The Big Short: So geht Kapitalismus

Kurzfassung: The Big Short ist ein sehr unterhaltsamer Lehrfilm über die Finanzkrise.

Langfassung: In den Nullerjahren des neuen Jahrtausends werden an der Wall Street immer verrücktere Börsengeschäfte getätigt – die Wirtschaft boomt und alle gehen davon aus, dass es immer so weiter gehen wird – und zwar nicht nur die Börsenmakler, die sich über immer fettere Boni freuen.

Alle machen mit: Selbst Arbeitslose bekommen Hypotheken auf viel zu große Häuser, die im Wert immer weiter steigen sollen – so dass sich die Hypothek quasi von selbst bezahlt, wenn sie später das Haus verkaufen. Natürlich ist das Unsinn, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, aber so genau darüber nachdenken will halt niemand – dann wäre der Spaß ja vorbei. Und Geld verdienen ist der größte Spaß überhaupt. Deshalb drehen intellektuell eher mittelmäßig begabte, dafür aber gewissenlose Anlageberater ihren Kunden Verträge an, die angeblich Superrenditen bei minimalem Risiko bieten und ihnen selbst üppige Provisionen. Und erstmal zahlen alle, „denn wer ist schon so verrückt, seine Hypothek nicht zu bezahlen?“ fragt ein Banker rhetorisch. Aber unterschwellig ist die Krise schon da, im Jahr 2005, auch wenn niemand sie sehen will. Immer mehr Menschen verlieren ihre Jobs und können eben nicht mehr zahlen. Aber solange die Ausfallrate nicht über vier Prozent steigt – und das wird sie nicht, NIEMALS, da sind alle Finanzexperten ganz sicher – kann nichts passieren. Es gibt kein besseres Investment als den US-Immobilienmarkt. Todsicher.

Dr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.comDr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.com

Dr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.com

Es gibt allerdings dennoch einige Spaßbremsen, denen dieser Boom unheimlich ist, etwa den Hegefondsmanager Dr. Michael Burry (Christina Bale). Er ist zwar eigentlich Mediziner, hat aber irgendwann beschlossen, richtig Geld verdienen zu wollen und er ist wahnsinnig gut mit Zahlen. Burry beauftragt einen neuen Mitarbeiter damit, einmal nachzuschauen, was wirklich in den Finanzprodukten drin ist, die als grundsolide verkauft werden und trotzdem Wahnsinnsrenditen versprechen. Und siehe da: In den Paketen, die die Banken aus zig Immobilienkrediten zusammenschnüren und mit Topratings verkaufen, entdeckt Burry jede Menge faule Kredite: Die Tripple-A-Ratings decken die ganzen B-Ratings zu.

Längst hat sich eine riesige Blase im Immobilienmarkt gebildet, die in absehbarerer Zeit platzen wird. Burry beschließt, das ihm anvertraute Geld zu retten, in dem er gegen den Markt wettet – er setzt also darauf, dass die Immobilienpapiere ihren Wert verlieren. Er shortet sie, in dem er Goldman Sachs und die Deutsche Bank dazu bringt, ihm ein neues Finanzprodukt zu basteln, das genau eine solche Wette ermöglicht: Credit Default Swaps (CDS), also Kreditausfall-Versicherungen. Wer diese Papiere kauft, bezahlt eine Gebühr und wenn der zugrundeliegende Kredit platzt, macht der CDS-Besitzer einen hohen Gewinn. Die Banker lachen sich kaputt über Dr. Burrys komische Idee und kaufen massenhaft CDS – denn der Immobilienmarkt ist todsicher. Aber wenn der Irre da Geld verschenken will – dann tun sie ihm den Gefallen.

Allerdings lässt die erwartete Krise länger auf sich warten als Burry vermutet hatte – ihm drohen seine Kunden wegzulaufen, die seine Idee ebenfalls nicht kapiert haben und nun um ihr Geld fürchten. Doch Burry bleibt standhaft, auch wenn er nicht fassen kann, dass tatsächlich alle unter einer Decke stecken – denn obwohl die Immobilienpreise wie erwartet tatsächlich zu sinken beginnen, schlägt das entgegen Burrys Erwartungen längere Zeit nicht auf den Finanzmarkt durch. Was nur durch Absprachen sämtlicher Institute inklusive der Ratingagenturen und der Finanzaufsichtsbehörden möglich sein kann.

Mark Baum (Steve Carrell) und Jared Vennett (Ryan Gosling) Bild: thebigshortmovie.com

Mark Baum (Steve Carrell) und Jared Vennett (Ryan Gosling) Bild: thebigshortmovie.com

Die gleiche Entdeckung macht auch der cholerisch veranlagte Mark Baum (Steve Carell), der ebenfalls einen Hedgefonds managt. Baum ist ein Rüpel, der niemanden zu Wort kommen lässt, jeden anbrüllt und auch sonst ein Arschloch – und dennoch über einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn verfügt. Ihn empört einfach, wie der Markt funktioniert. Was ihn aber nicht daran hindert, genau diese Funktionsweise für sich und seine Kunden auszunutzen. Er weiß, was er tut und er hasst es, aber er tut es trotzdem: Er füttert das Monster, bis es explodiert.

Auf die Spur gebracht wurde Baum von Jared Vennett (Ryan Gosling), einem Trader, der für die Deutsche Bank in New York arbeitet. Vennett handelt mit CDOs, genau den Papieren, in denen die ausfallgefährdeten Immobilienkredite versteckt werden: „Wir nehmen Hundescheiße und packen sie in Katzenscheiße.“ Vennett ist an der Entwicklung eben jener CDS beteiligt, mit denen der Markt, von dem sein Arbeitgeber lebt, geshortet wird – und weil Vennett gegen sein eigenes Haus wettet, sicherte er der Deutschen Bank das Überleben.

Und dann gibt es noch die beiden jungen Investoren Charlie Geller (John Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock), die gerne bei den großen Jungs mitspielen möchten, aber keinen Platz an deren Tisch bekommen. Als sie versuchen, an einen ISDA zu kommen, den sie brauchen, um die Trades abschließen zu können, mit denen endlich das ganz große Geld winkt, werden sie ausgelacht: Eine Milliarde müssten sie dafür schon mitbringen, nicht ihre lächerlichen 30 Millionen. Dafür fällt ihnen im Warteraum eine Kopie von Vennetts Präsentation in die Hände: Genau das ist die Chance, auf die sie gewartet haben.

Sie nehmen Kontakt mit ihrem Nachbarn aus ihrem Kaff in Colorado auf, dem ehemaligen Investmentbanker Ben Rickert (Brad Pitt), der inzwischen zu einem paranoiden Ökofreak mutiert ist. Sie schaffen es aber, Ben dazu zu bringen, ein paar alte Bekannte anzurufen und die Jungs in die richtigen Kreise zu bringen – auch wenn er eigentlich scheiße findet, was die beiden vorhaben, kokettiert mit er der Vorstellung eines Weltuntergangs: „Die nächste Währung werden Samen sein. Und zwar nicht dieser aufgepumpte Hybridscheiß von Monsanto. Sondern richtige Samen.“ Auf seiner Farm hat er genug davon, Ben ist für alle Fälle vorbereitet.

Ben Sickert (Brad Pitt) Bild: thebigshortmovie.com

Ben Sickert (Brad Pitt) Bild: thebigshortmovie.com

Aber so gut die Verdrängungsmechanismen auch funktionieren – im Jahr 2007 steigen die Zinsen für Interbankfinanzkredite sprunghaft an, was zu Verlusten und Insolvenzen innerhalb der Branche führt und eine Art Kettenreaktion auslöst: Der Kollaps nicht mehr aufzuhalten. Im September 2008 bricht die Großbank Lehman Brothers zusammen, große Finanzunternehmen wie Fannie Mae, Freddie Mac, UBS oder die Commerzbank werden durch gigantische staatliche Zuschüsse gerettet. Ganze Staaten gehen Pleite, siehe Griechenland, die Staatsverschuldung wächst überall in astronomische Höhen, Millionen Menschen verlieren ihre Jobs und ihre Häuser – und die Sache ist bis heute ja keineswegs vorbei.

„Wisst ihr, dass jedes Prozent höhere Arbeitslosigkeit in den USA 40.000 Tote mehr bedeutet?“ fragt Ben Charlie und Jamie, als sie Freudentänze aufführen, weil nun ein Geldregen über sie niedergeht. Natürlich bleibt ihnen das Lachen erstmal im Hals stecken: „Aber warum hast du uns dann geholfen?“ „Ihr wolltet doch reich werden!“ antwortet Ben und wendet sich ab.

Nein, so richtig lustig ist The Big Short am Ende dann doch nicht, auch wenn es eine Menge witziger Szenen gibt und nebenbei noch eine Menge Fachbegriffe aus der Finanzwelt anschaulich erklärt werden. Die Idee, aus diesem eigentlich hoch spannenden, aber formal überaus öden Stoff eine Komödie zu machen, hat Adam McKay brillant umgesetzt – ich hoffe, dass dieser Film alle Preis bekommt, für die er nominiert wurde. Verdient hat er sie auf jeden Fall. Auch wenn die Witze zum Ende hin immer gemeiner werden und man zwar weiterhin lachen muss, aber es eigentlich längst nicht mehr will: Natürlich werden diejenigen, die diese forcierte Runde der Massenverarmung ausgelöst haben, nicht zu Verantwortung gezogen, natürlich werden wieder die Reichen gerettet und nicht die Armen und am Ende schiebt man denen, die am wenigsten dafür können, die Verantwortung dafür zu, dass es fast allen schlechter geht: Gebt die Schuld den Flüchtlingen, den Immigranten und den Armen.

Sorry, das war kein Witz. Trotzdem: Meiner Ansicht nach sollte The Big Short ein Pflichtfilm für den Wirtschaftskundeunterricht werden. Ach was, dieser Film sollte die ganze Wirtschaftskunde komplett ersetzen. Genau so geht Kapitalismus. Alles andere ist die Wirklichkeit unerträglich verharmlosende Propaganda.

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