Dead Man Down: Europäer in New York

Beim Stöbern durch die Netflix-Highlights für den kommenden Monat entdeckte ich für den 4. Mai Dead Man Down. Der Thriller des dänischen Regisseurs Niels Arden Oplev hat bei seinem Kino-Start im Jahr 2013 zwar eher durchwachsene Kritiken bekommen, trotzdem ist Dead Man Down meiner Ansicht nach ein echter Geheimtipp. Dank Netflix wird er demnächst wohl auch nicht mehr dermaßen geheim sein.

Was mir an dem Film gefällt: Auch wenn der Film in New York spielt, komplett den USA produziert wurde und das Drehbuch von dem Kanadier J. H. Wyman kommt, fühlt er sich irgendwie skandinavisch an. Die Skandinavier sind nun mal sehr gut in düsteren Thrillern mit schonungslos brutalen Szenen – aber es gibt immer auch den Blick auf das Innenleben der Protagonisten, es geht immer um Beziehungen und darum, warum die Leute tun, was sie tun.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Wobei hier dann eher die Soziologie und nicht so sehr die Psychologie eine Rolle spielt. Gute skandinavische Krimis sind immer auch soziologische Analysen, es geht eben nicht nur um das Verbrechen und dessen Aufklärung, sondern auch um die Frage, wo die Gesellschaft versagt hat, wenn Menschen Täter oder Opfer werden.

US-Thriller gehen in der Regel vom Individuum aus, es gibt die berüchtigten Psychopathen, es gibt gebrochene Charaktere ohne Ende – aber hier geht es immer die individuelle Geschichte des jeweiligen Charakters, die als Erklärung für alles, was folgt, hergenommen wird. Schließlich bietet die glorreiche US-Gesellschaft jedem Tellerwäscher die Chance, zum Millionär aufzusteigen. Versagen tun immer nur einzelne, aber nie das System. Deshalb ist der Psycho(pathen)-Thriller ein typisch US-amerikanisches Genre.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Zurück zu Dead Man Down: Niels Arden Oplev hat Noomi Rapace mit der Verfilmung des Stieg-Larson-Bestsellers Män som hatar kvinnor (hierzulande als „Verblendung“ bekannt, was ich einen ziemlich doofen Titel finde) zum Durchbruch als inzwischen auch international anerkannte Schauspielerin verholfen. Rapace ist auch in Dead Man Down wieder mit von der Partie – gemeinsam mit Colin Farrell, der den aus Ungarn stammenden Ingenieur Victor spielt, der aber eigentlich Lazlo Kerec heißt. (Victor Lazlo, hat da etwa einer zu oft Casablanca gesehen?!) Denn Lazlo Kerec ist eigentlich tot – sein Grabstein steht auf einem New Yorker Friedhof, auf dem viele ungarische Einwanderer ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Victor arbeitet für eine kriminelle Gruppe innerhalb der New Yorker Immobilien-Mafia, deren Spezialität es ist, Mieter mit Terror und Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben, damit die entmieteten Objekte dann erst günstig auf- und dann teuer weiterverkauft werden können. Was die Sache interessant macht: Victor ist selbst ein Opfer dieser Mafia geworden, er und seine Familie wurden aus ihrer Wohnung vertrieben. Und weil die Kerecs nicht freiwillig gehen wollen, wurde Victors Tochter bei einer Schießerei durch eine verirrte Kugel getötet. Auch Victors Frau kam ums Leben – Victor selbst überlebte nur, weil die Gangster ihn für tot hielten.

Screenshot: Dead Man Down - Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Screenshot: Dead Man Down – Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Jetzt will er sich rächen. Doch einer der Leute aus der Gang um seinen Boss Alphonse Hoyt (Terence Howard, bekannt als Lucious Lyon aus Empire)  ist ihm auf die Schliche gekommen – er sucht Victor in seiner Wohnung in einem tristen News Yorker Wohnblock auf und stellt ihn. Victor bringt den Mann um – was seine Nachbarin im Hochhaus gegenüber zufällig mitbekommt und prompt mit ihrem Handy filmt. Mit Beatrice (Noomi Rapace) hat es das Leben ebenfalls nicht gut gemeint – die hübsche Kosmetikerin wurde bei einem Autounfall entstellt, eine Hälfte ihres Gesichtes ist nun durch Narben gezeichnet. Beatrice lebt noch bei ihrer französischen Mutter (Mama Louzon, la plus admirable Isabelle Huppert), die sehr gut kochen und backen kann. Die wiederum hofft, dass ihre geliebte Tochter trotz ihrer Narben noch einen netten Mann fürs Leben finden wird.

Auch Beatrice sinnt auf Rache – sie will den Kerl zur Verantwortung ziehen, der den Unfall verursacht hat, weil er betrunken gefahren und mit einer in ihren Augen viel zu geringen Strafe davon gekommen ist. Warum kann der Mann einfach sein Leben weiterleben wie bisher, während sie den Rest ihres Lebens mit den Folgen seiner Tat zu kämpfen haben wird?

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell)

Beatrice bandelt mit ihrem Nachbarn Victor an, der Beatrice tatsächlich zur Freude ihrer Mutter zum Essen ausführt. Doch das romantische Stelldichein kippt, als Beatrice Victor schließlich mit ihrer Beobachtung und dem Video auf ihrem Handy konfrontiert. Beatrice verlangt von Victor, dass er den Mann tötet, der ihr Leben ruiniert hat. Andernfalls werde sie das Video, das Victor als Mörder entlarvt, der Polizei übergeben. Natürlich ist das nicht das, was Victor erwartet hatte. Aber er willigt erstmal ein, Beatrice zu helfen – er braucht jetzt einfach keinen Stress, schon gar nicht mit der Polizei. Tatsächlich unternimmt er natürlich nichts – er hat nun wirklich andere Probleme und will sich dieses hier schnell vom Hals schaffen.

Victor hat endlich das große Ziel im Visier: Lon Gordon, den Oberboß der Immobilien-Mafia. Doch ausgerechnet bei dem Meeting von Lon mit Alphonse Hoyt, für das Victor nicht nur das nötige Scharfschützengewehr, sondern auch den idealen Standort für den tödlichen Schuss gefunden hat, wird er von einem Anruf des einzigen Freundes aus seinem Mafia-Umfeld abgelenkt. Er verpasst seine langerwartete Chance und kann nur mit der Hilfe von Beatrice entkommen, die ihn wiederum beobachtet hat und ihm nun durch ihren beherzten Einsatz ein Alibi verschafft.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice ist schwer auf Zack, sie rettet Victor nicht nur durch eine abenteuerliche Flucht in ihrem Kleinwagen, sondern gibt ihm auch noch seine Waffe wieder. Blöd nur, dass Victors einziger Freund Darcy der wahren Identität von Victor immer näher kommt. Victor hingegen fühlt sich Beatrice nun endgültig verpflichtet und tut, was sie von ihm verlangt hat – er bringt den Unfallverursacher um. Zumindest behauptet er das. Außerdem hat er vorgesorgt: Er hat den Bruder des Chefs der albanischen Mördertruppe, die an dem Überfall auf seine Familie beteiligt war, entführt und hält ihm in einem verlassenen Lagerhaus gefangen.

Victor hat ihn dazu gebracht, aussagen, dass er von Alphonse Hoyt gefangen halten würde, der ihn aber auf jeden Fall töten wird, selbst, wenn die Albaner das verlangte Lösegeld zahlen. Damit will Victor einen Streit zwischen Hoyt und den Albanern provozieren. Die Speicherkarte mit der Aufnahme übergibt Victor Beatrice, ohne ihr zu sagen, worum es geht. Sie soll den Umschlag bei der Post abgeben. Victor hat das Lagerhaus mit Sprengfallen versehen und will die Albaner töten, wenn sie versuchen, ihren Mann zu befreien.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice wiederum hat den Brief nicht abgegeben, sondern ihn geöffnet und statt der Speicherkarte ihren Glücksbringer hineingelegt, eine grüne Hasenpfote. Sie hat sich in Victor verliebt und will ihn retten, weil sie ahnt, was er vorhat. Aber sie will nicht, dass er selbst dabei drauf geht.

Jetzt habe ich natürlich schon wieder viel zu viel verraten, aber es kommt dann noch zu einem dramatischen Finale, das ziemlich dick aufgetragen ist, aber am Ende doch okay geht – wobei gerade der Genremix aus Milieustudie, Actionthriller, Rachefilm und Melodram bei vielen Kritikern nicht so gut angekommen ist. Mir gefällt gerade das. Und natürlich mag ich auch den Oplev-Stil – diese visuelle Coolness, mit der eigentlich total überstrapazierte Klischees wieder neu ins Bild gesetzt werden. Natürlich kann ich mir an dieser Stelle den Verweis auf die geniale Pilot-Folge von Mr. Robot nicht verkneifen, die eben auch von dieser speziellen Oplev-Optik profitiert.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Und mir gefallen Victor und Beatrice, beide als Einwanderer vom alten Kontinent noch nicht richtig angekommen in dieser brutalen Gesellschaft, in der Menschen für ihr Weiterkommen über notfalls eben auch Leichen gehen müssen, gebrochene Gestalten, aber trotzdem überdurchschnittlich überlebenstüchtig. Sie sind jeweils Opfer geworden, wollen sich aber mit dieser Rolle nicht abfinden und nehmen den Kampf auf, wenn auch mit fragwürdigen Zielen und Mitteln. Und dabei realisieren sie allmählich, dass es vielleicht doch noch andere Dinge als Rache gibt, für die sich ein Weiterleben lohnen könnte.

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The Brink – Serie am Abgrund

Genau wie man nicht die ganze Zeit liebevoll zusammengestellte Speisen aus hochwertigen Edelzutaten zubereiten und essen kann, sondern ab und zu auch einfach mal schnell was zusammen manscht – und das am Ende auch noch heimlich lecker findet, gibt es auch bei der Serienkost junk food für zwischendurch, wenn man mal keine Lust auf komplexes Drama hat. Eins meiner dirty little pleasures der letzten Zeit war The Brink.

Obwohl man von HBO eigentlich hochwertige Serienkost gewöhnt ist, können die auch anders – The Brink ist eine Polit-Klamotte über insgesamt drei Knallchargen, die aus Versehen fast den dritten Weltkrieg anzetteln und den einzigen intelligenten, aber deshalb auch völlig unterschätzten US-Politiker, der das gerade noch so verhindern kann. Der erste Reflex, wenn man so etwas hört, ist hierzulande die bange Frage, ob man über solche Dinge überhaupt Witze machen darf – weshalb es in Deutschland weder richtig gute Politik- , noch gute Comedy-Serien gibt. Deshalb hält man etwa beim ZDF so etwas wie die heute Show für lustig, während wirklich intelligente Satire wie das Schmähgedicht von Jan Böhmenmann, was eigentlich ein kurzweiliges Referat über die eigentlich verbotene Schmähkritik ist, prompt nicht nur zensiert, sondern auch noch strafrechtlich verfolgt wird.

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Dabei darf man nicht nur Witze über idiotische Politiker und deren Politik machen – man muss es sogar! Und je unkorrekter, desto besser. Allerdings heißt das nicht, dass unkorrekte Witze über geopolitische Krisen automatisch eine gute Serie ergeben: The Brink ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Aber die Serie ist eben auch nicht dermaßen schlecht.

Worum es überhaupt geht: Alex Talbot (Jack Black) ist ein nicht besonders wichtiger Angestellter der US-Botschaft in Islamabad, Pakistan. Der will eigentlich nur Marihuana kaufen und gerät mit seinem Fahrer Rafi (Asif Mandvi) in einen politischen Umsturz, durch den der irre General Zaman (Iqbal Theba) an die Macht kommt. Damit bekommt der gefährliche Irre auch Zugriff auf das Atomwaffenarsenal Pakistans – und Zamans fixe Idee ist, eine Atomrakete auf Tel Aviv abzufeuern. (Die Pakistanis haben sich aber meines Wissens nicht getraut, den US-Botschafter einzubestellen, um ihm die Leviten zu lesen.)

Alex sieht seine große Chance gekommen: Er will das weiße Haus vor der Gefahr warnen und faxt vom Faxgerät des Onkel von Rafi, der ein bekannter Psychiater ist, ein vernichtendes psychiatrisches Gutachten über General Zaman nach Washington. Dort gibt es eine Krisensitzung und eine zu erwartende Konstellation: US-Präsident Julian Navarro (Esai Morales) ist ein opportunistischer Idiot, natürlich gibt es verbissene Militärs, deren Denken noch immer im kalten Krieg verhaftet ist und eine smarte Assistentin (Maribeth Monroe), die immer wieder die Situation retten muss. Und dann gibt es auch noch durchgeknallte Kampfpiloten, die schon mal die Drohnen von Verbündeten abschießen, wenn sie die falschen Pillen eingeworfen haben und sich dann auch noch selbst abschießen lassen, weshalb sie gerettet werden müssen.

Alex Talbot (Jack Black) und United States Secretary of State Walter Larson (Tim Robbins)

Alex Talbot (Jack Black) und United States Secretary of State Walter Larson (Tim Robbins)

Im Grunde wurde wohl versucht, so etwas wie Homeland oder House of Cards in lustig zu machen, was aber nicht wirklich gelungen ist. Denn sowohl Homeland als auch House of Cards sind ja jeweils schon auf der Kippe zur Satire, wenn man genau hinschaut: Jede Menge auf die Spitze getriebener Klischees, die aber ohne mit der Wimper zu zucken durchhalten werden, was letztlich dann auch die Qualität dieser Serien ausmacht: Weil sie sich trotz sämtlicher Übertreibungen und Zuspitzungen noch vollkommen ernst nehmen, geht der Zuschauer weiterhin mit – man weiß ja, dass das jetzt Fernsehen ist.

Oder man hofft das viel mehr, denn immer wieder überholt die Realität die Fiktion – man muss sich nur mal den Vorwahlkampf in den USA ansehen. So etwas hätten Drehbuchautoren bestimmt nicht gewagt sich auszudenken – das gibt es nur im wahren Leben.

Diese Kurve kriegt The Brink allerdings nicht und bleibt deshalb zu oft in billigem Slapstick stecken, obwohl schon eine Menge guter Ideen zumindest zu ahnen sind. Aber Polit-Comedy ist eine schwierige Sache, mir fällt da spontan nichts wirklich Gutes ein – wobei das britische Original von House of Cards ist ja wohl eine Polit-Comedy. Hierzulande wurde so etwas ähnliches mit MdB Eichwald versucht – was übrigens auch gar nicht so schlecht ist. Aber eben auch nicht so richtig gut.

Was daran liegen mag, dass die Idee zu The Brink von Ally-McBeal– und Weeds-Autor Roberto Benabib und seinem Bruder Kim Benabib kommt, das sind Serien, die durchaus ihre Fans haben, die ich aber bestenfalls auch nur so mittelhalbgut finde, weshalb ich da auch nur aus wissenschaftlichem Interesse reingezappt und mich ziemlich schnell nach anderem Stoff umgesehen habe – The Brink habe ich dagegen wirklich Folge für Folge angesehen, das war dann doch eher mein Fall. Aber es gibt ja auch nur eine Staffel. Das kann auch ein Vorteil sein.

Die Bruchpiloten Lieutenant Commander Zeke "Z-Pak" (Pablo Schreiber) und Lieutenant Glenn "Jammer" Taylor (Eric Ladin)

Die Bruchpiloten Lieutenant Commander Zeke „Z-Pak“ (Pablo Schreiber) und Lieutenant Glenn „Jammer“ Taylor (Eric Ladin)

Utopia: Knallbunter Verschwörungsthriller

Der Vorrat an wirklich guten Serien ist leider beschränkt, aber ab und zu gibt es zum Glück noch etwas zu entdecken: Beispielsweise die britische Serie Utopia, die von Dennis Kelly geschrieben und von Kudos Film für Channel 4 produziert wurde.

Die Handlung der Mini-Serie rankt sich um ein mysteriöses Manuskript, welches sich am Ende tatsächlich als Schlüssel zur Erklärung der ebenso beängstigenden wie verwirrenden Ereignisse erweist, mit denen die Protagonisten konfrontiert werden. Utopia entpuppt sich schnell als rasanter Verschwörungsthriller, der am Ende gar nicht so abgedreht ist, wie er streckenweise zu sein scheint – wer Serien wie Regenesis oder Helix mag, wird von Utopia vermutlich ebenfalls begeistert sein.

Utopia - im Vordergrund Arby (Neil Maskell) - Bilder via Channel 4

Utopia – im Vordergrund Arby (Neil Maskell) – Bilder von Channel 4

Der Autor von The Utopia Experiment, der in einer psychiatrischen Anstalt verstorben ist, soll einen zweiten Teil seiner legendären Graphic Novel The Utopia Experiment verfasst haben, in dem es um eine unglaubliche Verschwörung geht. Es gibt einen Verleger, der behauptet, im Besitz dieses Manuskriptes zu sein und einem kleinen Kreis von eingefleischten Fans, die sich in einem Online-Forum austauschen, ein Treffen anbietet – AFK, in einem Pub. Zum ausgemachten Zeitpunkt erscheinen aber nur drei der fünf, nämlich die ehemalige Medizinstudentin Becky (Alexandra Roach), der IT-Spezialist Ian Johnson (Nathan Steward-Jarrett) und der paranoide Verschwörungstheoretiker Wilson Wilson (Adeel Akhtar). Vom angeblichen Besitzer des Manuskripts Bejan gibt es keine Spur, auch der elfjährige Grant (Oliver Woolford) ist nicht gekommen.

Utopia: Wilson Wilson (Adeel Akhtar)

Utopia: Wilson Wilson (Adeel Akhtar)

Grant, der herausgefunden hat, wo dieser Bejan wohnt, bricht nämlich ein, um das Manuskript zu stehlen – allerdings ist er nicht der einzige, der das versucht: Während er in Bejans Wohnung ist, muss er mitansehen, wie zwei Typen, die man schon aus dem Prolog zur Serie als durchgeknallte Killer kennt, ihn umbringen – der Kleine behält aber die Nerven und kann mit dem Manuskript knapp entkommen. Der clevere kleine Grant ist nämlich das Produkt einer gelungenen Kriminellen-Sozialisierung, bei der er schon früh lernen musste, sich allein durchzuschlagen, weil seine Mutter so ziemlich alles nicht auf die Reihe kriegt.

Utopia: Grant (Oliver Woolfort) und Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy)

Utopia: Grant (Oliver Woolfort) und Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy)

Dann gibt es noch Michael Dugdale (Paul Higgins), den Staatssekretär im Gesundheitsministerium, der aufgefordert wird, unter allen Umständen dafür zu sorgen, dass eine große Menge neuen Impfstoffs gegen die russische Grippe geordert wird, die gerade ausgebrochen sei und in Kürze die Volksgesundheit in Großbritannien bedrohe – Dugdale ist wegen einer persönlichen Eskapade erpressbar und sorgt deshalb tatsächlich dafür. Der darauf folgende Skandal über diese immense Verschwendung öffentlicher Gelder ist beträchtlich und der Gesundheitsminister muss seinen Hut nehmen – aber es stellt sich heraus, dass die russische Grippe tatsächlich ausbricht und Dugdale ist plötzlich ein Held – erstmal. Denn natürlich verbirgt sich noch etwas ganz anderes hinter dieser russischen Grippe-Epidemie und dem Impfstoff dagegen.

Utopia: Becky (Alexandra Roach), Ian  (Nathan Steward-Jarrett) und Wilson (Adeel Akhtar)

Utopia: Becky (Alexandra Roach), Ian (Nathan Steward-Jarrett) und Wilson (Adeel Akhtar)

Es gibt nämlich einen Pharmakonzern, der zahlreiche staatliche Stellen unterwandert hat und seine eigene Agenda verfolgt – und die hat tatsächlich mit jenem geheimnisvollen Manuskript zu tun. Genau wie auch die geheimnisvolle Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy), nach der die beiden Auftragskiller suchen. Mit dem Auftauchen von Jessica Hyde nimmt die Geschichte dann so richtig Fahrt auf – aber jetzt muss ich mich zusammen nehmen und meine chronische Spoileritis in den Griff bekommen, denn Utopia macht vor allem dann richtig Spaß, wenn man nicht weiß, wo der Bus ist.

Der Plot hat es wirklich in sich – aber man kann durchaus ins Grübeln kommen, ob die Aluhut-Träger, Ufo-Seher und Chemtrail-Paranoiden der Welt nicht in manchen Dingen doch näher an der Realität sind, als einem als skeptischer Normalo lieb sein kann. Denn es ist ja nicht so, dass die Pharmaindustrie keine Krankheiten erfinden würde, weil sie den Leuten die Medizin dagegen verkaufen will.

Utopia: Michael Dugdale (Paul Higgins)

Utopia: Michael Dugdale (Paul Higgins)

Das passiert ständig – und die anderen Branchen sind nicht weniger erfindungsreich. Aber in Utopia geht es noch um etwas ganz anderes – hier soll auf verquere Weise die Welt gerettet werden. Und das wird in verstörenden Bonbonfarben auf die harte Tour erzählt. Für empfindsame Gemüter ist diese Serie definitiv nichts. Aber wer damit klar kommt, dass Gewalt angewendet wird, wo es nötig ist, auch wenn man darüber unterschiedlicher Ansicht sein kann, wann es wirklich nötig wäre, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten. Und Verschwörungstheoretiker sowieso.

Utopia: Arby (Neil Maskell) und Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy)

Utopia: Arby (Neil Maskell) und Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy)

Auf jeden Fall hat Utopia eine sehr eigene Ästhetik – eben mal nicht den typischen Anthrazit-Chic der neueren britischen Krimi-Serien, hier ist alles durch zu viel Farbe verfremdet, was gleichzeitig irgendwie nostalgisch wirkt – wie eine gut gezeichnete Graphic Novel eben. Allein der Look hat mich sehr begeistert – das war ja auch ein Aspekt, der mir an Mr. Robot so gut gefallen hat. Nur dass Mr. Robot dann doch eher unterkühlen skandinavischen Farbpalette folgt, und es immer viel Raum über, neben und zwischen den Köpfen der Protagonisten gibt, während Utopia eine vollgestopfte Rumpelkammer aus detailreich ausgemalten Bildern ist, die auf britischen Flohmärkten zusammengekauft sein könnten.

Hier noch ein paar Impressionen:

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Four Lions: Darf islamistischer Terror lustig sein?

Je mehr über die Attentäter von Paris und Brüssel bekannt wird, desto klarer wird, dass die Sicherheitsbehörden ganz offensichtlich unfähig sind, aus der Fülle der vorliegenden Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen: Die Attentäter waren allesamt polizeibekannte Kriminelle, von denen man auch wusste, dass sie in der Dschihadisten-Szene unterwegs waren. Aber offenbar hat man den Betreibern von Haschischbars und Schrauberwerkstätten nicht zugetraut, europäische Metropolen erst in Angst und Schrecken zu versetzen und anschließend komplett stilllegen zu können.

Und nebenbei: Sämtliche Überwachungsmaßnahmen inklusive der in Frankreich bereits seit längerem praktizierten Datenvorratsspeicherung haben nicht dazu beigetragen, zu verhindern, dass ein paar fehlgeleitete junge Männer mit Maschinengewehren und selbst gebastelten Bomben in gut organisierten und überwachten europäischen Hauptstädten Blutbäder anrichten konnten – was in Metropolen des mittleren Osten übrigens ziemlich häufig vorkommt, ohne dass die asozialen Medien gleich voller Je-suis-Beirut, Je-suis-Kabul, Je-suis-Peshawar, Je-suis-Damaskus oder Je-Suis-Bagdad wären, obwohl dort noch sehr viel mehr Menschen Bombenattentaten, Maschinengewehrfeuer oder Granatenangriffen zum Opfer fallen. Aber dort ist das halt so üblich, insbesondere, seit der Krieg gegen den Terror, den die USA und ihre friedliebenden Verbündeten angezettelt haben, eben jene Länder verwüstet hat, in denen nun die Daesch-Terror-Kommandos ihr Unwesen treiben. Das ist alles kein bisschen lustig – die Frage ist, ob man einen Film über solche Leute machen darf, der lustig ist.

Four Lions: Barry, Waj und Hassan. Bild: fourlionsmovie.com

Four Lions: Barry, Waj und Hassan. Bild: fourlionsmovie.com

Natürlich darf man, ich meine sogar: Man muss. Insofern ist es gerade jetzt an der Zeit, sich einen Film wie Four Lions noch einmal anzusehen, der alle möglichen religiösen, rassistischen und sexistischen Klischees aufgreift und vorführt – offenbar ist das Klischee der freundlichen Terrortrottel von Nebenan noch viel realistischer, als man im Jahr 2010 ahnen konnte – aus dem Jahr stammt die britische Terrorsatire.

Es geht ja nicht darum, sich über die Opfer lustig zu machen – sondern mal zu überlegen, was schief läuft, damit jemand auf die Idee kommt, sich selbst und möglichst viele andere Menschen in die Luft zu jagen. Nein, natürlich ist Four Lions weder eine soziologische Analyse noch eine biografische Dokumentation. Sondern ein – wenn man sehr schwarzen britischen Humor der eher hemdsärmeligen Sorte mag – ziemlich witziger Film über vier Hobby-Terroristen, die in Sheffield auf eigene Faust einen großen Schlag gegen die Ungläubigen planen und sich dabei nach und nach eher unfreiwillig aus dem Leben befördern – ohne dabei allzu großen Schaden unter ihren Mitmenschen anzurichten.

Die Terrorzelle besteht aus Omar (Riz Ahmed), dem Intellektuellen der Gruppe, der die westliche Gesellschaft und ihren Imperialismus ernsthaft kritisiert, dem intellektuell ziemlich unterbemittelten Waj (Kayvan Novak), dem naiven Faisal (Adeel Akhtar) und dem Konvertiten Barry (Nigel Lindsay), der wie alle Konvertiten besonders fundamentalisitisch unterwegs ist.

Faisal und Bruder Krähe: fourlionsmovie.com

Faisal und Bruder Krähe: fourlionsmovie.com

Omar und Waj fahren nach Pakistan, um für ihre Mission in einem Terror-Camp zu trainieren – aber diese Aktion endet im Desaster, als Omar mit einem Raketenwerfer, den er verkehrt herum hält, versehendlich Osama bin Laden tötet (der lebte noch, als der Film produziert wurde). Trotzdem gewinnt er durch seine Erfahrungen in Pakistan an Autorität, als er nach England zurückkehrt: Immerhin hat er jetzt schon mal eine echte Waffe in der Hand gehabt, statt wie die anderen nur Bekenner-Videos zu drehen und SIM-Karten zu verschlucken, damit man nicht mehr abgehört werden kann.

In England hat Barry inzwischen mit Hassan (Arsher Ali) weiteres Mitglied angeworben. Die Gruppe fängt an, die Bestandteile für ihre Bomben zu besorgen und streitet über ein geeignetes Abschlagsziel. Barry will die gemäßigten Muslime radikalisieren und schlägt deshalb einen Anschlag auf die Moschee vor, der den Ungläubigen in die Schuhe geschoben werden soll. Die anderen sind gegen eine solche False-Flag-Aktion, weil sie ja nichts gegen ihre Glaubensbrüder haben. Sie überlegen statt dessen andere Ziele – Sexshops, Apotheken oder den London-Marathon. Oder am Ende ein Wohltätigkeitslauf in albernen Kostümen, in denen sich aber jede Menge Sprengstoff verstecken lässt.

Und obwohl die eifrigen Terrortrottel jede Menge Fehler machen, fliegen sie nicht auf – statt dessen werden ihre tatsächlich strenggläubigen muslimischen Freunde und Cousins überwacht, die regelmäßig in die Moschee gehen, um zu beten. Die planen zwar keine Attentate, sehen mit ihren merkwürdigen Klamotten, Häkelkappen und Bärten viel verdächtiger aus. Auch hier hat sich inzwischen gezeigt, dass die Realität an diesem Szenario beklemmend nah dran ist.

Und zumindest einigen der Verschwörer kommen Zweifel, ob für diese Sache zu sterben tatsächlich so eine gute Idee ist – so fängt Faisal damit an, Krähen zu trainieren, kleine Bomben auf Videotheken oder Sexshops zu werfen, weil er selbst eigentlich nicht sterben will. Was aber nicht besonders gut funktioniert. Ironischerweise ist er dann auch der erste, der sich beim Transport des selbsthergestellten Sprengstoffs von einem Versteck in ein anderes versehentlich in die Luft jagt. Und gleichzeitig auch noch mindestens ein Schaf märtyrisiert. Falls man überhaupt ein Märtyrer ist, wenn man sich nur versehentlich sprengt. Allein diese Diskussion ist köstlich.

Four Lions: Der Verhandler (Benedict Cumberbatch) Bild: ytimg.com

Four Lions: Der Verhandler (Benedict Cumberbatch) Bild: ytimg.com

Am Ende jedenfalls schaffen die staatlichen Terrorbekämpfer es nicht, die vier Löwen aufzuhalten – und es ist nur der Dummheit der Attentäter zu verdanken, dass es vergleichsweise wenige Tote zu beklagen gibt. In der Realität ist aber genau das Problem – wir haben inzwischen oft genug gesehen, was vermutlich ebenfalls nicht allzu helle, aber zu allem entschlossene Attentäter anrichten können – und wie wenig der moderne Überwachungsstaat dagegen ausrichten kann. Genau das gleiche gilt übrigens auch für die rechten Terroristen vom deutschen NSU – auch hier hat der hochgerüstete Staatsapparat eklatant versagt (oder sogar versagen wollen), obwohl die Täter keine bösartigen Intelligenzbestien mit unbeschränkten Mitteln waren, sondern die fast ganz normalen Rassisten von nebenan.

Insofern lädt Four Lions dazu ein, die von der Politik instrumentalisierten und von den Medien willfährig dämonisierten bösen Jungs von der islamistischen Terrorfront einmal mit anderen Augen zu sehen: Das sind eigentlich ganz knuffige Typen, die sogar ganz lieb sein könnten, wenn man ihnen einfach mal klar machen würde, was sie da für einen Unsinn reden und vor allem glauben wollen. Aber dazu müsste man natürlich auch einmal ernsthaft überlegen, was in unserer Gesellschaft tatsächlich alles schief läuft. Genau da liegt das eigentliche Problem.

Der schöne Schein: The Night Manager

Auf die Mini-Serie The Night Manager war ich sehr gespannt – zum einen, weil ich britische Spionage-Serien mag, zum anderen, weil Susanne Bier Regie geführt hat. Die Dänin ist eine der wenigen international anerkannten Regisseurinnen – so hat meines Wissens bisher nur Kathryn Bigelow einen Oscar für die beste Regie gewonnen. Susanne Bier hat für ihren Film In einer besseren Welt immerhin einen Oscar für den besten ausländischen Film abräumen können und war bereits vorher schon einmal mit Nach der Hochzeit für einen Oscar nominiert. In beiden Filmen geht es um Weltverbesserer, die in ihrer Heimat mit den Ansprüchen ihrer bürgerlichen Umgebung nicht besonders gut klar kommen und deshalb versuchen, das Elend der Welt in Afrika bzw. Indien zu lindern – aber dafür eben auch einen Preis zahlen müssen.

Insbesondere In einer besseren Welt ist ein sehr skandinavisches Beziehungsdrama, das sehr viele sehr hässliche Dinge in verstörend schönen Bildern erzählt – insofern war ich sehr gespannt, was dabei heraus kommt, wenn Susanne Bier auf John Le Carré trifft.

The Night Manager - Bild AMC via Amazon

The Night Manager – Bild AMC via Amazon

Und, ja, The Night Manager ist wirklich gut gemacht, die Geschichte ist spannend, es gibt jede Menge schöner Bilder und Tom Hiddleston und Hugh Laurie sind natürlich auch ganz toll – genau wie Olivia Colman und Elizabeth Debicki. Allein der Vorspann ist schon ein Kunstwerk für sich – und ich bin nun einmal Fan des liebevoll gemachten Vorspanns, selbst als passionierte Binge-Watcherin. Ich sag nur Six Feet Under, Dexter, True Blood, Rectify, The Brink oder Jessica Jones. Vorspann matters!

Aber irgendwie bin ich mit The Night Manager trotzdem nicht richtig zufrieden – letztlich waren mir sowohl das bescheiden-geniale Undercover-Supertalent Jonathan Pine (Hiddleston), als auch der verführerisch-perfide Richard Onslow Roper (Laurie) zu perfekt in ihren jeweiligen Rollen. Das kann auch die herrlich unperfekte Angela Burr (Olivia Colman) nicht ausgleichen, die schwangere Ermittlerin, die sich dem Kampf gegen das Böse und damit gegen Roper verschrieben hat. Mit ihren Ermittlungen eckt sie immer wieder in den höchsten politischen Kreisen an – denn die Leute ganz oben brauchen den smarten und stinkreichen Businesstypen Roper und seine speziellen Verbindungen.

Irgendwie ist die Serie an sich der Verführung durch den schönen Schein erlegen – es wird zwar total zeitgemäß der Arabische Frühling, der Krieg in Syrien und auch die Flüchtlingskrise erwähnt, aber im Gegensatz zu den Susanne-Bier-Filmen, die ich kenne, in denen also die Verzweiflung und die Ohnmacht der Betoffenen tatsächlich in die Handlung einbricht, bleibt das in diesem Fall reine Kulisse. Was ich nicht nur schade, sondern schon wieder ärgerlich finde – es liegt dermaßen auf der Hand, dass die Krisenherde in Afrika, im mittleren Osten und auch sonst auf der Welt vor allem deshalb existieren, weil es in der kapitalistisch organisierten westlichen Welt ein Interesse daran gibt, dass man eigentlich keinen Verschwörungsthriller mit einem charmanten Bösewicht wie Roper bräuchte.

Jonathan Pine (Tom Hiddleston) in Kairo Bild: BBC

Jonathan Pine (Tom Hiddleston) in Kairo Bild: BBC

Im Gegenteil – Roper ist geradezu eine Entschuldigung für die anderen Akteuere, etwa in den Regierungen so genannter Demokratien, die eben nicht nur Freiheit und Menschenrechte, sondern auch alles mögliche andere Zeug in alle Welt exportieren wollen. Natürlich gibt es diese fiesen Geschäftsmänner des Todes, aber sie existieren nur, weil es entsprechende Geschäftsmodelle gibt – mit Krieg, Not und Elend lassen sich halt gute Geschäfte machen. Natürlich ist Roper ein Arschloch – aber er ist kein Diktator, sondern ein Geschäftsmann, dem man sein im Grunde wenig subtiles Theater gern abnimmt, weil – ja genau, warum eigentlich? Genau das wird nicht so richtig klar.

Das wäre meines Erachtens aber eigentlich das Thema gewesen: Warum machen denn alle mit und hofieren Roper, statt ihm das Handwerk zu legen?  Wessen Interessen dient Roper eigentlich, dem man freie Hand für sämtliche Missetaten lässt? Dass er alle relevanten Spieler gekauft hat, ist offensichtlich, aber warum haben sie sich kaufen lassen? Es geht bei diesen ganzen Deals vor allem um Geld, das ist auch klar, um viel Geld, das ist noch klarer – aber Regierungen sind ja eben auch bereit, ihrerseits wahnsinnig viel Geld auszugeben, wenn es um die Wahrung BESTIMMTER Interessen geht – und hier ist meiner Ansicht nach ein blinder Fleck – es geht doch nicht um ein abstraktes Böses, das in Gestalt von Roper über die Welt kommt, sondern ganz konkret um das Prinzip des Kapitalismus, das hier konkret zu kritisieren wäre. Aber das darf ja nicht sein, also wird es nicht gemacht.

Angela Burr (Olivia Colman) Bild: BBC

Angela Burr (Olivia Colman) Bild: BBC

Und so ist es halt der böse Roper, der imstande ist, selbst in einem Giftgas-Anschlag auf kurdische Schulkinder noch ein Geschäftsmodell zu entdecken –  Angela Burr erklärt genau damit, warum sie nicht bei ihrem Mann und dem Vater ihres Kindes ist, sondern weiterhin in ihrem chronisch unterfinanzierten Büro: Sie will diesen Roper zur Strecke bringen, und das ist ja auch verständlich. Aber wenn es nicht Roper wäre, dann würde halt jemand anders das Giftgas liefern – es ist ja nicht so, dass dieses Geschäftsmodell aus der Welt wäre, wenn Roper hinter Gittern sitzt. Dass eine Ermittlerin wie Angela Burr, der immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, bei der Verfolgung ihres Ziels, Roper ranzukriegen, einen gewissen Tunnelblick entwickelt, finde ich verständlich – aber das die ganze Story diesem Tunnelblick folgt, ist dann doch ärgerlich.

Natürlich ist auch der Zweikampf zwischen Roper und Pine spannend, während bei Roper klar ist, dass er der personifizierte Alptraum ist, der Krieg als reizvollen Zuschauersport bezeichnet und sein humanitäres Engagement bewusst das Tarnung für seine sinistren Geschäfte benutzt, changiert Jonathan Pine zwischen gut und böse: Er will das Richtige tun und natürlich auch den Tod von Sophie Alekan rächen, für den er sich verantwortlich fühlt – aber dafür muss er sich die Hände ziemlich schmutzig machen. Doch als alter Soldat beherrscht er sein Handwerk, nicht nur als diplomatisch versierter Problemlöser in Luxushotels, sondern auch als Doppelagent, der notfalls auch mal wen aus dem Weg räumen muss. Das gefällt wiederum mir ziemlich gut.

Tom Hiddleston as Jonathan Pine, Tom Hollander as Major Corkoran, Elizabeth Debicki as Jed Marshall, Olivia Colman as Angela Burr, and Hugh Laurie as Richard Roper - The Night Manager _ Season 1, Gallery - Photo Credit: Mitch Jenkins/The Ink Factory/AMC

Tom Hiddleston as Jonathan Pine, Tom Hollander as Major Corkoran, Elizabeth Debicki as Jed Marshall, Olivia Colman as Angela Burr, and Hugh Laurie as Richard Roper – The Night Manager _ Season 1, Gallery – Photo Credit: Mitch Jenkins/The Ink Factory/AMC

Wenn man einfach eine elegant gemachte Spionage-Serie sehen will, in der Hugh Laurie und Tom Hiddleston sich einen sehenswerten Schlagabtausch liefern, kann man mit The Night Manager durchaus glücklich werden. Aber mir fehlt der gewisse Susanne-Bier-Touch, den ich bei diesem Thema eigentlich erwartet hätte – aber wir leben nun einmal nicht in einer besseren Welt.