Chang Jiang Tu – ein gewaltiger Bilderfluss

Es ist noch gar nicht lange her, als ich schrieb, dass ich die Zeiten vermisse, in denen man aus dem Kino kam und von dem eben gesehenen Film einfach überwältigt war. Also eben nicht einfach Spaß hatte, wie das heute oft der Fall ist, wenn man einen der vielen nach bewährten Hollywoodrezepten konstruierten Superheldenfilme oder Thriller gesehen hat, sondern einfach beeindruckt ist, weil man etwas Besonderes gesehen hat.

Aber es ist tatsächlich endlich mal wieder passiert: Ich habe gestern im Zoo Palast Chang Jiang Tu gesehen, den chinesischen Wettbewerbsbeitrag von Yang Chao. Chang Jiang Tu ist ein Film über die Reise eines Mannes, der den Jangtsekiang hinauffährt, von der Mündung bei Shanghai bis zur Quelle imHochland von Tibet – ein Fluss aus schönen Bildern, sehr melancholisch und stimmungsvoll, aber nicht kitschig. Okay, ich weiß, dass ich ähnliche Worte benutzt habe, um In the Mood for Love zu beschreiben, und auch wenn dieser Film ganz anders ist, geht es letztlich auch um die Geschichte einer Liebe, die niemals Erfüllung finden wird. Aber wir sind nicht im stylischen Hongkong der 60er Jahre, sondern in einer chinesischen Gegenwart, deren offensichtliche Hässlichkeit in seltsam schönen Bildern eingefangen wird.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Der junge Kapitän eines alten Frachters hat vor kurzem seinen Vater verloren und wie die Tradition es verlangt, hat er einen schwarzen Fisch gefangen, der nun in einem Gefäß an Bord schwimmt. Erst wenn der Fisch stirbt, wird der Geist des Vaters Ruhe finden. Aber der Fisch ist zäh, er stirbt und stirbt nicht. Doch das ist nicht der einzige Geist, der Gao Chun immer wieder heimsucht – da ist noch diese geheimnisvolle An Lu, der er auf seinem Weg immer wieder begegnen wird. Gao begehrt die schöne junge Frau, aber sie will sich nicht binden. Aber sie lässt ihm auch keine Ruhe.

Außerdem hat Gao in einer Kiste ein altes Tagebuch mit Gedichten gefunden – vermutlich hat es ein Schiffjunge geschrieben, denn unter jedem Gedicht steht der Name einer Stadt, die sich am Lauf des Jangtse befindet. Gao findet sich in diesen Gedichten irgendwie wieder – sie sind düster und zweifelnd, es geht um die ewigen Fragen, auf die jeder selbst eine Antwort finden muss. Als Gao den Auftrag bekommt, eine geheimnisvoll Fracht den Fluss hinauf nach Yibin zu bringen, macht er sich mit seinem alten Onkel und dem Schilfjungen auf den Weg.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201614160#tab=video25

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Auf dem Weg den Fluss hinauf gibt es atemberaubende Landschaften, lieblos in die Gegend betonierte Großstädte, verfallende Dörfer, die von ihren Bewohnern nach verheerenden Überschwemmungen aufgegeben wurden und eine Menge Geheimnisse, die Gao zu ergründen sucht – aber je näher er an sein Ziel kommt, desto klarer wird ihm, dass der Weg das Ziel ist: Er wird kein Happyend für ihn und An Lu geben und seine Fracht ist ihm auf dem Weg auch abhanden gekommen.

Ich kann mir vorstellen, dass es eine Menge Menschen gibt, die finden werden, dass das alles in allem ziemlich wenig Handlung für zwei Stunden Film ist – aber genau das ist es, was mir daran gefällt: Der Film tuckert mit dem gemächlichen Tempo des alten Schiffsdiesels voran und verweilt gelegentlich, wenn Gao an Land geht – und gerade deshalb gibt es so viel zu sehen: Diese großartigen Bilder! Ob das nun die unwirklich scheinenden Kegelberge am Ufer sind, auf denen an den unwahrscheinlichsten Stellen anmutige Pavillons stehen, die gewaltige Mauer des Dreischluchten-Staudamms, das mächtige Tor der gigantischen Schleuse oder schlicht die Rostflecken auf Gaos altem Kahn, dieser Film ist ein fließender Bildband aus sorgfältig komponierten Fotos, eins schöner als das andere.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Da haben mich auch die eigenartigen Gedichte des depressiven Schiffsjungen nicht weiter gestört – mit chinesischer Dichtkunst kenne ich mich nicht aus, ich vermute aber, dass sie gar nicht mal so gut sind. Es spielt aber eigentlich keine Rolle, das Interessanteste daran sind ja ohnehin die Namen der versunkenen Städte, in denen Gao versucht, seinen eigenen Geistern auf die Spur und mit sich selbst ins Reine zu kommen. Mein Fazit: Einer der beeindruckendsten Filme, die ich in der letzten Zeit gesehen habe – auch wenn dieser Film garantiert kein Kinohit wird. Mit Chang Jiang Tu ist es wie mit authentischen chinesischen Leckerbissen: Eine Offenbarung für Liebhaber, aber definitiv nichts für den Massengeschmack.

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