Four Lions: Darf islamistischer Terror lustig sein?

Je mehr über die Attentäter von Paris und Brüssel bekannt wird, desto klarer wird, dass die Sicherheitsbehörden ganz offensichtlich unfähig sind, aus der Fülle der vorliegenden Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen: Die Attentäter waren allesamt polizeibekannte Kriminelle, von denen man auch wusste, dass sie in der Dschihadisten-Szene unterwegs waren. Aber offenbar hat man den Betreibern von Haschischbars und Schrauberwerkstätten nicht zugetraut, europäische Metropolen erst in Angst und Schrecken zu versetzen und anschließend komplett stilllegen zu können.

Und nebenbei: Sämtliche Überwachungsmaßnahmen inklusive der in Frankreich bereits seit längerem praktizierten Datenvorratsspeicherung haben nicht dazu beigetragen, zu verhindern, dass ein paar fehlgeleitete junge Männer mit Maschinengewehren und selbst gebastelten Bomben in gut organisierten und überwachten europäischen Hauptstädten Blutbäder anrichten konnten – was in Metropolen des mittleren Osten übrigens ziemlich häufig vorkommt, ohne dass die asozialen Medien gleich voller Je-suis-Beirut, Je-suis-Kabul, Je-suis-Peshawar, Je-suis-Damaskus oder Je-Suis-Bagdad wären, obwohl dort noch sehr viel mehr Menschen Bombenattentaten, Maschinengewehrfeuer oder Granatenangriffen zum Opfer fallen. Aber dort ist das halt so üblich, insbesondere, seit der Krieg gegen den Terror, den die USA und ihre friedliebenden Verbündeten angezettelt haben, eben jene Länder verwüstet hat, in denen nun die Daesch-Terror-Kommandos ihr Unwesen treiben. Das ist alles kein bisschen lustig – die Frage ist, ob man einen Film über solche Leute machen darf, der lustig ist.

Four Lions: Barry, Waj und Hassan. Bild: fourlionsmovie.com

Four Lions: Barry, Waj und Hassan. Bild: fourlionsmovie.com

Natürlich darf man, ich meine sogar: Man muss. Insofern ist es gerade jetzt an der Zeit, sich einen Film wie Four Lions noch einmal anzusehen, der alle möglichen religiösen, rassistischen und sexistischen Klischees aufgreift und vorführt – offenbar ist das Klischee der freundlichen Terrortrottel von Nebenan noch viel realistischer, als man im Jahr 2010 ahnen konnte – aus dem Jahr stammt die britische Terrorsatire.

Es geht ja nicht darum, sich über die Opfer lustig zu machen – sondern mal zu überlegen, was schief läuft, damit jemand auf die Idee kommt, sich selbst und möglichst viele andere Menschen in die Luft zu jagen. Nein, natürlich ist Four Lions weder eine soziologische Analyse noch eine biografische Dokumentation. Sondern ein – wenn man sehr schwarzen britischen Humor der eher hemdsärmeligen Sorte mag – ziemlich witziger Film über vier Hobby-Terroristen, die in Sheffield auf eigene Faust einen großen Schlag gegen die Ungläubigen planen und sich dabei nach und nach eher unfreiwillig aus dem Leben befördern – ohne dabei allzu großen Schaden unter ihren Mitmenschen anzurichten.

Die Terrorzelle besteht aus Omar (Riz Ahmed), dem Intellektuellen der Gruppe, der die westliche Gesellschaft und ihren Imperialismus ernsthaft kritisiert, dem intellektuell ziemlich unterbemittelten Waj (Kayvan Novak), dem naiven Faisal (Adeel Akhtar) und dem Konvertiten Barry (Nigel Lindsay), der wie alle Konvertiten besonders fundamentalisitisch unterwegs ist.

Faisal und Bruder Krähe: fourlionsmovie.com

Faisal und Bruder Krähe: fourlionsmovie.com

Omar und Waj fahren nach Pakistan, um für ihre Mission in einem Terror-Camp zu trainieren – aber diese Aktion endet im Desaster, als Omar mit einem Raketenwerfer, den er verkehrt herum hält, versehendlich Osama bin Laden tötet (der lebte noch, als der Film produziert wurde). Trotzdem gewinnt er durch seine Erfahrungen in Pakistan an Autorität, als er nach England zurückkehrt: Immerhin hat er jetzt schon mal eine echte Waffe in der Hand gehabt, statt wie die anderen nur Bekenner-Videos zu drehen und SIM-Karten zu verschlucken, damit man nicht mehr abgehört werden kann.

In England hat Barry inzwischen mit Hassan (Arsher Ali) weiteres Mitglied angeworben. Die Gruppe fängt an, die Bestandteile für ihre Bomben zu besorgen und streitet über ein geeignetes Abschlagsziel. Barry will die gemäßigten Muslime radikalisieren und schlägt deshalb einen Anschlag auf die Moschee vor, der den Ungläubigen in die Schuhe geschoben werden soll. Die anderen sind gegen eine solche False-Flag-Aktion, weil sie ja nichts gegen ihre Glaubensbrüder haben. Sie überlegen statt dessen andere Ziele – Sexshops, Apotheken oder den London-Marathon. Oder am Ende ein Wohltätigkeitslauf in albernen Kostümen, in denen sich aber jede Menge Sprengstoff verstecken lässt.

Und obwohl die eifrigen Terrortrottel jede Menge Fehler machen, fliegen sie nicht auf – statt dessen werden ihre tatsächlich strenggläubigen muslimischen Freunde und Cousins überwacht, die regelmäßig in die Moschee gehen, um zu beten. Die planen zwar keine Attentate, sehen mit ihren merkwürdigen Klamotten, Häkelkappen und Bärten viel verdächtiger aus. Auch hier hat sich inzwischen gezeigt, dass die Realität an diesem Szenario beklemmend nah dran ist.

Und zumindest einigen der Verschwörer kommen Zweifel, ob für diese Sache zu sterben tatsächlich so eine gute Idee ist – so fängt Faisal damit an, Krähen zu trainieren, kleine Bomben auf Videotheken oder Sexshops zu werfen, weil er selbst eigentlich nicht sterben will. Was aber nicht besonders gut funktioniert. Ironischerweise ist er dann auch der erste, der sich beim Transport des selbsthergestellten Sprengstoffs von einem Versteck in ein anderes versehentlich in die Luft jagt. Und gleichzeitig auch noch mindestens ein Schaf märtyrisiert. Falls man überhaupt ein Märtyrer ist, wenn man sich nur versehentlich sprengt. Allein diese Diskussion ist köstlich.

Four Lions: Der Verhandler (Benedict Cumberbatch) Bild: ytimg.com

Four Lions: Der Verhandler (Benedict Cumberbatch) Bild: ytimg.com

Am Ende jedenfalls schaffen die staatlichen Terrorbekämpfer es nicht, die vier Löwen aufzuhalten – und es ist nur der Dummheit der Attentäter zu verdanken, dass es vergleichsweise wenige Tote zu beklagen gibt. In der Realität ist aber genau das Problem – wir haben inzwischen oft genug gesehen, was vermutlich ebenfalls nicht allzu helle, aber zu allem entschlossene Attentäter anrichten können – und wie wenig der moderne Überwachungsstaat dagegen ausrichten kann. Genau das gleiche gilt übrigens auch für die rechten Terroristen vom deutschen NSU – auch hier hat der hochgerüstete Staatsapparat eklatant versagt (oder sogar versagen wollen), obwohl die Täter keine bösartigen Intelligenzbestien mit unbeschränkten Mitteln waren, sondern die fast ganz normalen Rassisten von nebenan.

Insofern lädt Four Lions dazu ein, die von der Politik instrumentalisierten und von den Medien willfährig dämonisierten bösen Jungs von der islamistischen Terrorfront einmal mit anderen Augen zu sehen: Das sind eigentlich ganz knuffige Typen, die sogar ganz lieb sein könnten, wenn man ihnen einfach mal klar machen würde, was sie da für einen Unsinn reden und vor allem glauben wollen. Aber dazu müsste man natürlich auch einmal ernsthaft überlegen, was in unserer Gesellschaft tatsächlich alles schief läuft. Genau da liegt das eigentliche Problem.

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