ich habe keine Ahnung, was die Leute damals tatsächlich wussten oder hätten wissen können. Es liegt auf der Hand, dass keine entsprechenden Bilder durch die Welt gingen, weil es noch keine Tagesschau und kein heute journal gab und ein Internet sowieso nicht. Es gab nur Wochenschauen und Radionachrichten, in denen nur gesendet wurde, was das Reichspropagandaministerium senden wollte. Wer sich aus anderen Quellen informierte, riskierte sein Leben. Und trotzdem haben Menschen das getan. Liebe Lügenpresserufer: Der Zugang zu Informationen aller Art ist heute nun wirklich vergleichsweise frei. Was die offiziellen Qualitätsmedien berichten, ist die eine, was die Leute davon mitkriegen wollen, eine andere Sache. Ob Nazi oder Flüchtlingshelfer, Nachwuchssalafist oder Putinversteher – jeder sieht die Welt so, wie er oder sie sie sehen will, egal, was die Tagesschau dazu sagt.

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Zurück zu den Dingen, von denen eigentlich jeder weiß, aber nicht ins Bewusstsein dringen lässt: Auch im fünften Jahr nach der Katastrophe von Fukushima leben noch immer zahlreiche Menschen in Notunterkünften (offiziell „nur noch“ 100 000), den meisten geht es damit schlecht. Die Leute fühlen sich vergessen. Doris Dörrie hat mit Grüße aus Fukushima einen Film darüber gemacht. Und nachdem ich diesen Film gesehen hatte, sah ich typische Foreneinträge wie „ach du scheiße, was soll denn dieses schwarz-weiße Betroffenheitskino!“ vor mir – und irgendwie stimmt das sogar.

Grüße aus Fukushima ist ein Schwarzweißfilm, was aber gut zum Inhalt passt. Und es ist ein typischer Doris-Dörrie-Film, also eher solides Handwerk als subtiles Kunstwerk. Wobei ich Filme von Doris Dörrte eben deshalb mag: Sie sind nie so, dass ich einfach hin-und-weg bin, aber ich bin auch nicht enttäuscht, wenn ich wieder einen gesehen habe, weil die Geschichten darin zwar oft etwas einfach gestrickt, aber doch immer ganz gut sind.

Mit Grüße aus Fukushima ist das genau so: Die junge Deutsche Marie (Rosalie Thomass) rennt vor ihrer Hochzeit weg und schließt sich einer Gruppe Clowns an, die nach Japan fährt, um die Menschen aufzuheitern, die nach der Katastrophe von Fukushima noch immer in Notunterkünften leben. Marie stellt aber schnell fest, dass sie selbst zu schlecht drauf ist, um andere zum Lachen zu bringen. Sie rennt aber nicht wieder weg, sondern beschließt, Satomi (Kaori Momoi) zu helfen, die in die  Sperrzone zurückkehrt, um ihr Haus aufzuräumen.

Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi) Bild: Hanno Lentz / Majestic

Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi)
Bild: Hanno Lentz / Majestic

Tatomi ist die letzte Geisha vor Ort, sie akzeptiert die Hilfe der jungen Deutschen anfangs unwillig – auf die beherrschte, feinsinnige Japanerin wirkt die große blonde Marie wie ein Elefant im Porzellanladen. Doch, wie Satomi nach einiger Zeit anerkennt, ist auch ein Elefant in der Lage, dazuzulernen. Sie bringt Marie die Grundzüge japanischer Höflichkeit bei und die Aufmerksamkeit für kleinste Details: Es ist nun einmal wichtig, sich korrekt niederzuknien und den Deckel mit beiden Händen von der Teetasse zu nehmen. Genau wie es wichtig ist, diesen einen Schluck Tee zu genießen, den man gerade in Mund hat.

Gerade im Kontrast zu den Bildern der Zerstörung ringsum wirken diese einfachen, ruhigen Szenen so stark: Woran soll man sich sonst halten, wenn nichts mehr da ist? Noch immer ist das Ausmaß der Zerstörung um Fukushima herum gigantisch – selbst dort, wo Aufzuarbeiten stattgefunden haben. So sind riesige Wälle aus schwarzen Säcken zu sehen, die mit verstrahlter Erde gefüllt sind: „Und was passiert jetzt damit?“ fragt Marie fassungslos. „Die bleiben da stehen. Für immer!“

Doch mit der Rückkehr in ihr altes Haus wird Satomi auch von den Geistern ihrer Vergangenheit heimgesucht – sie fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schülerin, die in dem Tsunami umgekommen ist, als er das Haus überschwemmt hat.

Satomi (Kaori Momoi) vor den Trümmern ihrer Vergangenheit. Bild: Mathias Bothor / Majestic

Satomi (Kaori Momoi) Bild: Mathias Bothor / Majestic

Eines Tages schickt sie Marie zum Wasserholen fort, um sich an einem Ast der Kiefer zu erhängen, auf die sie sich während der Flut gerettet hat. Das Motiv ist vom Anfang des Films bekannt – nur ist es Marie gewesen, die mit einem Seil, in das schon eine Henkerschlinge geknüpft war, durch den Wald gestolpert ist – wie gesagt, Subtilität ist Dörries Markenzeichen nicht. Marie kommt gerade noch rechtzeitig zurück, um Satomi zu retten. Sie begreift aber, dass sie für die nun die Zeit gekommen ist, um nach Hause zurückzukehren. Zuvor sägt sie aber noch den Ast ab, an dem Satomi sich erhängen wollte.

Grüße aus Fukushima ist also nicht unbedingt der ideale Film, wenn man sich einen netten Kinoabend machen möchte. Es lohnt sich aber doch, ihn anzusehen, wenn man sich dafür interessiert, was in der Welt passiert. Gerade weil der Film eine Geschichte zu den Bildern aus dem Katastrophengebiet um Fukushima erzählt, hinterlässt er einen tieferen Eindruck als eine Dokumentation, in der jede Menge erschreckende Daten oder gar eine forensische Analyse der Dreifach-Katastrophe geliefert werden – die ich mir sicherlich auch ansehen würde. Aber ich mag eben auch schwarz-weißes Betroffenheitskino. Doch, dazu stehe ich.

Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi) Bild: Hanno Lentz / Majestic

Grüße aus Fukushima Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi)
Bild: Hanno Lentz / Majestic

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Who am I – Kein System ist sicher

Vor ein paar Tagen bin ich im Zuge anderer Recherchen über einen Trailer zu Who am I gestolpert und erinnerte mich daran, dass ich diesen Film ja unbedingt sehen wollte, wenn er ins Kino kommt. Ich weiß nicht mehr, warum ich das im Herbst 2014 irgendwie nicht auf die Reihe gekriegt habe – doch inzwischen habe ich das nachgeholt und mir Who am I – Kein System ist sicher angesehen.

Und ja, das ist schon ein vergleichsweise guter Film aus deutscher Produktion. Einige Sachen, insbesondere, was das Hacking und die Motivation der Hauptfigur Benjamin Engel angeht, sind mir zwar dann doch zu flach bzw. zu plakativ – aber es handelt sich schließlich um einen Kinofilm, der auf ein Massenpublikum abzielt, insofern sollte ich hier nicht allzu strenge Maßstäbe anlegen – zumal Who am I das deutsche  Kinopublikum tatsächlich erreicht hat: Immerhin war Who am I der erfolgreichste deutsche Kinofilm seit den beiden Schimanski-Krimis, die in den 80ern im Kino gelaufen sind. Obwohl gerade diese Schimankis auch nicht so wahnsinnig gut waren. Aber wir hatten ja nüscht anderes.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Benjamin Engel (Tom Schilling)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Benjamin Engel (Tom Schilling)

Zurück zu Who am I. Dieser Film wirkt in erster Linie über seine Stars, und es sind eine ganze Menge an Bord: Tom Schilling spielt den unscheinbaren Hacker Benjamin, der nur am Computer ein Held und im wahren Leben ein Versager ist: Eine Null unter Einsen, wie er sich selbst beschreibt. In der Schule wurde er nicht mal verprügelt, weil keiner ihn wahrgenommen hat – was aber gleichzeitig auch seine Superkraft ist: Benjamin ist für die meisten Menschen unsichtbar. Das kann auch Vorteile haben.

Elyas M’Barek ist Max, Benjamins gut aussehendes und erfolgreiches Alter ego. Max ist ein charmanter Draufgänger, der all das hat, was Benjamin fehlt – auch wenn er gemessen an Benjamin das reinste Script-Kiddie ist. Doch dafür hat er ja seine Crew, zu der neben Benjamin auch der Software-Experte Stefan (Wotan Wilke Möhring) gehört, der immer auf der Suche nach Schwachstellen in Code und nach dem ultimativen Kick ist, und der paranoide Hardware-Freak Paul (Antoine Monot Jr alias TechNick).

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Hannah Herzsprung spielt Marie – Benjamins unerreichbare Jugendliebe, die er nun zufällig wieder trifft – die letztlich zum Auslöser für die verhängnisvollen Ereignisse wird, die Benjamin mit einem schlecht vorbereiteten Hack auslöst, weil er ihr imponieren will. Benjamin träumt seit seiner Schulzeit davon, Marie zu erobern, zu heiraten und für immer mit ihr glücklich zu werden – nur hat Marie von all dem nie etwas bemerkt. Deswegen lässt er sich jetzt dazu hinreißen, die Fragen für Maries Bachelor-Prüfung vom Uni-Server zu stehlen – er wird aber erwischt und zu Sozialarbeit verknackt. Dort trifft er Max.

Dann ist auch noch die großartige Trine Dyrholm dabei – sie verkörpert die dänische Europol-Ermittlerin Hanne Lindberg, die als Cybercrime-Expertin schon seit mehreren Jahren versucht, der gefährlichen Hackercrew FR13NDS das Handwerk zu legen. Die FR13NDS haben Verbindungen zur russischen Cybermafia – und die vier Jungs um Max, die sich zur Hacktivistengruppe CLAY zusammengeschlossen haben, geraten durch eine Aktion, mit der sie die Aufmerksamkeit ihres Idols MRX erregen wollen, sowohl ins Visier der russischen Hacker als auch von Europol. Der legendäre MRX, der in jedes System eindringen kann, hat mit sich mit respektlosen Aktionen auch über die Hacker-Szene hinaus einen Namen gemacht. Aber er nimmt CLAY nicht ernst, was die Jungs natürlich nicht auf sich sitzen lassen wollen – und sie beschließen den BND zu hacken.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher

Das ist ein interessantes Setting – und zugleich macht mich das etwas… ratlos, denn, wie die Leser meines Blogs wissen, bin ich ein großer Mr.-Robot-Fan. Und gerade weil ich diese Serie so gut finde, bin ich nun erstaunt, wie viele Parallelen sich in Who am I finden. Vermutlich haben sich Baran bo Odar und Sam Esmail für ihre Recherchen in denselben IRC-Channels herumgetrieben.

Natürlich ist die Story von Mr. Robot deutlich komplexer und, genau das hat mir gefallen, das ganze Hacking wird weitgehend akkurat ausgeführt. Aber die Grundidee vieler Hacks ist schon in Who am I zu sehen. Etwa als Benjamin sich von Max überreden lässt, bei ihm und seiner Crew mitzumachen und er ihm deshalb seine Methode erklärt: „Menschen sind leichtgläubig und konfliktscheu.“ Er setzt auf Social Engineering. Benjamin fragt erstaunt: „Du hackst Menschen?!“ Max erklärt: „Menschen sind die besten Sicherheitslücken!“ Das ist auch eine Grunderkenntnis von Elliot Alderson in Mr. Robot. Und wie sich herausstellt, ist Benjamin ebenfalls ziemlich gut darin, Menschen zu hacken.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Allerdings gibt es schon einen signifikanten Unterschied: Benjamin Engel ist kein besonders politischer Typ. Er will, anders als Elliot Alderson in Mr. Robot, nicht die Welt retten, auch wenn Benjamin ständig Superman zitiert. Sein Mantra ist eher: „Die Welt braucht keinen Retter. Auch wenn sie ständig nach einem ruft.“ Benjamin hackt, weil er es kann. Und weil er eine Freundin haben will und nicht weiß, wie er das anders hinkriegen soll. Seine Hacks haben keine politische Dimension im eigentlichen Sinne, zwar ärgert CLAY die NBD, die leicht als NPD zu erkennen ist und macht aus dem Verlauf der DAX-Kurve in den Nachrichten eine Hand mit ausgestreckten Stinkefinger – aber es geht nur um den Spaß und nicht um die Idee, wirklich etwas zu verändern, was ich dann wieder schade finde – für den naiven Benjamin ist das alles ein Spiel, dessen Regeln er ziemlich lange nicht kapiert. Elliot hingegen weiß sehr viel mehr über die Welt und wie er sie gern hätte. Er hackt, weil er mit der Gesellschaft nicht zufrieden ist und etwas verändern will.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Marie (Hannah Herzsprung)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Marie (Hannah Herzsprung)

Trotzdem hat Benjamin einiges mit Elliot gemeinsam (oder umgekehrt, Who am I kam ja vor Mr. Robot heraus): Er hat früh seine Eltern verloren – seinen Vater kennt er nicht, der ist schon vor seiner Geburt nach Frankreich abgehauen, und seine Mutter hat sich umgebracht, als er acht Jahre alt war. Benjamin war immer anders als die anderen, er hat Schwierigkeiten, sich mitzuteilen und er medikamentiert sich selbst – allerdings ist seine Droge nicht Morphium, sondern Ritalin. Er nimmt mehr davon, als gut für ihn ist und steigert sich in Wahnvorstellungen hinein. Wohin das führt, lässt sich auch schon ahnen: In Benjamins Zimmer hängt unter anderem ein Fight-Club-Plakat.

Aufgewachsen ist Benjamin bei seiner Oma, die aber nun unter fortgeschrittenem Alzheimer leidet – er kümmert sich um sie, so gut er kann – und er darf dafür in ihrem Haus wohnen, was schon mal nicht schlecht ist, zumal es sich in den Schnitten im Film zufolge irgendwo in Berlin Mitte befinden muss, wo es garantiert keine solchen Häuser gibt. Kleine Detailkritik am Rande: Gerade weil mich begeistert, das Berlin quasi eine Hauptrolle in dem Film spielt, finde ich es besonders ärgerlich, dass es auch wieder diese vielen Unplausibilitäten gibt. Etwa, wenn Benjamin und Max mit der U-Bahn im lindgrün gekachelten U-Bahnhof Berlin Alexanderplatz ankommen, dann aber, wenn sie die Treppe hochgehen, plötzlich  am S-Bahnhof Potsdamer Platz sind. Klar, die neuen Hochhäuser am Potsdamer Platz  sind cooler als die Plattenbauten um den Alexanderplatz – aber blöd finde ich das doch. Ich hasse das auch in allen anderen Filmen und Serien, die angeblich in Berlin (oder anderen Orten, die ich kenne) spielen. Auch Homeland war da nicht gänzlich korrekt – die haben zwar original in der S-Bahn gedreht, aber die angezeigten Bahnhöfe entsprechen nicht dem realen Fahrplan für die angeblich genutzte Linie.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Max (Elyas M'barei) erklärt Benjamin (Tom Schilling) Social Engineering

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Max (Elyas M’barei) erklärt Benjamin (Tom Schilling) Social Engineering

Zurück zu den Parallelen: Es gibt in Who am I auch eine Szene, die mich an Elliots Beichte bei seiner Psychologin Krista erinnert, nämlich als Benjamin Hanne Lindberg, als sie ihn verhört, erzählt, was er alles über sie weiß, weil er sie gehackt hat. Benjamin kennt ihre intimsten Geheimnisse, nicht nur ihre Sozialversicherungsnummer und ihre Konten in Dänemark und Deutschland, er weiß auch, dass sie während des Studiums, das sie als Jahrgangsbeste abgeschlossen hat, ein Fehlgeburt hatte und keine Kinder mehr bekommen kann. Hanne ist schockiert und fasziniert zugleich – sie ist es auch, die Benjamin später mit einer nicht weniger schockierenden Wahrheit über ihn selbst konfrontiert.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit

Es gibt sogar einen Bill Harper – auch wenn er in Who am I eine sie ist und Gerdi heißt. Die vier Jungs von CLAY wühlen sich auf der Suche nach einer Sicherheitslücke, die ihnen Zugang zum BND verschaffen kann, durch das Altpapier, dessen Abtransport aus dem BND-Gebäude sie beobachtet haben. Max findet, was sie brauchen: Eine Geburtstagskarte mit niedlichen Kätzchen, mit der die lieben Kollegen vom BND jene Gerdi bedacht haben. Wie sich herausstellt, ist Gerdi für die Putzkolonne zuständig, und damit auch für die Sicherheitsausweise, mit denen die Raumpflegekräfte ins Gebäude kommen. Anhand der Karte können die Hacker genug über Gerdi herausfinden, um ihr eine Phishing-Mail zukommen zu lassen, die Gerdi unmöglich als solche erkennen kann. Damit kommen sie an die entscheidenden Daten, mit denen sie sich Zutritt zum Gebäude verschaffen können. Das ist zwar weniger subtil wie in Mr. Robot – die Szene in Steel Mountain, in der Elliot Bill auseinandernimmt, um Zutritt zu der entscheidenden Ebene zu erlangen, ist Psychoterror pur. Das gibt es in Who am I nicht. Aber die Grundidee ist doch erstaunlich ähnlich.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit II

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit II

Mit dem erfolgreichen BND-Hack hat Benjamin aber auch einen entscheidenden Fehler gemacht: Um MRX zu beweisen, dass er wirklich im System war, lässt er ihm Daten aus einer verschlüsselten Partition eines BND-Servers zukommen, die er zufällig entdeckt hat. Das war gegen die Verabredung, nichts mitgehen zu lassen. Kurz darauf wird die Leiche des Hackers Krypton im Wald gefunden – ich vermute hier eine Referenz an den historischen Hacker Karl Koch, dessen Leiche ebenfalls in einem Waldstück gefunden wurde.

Benjamin schnallt jetzt, dass es wirklich ernst wird und er die ganze Sache unterschätzt hat: Für ihn ging es bisher nur darum, sich und der Welt zu beweisen, dass er ein Superheld im Cyberspace ist, ein cooler Hacker, der überall reinkommt, wo er reinkommen will. Aber jetzt ist jemand umgebracht worden – bei Kryptons Leiche wird ein Teil jener Daten gefunden, die Benjamin beim BND geklaut hatte. Darin befand sich unter anderem die Information, dass Krypton ein V-Mann für den BND war. Damit war sein Todesurteil besiegelt – die Friends verstehen nämlich keinen Spaß. Benjamin hat es jetzt mit der russischen Cyber-Mafia zu tun. MRX hat die Daten den Russen zukommen lassen – und die haben kurzen Prozess gemacht. Damit haben wir die Dark Army von Who am I – und MRX ist ein Art Whiterose.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit III: Die Geburtstagskarte für Gerdi vom BND

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit III: Die Geburtstagskarte für Gerdi vom BND

Aber Europol ist auch völlig nicht blöd, die haben ihrerseits eine Hackerin engagiert, die in Berlin verdächtige Cyber-Aktivitäten entdeckt. Benjamin zwar wird immer paranoider, er kommuniziert nur noch von öffentlichen Computerterminals aus, etwa der an der Humbold-Universität. Aber die Fahnder kommen ihm trotzdem auf die Spur. Er entgeht seinen Häschern nur dank seiner eingangs erwähnten Superkraft – er versteckt sich einfach unter einem Tisch in der Bibliothek und wird übersehen. CLAY will nun an MRX ran, um zu beweisen, dass MRX und nicht CLAY für den Tod von Krypton verantwortlich ist.

Dazu konstruieren sie ein „schwangeres Pferd“ – einen Trojaner im Trojaner, mit dem es möglich ist, einen Zugang ins System von Europol zu bekommen – gleichzeitig will Benjamin damit die Identität von MRX herausfinden. Aber der fällt nicht darauf rein, im Gegenteil, er hat Benjamin eine Falle gestellt und nun dessen Identität ermittelt.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher

Benjamin ist nun nirgends mehr sicher und muss untertauchen. Die Aufräum-Sequenz der CLAY-Hacker erinnert dann eher an Breaking Bad – CLAY entsorgt sämtliche Computerteile im Säurebad, und nicht per Bohrmaschine und Mikrowelle. Und er muss noch dringender als bisher herausfinden wer MRX ist und dafür sorgen, dass in der Szene bekannt wird, dass MRX Krypton ans Messer geliefert hat und nicht er. Benjamin schafft es am Ende aber wieder, auch bei Europol jemanden zu finden, der leichtgläubig und konfliktscheu genug ist, ihn hereinzulassen.

Benjamin kehrt nach seinem erfolgreichen Hack in das Hotel zurück und findet seine Mitstreiter tot vor. Er ist verzweifelt und will einfach wieder Benjamin sein, ein harmloser, unsichtbarer Typ. Aber natürlich ist es viel zu spät. Aber es gibt es eine glückliche Wendung – Marie taucht bei Benjamin auf, sie hat erfahren, dass jemand versucht hat, den Uniserver zu hacken, um die Prüfungsfragen für Rechtswissenschaften zu stehlen: Ihr ist sofort klar, dass Benjamin das für sie getan haben muss. Der bietet ihr an, mit ihm abzuhauen – wohin sie auch immer wolle. Sie will nach Kopenhagen: „Von allen Orten der Welt willst du unbedingt nach Kopenhagen?“ fragt Benjamin ungläubig. Aber warum eigentlich nicht – Dänemark ist das Land mit der höchsten Lebensqualität und hat hervorragende Restaurants, wenn man sie sich leisten kann. Das sollte für einen begnadeten Hacker nicht das Problem sein.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Max (Elyas M'Barek), Benjamin (Tom Schilling), Stefan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot Jr.)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Max (Elyas M’Barek), Benjamin (Tom Schilling), Stefan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot Jr.)

Derweil hat Benjamin auch eine Falle für MRX ausgeheckt – damit kann er seinen Gegenspieler lokalisieren und seinen Standort den Ermittlungsbehörden in den USA mitteilen: Es handelt sich um einen Hacker aus New York. Benjamin stellt sich der Polizei fordert in ein Zeugenschutzprogramm zu kommen – aber bei Europol wird schnell bemerkt, dass es da Löcher in seine Geschichte gibt, die größer sind als ein Todesstern. Hanne Lindberg kommt Benjamin schließlich auf die Schliche, sie hat seine Vorgeschichte recherchiert und findet heraus, dass Benjamin seine Psyche in mehrere Persönlichkeiten aufgespalten hat: Er ist CLAY, und zwar jeder der vier.

Schließlich entschuldigt sich Benjamin bei Hanne: Es wäre nicht richtig gewesen, dass er sie gehackt hätte und es tue ihm wirklich leid. Aber das ist nur die Vorbereitung für Benjamins Meisterhack – er muss Hanne jetzt nämlich noch einmal in ihrer aktuellen Position, als Ermittlerin bei Europol, hacken, um aus der ganzen Sache rauszukommen. Aber so, dass sie sich nicht manipuliert fühlt: Hanna soll Benjamin nämlich Zugang zu dem Polizeicomputer gewähren, auf dem sich die Daten für das Zeugenschutzprogramm befinden, in das Benjamin gern kommen würde, aber wegen seiner psychischen Erkrankung nicht hineindarf.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Europol-Eimittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Europol-Eimittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm)

Keine Frage, am Ende kommt Benjamin auch hier wieder ans Ziel – und ist schließlich mit einer neuen Identität auf dem Weg nach Kopenhagen – gemeinsam mit Marie. Und Max, Paul und Stefan, die ihm zum größten Social Engineering-Projekt aller Zeiten gratulieren.

Mein Fazit: Alles in allem ist Who am I ein gelungener Hacker-Film – wobei ich außer 23 – Nichts ist wie es scheint auch keinen weiteren guten Hacker-Film kenne. Mal abgesehen von Dokumentationen, da gibt es einige, aber hier reden wir ja über Spielfilm. Deshalb ist der Vergleich mit Mr. Robot auch ein bisschen unfair – das ist zwar die einzige wirklich gute Hacker-Serie, die ich kenne, aber eben eine, die einfach neue Maßstäbe setzt.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Paul (Antoine Monot Jr.), Stefan (Wotan Wolke Möhring), Max (Elyas M'Barek), Benjamin (Tom Schilling) und Marie (Hannah Herzsprung)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Paul (Antoine Monot Jr.), Stefan (Wotan Wolke Möhring), Max (Elyas M’Barek), Benjamin (Tom Schilling) und Marie (Hannah Herzsprung)

Who am I setzt meiner Ansicht zwar keine neuen Maßstäbe in Sachen Hackerfilm, dazu ist mir die Geschichte, obwohl eine ganze Menge guter Ideen darin sind und der Plot zum Ende hin eigentlich immer besser wird, dann doch etwas zu einfach, was vor allem an den schon sehr eindimensionalen Charakteren liegt. Natürlich erklärt sich das vor allem aus der Tatsache, dass jeder der Jungs von CLAY am Ende nur eine Facette von Benjamins Persönlichkeit ist. Aber auch die anderen Personen bleiben blaß, selbst Marie, obwohl für den Film natürlich plausibel ist, dass sie Benjamin plötzlich mit anderen Augen sieht, als sie erfährt, dass er den Unicomputer gehackt hat, um ihre Prüfungsfragen für Rechtswissenschaften herauszufinden. Im Grunde ist Hanne Lindberg – abgesehen von Benjamin selbst – die interessanteste Person in diesem Film. Sie ist die einzige, die Benjamin versteht und deshalb geht sie auf den Deal ein, den er ihr anbietet: Er liefert ihr MRX und damit die FR13NDS, sie verhilft ihm zur Flucht und einer neuen Identität, auch wenn sie dafür ihre Karriere aufs Spiel setzt. Insofern ist dann auch wieder logisch, dass Benjamin und Marie ausgerechnet in die Heimat von Hanne Lindberg gehen, um ein neues Leben anzufangen.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher

Trotzdem macht der Film großen Spaß, er hat Tempo und bietet eine originelle Bildsprache – heute ging die Nachricht herum, dass Baran bo Odar die Regie bei der ersten Serie, die Netflix in Deutschland produzieren will, übernehmen wird. Wenn er sich da genauso austoben kann wie bei Who am I, könnte das ein neuer Hit werden. Ich bin gespannt.

Krieg in Serie: Over There

Ja, es ist Berlinale, und ich hatte mir sogar einige Tage Urlaub genommen, damit ich mich endlich einmal diesem Festival-Feeling total hingeben und schon vormittags ins Kino gehen kann – als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung ist es ja nicht so einfach, Kinobesuche im Tagesablauf unterzubringen. Insbesondere, wenn viele Filme genau dann laufen, wenn man eigentlich arbeiten oder sich ausruhen muss, um am nächsten Tag wieder frisch antreten zu können. Und leider ist es jetzt auch wieder so, dass ich einige Filme, die mich besonders interessieren, nicht ansehen kann, weil ausgerechnet dann mein Brotjob ruft, der natürlich Vorrang hat – denn wo sollte ich sonst das Geld für die Berlinale-Tickets hernehmen?!

Insofern umso unverständlicher, dass ich dann auch noch über etwas anderes schreiben muss, aber ich muss halt, damit mein Kopf wieder für andere Sachen frei wird: In den Tagen vor der Berlinale habe ich nämlich angefangen, mir Over There anzusehen – das ist eine Serie von Steven Boccho und Chris Gerolmo über den Golfkrieg von 2003.

 

Screenshot Over There: Sgt Scream (Eric Palladino)

Screenshot Over There: Sgt Scream (Eric Palladino)

HBO hat mit Generation Kill ja bereits einen Klassiker über eben diesen Krieg geschaffen. Den ich mir vor allem deshalb angesehen hatte, weil Alexander Skårsgard eine Hauptrolle spielt, wie ich gern einräume. Aber Generation Kill ist auch sonst wirklich sehenswert – die Serie ist schon allein deshalb interessant, weil sie das, was ihre Protagonisten erleben, nicht mit einem blöden Soundtrack verkleistert: Die Zuschauer hören immer nur das, was in der jeweiligen Situation tatsächlich zu hören ist. Musik wird nur eingesetzt, wenn die Soldaten etwas im Radio hören oder selbst singen.

Auf diese Weise wird der extrem reduzierte Alltag dieser Soldaten zumindest ansatzweise erfahrbar. Wie sie den ganzen Tag in ihrem Humvee durch ein fremdes Land fahren, in der Hoffnung, dass alles so langweilig bleibt, wie es ist, weil sie dann eine gewisse Chance haben, diesen ganzen Scheiß zu überleben. Okay, es sind auch einige Idioten dabei, die genau das nicht aushalten und ganz wild darauf sind, endlich ein paar Iraker abzuknallen, selbst wenn sie dabei selbst draufgehen könnten.

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson), Angel (Keith Robinson), Smoke (Sticky Fingaz) und Dim (Luke Macfarlane)

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson), Angel (Keith Robinson), Smoke (Sticky Fingaz) und Dim (Luke Macfarlane)

Over There ist gewissermaßen ein Vorläufer von Generation Kill – ich bin ja nun wirklich kein Fan von Kriegs- oder Armyserien, weshalb ich auch nicht viele davon kenne. Die einzige, die ich mir wirklich gern angesehen habe ist M*A*S*H, ebenfalls ein Klassiker und vermutlich eine der bekanntesten und beliebtesten US-Serien überhaupt. Over There ist natürlich kein neues M*A*S*H, sondern genau wie Generation Kill eine völlig ernsthafte Serie über US-Soldaten im Irak – die ihre Situation allerdings mit sehr viel Sarkasmus beschreiben.

Insofern handelt es sich nicht um eines dieser  – in meinen Augen durchaus fragwürdigen – Kriegshelden-Epen wie Band of Brothers oder The Pacific, sondern um eine zeitgemäßere Aufbereitung eines solchen Stoffes. Also um etwas, auf das ich auf Deutschland bezogen noch immer warte – ich kenne beispielsweise keine einzige vernünftige deutsche Serie über den zweiten Weltkrieg. Und natürlich auch keine über irgendeinen Kampfeinsatz der Bundeswehr, von denen es seit 1999 ja nun mehr als genug gegeben hat. Wobei das natürlich auch keine schönen Themen sind, mit denen sich ein Millionenpublikum amüsieren ließe – mit Over There hat das in den USA ja auch nicht so richtig gut funktioniert, weshalb es nur eine Staffel mit dreizehn Teilen gibt.

Screenshot Over There: Mrs. B (Nicky Lynn Aycox) und Doublewide (Esmeralda Del Rio)

Screenshot Over There: Mrs. B (Nicky Lynn Aycox) und Doublewide (Esmeralda Del Rio)

Um ganz ehrlich zu sein, habe ich Over There nur deshalb im Amazon Marketplace bestellt, weil es gerade ein günstiges Angebot gab und ich wusste, dass in ein oder zwei Folgen Rami Malek mitspielt. Ich war halt neugierig – Rami Malek war wegen seiner ägyptischen Herkunft im Jahr 2005 noch voll auf die Rolle des Arabers festgelegt, was aber inzwischen dank Mr. Robot vorbei sein dürfte. Ich vermute, dass er mit seinem Auftritt in der von Fox produzierten Serie Over There den Fuß für seine Rolle in The War at Home in die Tür bekommen hat – eine Sitcom, die ebenfalls von Fox produziert wurde. In der Rami, seinem Rollen-Schema entsprechend – den überaus freundlichen Khaleel Nazeeh Al-Bahir, kurz Kenny, spielt, den arabischen Nachbarjungen und Freund der jüdisch-aschkenasisch-italinienisch geprägten Klischee-Familie Gold.

Over There ist vom künstlerischen Konzept her nicht ganz so ambitioniert wie Generation Kill, aber vom Plot her durchaus: Es werden mehrere komplexe Geschichten miteinander verwoben – zum einen wird erzählt, was die beteiligten Kämpfer in diesem Krieg erleben und erleiden und dann gibt es die Heimatfront, also das, was die betroffenen Familien zur gleichen Zeit zuhause durchmachen. Was natürlich auch wieder viel darüber verrät, warum die jeweiligen Menschen überhaupt auf die Idee gekommen sind, sich freiwillig zu verpflichten. Was bei einem Job, bei dem man routinemäßig draufgehen kann, durchaus Fragen aufwirft.

Screenshot Over There: Dim (Luke Macfarlane)

Screenshot Over There: Dim (Luke Macfarlane)

Man muss nun wirklich einen Vollknall haben, um bereit zu sein, für etwas zu kämpfen und am Ende auch zu sterben, das einem im Alltag schlecht behandelt – es sind ja in der Regel die Verlierer der US-Gesellschaft, die sich für die Armee melden, weil sie keinen anderen Job bekommen oder ihr Studium nicht finanzieren können oder auf diese Weise eine Gefängnisstrafe vermeiden wollen. Was gleichzeitig auch wieder die Erklärung ist, für das, was sie tun. Sie mögen sich zwar freiwillig gemeldet haben – viele haben es aber nur getan, weil weil sie keine andere Chance für sich gesehen haben. Ungefähr so freiwillig gibt man einem Räuber sein Portemonnaie, wenn der es mit gezückter Waffe verlangt. Okay, es gibt auch einige, die sich unter dem Eindruck von 9/11 tatsächlich freiwillig gemeldet haben, um etwas gegen diesen Terror zu tun.

Aber selbstverständlich geht es in einem Krieg, der von einem Staat, der ein nationales Interesse vertritt, angezettelt wird, NIEMALS um Freiheit, Menschenrechte oder was auch sonst immer an Schlagwörtern bemüht wird, um ein Massensterben zu rechtfertigen. Es geht immer darum, dass in der globalen Konkurrenz die eigene Position – also die des jeweiligen Staates, auf dessen Fahne man geschworen hat  – gestärkt wird. Und dabei kann es unter Umständen zu absurden Allianzen kommen. Wobei dann wiederum jene, die wirklich an etwas glauben, das mit Freiheit, Demokratie und Menschenrechten zu tun hat, erst recht unter die Räder kommen. Genau das wird in Over There reflektiert, was mir an dieser Serie gefällt.

Screenshot Over There: Smoke (Sticky Fingaz)

Screenshot Over There: Smoke (Sticky Fingaz)

Was ich überhaupt gut finde, ist genau das, was von der US-Kritik damals an Over There kritisiert wurde: Dass eben keine bestimmte Meinung über den behandelten Konflikt zum Ausdruck gebracht werden soll. Es handelt sich weder um Propaganda für oder gegen diesen Krieg. Es ist einfach nicht das Thema der Serie, ob die Operation Iraqi Freedom nun richtig oder falsch war, und so werden auch keine der üblichen blöden Rechtfertigungen bemüht. Es geht vor allem darum, was der Krieg mit den Menschen macht, die ihn kämpfen müssen. Was diese Serie aber nicht zu einer unpolitischen macht – im Gegenteil. Es wird einfach gezeigt, dass es für alle Beteiligten nicht schön ist – weder für die US-Soldaten im Irak, noch für ihre Familien zuhause und schon gar nicht für die Iraker.

Unter denen es natürlich auch verbissene Widerstandskämpfer gibt, denen jedes Mittel recht ist, um die Feinde zu bekämpfen – gleich im ersten Teil wird dem bekennenden Super-Soldaten der Truppe, Bo Rider,  durch eine improvisierte Sprengfalle ein Bein weggesprengt. Zwar sind große Teile der irakischen Bevölkerung den Amis durchaus freundlich gesonnen, aber das gilt nicht für alle Iraker. Und die irakischen Widerständler sind besonders schwer zu bekämpfen, weil sie definitiv bereit sind, für ihre Sache zu sterben. So geht es etwa eine ganze Folge lang darum, wie ein Geheimdienst-Offizier versucht, einen jungen Aufständischen zu knacken, der ums Verrecken nicht verraten will, wo die Stinger-Raketen versteckt sind, die die Iraker den Amis geklaut haben. Aber solange die nicht gefunden sind, wird kein US-Helikopter-Pilot dieses Gebiet überfliegen – eine extrem gefährliche Situation.

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek) und Colonel Ryan (Michael Cudlitz)

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek) und Colonel Ryan (Michael Cudlitz)

Eben dieser störrische Araber wird von Rami Malek dargestellt – und ich kann mich jetzt an der besonderen Ironie erfreuen, mit der die Figur des ebenfalls von Rami Malek verkörperten Corporal Merriel Shelton alias Snafu in The Pacific erklärt: „Dieser Genfer Scheiß interessiert mich nicht!“ als sein Vorgesetzter ihm befielt, die japanischen Kriegsgefangenen nicht willkürlich zu misshandeln. Denn Hassan beruft sich in seinem arabischen Amerikanisch ständig auf die Genfer Konventionen, womit er gleichzeitig verrät, dass er kein Zivilist sein kann.

Ist er ja auch nicht. Hassan ist ein Kämpfer für eine verlorene Sache – und es liegt nun an den Amis, ihm klarzumachen, an welcher Stelle er wirklich verloren hat. Was wiederum zeigt, wie gut die US-Geheimdienste auf eben jener Klaviatur spielen, die dem KGB oder der Stasi – also Geheimdiensten von sogenannten Unrechtsstaaten – zugeschrieben werden. Die Soldaten der Truppe diskutieren das durchaus – sie wissen, dass ihr Gefangener Hassan illegal durch diesen mysteriösen Colonel Ryan verhört und vermutlich auch gefoltert wird. Aber sie sind sich dann doch einig, dass das okay ist, wenn dadurch amerikanische Leben gerettet werden können. Sie werden dicht halten. Und natürlich geht die Sache nicht gut aus – was aus Hassan selbst wird, ist letztlich unklar, aber die Menschen, die er schützen wollte, werden im Abspann der dritten Folge Opfer einer gezielten Attacke, die man in der Perspektive eines US-Angreifers erlebt, der ein Fernlenkgeschoss in die Scheune lenkt, in der die Stingers versteckt wurden.

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek)

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek)

Es geht in Over There eben auch um diese vielen Kriegsopfer im Irak, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren – Großeltern mit ihren Enkeln, die vor den Kämpfen fliehen wollten und den Soldaten vors Gewehr gelaufen sind, Waisenkinder, deren Schachkoffer für eine Bombe gehalten wird – „Warum müssen eigentlich immer Menschen sterben, wenn ihr den Irakern helfen wollt?“ fragt die unerschrockene Französin, die das Waisenhaus betreibt, das von der Truppe evakuiert werden soll, weil die Army das Gebäude für andere Zwecke nutzen will. Das fragen sich die Protagonisten der Serie auch immer wieder: Was machen sie da eigentlich?!

Und deshalb habe ich dann, obwohl ich mir dachte, dass es ja völlig reichen wird, wenn ich mir die ersten zwei, drei Folgen ansehe, doch weiterglotzen müssen: Auch wenn Hassan nicht mehr dabei war, interessierte mich doch zu sehr, wie es mit Bo, Dim, Angel, Smoke, Mrs. B, Doublewide, Tariq, Sgt Scream und ihren Familien zuhause weiterging – außerdem mochte ich den fatalistischen Humor: „Du warst doch auf der Uni?“ wird Dim, der Intellektuelle der Truppe gefragt, der das bestätigt, er war auf der Cornell University, die zur Ivy League gehört. „Und warum bist du dann hier?“ „Weil ich ein Idiot bin!“ Wenig später kommt die Frage, ob Dim verheiratet sei. „Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich ein Idiot bin!“

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson) hat ein Bein verloren

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson) hat ein Bein verloren

Over There ist alles in allem eine ziemlich gute Serie, in der es, wie man beim Thema Irakkrieg erwarten kann, natürlich eine Menge sehr brutaler Szenen gibt – Krieg ist nun einmal Gewalt, Tod und Zerstörung. Was durchaus erklärt, warum so viele Menschen aus Syrien fliehen.

Zero Days – Willkommen in der Ära des Cyberwar

Das mit mir und der Berlinale wird doch noch was – nachdem ich gestern Abend in der Premiere von Den allwarsamma leken erlebt habe – dazu muss ich gelegentlich auch noch etwas schreiben – war ich eben gerade in der Weltpremiere von Zero Days, einem Dokumentarfilm über Stuxnet und was dieses spezielle Programm für die Ära des Cyberkriegs bedeutet. Ein sehr interessanter, aber keineswegs schöner Film, auch wenn es durchaus einige Stellen gibt, die unfreiwillig komisch sind. Nichts ist mehr sicher, und das ist absolut wörtlich zu nehmen: Nichts, was das moderne Leben ausmacht, kann ernsthaft vor Angriffen mit Cyberwaffen geschützt werden, und solche Angriffe können verheerend sein.

Screenshot von Zero Days Bild: Berlinale.de

Screenshot aus Zero Days Bild: Berlinale.de

Auch die scheinbar smarte Idee Idee der Regierungen der USA und Israels, das iranische Atomprogramm zu behindern, in dem die Zentrifugen in einer Anreicherungsanlage im Iran mit einem sehr intelligent konstruierten Virus bzw. Computerwurm zerstört werden, hat eben dieses Atomprogramm am Ende viel schneller vorangebracht, als die Iraner es ursprünglich vor hatten – und sämtlichen Interessenten auf der ganzen Welt eine extrem mächtige Waffe in die Hand gegeben, die sie nun natürlich auch gegen die USA oder Israel einsetzen können. Denn seit Stuxnet entdeckt und analysiert wurde, ist es natürlich möglich, diesen Schädling in allen möglichen anderen Varianten einzusetzen.

Alex Gibney (mit Mikro) und sein Team bei der Premiere von Zero Days im Berlinale Palast

Alex Gibney (mit Mikro) und sein Team bei der Premiere von Zero Days im Berlinale Palast

Und natürlich will es keiner gewesen sein, der die Büchse der Pandora geöffnet hat – weder die USA, noch Israel haben bisher offiziell zugegeben, dass sie irgendwas mit Stuxnet zu tun hätten. Und auch sonst will keiner darüber reden – sehr viele Wortbeiträge in dem Film lauten entsprechend „Das weiß ich nicht – und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen“.

Gut, dass Alex Gibney sich davon nicht hat entmutigen lassen und diesen Film erst recht gemacht hat. Denn es geht neben der an sich schon spannenden Geschichte von Stuxnet und seiner Entdeckung auch um die prinzipielle Gefahr entfesselter Technologie, die am Ende eine ganz andere Dynamik entwickelt, als erwartet wurde und um politische Interessen, die sich jeglicher Kontrolle entziehen – was erst einmal in der Welt ist, lässt sich nicht mehr einfangen, sondern nur sehr mühsam und mit einer gemeinsamen Anstrengung verschiedenster Interessengruppen regulieren. Und solange nicht einmal über Cyberwaffen geredet wird, sind sie ohnehin unkontrollierbar.

Zero Days räumt mit der Idee auf, dass man mit Software auf intelligente Weise Kriege gewinnen kann, ohne massenhaft Menschen zu schädigen. Eine Malware ist zwar keine Atombombe – aber es wird durchaus eine Parallele gezogen zwischen dem August 1945 und dem Juni 2010. Plötzlich ist eine neue Waffe in der Welt, die alles verändert – und man kann einfach nicht mehr zurück. Und wie die Iraner schon bewiesen haben, sind sie mit ihren Cyberwaffen längst weiter als mit ihrem Atomprogramm.

 

Chang Jiang Tu – ein gewaltiger Bilderfluss

Es ist noch gar nicht lange her, als ich schrieb, dass ich die Zeiten vermisse, in denen man aus dem Kino kam und von dem eben gesehenen Film einfach überwältigt war. Also eben nicht einfach Spaß hatte, wie das heute oft der Fall ist, wenn man einen der vielen nach bewährten Hollywoodrezepten konstruierten Superheldenfilme oder Thriller gesehen hat, sondern einfach beeindruckt ist, weil man etwas Besonderes gesehen hat.

Aber es ist tatsächlich endlich mal wieder passiert: Ich habe gestern im Zoo Palast Chang Jiang Tu gesehen, den chinesischen Wettbewerbsbeitrag von Yang Chao. Chang Jiang Tu ist ein Film über die Reise eines Mannes, der den Jangtsekiang hinauffährt, von der Mündung bei Shanghai bis zur Quelle imHochland von Tibet – ein Fluss aus schönen Bildern, sehr melancholisch und stimmungsvoll, aber nicht kitschig. Okay, ich weiß, dass ich ähnliche Worte benutzt habe, um In the Mood for Love zu beschreiben, und auch wenn dieser Film ganz anders ist, geht es letztlich auch um die Geschichte einer Liebe, die niemals Erfüllung finden wird. Aber wir sind nicht im stylischen Hongkong der 60er Jahre, sondern in einer chinesischen Gegenwart, deren offensichtliche Hässlichkeit in seltsam schönen Bildern eingefangen wird.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Der junge Kapitän eines alten Frachters hat vor kurzem seinen Vater verloren und wie die Tradition es verlangt, hat er einen schwarzen Fisch gefangen, der nun in einem Gefäß an Bord schwimmt. Erst wenn der Fisch stirbt, wird der Geist des Vaters Ruhe finden. Aber der Fisch ist zäh, er stirbt und stirbt nicht. Doch das ist nicht der einzige Geist, der Gao Chun immer wieder heimsucht – da ist noch diese geheimnisvolle An Lu, der er auf seinem Weg immer wieder begegnen wird. Gao begehrt die schöne junge Frau, aber sie will sich nicht binden. Aber sie lässt ihm auch keine Ruhe.

Außerdem hat Gao in einer Kiste ein altes Tagebuch mit Gedichten gefunden – vermutlich hat es ein Schiffjunge geschrieben, denn unter jedem Gedicht steht der Name einer Stadt, die sich am Lauf des Jangtse befindet. Gao findet sich in diesen Gedichten irgendwie wieder – sie sind düster und zweifelnd, es geht um die ewigen Fragen, auf die jeder selbst eine Antwort finden muss. Als Gao den Auftrag bekommt, eine geheimnisvoll Fracht den Fluss hinauf nach Yibin zu bringen, macht er sich mit seinem alten Onkel und dem Schilfjungen auf den Weg.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201614160#tab=video25

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Auf dem Weg den Fluss hinauf gibt es atemberaubende Landschaften, lieblos in die Gegend betonierte Großstädte, verfallende Dörfer, die von ihren Bewohnern nach verheerenden Überschwemmungen aufgegeben wurden und eine Menge Geheimnisse, die Gao zu ergründen sucht – aber je näher er an sein Ziel kommt, desto klarer wird ihm, dass der Weg das Ziel ist: Er wird kein Happyend für ihn und An Lu geben und seine Fracht ist ihm auf dem Weg auch abhanden gekommen.

Ich kann mir vorstellen, dass es eine Menge Menschen gibt, die finden werden, dass das alles in allem ziemlich wenig Handlung für zwei Stunden Film ist – aber genau das ist es, was mir daran gefällt: Der Film tuckert mit dem gemächlichen Tempo des alten Schiffsdiesels voran und verweilt gelegentlich, wenn Gao an Land geht – und gerade deshalb gibt es so viel zu sehen: Diese großartigen Bilder! Ob das nun die unwirklich scheinenden Kegelberge am Ufer sind, auf denen an den unwahrscheinlichsten Stellen anmutige Pavillons stehen, die gewaltige Mauer des Dreischluchten-Staudamms, das mächtige Tor der gigantischen Schleuse oder schlicht die Rostflecken auf Gaos altem Kahn, dieser Film ist ein fließender Bildband aus sorgfältig komponierten Fotos, eins schöner als das andere.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Da haben mich auch die eigenartigen Gedichte des depressiven Schiffsjungen nicht weiter gestört – mit chinesischer Dichtkunst kenne ich mich nicht aus, ich vermute aber, dass sie gar nicht mal so gut sind. Es spielt aber eigentlich keine Rolle, das Interessanteste daran sind ja ohnehin die Namen der versunkenen Städte, in denen Gao versucht, seinen eigenen Geistern auf die Spur und mit sich selbst ins Reine zu kommen. Mein Fazit: Einer der beeindruckendsten Filme, die ich in der letzten Zeit gesehen habe – auch wenn dieser Film garantiert kein Kinohit wird. Mit Chang Jiang Tu ist es wie mit authentischen chinesischen Leckerbissen: Eine Offenbarung für Liebhaber, aber definitiv nichts für den Massengeschmack.

Berlinale – eine Zwischenbilanz

Nachdem es mir leider nicht gelungen war, Karten für die Deutschland-Premieren von Hail Caesar und von War on Everyone zu bekommen, beschloss ich, dass es ohnehin sehr viel interessanter sei, mir auf der Berlinale Filme anzusehen, die nicht in absehbarer Zeit sowieso bei uns im Kino laufen. Also kaufte ich einfach Karten von Filmen, die verfügbar waren und in meinen Zeitplan passten.

Alles in allem bin ich mit dieser Entscheidung sehr zufrieden, obwohl ich noch immer nicht so richtig weiß, was das Berlinale-Kuratorium an diesen Japan-Punk-Filmen aus den 80ern findet. Also Japan, Punk und 80er ist eigentlich eine Kombination, die mich total begeistern könnte – aber die Filme dazu fand ich verstörend schlecht.

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Egal, inzwischen habe ich auch gute Filme gesehen, unter anderem den witzigen Low-Budget-Film Elixier aus Russland und den israelisch-französischen Dokumentarfilm Bein gderot (Zwischen Zäunen) über das Internierungslager Holot. In Holot, dicht an der ägyptischen Grenze gelegen, bringt der israelische Staat jene Flüchtlinge aus dem Sudan oder Eritrea unter, die nicht in ihre Heimatländer abgeschoben werden können, aber auch keine Chance haben, jemals in die israelische Gesellschaft integriert zu werden – obwohl fast alle schon jahrelang in Israel leben und fließend Hebräisch sprechen. Sie sind halt keine Juden. Zwar habe der junge israelische Staat maßgeblich an der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 mitgewirkt, in der festgeschrieben wird, wie Flüchtlinge in der ganzen Welt zu behandeln seien, erklärte der Filmemacher Avi Mograbi seine Motivation, nur habe man damals eine ganz andere Zielgruppe im Sinn gehabt – und die Menschen in Holot hätten vor allem das Problem, das sie eben nicht als Flüchtlinge anerkannt würden und damit praktisch rechtlos sind. Mit diesen Menschen startete Avi Moorabi mit einigen Mitstreitern ein Theaterprojekt, mit dem sie ihre Erfahrungen verarbeiten und anderen etwas über ihr Leben mitteilen können.

Der für mich bisher interessanteste Film der Berlinale ist aber Havarie – ein Film von Philip Scheffner, der ein dreieinhalbminütiges Video, das ein Tourist auf einem Kreuzfahrtschiff im September 2012 auf dem Mittelmehr aufgenommen und auf YouTube hochgeladen hat, als Ausgangsmaterial nutzt. Havarie ist erst einmal schwer zu ertragen: Der Videoclip wurde in seine Einzelbilder zerlegt, die im Sekundentakt zu sehen sind, was dieses zufällig aufgenommene Amateurvideo auf Spielfilmlänge dehnt. Man fragt sich, was das soll, denn nach einigen Minuten realisiert der Zuschauer, dass es jetzt die ganze Zeit genau so weiter gehen wird.

Bein gderot (Zwischen Zäunen) von Avi Mograbi Bild: Berlinale.de

Bein gderot (Zwischen Zäunen) von Avi Mograbi Bild: Berlinale.de

 

Die Zuschauer können sich dann ärgern, sich fragen, ob sie jetzt empört sein sollen, oder ratlos, sich darüber aufregen, dass sie sich jetzt offenbar betroffen fühlen sollen – oder sich einfach darauf einlassen. Plötzlich fühlte ich mich wie in einem Konzert von Morton Feldman: Über Stunden gedehnte, minimale Variationen – aber diese scheinbare Einfachheit ist wahnsinnig komplex. Das ist nicht meditativ, wie immer wieder behauptet wird, sondern unglaublich anregend, weil man dazu animiert wird, auf subtile Zwischentöne zu achten. Das schläfert nicht ein, es schärft die Sinne.

Genau das passiert in Havarie: Formal sieht der Betrachter ein Objekt, das sich bei genauerem Hinsehen als Boot herausstellt, auf dem sich Menschen befinden. Es treibt auf einem blauen Meer, unter einem blauen Himmel – eigentlich ein total friedliches Bild. Aber mit all dem, was wir in unserem Köpfen haben, wissen wir gleich: Flüchtlingskatastrophe, Mittelmeer.

Und der Soundtrack bestätigt das: Wir hören den Funkverkehr, der auf dem Mittelmeer zu eben jener Zeit stattgefunden hat – hier ergibt sich ein weiterer Aspekt, warum der Film eineinhalb Stunden dauert, denn von der Meldung der Crew des Kreuzfahrtschiffs Adventure of the Seas, dass ein Boot in Seenot gesichtet wurde, bis zum Eintreffen eines Rettungshubschraubers der spanischen Küstenwache vergehen 90 Minuten. Auch Telefonate von Menschen, die sich in der Nähe dieses Bootes oder gar auf dem Boot selbst befunden haben, sind zu hören, unter anderem auch Telefonate von russischen Mitgliedern der Besatzung eines Containerschiffs, das zufällig in der Gegend war.

Havarie von Philip Scheffner Bild: havarie.pong-berlin.de

Havarie von Philip Scheffner Bild: havarie.pong-berlin.de

Das Schöne an den Berlinale-Vorführungen ist, dass meistens die Menschen anwesend sind, die den jeweiligen Film gemacht haben – bei der Vorführung von Havarie war das nicht nur der Regisseur Philip Scheffner, sondern auch Terry Diamond, eben jener Tourist aus Belfast, der sein Video auf YouTube eingestellt hatte. Auch einer der Protagonisten aus Algerien, Abdallah Benhamou, war im Kino und seine Freundin Rhim, die ebenfalls als Stimme in Havarie zu hören ist.

Eigentlich sollte Havarie ein ganz anderer Film werden erklärte Philip Scheffner, die Crew hat unglaubliche Anstrengungen unternommen, um Menschen ausfindig zu machen, die auf eben jenem zufällig gefilmten Boot waren. Sie hat Interviews geführt, Tondokumente gesammelt und so weiter und so fort – doch dann wurde die Flüchtlingskrise in den Medien dermaßen präsent, dass Scheffner und Merle Kröger sich sagten, dass sie keinen Film machen wollten, der auch wieder nur so aussehen würde wie ein Flüchtlingsvideo aus der Tagesschau. Und sie trafen eine sehr mutige Entscheidung: Sie würden nur das Bildmaterial des Videos von Terry Diamond verwenden sowie das Tonmaterial des Funkverkehrs und der Interviews, die sie unter anderem mit Rhim und Abdallah geführt haben.

Herausgekommen ist nun ein Film, der definitiv nicht wie ein Tagesschaubeitrag aussieht, sondern etwas ganz eigenes ist. Das wird zwar weder die Lage der Menschen in Nordafrika, noch die Politik in Europa verändern, aber vielleicht die Sehgewohnheiten der jeweiligen Zuschauer. Irgendwo muss man ja anfangen.

The Big Short: So geht Kapitalismus

Kurzfassung: The Big Short ist ein sehr unterhaltsamer Lehrfilm über die Finanzkrise.

Langfassung: In den Nullerjahren des neuen Jahrtausends werden an der Wall Street immer verrücktere Börsengeschäfte getätigt – die Wirtschaft boomt und alle gehen davon aus, dass es immer so weiter gehen wird – und zwar nicht nur die Börsenmakler, die sich über immer fettere Boni freuen.

Alle machen mit: Selbst Arbeitslose bekommen Hypotheken auf viel zu große Häuser, die im Wert immer weiter steigen sollen – so dass sich die Hypothek quasi von selbst bezahlt, wenn sie später das Haus verkaufen. Natürlich ist das Unsinn, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, aber so genau darüber nachdenken will halt niemand – dann wäre der Spaß ja vorbei. Und Geld verdienen ist der größte Spaß überhaupt. Deshalb drehen intellektuell eher mittelmäßig begabte, dafür aber gewissenlose Anlageberater ihren Kunden Verträge an, die angeblich Superrenditen bei minimalem Risiko bieten und ihnen selbst üppige Provisionen. Und erstmal zahlen alle, „denn wer ist schon so verrückt, seine Hypothek nicht zu bezahlen?“ fragt ein Banker rhetorisch. Aber unterschwellig ist die Krise schon da, im Jahr 2005, auch wenn niemand sie sehen will. Immer mehr Menschen verlieren ihre Jobs und können eben nicht mehr zahlen. Aber solange die Ausfallrate nicht über vier Prozent steigt – und das wird sie nicht, NIEMALS, da sind alle Finanzexperten ganz sicher – kann nichts passieren. Es gibt kein besseres Investment als den US-Immobilienmarkt. Todsicher.

Dr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.comDr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.com

Dr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.com

Es gibt allerdings dennoch einige Spaßbremsen, denen dieser Boom unheimlich ist, etwa den Hegefondsmanager Dr. Michael Burry (Christina Bale). Er ist zwar eigentlich Mediziner, hat aber irgendwann beschlossen, richtig Geld verdienen zu wollen und er ist wahnsinnig gut mit Zahlen. Burry beauftragt einen neuen Mitarbeiter damit, einmal nachzuschauen, was wirklich in den Finanzprodukten drin ist, die als grundsolide verkauft werden und trotzdem Wahnsinnsrenditen versprechen. Und siehe da: In den Paketen, die die Banken aus zig Immobilienkrediten zusammenschnüren und mit Topratings verkaufen, entdeckt Burry jede Menge faule Kredite: Die Tripple-A-Ratings decken die ganzen B-Ratings zu.

Längst hat sich eine riesige Blase im Immobilienmarkt gebildet, die in absehbarerer Zeit platzen wird. Burry beschließt, das ihm anvertraute Geld zu retten, in dem er gegen den Markt wettet – er setzt also darauf, dass die Immobilienpapiere ihren Wert verlieren. Er shortet sie, in dem er Goldman Sachs und die Deutsche Bank dazu bringt, ihm ein neues Finanzprodukt zu basteln, das genau eine solche Wette ermöglicht: Credit Default Swaps (CDS), also Kreditausfall-Versicherungen. Wer diese Papiere kauft, bezahlt eine Gebühr und wenn der zugrundeliegende Kredit platzt, macht der CDS-Besitzer einen hohen Gewinn. Die Banker lachen sich kaputt über Dr. Burrys komische Idee und kaufen massenhaft CDS – denn der Immobilienmarkt ist todsicher. Aber wenn der Irre da Geld verschenken will – dann tun sie ihm den Gefallen.

Allerdings lässt die erwartete Krise länger auf sich warten als Burry vermutet hatte – ihm drohen seine Kunden wegzulaufen, die seine Idee ebenfalls nicht kapiert haben und nun um ihr Geld fürchten. Doch Burry bleibt standhaft, auch wenn er nicht fassen kann, dass tatsächlich alle unter einer Decke stecken – denn obwohl die Immobilienpreise wie erwartet tatsächlich zu sinken beginnen, schlägt das entgegen Burrys Erwartungen längere Zeit nicht auf den Finanzmarkt durch. Was nur durch Absprachen sämtlicher Institute inklusive der Ratingagenturen und der Finanzaufsichtsbehörden möglich sein kann.

Mark Baum (Steve Carrell) und Jared Vennett (Ryan Gosling) Bild: thebigshortmovie.com

Mark Baum (Steve Carrell) und Jared Vennett (Ryan Gosling) Bild: thebigshortmovie.com

Die gleiche Entdeckung macht auch der cholerisch veranlagte Mark Baum (Steve Carell), der ebenfalls einen Hedgefonds managt. Baum ist ein Rüpel, der niemanden zu Wort kommen lässt, jeden anbrüllt und auch sonst ein Arschloch – und dennoch über einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn verfügt. Ihn empört einfach, wie der Markt funktioniert. Was ihn aber nicht daran hindert, genau diese Funktionsweise für sich und seine Kunden auszunutzen. Er weiß, was er tut und er hasst es, aber er tut es trotzdem: Er füttert das Monster, bis es explodiert.

Auf die Spur gebracht wurde Baum von Jared Vennett (Ryan Gosling), einem Trader, der für die Deutsche Bank in New York arbeitet. Vennett handelt mit CDOs, genau den Papieren, in denen die ausfallgefährdeten Immobilienkredite versteckt werden: „Wir nehmen Hundescheiße und packen sie in Katzenscheiße.“ Vennett ist an der Entwicklung eben jener CDS beteiligt, mit denen der Markt, von dem sein Arbeitgeber lebt, geshortet wird – und weil Vennett gegen sein eigenes Haus wettet, sicherte er der Deutschen Bank das Überleben.

Und dann gibt es noch die beiden jungen Investoren Charlie Geller (John Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock), die gerne bei den großen Jungs mitspielen möchten, aber keinen Platz an deren Tisch bekommen. Als sie versuchen, an einen ISDA zu kommen, den sie brauchen, um die Trades abschließen zu können, mit denen endlich das ganz große Geld winkt, werden sie ausgelacht: Eine Milliarde müssten sie dafür schon mitbringen, nicht ihre lächerlichen 30 Millionen. Dafür fällt ihnen im Warteraum eine Kopie von Vennetts Präsentation in die Hände: Genau das ist die Chance, auf die sie gewartet haben.

Sie nehmen Kontakt mit ihrem Nachbarn aus ihrem Kaff in Colorado auf, dem ehemaligen Investmentbanker Ben Rickert (Brad Pitt), der inzwischen zu einem paranoiden Ökofreak mutiert ist. Sie schaffen es aber, Ben dazu zu bringen, ein paar alte Bekannte anzurufen und die Jungs in die richtigen Kreise zu bringen – auch wenn er eigentlich scheiße findet, was die beiden vorhaben, kokettiert mit er der Vorstellung eines Weltuntergangs: „Die nächste Währung werden Samen sein. Und zwar nicht dieser aufgepumpte Hybridscheiß von Monsanto. Sondern richtige Samen.“ Auf seiner Farm hat er genug davon, Ben ist für alle Fälle vorbereitet.

Ben Sickert (Brad Pitt) Bild: thebigshortmovie.com

Ben Sickert (Brad Pitt) Bild: thebigshortmovie.com

Aber so gut die Verdrängungsmechanismen auch funktionieren – im Jahr 2007 steigen die Zinsen für Interbankfinanzkredite sprunghaft an, was zu Verlusten und Insolvenzen innerhalb der Branche führt und eine Art Kettenreaktion auslöst: Der Kollaps nicht mehr aufzuhalten. Im September 2008 bricht die Großbank Lehman Brothers zusammen, große Finanzunternehmen wie Fannie Mae, Freddie Mac, UBS oder die Commerzbank werden durch gigantische staatliche Zuschüsse gerettet. Ganze Staaten gehen Pleite, siehe Griechenland, die Staatsverschuldung wächst überall in astronomische Höhen, Millionen Menschen verlieren ihre Jobs und ihre Häuser – und die Sache ist bis heute ja keineswegs vorbei.

„Wisst ihr, dass jedes Prozent höhere Arbeitslosigkeit in den USA 40.000 Tote mehr bedeutet?“ fragt Ben Charlie und Jamie, als sie Freudentänze aufführen, weil nun ein Geldregen über sie niedergeht. Natürlich bleibt ihnen das Lachen erstmal im Hals stecken: „Aber warum hast du uns dann geholfen?“ „Ihr wolltet doch reich werden!“ antwortet Ben und wendet sich ab.

Nein, so richtig lustig ist The Big Short am Ende dann doch nicht, auch wenn es eine Menge witziger Szenen gibt und nebenbei noch eine Menge Fachbegriffe aus der Finanzwelt anschaulich erklärt werden. Die Idee, aus diesem eigentlich hoch spannenden, aber formal überaus öden Stoff eine Komödie zu machen, hat Adam McKay brillant umgesetzt – ich hoffe, dass dieser Film alle Preis bekommt, für die er nominiert wurde. Verdient hat er sie auf jeden Fall. Auch wenn die Witze zum Ende hin immer gemeiner werden und man zwar weiterhin lachen muss, aber es eigentlich längst nicht mehr will: Natürlich werden diejenigen, die diese forcierte Runde der Massenverarmung ausgelöst haben, nicht zu Verantwortung gezogen, natürlich werden wieder die Reichen gerettet und nicht die Armen und am Ende schiebt man denen, die am wenigsten dafür können, die Verantwortung dafür zu, dass es fast allen schlechter geht: Gebt die Schuld den Flüchtlingen, den Immigranten und den Armen.

Sorry, das war kein Witz. Trotzdem: Meiner Ansicht nach sollte The Big Short ein Pflichtfilm für den Wirtschaftskundeunterricht werden. Ach was, dieser Film sollte die ganze Wirtschaftskunde komplett ersetzen. Genau so geht Kapitalismus. Alles andere ist die Wirklichkeit unerträglich verharmlosende Propaganda.