Krieg in Serie: Over There

Ja, es ist Berlinale, und ich hatte mir sogar einige Tage Urlaub genommen, damit ich mich endlich einmal diesem Festival-Feeling total hingeben und schon vormittags ins Kino gehen kann – als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung ist es ja nicht so einfach, Kinobesuche im Tagesablauf unterzubringen. Insbesondere, wenn viele Filme genau dann laufen, wenn man eigentlich arbeiten oder sich ausruhen muss, um am nächsten Tag wieder frisch antreten zu können. Und leider ist es jetzt auch wieder so, dass ich einige Filme, die mich besonders interessieren, nicht ansehen kann, weil ausgerechnet dann mein Brotjob ruft, der natürlich Vorrang hat – denn wo sollte ich sonst das Geld für die Berlinale-Tickets hernehmen?!

Insofern umso unverständlicher, dass ich dann auch noch über etwas anderes schreiben muss, aber ich muss halt, damit mein Kopf wieder für andere Sachen frei wird: In den Tagen vor der Berlinale habe ich nämlich angefangen, mir Over There anzusehen – das ist eine Serie von Steven Boccho und Chris Gerolmo über den Golfkrieg von 2003.

 

Screenshot Over There: Sgt Scream (Eric Palladino)

Screenshot Over There: Sgt Scream (Eric Palladino)

HBO hat mit Generation Kill ja bereits einen Klassiker über eben diesen Krieg geschaffen. Den ich mir vor allem deshalb angesehen hatte, weil Alexander Skårsgard eine Hauptrolle spielt, wie ich gern einräume. Aber Generation Kill ist auch sonst wirklich sehenswert – die Serie ist schon allein deshalb interessant, weil sie das, was ihre Protagonisten erleben, nicht mit einem blöden Soundtrack verkleistert: Die Zuschauer hören immer nur das, was in der jeweiligen Situation tatsächlich zu hören ist. Musik wird nur eingesetzt, wenn die Soldaten etwas im Radio hören oder selbst singen.

Auf diese Weise wird der extrem reduzierte Alltag dieser Soldaten zumindest ansatzweise erfahrbar. Wie sie den ganzen Tag in ihrem Humvee durch ein fremdes Land fahren, in der Hoffnung, dass alles so langweilig bleibt, wie es ist, weil sie dann eine gewisse Chance haben, diesen ganzen Scheiß zu überleben. Okay, es sind auch einige Idioten dabei, die genau das nicht aushalten und ganz wild darauf sind, endlich ein paar Iraker abzuknallen, selbst wenn sie dabei selbst draufgehen könnten.

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson), Angel (Keith Robinson), Smoke (Sticky Fingaz) und Dim (Luke Macfarlane)

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson), Angel (Keith Robinson), Smoke (Sticky Fingaz) und Dim (Luke Macfarlane)

Over There ist gewissermaßen ein Vorläufer von Generation Kill – ich bin ja nun wirklich kein Fan von Kriegs- oder Armyserien, weshalb ich auch nicht viele davon kenne. Die einzige, die ich mir wirklich gern angesehen habe ist M*A*S*H, ebenfalls ein Klassiker und vermutlich eine der bekanntesten und beliebtesten US-Serien überhaupt. Over There ist natürlich kein neues M*A*S*H, sondern genau wie Generation Kill eine völlig ernsthafte Serie über US-Soldaten im Irak – die ihre Situation allerdings mit sehr viel Sarkasmus beschreiben.

Insofern handelt es sich nicht um eines dieser  – in meinen Augen durchaus fragwürdigen – Kriegshelden-Epen wie Band of Brothers oder The Pacific, sondern um eine zeitgemäßere Aufbereitung eines solchen Stoffes. Also um etwas, auf das ich auf Deutschland bezogen noch immer warte – ich kenne beispielsweise keine einzige vernünftige deutsche Serie über den zweiten Weltkrieg. Und natürlich auch keine über irgendeinen Kampfeinsatz der Bundeswehr, von denen es seit 1999 ja nun mehr als genug gegeben hat. Wobei das natürlich auch keine schönen Themen sind, mit denen sich ein Millionenpublikum amüsieren ließe – mit Over There hat das in den USA ja auch nicht so richtig gut funktioniert, weshalb es nur eine Staffel mit dreizehn Teilen gibt.

Screenshot Over There: Mrs. B (Nicky Lynn Aycox) und Doublewide (Esmeralda Del Rio)

Screenshot Over There: Mrs. B (Nicky Lynn Aycox) und Doublewide (Esmeralda Del Rio)

Um ganz ehrlich zu sein, habe ich Over There nur deshalb im Amazon Marketplace bestellt, weil es gerade ein günstiges Angebot gab und ich wusste, dass in ein oder zwei Folgen Rami Malek mitspielt. Ich war halt neugierig – Rami Malek war wegen seiner ägyptischen Herkunft im Jahr 2005 noch voll auf die Rolle des Arabers festgelegt, was aber inzwischen dank Mr. Robot vorbei sein dürfte. Ich vermute, dass er mit seinem Auftritt in der von Fox produzierten Serie Over There den Fuß für seine Rolle in The War at Home in die Tür bekommen hat – eine Sitcom, die ebenfalls von Fox produziert wurde. In der Rami, seinem Rollen-Schema entsprechend – den überaus freundlichen Khaleel Nazeeh Al-Bahir, kurz Kenny, spielt, den arabischen Nachbarjungen und Freund der jüdisch-aschkenasisch-italinienisch geprägten Klischee-Familie Gold.

Over There ist vom künstlerischen Konzept her nicht ganz so ambitioniert wie Generation Kill, aber vom Plot her durchaus: Es werden mehrere komplexe Geschichten miteinander verwoben – zum einen wird erzählt, was die beteiligten Kämpfer in diesem Krieg erleben und erleiden und dann gibt es die Heimatfront, also das, was die betroffenen Familien zur gleichen Zeit zuhause durchmachen. Was natürlich auch wieder viel darüber verrät, warum die jeweiligen Menschen überhaupt auf die Idee gekommen sind, sich freiwillig zu verpflichten. Was bei einem Job, bei dem man routinemäßig draufgehen kann, durchaus Fragen aufwirft.

Screenshot Over There: Dim (Luke Macfarlane)

Screenshot Over There: Dim (Luke Macfarlane)

Man muss nun wirklich einen Vollknall haben, um bereit zu sein, für etwas zu kämpfen und am Ende auch zu sterben, das einem im Alltag schlecht behandelt – es sind ja in der Regel die Verlierer der US-Gesellschaft, die sich für die Armee melden, weil sie keinen anderen Job bekommen oder ihr Studium nicht finanzieren können oder auf diese Weise eine Gefängnisstrafe vermeiden wollen. Was gleichzeitig auch wieder die Erklärung ist, für das, was sie tun. Sie mögen sich zwar freiwillig gemeldet haben – viele haben es aber nur getan, weil weil sie keine andere Chance für sich gesehen haben. Ungefähr so freiwillig gibt man einem Räuber sein Portemonnaie, wenn der es mit gezückter Waffe verlangt. Okay, es gibt auch einige, die sich unter dem Eindruck von 9/11 tatsächlich freiwillig gemeldet haben, um etwas gegen diesen Terror zu tun.

Aber selbstverständlich geht es in einem Krieg, der von einem Staat, der ein nationales Interesse vertritt, angezettelt wird, NIEMALS um Freiheit, Menschenrechte oder was auch sonst immer an Schlagwörtern bemüht wird, um ein Massensterben zu rechtfertigen. Es geht immer darum, dass in der globalen Konkurrenz die eigene Position – also die des jeweiligen Staates, auf dessen Fahne man geschworen hat  – gestärkt wird. Und dabei kann es unter Umständen zu absurden Allianzen kommen. Wobei dann wiederum jene, die wirklich an etwas glauben, das mit Freiheit, Demokratie und Menschenrechten zu tun hat, erst recht unter die Räder kommen. Genau das wird in Over There reflektiert, was mir an dieser Serie gefällt.

Screenshot Over There: Smoke (Sticky Fingaz)

Screenshot Over There: Smoke (Sticky Fingaz)

Was ich überhaupt gut finde, ist genau das, was von der US-Kritik damals an Over There kritisiert wurde: Dass eben keine bestimmte Meinung über den behandelten Konflikt zum Ausdruck gebracht werden soll. Es handelt sich weder um Propaganda für oder gegen diesen Krieg. Es ist einfach nicht das Thema der Serie, ob die Operation Iraqi Freedom nun richtig oder falsch war, und so werden auch keine der üblichen blöden Rechtfertigungen bemüht. Es geht vor allem darum, was der Krieg mit den Menschen macht, die ihn kämpfen müssen. Was diese Serie aber nicht zu einer unpolitischen macht – im Gegenteil. Es wird einfach gezeigt, dass es für alle Beteiligten nicht schön ist – weder für die US-Soldaten im Irak, noch für ihre Familien zuhause und schon gar nicht für die Iraker.

Unter denen es natürlich auch verbissene Widerstandskämpfer gibt, denen jedes Mittel recht ist, um die Feinde zu bekämpfen – gleich im ersten Teil wird dem bekennenden Super-Soldaten der Truppe, Bo Rider,  durch eine improvisierte Sprengfalle ein Bein weggesprengt. Zwar sind große Teile der irakischen Bevölkerung den Amis durchaus freundlich gesonnen, aber das gilt nicht für alle Iraker. Und die irakischen Widerständler sind besonders schwer zu bekämpfen, weil sie definitiv bereit sind, für ihre Sache zu sterben. So geht es etwa eine ganze Folge lang darum, wie ein Geheimdienst-Offizier versucht, einen jungen Aufständischen zu knacken, der ums Verrecken nicht verraten will, wo die Stinger-Raketen versteckt sind, die die Iraker den Amis geklaut haben. Aber solange die nicht gefunden sind, wird kein US-Helikopter-Pilot dieses Gebiet überfliegen – eine extrem gefährliche Situation.

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek) und Colonel Ryan (Michael Cudlitz)

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek) und Colonel Ryan (Michael Cudlitz)

Eben dieser störrische Araber wird von Rami Malek dargestellt – und ich kann mich jetzt an der besonderen Ironie erfreuen, mit der die Figur des ebenfalls von Rami Malek verkörperten Corporal Merriel Shelton alias Snafu in The Pacific erklärt: „Dieser Genfer Scheiß interessiert mich nicht!“ als sein Vorgesetzter ihm befielt, die japanischen Kriegsgefangenen nicht willkürlich zu misshandeln. Denn Hassan beruft sich in seinem arabischen Amerikanisch ständig auf die Genfer Konventionen, womit er gleichzeitig verrät, dass er kein Zivilist sein kann.

Ist er ja auch nicht. Hassan ist ein Kämpfer für eine verlorene Sache – und es liegt nun an den Amis, ihm klarzumachen, an welcher Stelle er wirklich verloren hat. Was wiederum zeigt, wie gut die US-Geheimdienste auf eben jener Klaviatur spielen, die dem KGB oder der Stasi – also Geheimdiensten von sogenannten Unrechtsstaaten – zugeschrieben werden. Die Soldaten der Truppe diskutieren das durchaus – sie wissen, dass ihr Gefangener Hassan illegal durch diesen mysteriösen Colonel Ryan verhört und vermutlich auch gefoltert wird. Aber sie sind sich dann doch einig, dass das okay ist, wenn dadurch amerikanische Leben gerettet werden können. Sie werden dicht halten. Und natürlich geht die Sache nicht gut aus – was aus Hassan selbst wird, ist letztlich unklar, aber die Menschen, die er schützen wollte, werden im Abspann der dritten Folge Opfer einer gezielten Attacke, die man in der Perspektive eines US-Angreifers erlebt, der ein Fernlenkgeschoss in die Scheune lenkt, in der die Stingers versteckt wurden.

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek)

Screenshot Over There: Hassan (Rami Malek)

Es geht in Over There eben auch um diese vielen Kriegsopfer im Irak, die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren – Großeltern mit ihren Enkeln, die vor den Kämpfen fliehen wollten und den Soldaten vors Gewehr gelaufen sind, Waisenkinder, deren Schachkoffer für eine Bombe gehalten wird – „Warum müssen eigentlich immer Menschen sterben, wenn ihr den Irakern helfen wollt?“ fragt die unerschrockene Französin, die das Waisenhaus betreibt, das von der Truppe evakuiert werden soll, weil die Army das Gebäude für andere Zwecke nutzen will. Das fragen sich die Protagonisten der Serie auch immer wieder: Was machen sie da eigentlich?!

Und deshalb habe ich dann, obwohl ich mir dachte, dass es ja völlig reichen wird, wenn ich mir die ersten zwei, drei Folgen ansehe, doch weiterglotzen müssen: Auch wenn Hassan nicht mehr dabei war, interessierte mich doch zu sehr, wie es mit Bo, Dim, Angel, Smoke, Mrs. B, Doublewide, Tariq, Sgt Scream und ihren Familien zuhause weiterging – außerdem mochte ich den fatalistischen Humor: „Du warst doch auf der Uni?“ wird Dim, der Intellektuelle der Truppe gefragt, der das bestätigt, er war auf der Cornell University, die zur Ivy League gehört. „Und warum bist du dann hier?“ „Weil ich ein Idiot bin!“ Wenig später kommt die Frage, ob Dim verheiratet sei. „Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich ein Idiot bin!“

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson) hat ein Bein verloren

Screenshot Over There: Bo (Josh Henderson) hat ein Bein verloren

Over There ist alles in allem eine ziemlich gute Serie, in der es, wie man beim Thema Irakkrieg erwarten kann, natürlich eine Menge sehr brutaler Szenen gibt – Krieg ist nun einmal Gewalt, Tod und Zerstörung. Was durchaus erklärt, warum so viele Menschen aus Syrien fliehen.

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