Berlinale – eine Zwischenbilanz

Nachdem es mir leider nicht gelungen war, Karten für die Deutschland-Premieren von Hail Caesar und von War on Everyone zu bekommen, beschloss ich, dass es ohnehin sehr viel interessanter sei, mir auf der Berlinale Filme anzusehen, die nicht in absehbarer Zeit sowieso bei uns im Kino laufen. Also kaufte ich einfach Karten von Filmen, die verfügbar waren und in meinen Zeitplan passten.

Alles in allem bin ich mit dieser Entscheidung sehr zufrieden, obwohl ich noch immer nicht so richtig weiß, was das Berlinale-Kuratorium an diesen Japan-Punk-Filmen aus den 80ern findet. Also Japan, Punk und 80er ist eigentlich eine Kombination, die mich total begeistern könnte – aber die Filme dazu fand ich verstörend schlecht.

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Egal, inzwischen habe ich auch gute Filme gesehen, unter anderem den witzigen Low-Budget-Film Elixier aus Russland und den israelisch-französischen Dokumentarfilm Bein gderot (Zwischen Zäunen) über das Internierungslager Holot. In Holot, dicht an der ägyptischen Grenze gelegen, bringt der israelische Staat jene Flüchtlinge aus dem Sudan oder Eritrea unter, die nicht in ihre Heimatländer abgeschoben werden können, aber auch keine Chance haben, jemals in die israelische Gesellschaft integriert zu werden – obwohl fast alle schon jahrelang in Israel leben und fließend Hebräisch sprechen. Sie sind halt keine Juden. Zwar habe der junge israelische Staat maßgeblich an der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 mitgewirkt, in der festgeschrieben wird, wie Flüchtlinge in der ganzen Welt zu behandeln seien, erklärte der Filmemacher Avi Mograbi seine Motivation, nur habe man damals eine ganz andere Zielgruppe im Sinn gehabt – und die Menschen in Holot hätten vor allem das Problem, das sie eben nicht als Flüchtlinge anerkannt würden und damit praktisch rechtlos sind. Mit diesen Menschen startete Avi Moorabi mit einigen Mitstreitern ein Theaterprojekt, mit dem sie ihre Erfahrungen verarbeiten und anderen etwas über ihr Leben mitteilen können.

Der für mich bisher interessanteste Film der Berlinale ist aber Havarie – ein Film von Philip Scheffner, der ein dreieinhalbminütiges Video, das ein Tourist auf einem Kreuzfahrtschiff im September 2012 auf dem Mittelmehr aufgenommen und auf YouTube hochgeladen hat, als Ausgangsmaterial nutzt. Havarie ist erst einmal schwer zu ertragen: Der Videoclip wurde in seine Einzelbilder zerlegt, die im Sekundentakt zu sehen sind, was dieses zufällig aufgenommene Amateurvideo auf Spielfilmlänge dehnt. Man fragt sich, was das soll, denn nach einigen Minuten realisiert der Zuschauer, dass es jetzt die ganze Zeit genau so weiter gehen wird.

Bein gderot (Zwischen Zäunen) von Avi Mograbi Bild: Berlinale.de

Bein gderot (Zwischen Zäunen) von Avi Mograbi Bild: Berlinale.de

 

Die Zuschauer können sich dann ärgern, sich fragen, ob sie jetzt empört sein sollen, oder ratlos, sich darüber aufregen, dass sie sich jetzt offenbar betroffen fühlen sollen – oder sich einfach darauf einlassen. Plötzlich fühlte ich mich wie in einem Konzert von Morton Feldman: Über Stunden gedehnte, minimale Variationen – aber diese scheinbare Einfachheit ist wahnsinnig komplex. Das ist nicht meditativ, wie immer wieder behauptet wird, sondern unglaublich anregend, weil man dazu animiert wird, auf subtile Zwischentöne zu achten. Das schläfert nicht ein, es schärft die Sinne.

Genau das passiert in Havarie: Formal sieht der Betrachter ein Objekt, das sich bei genauerem Hinsehen als Boot herausstellt, auf dem sich Menschen befinden. Es treibt auf einem blauen Meer, unter einem blauen Himmel – eigentlich ein total friedliches Bild. Aber mit all dem, was wir in unserem Köpfen haben, wissen wir gleich: Flüchtlingskatastrophe, Mittelmeer.

Und der Soundtrack bestätigt das: Wir hören den Funkverkehr, der auf dem Mittelmeer zu eben jener Zeit stattgefunden hat – hier ergibt sich ein weiterer Aspekt, warum der Film eineinhalb Stunden dauert, denn von der Meldung der Crew des Kreuzfahrtschiffs Adventure of the Seas, dass ein Boot in Seenot gesichtet wurde, bis zum Eintreffen eines Rettungshubschraubers der spanischen Küstenwache vergehen 90 Minuten. Auch Telefonate von Menschen, die sich in der Nähe dieses Bootes oder gar auf dem Boot selbst befunden haben, sind zu hören, unter anderem auch Telefonate von russischen Mitgliedern der Besatzung eines Containerschiffs, das zufällig in der Gegend war.

Havarie von Philip Scheffner Bild: havarie.pong-berlin.de

Havarie von Philip Scheffner Bild: havarie.pong-berlin.de

Das Schöne an den Berlinale-Vorführungen ist, dass meistens die Menschen anwesend sind, die den jeweiligen Film gemacht haben – bei der Vorführung von Havarie war das nicht nur der Regisseur Philip Scheffner, sondern auch Terry Diamond, eben jener Tourist aus Belfast, der sein Video auf YouTube eingestellt hatte. Auch einer der Protagonisten aus Algerien, Abdallah Benhamou, war im Kino und seine Freundin Rhim, die ebenfalls als Stimme in Havarie zu hören ist.

Eigentlich sollte Havarie ein ganz anderer Film werden erklärte Philip Scheffner, die Crew hat unglaubliche Anstrengungen unternommen, um Menschen ausfindig zu machen, die auf eben jenem zufällig gefilmten Boot waren. Sie hat Interviews geführt, Tondokumente gesammelt und so weiter und so fort – doch dann wurde die Flüchtlingskrise in den Medien dermaßen präsent, dass Scheffner und Merle Kröger sich sagten, dass sie keinen Film machen wollten, der auch wieder nur so aussehen würde wie ein Flüchtlingsvideo aus der Tagesschau. Und sie trafen eine sehr mutige Entscheidung: Sie würden nur das Bildmaterial des Videos von Terry Diamond verwenden sowie das Tonmaterial des Funkverkehrs und der Interviews, die sie unter anderem mit Rhim und Abdallah geführt haben.

Herausgekommen ist nun ein Film, der definitiv nicht wie ein Tagesschaubeitrag aussieht, sondern etwas ganz eigenes ist. Das wird zwar weder die Lage der Menschen in Nordafrika, noch die Politik in Europa verändern, aber vielleicht die Sehgewohnheiten der jeweiligen Zuschauer. Irgendwo muss man ja anfangen.

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