Grüße aus Fukushima

Noch bin ich mit meinen Berlinale-Fazit-Texten im Rückstand – es gab außer den hier bereits besprochenen für mich noch einige interessante Filme zu sehen. Den Wettbewerbsgewinner Fuocoammare von Gianfranco Rosi habe ich leider nicht gesehen – was ich aber so bald ich die Gelegenheit habe, nachholen werde.

Ich finde es gut, dass die Berlinale-Jury erstmals seit 60 Jahren einen Dokumentar-Film mit dem goldenen Bären auszeichnet – auch wenn ich den Film nicht gesehen habe, legen die Kritiken zu diesem Film nahe, dass dieser Film völlig zu recht ausgezeichnet wurde und damit natürlich auch eine entsprechende (Medien-)Aufmerksamkeit bekommt. Leider ist zu befürchten, dass auch dieser Film kein bisschen an dem Elend der Flüchtlinge ändert, die ihr Leben riskieren, um eventuell ein etwas besseres Leben zu haben als ihre prekäre Existenz in den Krisengebieten in Afrika oder im nahen und mittleren Osten.

Aber es kann heutzutage keiner mehr sagen, er habe es nicht gewusst. Das war ja eine der Standardaussagen nach dem zweiten Weltkrieg, als das tatsächliche Ausmaß des Holocaust bekannt wurde. Ich habe keine Ahnung, was die Leute damals tatsächlich wussten oder hätten wissen können. Es liegt auf der Hand, dass keine entsprechenden Bilder durch die Welt gingen, weil es noch keine Tagesschau und kein heute journal gab und ein Internet sowieso nicht. Es gab nur Wochenschauen und Radionachrichten, in denen nur gesendet wurde, was das Reichspropagandaministerium senden wollte. Wer sich aus anderen Quellen informierte, riskierte sein Leben. Und trotzdem haben Menschen das getan. Liebe Lügenpresserufer: Der Zugang zu Informationen aller Art ist heute nun wirklich vergleichsweise frei. Was die offiziellen Qualitätsmedien berichten, ist die eine, was die Leute davon mitkriegen wollen, eine andere Sache. Ob Nazi oder Flüchtlingshelfer, Nachwuchssalafist oder Putinversteher – jeder sieht die Welt so, wie er oder sie sie sehen will, egal, was die Tagesschau dazu sagt.

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Zurück zu den Dingen, von denen eigentlich jeder weiß, aber nicht ins Bewusstsein dringen lässt: Auch im fünften Jahr nach der Katastrophe von Fukushima leben noch immer zahlreiche Menschen in Notunterkünften (offiziell „nur noch“ 100 000), den meisten geht es damit schlecht. Die Leute fühlen sich vergessen. Doris Dörrie hat mit Grüße aus Fukushima einen Film darüber gemacht. Und nachdem ich diesen Film gesehen hatte, sah ich typische Foreneinträge wie „ach du scheiße, was soll denn dieses schwarz-weiße Betroffenheitskino!“ vor mir – und irgendwie stimmt das sogar.

Grüße aus Fukushima ist ein Schwarzweißfilm, was aber gut zum Inhalt passt. Und es ist ein typischer Doris-Dörrie-Film, also eher solides Handwerk als subtiles Kunstwerk. Wobei ich Filme von Doris Dörrte eben deshalb mag: Sie sind nie so, dass ich einfach hin-und-weg bin, aber ich bin auch nicht enttäuscht, wenn ich wieder einen gesehen habe, weil die Geschichten darin zwar oft etwas einfach gestrickt, aber doch immer ganz gut sind.

Mit Grüße aus Fukushima ist das genau so: Die junge Deutsche Marie (Rosalie Thomass) rennt vor ihrer Hochzeit weg und schließt sich einer Gruppe Clowns an, die nach Japan fährt, um die Menschen aufzuheitern, die nach der Katastrophe von Fukushima noch immer in Notunterkünften leben. Marie stellt aber schnell fest, dass sie selbst zu schlecht drauf ist, um andere zum Lachen zu bringen. Sie rennt aber nicht wieder weg, sondern beschließt, Satomi (Kaori Momoi) zu helfen, die in die  Sperrzone zurückkehrt, um ihr Haus aufzuräumen.

Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi) Bild: Hanno Lentz / Majestic

Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi)
Bild: Hanno Lentz / Majestic

Tatomi ist die letzte Geisha vor Ort, sie akzeptiert die Hilfe der jungen Deutschen anfangs unwillig – auf die beherrschte, feinsinnige Japanerin wirkt die große blonde Marie wie ein Elefant im Porzellanladen. Doch, wie Satomi nach einiger Zeit anerkennt, ist auch ein Elefant in der Lage, dazuzulernen. Sie bringt Marie die Grundzüge japanischer Höflichkeit bei und die Aufmerksamkeit für kleinste Details: Es ist nun einmal wichtig, sich korrekt niederzuknien und den Deckel mit beiden Händen von der Teetasse zu nehmen. Genau wie es wichtig ist, diesen einen Schluck Tee zu genießen, den man gerade in Mund hat.

Gerade im Kontrast zu den Bildern der Zerstörung ringsum wirken diese einfachen, ruhigen Szenen so stark: Woran soll man sich sonst halten, wenn nichts mehr da ist? Noch immer ist das Ausmaß der Zerstörung um Fukushima herum gigantisch – selbst dort, wo Aufzuarbeiten stattgefunden haben. So sind riesige Wälle aus schwarzen Säcken zu sehen, die mit verstrahlter Erde gefüllt sind: „Und was passiert jetzt damit?“ fragt Marie fassungslos. „Die bleiben da stehen. Für immer!“

Doch mit der Rückkehr in ihr altes Haus wird Satomi auch von den Geistern ihrer Vergangenheit heimgesucht – sie fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schülerin, die in dem Tsunami umgekommen ist, als er das Haus überschwemmt hat.

Satomi (Kaori Momoi) vor den Trümmern ihrer Vergangenheit. Bild: Mathias Bothor / Majestic

Satomi (Kaori Momoi) Bild: Mathias Bothor / Majestic

Eines Tages schickt sie Marie zum Wasserholen fort, um sich an einem Ast der Kiefer zu erhängen, auf die sie sich während der Flut gerettet hat. Das Motiv ist vom Anfang des Films bekannt – nur ist es Marie gewesen, die mit einem Seil, in das schon eine Henkerschlinge geknüpft war, durch den Wald gestolpert ist – wie gesagt, Subtilität ist Dörries Markenzeichen nicht. Marie kommt gerade noch rechtzeitig zurück, um Satomi zu retten. Sie begreift aber, dass sie für die nun die Zeit gekommen ist, um nach Hause zurückzukehren. Zuvor sägt sie aber noch den Ast ab, an dem Satomi sich erhängen wollte.

Grüße aus Fukushima ist also nicht unbedingt der ideale Film, wenn man sich einen netten Kinoabend machen möchte. Es lohnt sich aber doch, ihn anzusehen, wenn man sich dafür interessiert, was in der Welt passiert. Gerade weil der Film eine Geschichte zu den Bildern aus dem Katastrophengebiet um Fukushima erzählt, hinterlässt er einen tieferen Eindruck als eine Dokumentation, in der jede Menge erschreckende Daten oder gar eine forensische Analyse der Dreifach-Katastrophe geliefert werden – die ich mir sicherlich auch ansehen würde. Aber ich mag eben auch schwarz-weißes Betroffenheitskino. Doch, dazu stehe ich.

Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi) Bild: Hanno Lentz / Majestic

Grüße aus Fukushima Marie (Rosalie Thomas) und Satomi (Kaori Momoi)
Bild: Hanno Lentz / Majestic

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