Romanze wird Albtraum: London Spy

Vielleicht liegt es nur an meiner Wahrnehmung – aber Spionage-Serien aus Großbritannien fristen hierzulande derzeit nur ein Schattendasein, denn gemessen an dem Wirbel der etwa um die neue Staffel der US-Serie Homeland gemacht wurde, gibt es derzeit eigentlich keine. Wobei das durchaus  sachgerecht ist, denn Spione sind natürlich dann am besten, wenn man sie nicht wahrnimmt. Andererseits ist das ziemlich schade, denn die Briten sind nun einmal Meister in Sachen Spionage. Was nicht nur die Existenz eines überaus kompetenten Überwachungsdienstes wie dem GCHQ beweist.

Mir fallen spontan jede Menge einschlägiger britischer Serien ein – von Klassikern wie Mit Schirm, Charme und Melone über The Prisoner, Dame König As, Spion bis hin zu The Secret State und ja, selbst in The Hour gibt es dieses Katz-und-Maus-Spiel zwischen der BBC und den Schnüfflern im Auftrag ihrer Majestät. Aber es gibt eine ganze Reihe aktueller Serien aus diesem Genre, die meiner Ansicht nach mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, etwa The Game oder London Spy.

Aufgrund meiner persönlichen Präferenzen fange ich mit London Spy an – der von mir sehr geschätzte Ben Whishaw spielt hier die Rolle des Daniel Edward Holt und auch bewährte Größen wie Jim Broadbent  und Charlotte Rampling sind mit von der Partie. Das Drehbuch stammt von Tom Rob Smith – wobei ich kein ausgesprochener Fan von Tom Rob Smith bin. Ich habe Kind 44, Kolyma und Agent 6 zwar gelesen, weil ich die drei Romane interessant genug fand, um sie auch bis zum Ende durchzuhalten – inzwischen fühle ich mich längst nicht mehr verpflichtet, schlechte Bücher zuende zu lesen, denn so viel Zeit habe ich einfach nicht. Aber so richtig gut fand ich sie eben auch nicht. Wobei Kind 44 noch am besten war – leider ist ja die Verfilmung davon auch nicht so richtig gut geworden, wenn auch nicht so schlecht, wie sie von der Kritik gemacht wurde.

Mit London Spy habe ich genau das gleiche Problem: Die Idee ist wirklich interessant, die Charaktere haben Potenzial, der Plot ist spannend – aber die Motivation der jeweiligen Figuren kapiere ich einfach nicht. Das ist halt der Unterschied zwischen richtig guten Autoren, die Charaktere mit wenigen treffenden Beschreibungen für uns da draußen nachvollziehbar machen können –  wie Peter Høeg (Fräulein Smillas Gespür für Schnee), Jean-Claude Izzo (Die Marseille-Trilogie) oder, was Drehbuch angeht, Sam Esmail (Mr. Robot) und denen, die zwar eine echt gute Idee haben, aber sie leider nicht angemessen umsetzen können.

London Spy - Danny (Ben Whishaw) and Alex (Edward Holcroft) Bild: telegraph.co.uk

London Spy – Danny (Ben Whishaw) and Alex (Edward Holcroft) Bild: telegraph.co.uk

Tom Rob Smith bleibt immer holzschnittartig – wobei er sich eine Menge traut und auch viel recherchiert, weshalb ich dann doch wieder dabei bleibe, auch wenn mir das alles letztlich zu wenig subtil ist: Es wird sehr dick aufgetragen, aber am Ende gibt es keine einleuchtende Erklärung für das Warum. Dabei bin ich durchaus bereit, auch absurde Erklärungen zu akzeptieren, wenn sie denn originell sind. Aber am Ende fehlt eben genau das: Die Geschichte nimmt zwar die immer schlimmstmögliche Wendung – was aber nur okay geht, wenn man denn wüsste, warum. Aber genau das wird nicht geliefert. Es ist eben so, weil der Autor mir beweisen will, dass er knallhart ist und es einfach drauf hat.

Aber lieber wäre mir, wenn er mir beweisen würde, dass seine Charaktere es drauf haben. Aber genau das ist eben nicht der Fall – und das macht mich so unzufrieden. Letztlich werden Motivationen immer durch äußere Umstände erklärt, denen die jeweiligen Figuren ausgesetzt sind, aber nicht durch eine Sicht auf die Innenwelt der Charaktere – London Spy leidet an derselben Schwäche wie die Leo-Demidow-Trilogie: Wir erfahren ausführlich, was die jeweiligen Protagonisten tun, und das sind durchaus extreme Dinge – aber nicht, was sie dabei fühlen und denken, also warum sie das alles tun. Und genau das wäre der wirklich spannende Teil.

Obwohl London Spy trotzdem gar nicht schlecht ist, weshalb ich ja an dieser Stelle dafür Werbung mache. Denn auch eine etwas unausgegorene Spionage-Geschichte von BBC Two ist immer noch besser als das meiste, was hierzulande produziert wird. Und wie für britische Gruselgeschichten typisch gibt es menschliche Abgründe, dunkle Geheimnisse und depressive Stimmung – und das muss nicht immer logisch sein. Es funktioniert über eine gewisse Atmosphäre: Nachts im Nebel an der Themse. Oder morgens im ausklingenden Rausch nach einer durchgetanzten Nacht.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich einfach ein Fan von London bin. Ich kenne mich da nicht wirklich aus, aber ich war einige Male für ein paar Tage dort und ich habe mich dort immer wohl gefühlt – trotz der Abzockerpreise und des verstörenden Nebeneinanders von Arm und Reich, von Luxus und Schäbigkeit. Oder vielleicht gerade deswegen.

Danny, wie Daniel Edward Holt von seinen Freunden und Mitbewohnern genannt wird, vertritt das Underdog-Segment: Er ist einer der vielen jungen Londoner, die sich irgendwie durchschlagen, er fristet seinen Lebensunterhalt, in dem er Pakete im Lager einer Logistik-Firma hin-und-her schiebt und wohnt in einer heruntergekommenen WG. Danny ist schwul, was heutzutage eigentlich kein Problem ist, und er ist romantisch und sentimental, was sich noch als Problem erweisen wird.

Eines Tages kommt er angeschlagen aus einem Nachtclub, offenbar hat er irgendwas eingeworfen und die Nacht durchgetanzt. Als er versucht, mit seinem Handy zu telefonieren, fällt es ihm herunter – genau in dem Moment als Alex vorbeikommt, der sein morgendliches Lauftraining absolviert. Boy meets Boy – es kommt, wie es kommen muss. Alex, der wie wir noch erfahren werden, eigentlich Alistair Turner heißt, fragt Danny besorgt, ob er denn okay sei und natürlich ist genau diese zufällige (?) Begegnung der Ausgangspunkt für den Rest der Geschichte.

Alistair alias Alex ist nämlich ebenfalls schwul – und ein Genie, das für einen britischen Geheimdienst arbeitet. Zwei Welten treffen sich – aber eben auch zwei Liebende. Alex hat bereits mit 15 angefangen Mathematik zu studieren, er wohnt in einer piekfeinen, großzügigen und superordentlichen Wohnung, die ohne Zweifel atemberaubend teuer ist. Dennoch findet er Gefallen am chaotischen Danny, der ganz offensichtlich aus einer anderen Welt kommt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Romanze, die einige Monate andauert – der erste Teil des Fünfteilers handelt hauptsächlich von der Liebesgeschichte zwischen Danny und Alex, was mir sehr gut gefällt. Denn sie ist wirklich wichtig, sonst würde der Rest der Serie wenig Sinn ergeben.

Denn Alex verschwindet plötzlich – und Dannys Leben verwandelt sich in einen Albtraum. Jetzt herrscht natürlich Spoiler-Alarm und weil meine Kinder immer mit mir schimpfen, dass ich ständig zu sehr spoilere, versuche ich, mich ausnahmsweise mal zu beherrschen. Natürlich ist das Ganze nicht mehr so richtig spannend, wenn man weiß, worauf es am Ende hinausläuft.

London Spy ist alles in allem natürlich eine ganz schlimme Geschichte – wenigstens das kann ich schon sagen. Wenn man den zweiten Teil angesehen hat, ist das auch nicht wirklich überraschend. Überraschend ist eher, dass Danny, der erstaunlicherweise über seinen väterlichen Freund Scottie (Jim Broadbent) doch in hochgestellte und überaus klandestine Kreise vordringen kann, am Ende frustrierend wenig mit seinem überbordenden Engagement ausrichten kann. Er versucht wirklich alles, aber die Übermacht, gegen die er ankämpft, ist einfach zu mächtig: Du kannst nichts tun, wenn alle gegen dich sind. Kein Schwein interessiert sich für die Wahrheit. Außer Danny. Der aber denkbar schlechte Voraussetzungen hat, sie herauszufinden und noch weniger, sie zu kommunizieren: Danny ist nämlich kein Genie. Auch wenn er nicht auf den Kopf gefallen ist und sich wirklich große Mühe gibt. Gerade weil er so hartnäckig und naiv ist, kann er sogar ein paar Punkte gegen diese übermächtigen Feinde machen – aber das Spiel gewinnen kann er nicht.

Insofern ist London Spy durchaus eine sehr wahrhaftige und zeitgemäße Serie, selbst wenn ich einige Plottwists durchaus fragwürdig finde. Am Ende bleiben eine Menge Fragezeichen. Verdammt, jetzt habe ich doch wieder gespoilert. Aber das ist es eben, was ich dann letztlich überzeugend fand: Wer immer verhindern wollte, dass das, was Alex heraus gefunden hat, in die Welt kommt – er oder sie sind wahnsinnig gut.

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