Der schöne Schein: The Night Manager

Auf die Mini-Serie The Night Manager war ich sehr gespannt – zum einen, weil ich britische Spionage-Serien mag, zum anderen, weil Susanne Bier Regie geführt hat. Die Dänin ist eine der wenigen international anerkannten Regisseurinnen – so hat meines Wissens bisher nur Kathryn Bigelow einen Oscar für die beste Regie gewonnen. Susanne Bier hat für ihren Film In einer besseren Welt immerhin einen Oscar für den besten ausländischen Film abräumen können und war bereits vorher schon einmal mit Nach der Hochzeit für einen Oscar nominiert. In beiden Filmen geht es um Weltverbesserer, die in ihrer Heimat mit den Ansprüchen ihrer bürgerlichen Umgebung nicht besonders gut klar kommen und deshalb versuchen, das Elend der Welt in Afrika bzw. Indien zu lindern – aber dafür eben auch einen Preis zahlen müssen.

Insbesondere In einer besseren Welt ist ein sehr skandinavisches Beziehungsdrama, das sehr viele sehr hässliche Dinge in verstörend schönen Bildern erzählt – insofern war ich sehr gespannt, was dabei heraus kommt, wenn Susanne Bier auf John Le Carré trifft.

The Night Manager - Bild AMC via Amazon

The Night Manager – Bild AMC via Amazon

Und, ja, The Night Manager ist wirklich gut gemacht, die Geschichte ist spannend, es gibt jede Menge schöner Bilder und Tom Hiddleston und Hugh Laurie sind natürlich auch ganz toll – genau wie Olivia Colman und Elizabeth Debicki. Allein der Vorspann ist schon ein Kunstwerk für sich – und ich bin nun einmal Fan des liebevoll gemachten Vorspanns, selbst als passionierte Binge-Watcherin. Ich sag nur Six Feet Under, Dexter, True Blood, Rectify, The Brink oder Jessica Jones. Vorspann matters!

Aber irgendwie bin ich mit The Night Manager trotzdem nicht richtig zufrieden – letztlich waren mir sowohl das bescheiden-geniale Undercover-Supertalent Jonathan Pine (Hiddleston), als auch der verführerisch-perfide Richard Onslow Roper (Laurie) zu perfekt in ihren jeweiligen Rollen. Das kann auch die herrlich unperfekte Angela Burr (Olivia Colman) nicht ausgleichen, die schwangere Ermittlerin, die sich dem Kampf gegen das Böse und damit gegen Roper verschrieben hat. Mit ihren Ermittlungen eckt sie immer wieder in den höchsten politischen Kreisen an – denn die Leute ganz oben brauchen den smarten und stinkreichen Businesstypen Roper und seine speziellen Verbindungen.

Irgendwie ist die Serie an sich der Verführung durch den schönen Schein erlegen – es wird zwar total zeitgemäß der Arabische Frühling, der Krieg in Syrien und auch die Flüchtlingskrise erwähnt, aber im Gegensatz zu den Susanne-Bier-Filmen, die ich kenne, in denen also die Verzweiflung und die Ohnmacht der Betoffenen tatsächlich in die Handlung einbricht, bleibt das in diesem Fall reine Kulisse. Was ich nicht nur schade, sondern schon wieder ärgerlich finde – es liegt dermaßen auf der Hand, dass die Krisenherde in Afrika, im mittleren Osten und auch sonst auf der Welt vor allem deshalb existieren, weil es in der kapitalistisch organisierten westlichen Welt ein Interesse daran gibt, dass man eigentlich keinen Verschwörungsthriller mit einem charmanten Bösewicht wie Roper bräuchte.

Jonathan Pine (Tom Hiddleston) in Kairo Bild: BBC

Jonathan Pine (Tom Hiddleston) in Kairo Bild: BBC

Im Gegenteil – Roper ist geradezu eine Entschuldigung für die anderen Akteuere, etwa in den Regierungen so genannter Demokratien, die eben nicht nur Freiheit und Menschenrechte, sondern auch alles mögliche andere Zeug in alle Welt exportieren wollen. Natürlich gibt es diese fiesen Geschäftsmänner des Todes, aber sie existieren nur, weil es entsprechende Geschäftsmodelle gibt – mit Krieg, Not und Elend lassen sich halt gute Geschäfte machen. Natürlich ist Roper ein Arschloch – aber er ist kein Diktator, sondern ein Geschäftsmann, dem man sein im Grunde wenig subtiles Theater gern abnimmt, weil – ja genau, warum eigentlich? Genau das wird nicht so richtig klar.

Das wäre meines Erachtens aber eigentlich das Thema gewesen: Warum machen denn alle mit und hofieren Roper, statt ihm das Handwerk zu legen?  Wessen Interessen dient Roper eigentlich, dem man freie Hand für sämtliche Missetaten lässt? Dass er alle relevanten Spieler gekauft hat, ist offensichtlich, aber warum haben sie sich kaufen lassen? Es geht bei diesen ganzen Deals vor allem um Geld, das ist auch klar, um viel Geld, das ist noch klarer – aber Regierungen sind ja eben auch bereit, ihrerseits wahnsinnig viel Geld auszugeben, wenn es um die Wahrung BESTIMMTER Interessen geht – und hier ist meiner Ansicht nach ein blinder Fleck – es geht doch nicht um ein abstraktes Böses, das in Gestalt von Roper über die Welt kommt, sondern ganz konkret um das Prinzip des Kapitalismus, das hier konkret zu kritisieren wäre. Aber das darf ja nicht sein, also wird es nicht gemacht.

Angela Burr (Olivia Colman) Bild: BBC

Angela Burr (Olivia Colman) Bild: BBC

Und so ist es halt der böse Roper, der imstande ist, selbst in einem Giftgas-Anschlag auf kurdische Schulkinder noch ein Geschäftsmodell zu entdecken –  Angela Burr erklärt genau damit, warum sie nicht bei ihrem Mann und dem Vater ihres Kindes ist, sondern weiterhin in ihrem chronisch unterfinanzierten Büro: Sie will diesen Roper zur Strecke bringen, und das ist ja auch verständlich. Aber wenn es nicht Roper wäre, dann würde halt jemand anders das Giftgas liefern – es ist ja nicht so, dass dieses Geschäftsmodell aus der Welt wäre, wenn Roper hinter Gittern sitzt. Dass eine Ermittlerin wie Angela Burr, der immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, bei der Verfolgung ihres Ziels, Roper ranzukriegen, einen gewissen Tunnelblick entwickelt, finde ich verständlich – aber das die ganze Story diesem Tunnelblick folgt, ist dann doch ärgerlich.

Natürlich ist auch der Zweikampf zwischen Roper und Pine spannend, während bei Roper klar ist, dass er der personifizierte Alptraum ist, der Krieg als reizvollen Zuschauersport bezeichnet und sein humanitäres Engagement bewusst das Tarnung für seine sinistren Geschäfte benutzt, changiert Jonathan Pine zwischen gut und böse: Er will das Richtige tun und natürlich auch den Tod von Sophie Alekan rächen, für den er sich verantwortlich fühlt – aber dafür muss er sich die Hände ziemlich schmutzig machen. Doch als alter Soldat beherrscht er sein Handwerk, nicht nur als diplomatisch versierter Problemlöser in Luxushotels, sondern auch als Doppelagent, der notfalls auch mal wen aus dem Weg räumen muss. Das gefällt wiederum mir ziemlich gut.

Tom Hiddleston as Jonathan Pine, Tom Hollander as Major Corkoran, Elizabeth Debicki as Jed Marshall, Olivia Colman as Angela Burr, and Hugh Laurie as Richard Roper - The Night Manager _ Season 1, Gallery - Photo Credit: Mitch Jenkins/The Ink Factory/AMC

Tom Hiddleston as Jonathan Pine, Tom Hollander as Major Corkoran, Elizabeth Debicki as Jed Marshall, Olivia Colman as Angela Burr, and Hugh Laurie as Richard Roper – The Night Manager _ Season 1, Gallery – Photo Credit: Mitch Jenkins/The Ink Factory/AMC

Wenn man einfach eine elegant gemachte Spionage-Serie sehen will, in der Hugh Laurie und Tom Hiddleston sich einen sehenswerten Schlagabtausch liefern, kann man mit The Night Manager durchaus glücklich werden. Aber mir fehlt der gewisse Susanne-Bier-Touch, den ich bei diesem Thema eigentlich erwartet hätte – aber wir leben nun einmal nicht in einer besseren Welt.

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